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Global wächst der Wunsch nach freiem Geld. Von Sulaiman Wilms

Ende der Bevormundung?

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(iz). Die globalen Krisensymptone scheinen bekannt. Vom Kampf um die Dominanz umstrittener Großräume und die angeschlossenen Energiekorridore über die anarchische Privatisierung der Gewalt bis zur eklatanten Krise der jetzigen Finanzordnung – all dies ist oft beschworen worden. Jenseits dessen erscheinen – nun häufiger debattierte – Alternativmodelle auf einer anderen Ebene. Im deren Kern steht die – unterschiedliche konzipierte – Forderung nach einer Freiheit des Geldes.

Was haben Finanzmanager, muslimische Rechtsgelehrte, kleine Geschäftsleute und eurasische Politiker gemeinsam? Auf den ersten Blick gar nichts. Innerhalb dieser unwahrscheinlichen Schnittmenge wächst die Wahrnehmung um die Fehlerhaftigkeit der herrschen Finanzordnung und der Wunsch nach neuen Leitwährungen, lokalen Kreisläufen und der Freiheit, sein Zahlungsmittel selbst zu bestimmen.

Zugegeben, dies ist noch kein global handelndes Subjekt, zu unterschiedlich sind Hintergründe und Interessen, als dass ein Vertreter des klassischen Währungsliberalismus sich im gleichen Boot mit traditionellen muslimischen Rechtsgelehrten wähnt. Aber die Frage nach dem Geld betrifft jeden und wirkt sich alltäglich aus.

Entscheidend ist “Freiheit”. Während diese system- und kulturübergreifend im zeitgenössischen Diskurs zumeist auf politische oder private Sphären beschränkt bleibt, wird nur selten eine Parallele zwischen jener “Freiheit” und der Mitbestimmung des Individuums in Fragen von Zahlungsmitteln gesehen. Obwohl in diesem Augenblick angeblich “Freiheitsrechte” im Hindukusch, in den gefährlichen Straßen Bagdads und Falludschas sowie am Horn von Afrika und anderswo mit Waffengewalt “verteidigt” – beziehungsweise erzwungen – werden, bleiben sie in Hinblick auf die Wahl der Zahlungsmittel beschränkt.

Global denken, lokal handeln
Visavis einer Finanzökonomie, die Umweltschäden und profitgetriebenes Wachstums zu seiner Existenzberechtigung erhob, haben Nordamerikaner und in Westeuropäer schon vor Längerem angefangen, mit alternativen Währungen zu experimentieren. Ihr Interesse ist nicht akademischer Natur, sondern richtet sich auf die Stärkung lokaler und ökologisch nachhaltiger Kreisläufe, die die durch „Globalisierung“ entstandenen Kapitalabflüsse abfangen sollen. Sogar Funktionäre lokaler Sparkassen sehen in Komplementärwährungen Ansätze für Probleme von Gemeinden und deren Wirtschaftskreisläufen.

Zu den in den USA existenten Regionalwährungen zählen nach Angaben der E.F. Schumacher Society die Humboldt Community Currency in Eureka, Berkshare in der Berkshire Region, Ithaca Hourse in Ithaca und viele andere mehr. Kanadische Lokalwährungen finden sich in Calgary, Salt Spring Island, Tamworth und Madawaska Valley. Auf der anderen Seite des Atlantik finden sich ähnliche Projekte in Großbritannien, der Schweiz, Deutschland und Frankreich. In Deutschland ist die größte Regionalwährung der so genannte “Chiemgauer”, der in einer süddeutschen Region erfolgreich gehandhabt wird. Die namensgebende Region um den Chiemsee hat in Deutschland eine Vorreiterrolle eingenommen.

Der “Chiemgauer” ist bereits weit gediehen und hat sich in der Praxis bewährt. Mittlerweile haben sich viele Produzenten und Dienstleister dem „Chiemgauer“ angeschlossen. Auch zwei landwirtschaftliche Chiemgauer-Wirtschaftskreisläufe haben sich gebildet. Dazu gehört eine Käserei, die ihre zuliefernden Schäfer mit Chiemgauern bezahlt, mit denen die Schäfer dann wiederum ihre Einkäufe bei regionalen Einzelhändlern bezahlen, die wiederum ihre Lieferanten mit dem Chiemgauer bezahlen.

