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Glaube und Geld

Banken und Staaten kämpfen gegen die Finanzkrise - was machen die Kirchen und Moscheen? Von Abu Bakr Rieger

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(iz). Es ist in erster Linie eine Krise von Banken und Staaten, es ist aber auch unsere eigene Krise. Wir sind nicht nur als unbeteiligte Beobachter am Geschehen beteiligt, sondern als Konsumenten, Sparer oder Anleger auch selbst die Produzenten der neuen katastrophalen „Blasenwirtschaft”. Wir sind Teil – so Wolfgang Kaden auf „Spiegel Online“, „einer Gesellschaft, in der das Wort ‘Wachstum’ zur meist gebrauchten Metapher in den Reden der Politiker und Manager aufgestiegen, zu einer Art Religionsersatz geworden ist.“

Das Jahrhundert-Event „Finanzkrise” löst aber gleichzeitig auch einen globalen Perspektivwandel aus und beendet nebenbei die einseitig negative Sicht auf den Islam und die Muslime, die das Denken seit den Anschlägen vom 11.09.2001 beherrscht hatte. Die Muslime lösen sich, wenn auch langsam, aus ihrer eigenen Identitätskrise und geistigen Lähmung der letzten Jahre.

Fakt ist: Die Debatte über den Islam dreht sich heute nicht mehr allein um die – angebliche – geschichtsmächtige Symbiose der Muslime mit den modernen Ideologien, also Islamismus, Terrorismus und Puritanismus, sondern auch um die Position des Islam zur Finanzwirtschaft.

Natürlich frägt man sich heute, nicht zuletzt angesichts rat- und machtloser Politiker, was die Position der Religionen zur Krise sein könnte. Haben „Gläubige” gar eine relevante Position, wenn sie sich auf eigene Quellen zurückbesinnen und – nachdem der Dialog der Religionen eher erstarrt ist – gibt es in der Not gar eine Option gemeinsamen ­Handelns und alternativen Wirtschaftens, getragen von Christen, Juden und Muslimen? Zur Beantwortung dieser Fragen lohnt sich ein Blick in die Quellen. Die religiöse Lebenspraxis basiert bekannterweise auf Respekt gegenüber der Schöpfung, Liebe zu den Propheten, Ablehnung der Extreme und steht ideologischen Sichtweisen fremd gegenüber.

Neu ist aber für viele EuropäerInnen die Erkenntnis, dass insbesondere der Islam auch über eine ökonomische und damit durchaus aktuelle Lehre verfügt. In ökonomischen Dingen weist der Islam, wie man sehen wird, einen Mittelweg, zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Kurz gesagt, der Islam erlaubt Eigentum, begrenzt aber die Möglichkeiten endloser Kapitalproduktion.

Die substanziellen Aussagen des Islam sind in Recht gegossen. Das Verbot von Selbstmordattentaten, die Verpflichtung zur Zahlung der Zakat und das Zinsverbot („O die ihr glaubt, fürchtet Allah und lasst das sein, was an Zins(geschäften) noch übrig ist, wenn ihr gläubig seid“, Al-Baqara, 278) sind nicht nur rechtliche Bindungen, sondern für Muslime unstrittige Handlungsanweisungen. Diese Gebote sind so wichtig, dass die berühmte Frage nach dem Kopftuch dagegen drittrangig erscheint. Der Qur’an erwähnt 12 mal das Phänomen „Riba“ (ein breiteres Konzept als der schlichte Wucher) und betont Dutzende Male die Verpflichtung zur Zakatzahlung. Der Qur’an erklärt sich zweifellos explizit zum ökonomischen Thema.

Alle großen Rechtsbücher des Islam beschäftigen sich mit gerechtem Handel (und gerechten Verträgen, wie beispielsweise dem Qirad-Vertrag, der zwischen Investor und Empfänger Gewinn und Risiko gerecht und beidseitig teilt). Der Prophet selbst, unterstützt von einer begnadeten Händlerin als Ehefrau, war nicht nur ein Mann des Wortes, sondern auch ein Mann des Handels. Die islamische Stadt basiert, seit dem Modell der Ur-Gemeinschaft in Medina, auf dem Sinnzusammenhang von Moschee und Markt.

Natürlich hilft in aktuellen Krisen kein romatischer Blick zurück, aber es sind oft Grundfragen, die in Krisen immer wieder neu gestellt werden. Die Zinsfrage ist seit jeher ein fundamentale Frage des „gerechten” Wirtschaftens. Allerdings wurde das Problematisieren des Zins, etwa durch die Propaganda der verbrecherischen NS-Ideologie, gerade in Deutschland schwer belastet. Das strukturelle Problem der Zinsen zu hinterfragen kann aber, auch im Interesse künftiger Generationen, nicht einfach mit Denkverboten erwidert werden.

Quellen zum Thema Zins finden sich bereits bei Aristoteles und natürlich auch im Christentum. „Ein christliches Finanzsystem hält das biblische Zinsverbot ein“, erklärte beispielsweise neulich Gudula Frieling, Theologin an der TU Dortmund. „In der Bibel steht klar ein Zinsverbot“, sagt Frieling und zitiert aus dem Alten Testament: „Du sollst von deinem Bruder und deiner Schwester nicht Zinsen nehmen, weder für Geld noch für Speise noch für alles, wofür man Zinsen nehmen kann“ (Buch Deuteronomium 23,20). Allerdings ist die Theologin eher eine Außenseiterin in den offiziellen Kirchenreihen. Die offizielle Kirche will zwar eine „moralische” Ökonomie, mit dem alten Zinsverbot, das man einfach als rückständig begreift, aber wenig zu tun haben. Viele christliche Gruppen, die alternatives Wirtschaften betreiben und das Verbot ernst nehmen, sehen sich nicht ausreichend durch die Amtskirchen unterstützt.

Die islamische Ökonomie feiert dagegen eine Art Renaissance, und mit dem Thema „islamisches Wirtschaften“ tauchen plötzlich positive Handlungsanweisungen aus dem Islam heraus auf. Visionäre Bücher wie Loretta Napoleonis „Rogue Economics“, die sich schon weit vor der großen Krise mit der modernen Dominanz des Ökonomischen über das Politische beschäftigten, erkennen in der islamischen Ökonomie eine Alternative. Napoleoni, ansonsten dem Islam nicht allzusehr zugeneigt, schreibt über das islamische Finanzsystem, es stelle „die einzige wirtschaftliche Kraft dar, die der Schurkenwirtschaft konzeptionell etwas entgegensetzt”.

Bekannterweise sind Investitionen in Pornographie, Prostitution, Drogen, ­Tabak und Glücksspiel im Islam verboten. Napoleoni sieht aber auch in der Konzeption des goldgebundenen „islamischen Dinar”, dessen Idee sie in Malaysia verfolgt, einen interessanten Gegen­entwurf zur „wundersamen Geldvermehrung” und zur Produktion titanischer Papiergeldberge. Es sind solche intellektuelle Vorstöße, die heute die Möglichkeit für einen spannenden ­Dialog zwischen Christen und Muslimen eröffnen. Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass es die Religionen sind, die heute eine neue „Aufklärung” über die Grundwidersprüche moderner Ökonomie fordern. Eine Wirtschaft basierend auf Zins widerspricht, so hört man von Priestern, Theologen und Imamen, auf Dauer den Gesetzen der Vernunft. Die schnelle Rückkehr der Vernunft tut aber angesichts drohender Billionenkrisen Not, denn, so der Berater Claudio Coccavon der Geneva Group International: „Es wird völlig verdrängt, daß die Länder die Rezession nur mit Hilfe gigantischer Staatsschulden eingedämmt haben. Wenn die Defizite nicht abgebaut werden, erwächst daraus der nächste Finanzwahnsinn.“ Mit anderen Worten, nach der Krise ist vor der Krise.

Die qur’anische Aussage „Allah hat den Handel erlaubt und die Zinsnahme verboten“ (Al-Baqara, 275) korrespondiert heute mit der aktuellen Lage auf dem globalisierten Markt, der dieses Gebot umdreht, also den Handel zugunsten monopolisierter Distribution quasi verbietet und gleichzeitig die Zinswirtschaft einseitig propagiert. Der Politik fehlen die Mittel, vielleicht sogar die Macht, um gegen den „Coup de Banque” etwas zu tun. Kann uns also, wie es Heidegger im Angesicht der globalen Finanztechnik ausrief, „nur ein Gott retten?”. Gibt es aus den Offenbarungen heraus nur ethische Richtlinien oder aber gar ein ganzheitliches ökonomisches Modell?

Das alternative Modell, das sich aus dem Islam heraus begründen lässt, wird heute recht vorschnell auf das „Banking” reduziert. Auf der Megaebene probt die internationale Finanzindustrie schon den Zusammenschluss mit den Finanzplätzen der neuen, „frommen” Bankenwelt.

