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„Gold ist eine Frage der Gottesfurcht“

IZ-Begegnung mit Abdallah Seymour, Leiter der Wadiah Nusantara in Kuala Lumpur

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(iz). Abdallah Seymour ist Engländer und seit zehn Jahren Muslim. Seit mehr als einem Jahr lebt er in Malaysia und Indonesien, wo er an der Wiederbelebung der Mu’a­malat [jene – mittlerwei­le vergessene – Hälfte des Islam, die sämtliche sozio-ökonomischen Verpflichtungen wie Handel, Wirtschaft, Märkte und Geld betreffen] in der Region arbeitet. Er gehört zu einer neuen Generation von Muslimen, welche die Ebene der Theorie verlassen haben und engagiert an der Etablierung neuer Wirtschafts- und Geschäftsformen arbeiten, die ihren Ursprung in der islamischen Lehre haben.

Mit ihm sprachen wir über die globale Bewegung für die Einführung von Golddinaren und Silberdirham, über Herausforderungen der praktischen Umsetzung und die interessante Tatsache, dass es Menschen im Westen leichter fällt, die Fehler des jetzigen Bankwesens zu erkennen, als den Menschen in der muslimischen Welt.

Islamische Zeitung: Sie sind Teil der Dinar-Bewegung und engagieren sich in ihr. Wie sieht Ihr genaues Projekt aus?

Abdallah Seymour: Ich betreibe eine Wadia namens Wadiah Nusantara. Das ist ein Aufbewahrungsservice für Golddinare und Silberdirham. In Sachen der Mu’amalat sind unsere Pflichten recht vielfältig, da wir auch auf anderen Bereichen arbeiten.

Islamische Zeitung: Was ist denn eine ­Wadia?

Abdallah Seymour: Wörtlich bedeutet es sichere Aufbewahrung. Es ist ein Service, bei dem wir Depots für Münzen anbieten und Dienstleistungen offerieren, die von den meisten mit ­Banken assoziiert werden. Hier können die Kunden ihre Münzen für eine sehr kleine Gebühr deponieren. Die Wadia selbst ist nicht die wirklich interessante Sache, sondern das Transaktionssystem, das sich aus ihr entwickelt. Es erlaubt Kontoinhabern, zu einhundert Prozent in Gold und Silber zu bezahlen. Wenn eine Person in Frankfurt und eine in München ist, dann will man eine Transaktion ermöglichen, ohne jedes Mal auf den physischen Transport der Münzen angewiesen zu sein. Mit einem online-Transfer kann der Kunde in München zu seiner Filiale gehen und sich die Münzen auszahlen lassen.

Islamische Zeitung: Wie lange wird es dauern, bis sie eine ausreichende Abdeckung erzielen werden, sodass das System funktionieren wird?

Abdallah Seymour: Es ist sehr schwierig, hier einen Zeitrahmen vorzugeben. Wir haben gerade erst unseren Prototypen in Kuala Lumpur eröffnet. Je mehr Wadias es geben wird, umso schneller werden wir den angestrebten Zustand erreicht haben.

Islamische Zeitung: Was ist der Unterschied zu bestehenden Bezahlsystemem wie E-Gold, e-Bullion oder payPal?

Abdallah Seymour: Bei Systemen wie PayPal besteht der offenkundige Unterschied darin, dass erstere mit elektronischen Signalen auf dem Schirm operieren. Das transferierte Geld hat keine physische Wirklichkeit, während es sich bei uns zu hundert Prozent um Gold und Silber handelt. Bei diesem Modell gibt es nicht nur bloße elektronische ­Signale die keinen physischen Bezug zu Gold oder Silber haben.

Der zweite Unterschied zu Diensten wie e-Dinar – dem vielleicht bekanntesten – ist, dass wir eine Zweigstelle haben, wo man Münzen deponieren und abholen kann. Es ist der organischere Weg, ein System zu schaffen. Bei uns kommen die Münzen zuerst, für die wir dann Depotdienste anbieten.

Islamische Zeitung: Welche Elemente müssen noch vorhanden sein, damit man von einer wirklichen Dinar-Ökonomie sprechen kann?

Abdallah Seymour: Zuerst braucht es Münzen. Diese müssen die höchstmögliche Qualität haben. Dafür braucht es einen Standard. Daher nehmen wir nur solche Münzen in unser Depot auf, die von der World Islamic Mint lizenziert wurden. Deren Standard ermöglicht die vertrauenswürdigsten und am weitesten verbreiteten Münzen auf dem Markt.

Danach braucht es die Agenten (arab. Wakala), um die Münzen in Umlauf zu bringen.

Schließlich, und am wichtigsten, braucht es ein Netzwerk aus Nutzern und Geschäften, wo diese Münzen zum Einsatz kommen können. Die Münzen müssen eine Währung sein und können keine bloße Investition bleiben. Eine Inves­tition impliziert, dass das augenblickliche System in Ordnung sei und dass man sein Kapital nur für stürmische Zeiten in Gold parkt, bis die Unruhe vorüber ist.

Wir wollen etwas anderes erreichen. Unserer Meinung nach ist das herrschende System immanent fehlerhaft und kann nicht gerettet werden. Es basiert auf Schulden und auf einer Fantasie. Bei uns nehmen wir das Papiergeld aus dem Umlauf und bringen Gold und Silber in die Zirkulation.

Islamische Zeitung: Wie reagieren die Verbraucher und die ­Ladenbesitzer auf das Angebot?

Abdallah Seymour: Eines der größten Hindernisse ist, dass viele Menschen kein Problem mit Papiergeld haben, auch wenn sie erkennen, dass dieses immer weniger wert ist. Man sollte meinen, dass den Leuten dies bewusst wird, aber unglücklicherweise war es noch nicht der Fall. Andere kümmert diese Frage nicht.

Man kann das Thema von verschiede­nen Perspektiven betrachten. Vom rein islamisch rechtlichen Standpunkt betrachtet muss man zu dem Schluss kommen, dass das augenblickliche Papiergeld­system Riba (Wucher) ist. Auch, wenn wir alle daran beteiligt sind, so hat ­Allah dem doch den Krieg erklärt. Wenn wir Taqwa hätten, müssten wir sagen: „Moment, wir können nicht Teil dieses Systems sein.“ Das ist ein Weg, auf das Thema zu blicken. Ein anderer ist, dass das Eigentum der Leute durch die Entwertung des Geldes langsam, aber stetig enteignet wird. Und das ist nicht gerecht.

Soweit es die Leute betrifft, ist es eine Herausforderung, sie zur Erkenntnis zu bringen, dass das herrschende System nicht gerecht ist.

Islamische Zeitung: Wie viele Teilnehmer hat ihr System derzeit?

Abdallah Seymour: Momentan nehmen 3.000 Geschäfte teil, die die Münzen akzeptieren. Das ist nicht wirklich die größte Herausforderung. Am schwierigsten ist es, die Leute dazu zu bekommen, die Münzen auf regelmäßiger Basis zu benutzen und die Notwendigkeit dafür zu erkennen.

Islamische Zeitung: Wie funktioniert das System an den Orten, an denen es bereits eingerichtet ist?

Abdallah Seymour: Es beginnt mit der Prägung der physischen Münzen. Das kann man an jeder hochqualifizierten Münzprägeanstalt machen. Es geht nur mit den besten, weil man die Münzen mit Sicherheitsmerkmalen ­ausstatten muss. Im Falle von Kelantan, wo das Modell am weitesten fortgeschritten ist, ­wurde eine staatliche Firma gegründet. Sie kauft die Münzen von der Prägeanstalt und gibt sie an die Agenten weiter. Die sind in zwei Arten unterteilt. Es gibt Master-Wakalas und solche, die unterge­ordnet sind. Master-Wakalas brauchen eine Mindestinvestition von 150.000 Euro. Sie verkaufen die Münzen an die Öffentlichkeit und an die Untergeordneten. Die untergeordneten Wakalas geben die Münzen in die Hände der ­Leute. Die Idee ist, dass die Leute die Münzen in Geschäften und Läden ausgeben. Die Aktivisten unter den Nutzern werden weitere Geschäfte finden. Die Münzen sollen zirkulieren und die Nutzer sollen weitere Dinare und Dirham kaufen. Sobald ein Geschäftsmann sie akzeptiert, ist es an ihm, Lieferanten zu finden, die Dinar und Dirham akzeptieren, seine Angestellten damit zu bezahlen und bei anderen Geschäften einzukaufen. Wir möchten vermeiden, dass Ladenbesitzer die Münzen an uns zurück verkaufen.

Die Wurzel des Wortes Daula, was die Modernisten heute fälschlicherweise mit „Staat“ übersetzen, bedeutet eigentlich die Zirkulation von Wohlstand. Die Idee besteht in der Schaffung von geschlosse­nen Kreisläufen, bei denen Münzen von einer Partei zur nächsten wandern. Idealerweise bleiben die Münzen innerhalb des Systems.

Islamische Zeitung: Sind Sie – angesichts Ihrer bisherigen Erfahrungen – optimistisch über den weiteren ­Verlauf?

Abdallah Seymour: Ja, wir haben den Sultan von Ternate, den Sultan von Ceribon, den Sultan von Sulu und den Sultan von Bintan, welche die Münzen akzeptiert haben. Die Bewegung hat bisher nur an der Oberfläche des Möglichen gekratzt, aber es wird sich alles ­ereignen. In Europa ist es schwierig, weil wir diese unmögliche Steuer – in Großbritannien sind es 20 Prozent – auf Münzen haben. Dies macht es hier derzeit sehr schwierig.

Islamische Zeitung: Seien wir ehrlich, aber bisher war das dominante Modell in der muslimischen Welt die Bank – in dem Fall die vermeintlich „islamische“. Glauben Sie, dass das Thema Gold und Silber – abgesehen von Südostasien – bald auch andere Regionen der musli­mischen Welt beeinflussen wird?

Abdallah Seymour: Im Moment befindet sich die muslimische Welt leider in einem traumartigen Zustand. Im Wesentlichen sind die Gelehrten nicht ihrer Verpflichtung nachgekommen und haben sie an die Banken verkauft. ­Diese bezahlen die Ulama für ihre Fatwas. Den meisten, die ich getroffen habe, ist es in Sachen Ökonomie egal, was halal und was haram ist. Wir nennen sie ­“Scholars for Dollars“, weil sie sich verkauft haben. Es sind nur wenige übrig geblieben, die letzten Endes Taqwa haben – und am Ende dreht sich alles um Taqwa. Es fehlt die Furcht vor Allah bei jenen Urteilen, wonach Papiergeld in Ordnung sei.

Die Ironie daran ist, dass es jetzt im Westen viele gibt, die einen Diskurs über Papiergeld und das Bankwesen führen. Ein Engländer und ein Deutscher, ­beide Muslime, sitzen in einem Berliner Konferenzzentrum und sprechen ­miteinander darüber, dass das Papiergeld nicht funktioniert. Die Europäer sind hier viel schneller als die muslimische Welt. Bisher folgt die letztere blind dem Vorbild der USA, während die Amerikaner uns sagen, dass ihr Modell gar nicht mehr funktioniert. Dort protestieren Menschen auf den Straßen gegen eine ungerechte Ökonomie, was in der muslimischen Welt nicht der Fall ist.

Islamische Zeitung: Lieber Abdallah Seymour, vielen Dank für das ­Gespräch.

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