Auch Werner Zimmermann und sein Förderverein im ostdeutschen Ludwigsfelde beschäftigen sich mit einer lokalen Währung. Als Christen glauben sie aber nicht daran, dass ihnen der Herr im Himmel zu Lebzeiten das Paradies auf Erden öffnet. Da suchen sie lieber selbst nach einer Pforte, durch die sie dem drohenden Finanzkollaps entkommen können. Den Weg aus dem Dilemma sehen sie deutlich vor sich. “Die Lösung heißt Regiogeld, eins zu eins zum Euro”, sagt Zimmermann, “alle, die in einem Regionalgeld-Förderverein Mitglied sind, können untereinander damit bezahlen.” Das Prinzip müsse nur erst überall begriffen werden.

Einwohner der US-amerkanischen Stadt Berkshire können bei 5 teilnehmenden Banken für 95 Cents (US-Dollar) einen “Berkshare” erwerben – und erhalten einen Rabatt von 5 Prozent auf den Dollar. Dann können sie ihre Berkshares als einen direkten Ersatz für den Dollar bei einem der 400 teilnehmenden örtlichen Geschäften ausgeben. Sie sparen bei jeder Transaktion diese erwähnten 5 Prozent. Auch wenn die Ladenbesitzer 5 Cents verlieren, wenn sie ihre Berkshares bei einer Bank gegen Dollar eintauschen (was sie manchmal tun, wenn etwas kaufen wollen, was nicht lokal produziert wurde), sind sie normalerweise immer noch glücklich darüber, dass sie ihre loyalen, lokalen Kunden behalten, anstatt sie an Ketten wie Wal-Mart, Starbucks oder Barnes & Noble zu verlieren.

“Lokalwährungen sind Teil dessen, was Menschen über die Bedeutung ihrer unabhängigen Geschäfte erzieht. Sie bringen Leute vom Internet weg und zurück auf die Hauptstraße.”, erklärte Susan Witt, Gründerin der Berkshares. Diese Währungen haben gemein, dass sie versuchen, Antworten auf den Globalisierungsdruck zu finden. Dazu zählt der Siegeszug der Einzelhandelsketten gegenüber lokalen Händlern.

„Mit Regionalwährungen werden Regionen in die Lage versetzt, ihre Probleme weitgehend selbst zu lösen“, so die Regionalgeld-Theoretikerin Prof. Margrit Kennedy. Die Verfechter des „Regio“-Geldes wollen nicht ihre Landeswährung abschaffen, sondern das entscheidende ist nach Ansicht des Ökonomen Prof. Scheiper, „dass der Euro Weltgeld ist und keine Rücksicht nimmt auf regionale Besonderheiten, und auch nicht auf das Allgemeinwohl in der Region.“ Für potenzielle Macher von neuen Komplementärwährungen hat Kennedy einen Rat: „Nicht zu große Versprechungen machen – Vorteile und Nachteile klar erläutern! Es empfiehlt sich, das ganze Experiment von einer wissenschaftlichen Einrichtung validieren zu lassen. Die Regionalwährungen sind ja ein neuer Ansatz, bei dem noch einige Barrieren in den Köpfen überwunden werden müssen, um die nötige Glaubwürdigkeit zu erlangen.“

SCO will neue Leitwährung
Wechseln wir die Perspektive. Auch auf eurasischen Ebene hat die Suche nach Alternativen zum kriselnden Dollar als Leitwährung längst begonnen. Die sich abzeichnende Machtverschiebung hin zu den asiatischen Machtblöcken macht auch vor Kritik an der bisherigen Leitwährung nicht halt. Während die Großmächte Eurasiens sich bisher vor allem durch eine Distanz zum außenpolitischen Vorgehen Washingtons auszeichneten, schließen sie nun auch eine Kritik an der bestehenden, dollar-dominierten Finanzordnung mit ein. Insbesondere Russland und China haben Anlass, sich Alternativen zum bisherigen System zu wünschen. Bei den Fluktuation von Dollarmenge und -wert zählten sie bisher nicht zu den Gewinnern.

Die Führer der Staaten der Shanghai Cooperation Organization haben am 16. Juni einen russischen Vorschlag unterstützt, wonach Landeswährungen beim zwischenstaatlichen Zahlungsausgleich eingesetzt werden sollen. Darüber hinaus soll eine Gemeinschaftswährung für die Region eingeführt werden. Dieses Zahlungsmittel soll dem ECU (European Currency Unit) entsprechen, den die Europäische Gemeinschaft vor Einführung des EURO verwendet hatte. Russlands Präsident, Dimitri Medwedew, sagte auf dem Gipfel, dass “die augenblickliche Struktur der Reservewährungen und die wichtigste Reservewährung – der US-Dollar – nicht so funktioniert hat, wie sie sollte”, und dass der russische Rubel “hoffentlich zu einer Reservewährung in der absehbaren Zukunft” werde.

Nach Ansicht des deutschen Journalisten Ralf Streck laufe die Strategie von China und Russland auf eine “langsame Entmachtung des Dollars” hinaus. Arkadi Dworkowitsch, Wirtschaftsberater des russischen Präsidenten, kündigte an, Moskau werde nun einen Teil seiner Reserven in Brasilien, China und Indien anlegen. Moskau setze darauf, dass auch “unsere Partner in russische Papiere investieren”.

Kein Interesse seitens der G8-Staaten
Eigentlich wollten Russland und China (und auch Frankreich in der letzten Minute) die Frage neuer Leitwährungen auf die Agenda des diesjährigen G8-Gipfels in Italien, vom 08. bis zum 10. Juli in L'Aquila, setzen. Die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde erklärte vor dem Gipfel: “Wir sollten eine bessere Koordination der Wechselkurspolitik erörtern.” In diesem Rahmen, so die Politikerin auf einem Meeting im französischen Aix-en-Provence, müsse auch über die Rolle und das Gewicht der jeweiligen Währungen gesprochen werden, die sich in der Wirtschaftskrise verändert hätten.

Nicht überraschend für Beobachter, riskierten die Gipfel-Organisatoren bereits im Vorfeld einen Eklat mit Moskau und Peking, da das brisante Thema im Vorfeld nicht auf die Tagesordnung der G8 gesetzt wurde. Außer pauschalen Formulierungen wie “weltweite Ungleichgewichte” waren in dem vorab der Nachrichtenagentur Reuters vorliegenden Papier keine Bezüge zu dieser Frage zu finden.

Gerald Celente, Gründer und Direktor des “Trend Research Institute” sagte dem russischen Sender “Russia Today” in einer Nachbetrachtung zum Gipfelspektakel, dass neue Leitwährungen eine Bedrohung für die US-Wirtschaft darstellen würden. Die USA würden zu einem der “Verlierer einer neuen Leitwährung” werden, da bisher der Großteil des weltweiten Handels in US-Dollar abgerechnet wurde. Würde sich die Welt teilweise vom Dollar verabschieden, hätte dies einen stetigen Wertverlust des Dollars zur Folge. Die US-Vebraucher “liehen” sich augenblicklich de facto von ausländischen Lieferanten wie China Geld. Sie würden sich gerne von dieser Abhängigkeit gegenüber dem Dollar freimachen. Die US-Fachjournalistin Nicole Kardell bezeichnete die G8-Statements zum gleichen Thema als “sehr schwach”. Kardell sieht eine erkennbare Möglichkeit, dass der vom russischen Präsidenten eingebrachte, und von den Präsidenten Brasiliens, Indiens und Chinas (mit Russland die Gruppe der so genannten “BRIC-Staaten”) mitgetragene Vorschlag, Zukunftsaussichten habe.

Den meisten Beobachtern dürfe klar sein, so Ralf Streck, dass an den BRIC-Staaten niemand mehr vorbeikomme. Mit etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung erwirtschafteten sie gemeinsam etwas 15 Prozent der globalen Wirtschaftsleistungen und hielten mit geschätzten fast drei Billionen Dollar beinahe die Hälfte der Devisenreserven.

Stimmen für eine “Privatisierung” des Geldes
Viele realisieren mittlerweile das Grundphänomen des modernen Wirtschaftens; wir handeln und bezahlen mit leicht reproduzierbarem Papiergeld. Die akute Geldpolitik – insbesondere der USA und Westeuropas – lehrt uns, dass die im Umlauf befindliche Papiergeldmenge praktische keine Grenzen mehr kennt. Dies führt zu immer neuen, gefährlichen “Blasen”. Nur mit steigenden Geldmengen können aber bankrotte Banken überhaupt am Leben erhalten werden.

Die zu stellende Frage ist klar: Was können wir gegen diese “Blasenwirtschaft” tun? Es ist in einer “freien Gesellschaft” beinahe logisch, dass nun endlich die staatlichen Geldmonopole hinterfragt werden. In einem wegweisenden Aufsatz in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” vom 12. Juni 2009 fragen die Autoren Thorsten Poleit, Michael von Prollius und der liberale Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler offen und ohne ideologische Scheuklappen: Was wäre, wenn Geld ein “privates Gut” wäre, das sich im Wettbewerb bewähren müsste wie andere Waren auch?

“Die erste Finanzkrise des 21. Jahrhunderts ist durch schlechtes Geld” verursacht worden. Allerdings seien die “Methoden der heutigen Falschmünzerei jedoch um ein Vielfaches ausgefeilter als im 14. Jahrhundert”. Erschwerend komme hinzu, dass auch Geschäftsbanken diese “Falschmünzerei in Form von Geld- und Kreditschöpfung” betreiben dürften und, so die Autoren Polleit, Von Prollius, Schäffler und Tofall, dies “zum Zwecke der vom Staat gewollten Förderung von Konjunktur und Wachstum auch betreiben sollen”. Die Folgen all dessen seien eindeutig: “Das geschwundene Vertrauen in das Tauschmittel Geld und die Zerstörung des globalen Preissystems durch schlechtes Geld führen zu einem Rückgang der wirtschaftlichen Kooperation, zu einem Rückgang der individuellen Tauschhandlungen, sodass weltweit der gesellschaftliche Wohlstand sinkt.”

Die Lösung heißt: Privatisierung des Geldes. “Den Zentralbanken als auch den Geschäftsbanken müsse die Möglichkeit genommen werden, Geld- und Kreditschöpfung zu verschlechtern.” Im Rahmen solcher Erwägung sei ebenfalls zu prüfen, ob Gold bei der Überwindung der Krise und der Schaffung von “gutem Geld” hilfreich sein könnte. Die deutschen Autoren fordern ein System des “Free Banking”, bei dem ein “freies Marktgeld” einen Ersatz bieten soll zu jenen Zahlungsmitteln, die durch das staatliche Geldmonopol mittels Zwang verbreitet würden und die “ankerlos” und “ungedeckt” seien. Niemand würde freiwillig schlechtes Geld verwenden, wenn er auf dem Markt gutes erhalten könnte.

Im ersten Schritt solle, in Anlehnung an den Ökonomen Murray N. Rothbard, die Verbindlichkeiten der Banken in einem festen Umtauschverhältnis an das Geld gebunden werden. Gleichzeitig – und dies würde die Menschen ganz direkt betreffen, sollten die Bankguthaben in eine entsprechende Menge Gold umgetauscht werden können.

Im zweiten “und entscheidenden Schritt” könnte dass Geldsystem, so die Autoren des FAZ-Artikels, dann privatisiert werden. Teilnehmer am Markt hätten demnach “die freie Wahl des Zahlungsmittel”. Neben Gold sei es aber denkbar, dass andere Güter (Silber, Kupfer, Platin, Weizen, Immobilienanteile) einen Status als “Geld” erlangen könnten. In diesem System, so die hellsichtige Analyse, könnten die Geschäftsbanken zwar immer Kredite in Relation zu ihren Einlagen vergeben, ihnen wäre die Möglichkeit zur Geld- und Kreditschöpfung genommen.

“'Free Banking' verspricht nicht nur besseres Geld als das staatliche und auf Zwang beruhende Papiergeld, sondern es sorgte auch dafür, dass Konjunkturverläufe weniger schwankungsanfällig sein, weil freies Marktgeld Fehlinvestitionen und damit Wirtschaftskrisen entgegenwirkt. (…) Auf dem freien Markt wird sich gutes Geld durchsetzen.”

Ein “Dialog” des Faktischen
Jenseits eines vermeintlichen “Clash der Zivilisationen” scheint sich – wenn auch noch unbewusst – auf den verschiedensten Ebenen ein Bewusstsein nicht nur von der Bedeutung monetärer Fragen, sondern auch von der Notwendigkeit nach neuen Lösungen abzuzeichnen.

Die unterschiedlichen Quellen sowohl von Kritik als auch der Suche nach Alternativlösungen belegt den grenzübergreifenden, verbindenden Charakter, den die Frage nach dem Geld hat. Um zwei Schlagwörter zu strapazieren: Dabei geht es sowohl um “Nachhaltigkeit” als auch um “Freiheit”. Jedoch nicht, wie wir uns dass immer vorgestellt haben, sondern auf eine neue, spannende Art und Weise.

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