Auch in Deutschland hat der „offizielle“ Run auf das „reine” Geld aus dem arabischen Raum längst begonnen: „Ich sehe keinen Grund, warum Anbieter dieser Finanzprodukte keine Banklizenz von der BaFin bekommen sollten” stelte ­BaFin-Chef Jochen Sanio neulich klar. Der CDU-Abgeordnete Löffler fragt inzwischen sogar im konservativ-christlich geprägten Baden-Württemberg in einer offiziellen Drucksache, inwieweit die westliche Welt von den Muslimen und ihrer Schari’a lernen kann. Der „Kapitalismus à la Allah” könne durchaus die Antwort auf die internationale Finanzkrise sein, findet der ­Jurist, Manager (und Katholik) Löffler. „Dank der religiösen Vorgaben, die Auswüchse verhinderten, habe das islamische Finanzsystem die Turbulenzen ganz gut überstanden” wird der CDU-Abgeordnete in der „Stuttgarter Zeitung“ zitiert.

Innerhalb der muslimischen Gelehrten gehen die Meinungen auseinander, ob islamische Banken, die sich in den ­Nischen des weltweiten Bankensystems eingerichtet haben, wirklich eine Alternative sind. „Islamisches“ Banking muss sich nach diesen Gelehrten der Frage stellen, ob man das globale Bankenwesen wirklich „moralisieren“ kann und – noch wichtiger – wie man zu der Schaffung von Geld aus dem Nichts steht, das alle moderne Banken auszeichnet. Es wäre jedenfalls falsch, das islamische Modell der Märkte, Verträge oder ­Gilden zu vernachlässigen und nur von einem islamischen Bankenwesen zu sprechen.

Die Rückbesinnung auf das ökonomische Thema erlaubt den Muslimen, auch im Zusammenspiel mit anderen gesellschaftlichen Kräften in der Gesellschaft konstruktiv zu handeln. Der wachsende Halal-Markt wird auch in Europa zum Wirtschaftsfaktor. Heute engagieren sich Muslime weniger in islamischen Parteiungen als in Stiftungen, in Einkaufsgenossenschaften, auf Märkten oder – unter anderem auch mit christlichen Gruppen – beim Aufbau alternativer Währungsmodelle. Insbesondere der von Muslimen organisierte islamische Markt ist dabei ein aktuelles, praktisches Beispiel für eine funktionierende, multi-kulturelle und multi-religiöse Ebene in unseren Städten.

Natürlich bleibt die Solidarität zu den Armen das große verbindende Thema aller Religionen. Mit der Verpflichtung zur Zakatzahlung – eine Säule des Islam – ist den Muslimen die Solidarität zu den Armen geboten. Im Qur’an heißt es eindeutig: „Die Zakat ist nur für die ­Armen, die Bedürftigen, diejenigen, die damit beschäftigt sind, diejenigen, deren Herzen vertraut gemacht werden sollen, (den Los­kauf von) Sklaven, die Verschuldeten, auf Allahs Weg und (für) den Sohn des Weges, als Verpflichtung von Allah. Allah ist Allwissend und Allweise.“ (At-Tauba, 60)

Die korrekte Zakatzahlung setzt dabei nach Ansicht der großen Rechtsschulen das Benutzen authentischer Zahlungsmittel (Gold, Silber) voraus. Der Islam und seine ökonomische Überzeugung unterstützt so eine liberale Haltung in Geldfragen, insbesondere das Recht der Bevölkerung, das gewünschte Zahlungsmittel auszuwählen.

Wie immer man zu Religionen steht, zweifellos sollte im Kern unseres Gespräches, angesichts Millionen Hungernder, die Frage nach der Gerechtigkeit stehen. Die Bedeutung von Gerechtigkeit, ‘Adl auf Arabisch, leitet sich dabei von dem balancierten Aufbürden der zwei Seitentaschen eines Maultiers ab – das heißt das Sichern der natürlichen Ausgeglichenheit in einer gegebenen Situation. Auf einer legalen Ebene ist der gerechte Mensch derjenige, der jedem der zwei gegenüberstehenden Parteien seinen passenden Anteil gewährt – natürlich innerhalb der Parameter Allahs, die sowieso der natürlichen Ausgeglichenheit entsprechen – ohne dabei seinem persönlichen Interesse zuviel Gewicht zu geben. Es bleibt das beherrschende Bild der modernen Welt, dass sie schlicht aus dieser Balance geraten ist.

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