IZ News Ticker

Graben zwischen Wissen und Handeln

Die China Cables zwingen auch den Bürger zu neuen Perspektiven

Werbung

Foto: Alexandros Michailidis, Shutterstock

(iz). Im Grund hätte es der China Cables nicht bedurft, die im November 2019 durchgestochen wurden. Die Geheimdokumente der Pekinger Partei- und Staatsführung von 2017 und 2018 belegen damit offiziell die seit Langem kritisierte systematische Verfolgung und Unterdrückung von Uiguren und anderen muslimischen Minderheiten in der strategisch wichtigen Provinz Xinjiang.

Wie bei vielen anderen Enthüllungen (von den Pentagon Papers des Vietnamkriegs bis zu den NSA-Dokumenten, die Edward Snowden veröffentlichte) haben wir solche Veröffentlichungen keiner Struktur oder einem abstrakten Wert zu verdanken, sondern dem Handeln des moralisch motivierten Einzelnen. In ­diesem Fall wurden die Akten von der uigurischen „Whistleblowerin“ Asiye Abdulaheb an ein Netzwerk investigativer Journalisten weitergegeben. Erhalten hatte sie diese von einem Beamten in der uigurischen Hauptstadt Ürümqi.

„Ich hoffe, dass die Tragödie, die hier passiert, so schnell wie möglich enden wird“, schrieb der Beamte an die Exil-Uigurin. „Ich hoffe, dass die Weltgemeinschaft stoppen kann, was hier vorgeht.“ Die mutige Frau selbst will der Welt durch die Dokumente zeigen, „was wirklich in meiner Heimat passiert“. Obwohl sie im niederländischen Exil lebt, ist der Arm Pekings lang. Ihr geschiedener Ehemann sei ausgefragt, bedroht und auf­gefordert worden, seine Ex-Gattin auszukundschaften. Nach direkten Drohungen und Eindringen in ihre elektronische Kommunikation musste die Uigurin die Polizei einschalten.

Was den Stand der „Werte“ beleuchtet, ist, dass die Echtheit der Papiere von der chinesischen Führung nicht einmal ­bestritten wurde. Vielmehr rechtfertigt Peking sein Vorgehen mit der längst etablierten Logik eines „Krieges gegen den Terror“. Obschon Reaktionen von deutschen oder europäischen Politikern hörbar waren, bleibt offen, inwiefern Konsequenzen aus der chinesischen Politik gegenüber den Uiguren gezogen werden. Eine der Ausnahmen: der US-­Kongress, der ein Gesetz zum Schutz der Uiguren beschloss – inklusive Sanktionen gegen Verantwortliche. Übrigens schweigt die Mehrheit „muslimischer Staaten“ lauter, als es „der Westen“ tut.

Abgesehen vom Inhalt macht dieser Leak zumindest das deutlich: dass die Enthüllungen skandalöser Vorgänge heute auf der abstrakten Ebene kaum Konsequenzen hat. Anders als noch beim Vietnamkrieg fehlt die Masse, die auf ­solche Informationen reagiert. Nicht nur bei „Fridays for Future“ wird deutlich, dass wir in unserer Zeit in der Blase einer kognitiven Dissonanz leben. Trotz vorhandener Information bleibt das Handeln aus.

The following two tabs change content below.
Sulaiman Wilms

Sulaiman Wilms

Sulaiman Wilms

Neueste Artikel von Sulaiman Wilms (alle ansehen)

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen