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Göttingen – Das maskierte Janusgesicht

Die IZ Kolumne von Zenar Marf

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Foto: Autor

„Einheimische wissen: Göttingen hat lange vor Corona alles Mögliche getan, um ihre ungeliebten Kinder aus dem Stadtbild zu verbannen.“

(iz). Die Stadt, die Wissen schafft – so lautet das Motto meiner traditionsreichen und überall wegen ihrer renommierten Universität ­bekannten Heimatstadt. Hier lebten Heinrich Heine, Georg Christoph Lichtenberg, Alexander von Humboldt und die schmählich vertriebenen Brüder Grimm. Hier lebten überhaupt eine Unzahl an Berühmtheiten, deren Namen nun wie Wahrzeichen die­ Hausfassaden der Innenstadt schmücken. Über 40 NobelpreisträgerInnen stehen im Zusammenhang mit Göttingen und es sollen mehr werden. Die Forschungseinrichtungen gedeihen und angehende Studierende aus aller Welt pilgern hier jedes Semester hin.

So sieht sie also aus, die Glanzstadt im Herzen der Bundesrepublik. Schlagzeilen über ­Göttingen und Corona hätten hier eigentlich im Zusammenhang mit der Entdeckung eines Impfstoffs die Runde machen sollen.

Vor einigen Wochen aber kam eine erste Hiobsbotschaft: In einem 18-stöckigen Hochhaus in Göttingen haben sich dutzende ­Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Großfamilien, Migrationshintergrund, sozialer Brennpunkt, eine Feier in einer Moschee und anschließend in einer Shisha-Bar – Schlagworte fielen von allen Seiten und im Hin­tergrund der Reportage-Aufnahmen konnte sich jeder und jede ein Bild vom ­Hexenkessel machen.
Befragte PassantInnen zeigen sich verständnislos. Ein rügend dreinblickender Göttinger müsse sich entschuldigen, aber er finde dieses Verhalten einfach nur „dumm“. Zugleich beklagt die Stadt sich über die mangelnde Kooperationsbereitschaft der betroffenen ­BewohnerInnen.
Nur wenige Wochen später ereignet sich ­dasselbe Schauspiel: Über 100 Infizierte in einem Hochhaus, Großfamilien, Brennpunkt, mangelnde Kooperation, BürgerInnen schütteln den Kopf.

Doch einen Unterschied gibt es: Diesmal will die Stadt die Gefahr im Keime ersticken und hat indes einen 2,5 Meter hohen Zaun um das betroffene Gebäude errichtet. Polizisten patrouillieren um das Grundstück und eine nicht zu überblickende Zahl an BeamtInnen stehen zwischen dem wenigen Medizin­personal, das bedeutungsschwanger in Kitteln von A nach B huscht. Niemand kommt da raus und wer es versucht, der wird in auto­ritativer Aufsehermanier sofort ermahnt, sich vom Zaun zu entfernen.

Heute Mittag (19. Juni) kam es zu einem der zahlreichen Aufstände am Zaun. Ein junger Mann versuchte die Lebensmittel anzu­nehmen, die von zwei anderen Männern an den Zaun gebracht wurden und wurde umgehend von den Polizisten gemaßregelt. Seinen Frust konnte er nun nicht länger halten und klagte, man sei jetzt gerade so viel wert wie die Hunde, wie Hunde werde man am Gitter gefüttert. Wer dabeistand, kann ihm nur beipflichten.

Was sich dieser Tage hier in Göttingen abspielt, ist an Scheinheiligkeit und übler ­Verleumdung kaum zu überbieten. Es ist der Gipfel einer langwährenden Geschichte der Ignoranz.

Zugezogene und ferne BeobachterInnen mögen sich um die altehrwürdige Stadt sorgen, die nun zum Brandherd einer Epidemie lanciert. Einheimische wissen: Göttingen hat lange vor Corona alles Mögliche getan, um ihre ungeliebten Kinder aus dem Stadtbild zu verbannen.

Die Hochhäuser, die nun von Schaulustigen heimgesuchten werden, kannten wir – und damit meine ich wir Migrationskinder aus den Plattenbausiedlungen – nur zu gut. Man erzählte sich Geschichten von Drogenmissbräuchen, heruntergekommenen und von Ratten befallenen Treppenhäusern und einem quasi rechtsfreien Raum. Die Kinder, die dort gelebt haben und mit denen wir zusammen zur Schule gegangen sind, sind nach und nach auf den Bildungsetappen verloren gegangen. So ergeht es Kindern, die auf engstem Raum, ohne Schreibtisch, ja ohne eigenes Zimmer und mit einer Menge Vorurteile leben müssen.

Als ich an die Universität wechselte, kam ich mir vor, wie in einer anderen Stadt. Die Kommilitonen lebten in jenen Vierteln, die ich als Einheimischer kaum gesehen hatte: Teure ­Altbauten mit Erkern und Fensterläden, ­Bioläden an mit Pflastersteinen belegten Straßen. Ich habe im Idyll beinahe die Viertel meiner Kindheit vergessen. Es war faszinierend und ekelerregend zugleich, wie diese Stadt es geschafft hat, sich so spurlos sauber zweizuteilen.

Niemand hätte sich im Umgang mit Göttingen um die jahrelang ignorierten Platten­bauten gekümmert, wenn nicht dieses kleine Virus wäre, das nun für alle gleichermaßen bedrohlich ist. Und deshalb schlagen nun auch die Nachrichtensender Alarm: Drohnen filmen aus allen Winkeln die nämlichen ­Gebäude, nennen die Straßenadressen, zoomen an die Einwohner und beschweren sich alsdann über von Balkonen heruntergeworfene Kartoffeln und Tomaten. Sie seien nicht kooperationsbereit. Ihr Verhalten sei verantwortungslos, eine Gefahr für alle.

Doch man stelle sich nur für einen Augenblick vor, es hätte sich eine Nachbarschaft im ­noblen Ostviertel oder der gutbürgerlichen Südstadt infiziert. Man stelle sich ferner vor, im Zuge dessen hätte man Kameradrohnen über ihre Dächer gelenkt, hätte an die verschnörkelten Bogenfenster gezoomt, während Polizeiwagen und Schaulustige die Häuser umstellten.

Was gäbe es nicht für einen Aufschrei unter den dort ansässigen AnwältInnen, ÄrztInnen und ProfessorInnen.

Es ist kaum zu fassen, mit welcher Selbstgerechtigkeit nun auf jene Hochhäuser geblickt wird, in denen der schwächste und zurückgelassenste Teil unserer Gesellschaft lebt. Jahrelang wollte Göttingen, die Stadt, die Wissen schafft, nichts von ihnen wissen. Die Hausverwaltungen taten das Nötigste, wenn nicht gar weniger als das. Nun schaut das Land auf diese grauen Betonklötze, an deren Fenster keine selbstgebastelten Vogelhäuser, sondern Wäscheständer hängen und schüttelt bloß verständnislos den Kopf. Gerade in diesen Zeiten, so müsste man meinen, sollte der Verstand über das Wahrnehmen von Symptomen hinaus reichen.

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