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„Grundsätzlich sehe ich die DIK als Forum positiv“

IZ-Begegnung mit Prof. Dr. Bülent Ucar, dem Leiter des Instituts für Islamische Theologie der Universität Osnabrück über die Deutsche Islamkonferenz

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Foto: Benjamin Idriz, Facebook

(iz). Die Deutsche Islamkonferenz (DIK) gehört mittlerweile zum bedeutendsten Forum der Debatte zwischen Staat und Politik einerseits und muslimischen Repräsentanten andererseits. Je nach Interessenlage hat sich in den letzten Jahren ihre Form und ihr Ablauf verschiedentlich verändert. Sie war einerseits der Versuch, eines konstruktiven Austausches zwischen Staat und Muslimen, aber andererseits auch Streitgespräch zwischen Einzelpersonen und organisierten Muslimen, das vom Staat moderiert wurde.

Auch bei der Auftaktveranstaltung der neuen Runde standen ihr Aufbau und die zugrunde liegenden Absichten, insbesondere das weiterhin bestehende Definitionsinteresse von Politik und Staat, im Fokus von Diskussionen. Nicht umsonst wurde in den Monaten vorher über Konzepte wie einen „deutschen Islam“ gestritten. Es ging dieses Mal aber auch um eher konkretere Fragen wie die in Deutschland angesiedelte Ausbildung von Imamen sowie die Möglichkeit der Förderungen von ­Moscheegemeinden.

Zur jüngsten Auftaktveranstaltung, ­ihren Themen sowie Widersprüchen sprachen wir mit Prof. Dr. Bülent Ucar, dem Leiter des universitären Osnabrücker Instituts für Islamische Theologie (IIT). Der promovierte ­Islamwissenschaftler wurde 1977 in Oberhausen geboren und studierte zwischen Rechtswissenschaft (1996-2002) sowie Islamwissenschaften (1999-2002). 2008 habilitierte Ucar an der Universität Erlangen. Seit 2012 ist Bülent Ucar Direktor des Instituts für Islamische Theologie der Uni­versität Osnabrück. Er nimmt nicht nur an der aktuellen Islamkonferenz teil, sondern gehörte ihr bereits 2010 bis 2013 an.

Islamische Zeitung: Was glauben Sie, ist das Ziel der Deutschen Islamkonferenz (DIK)? War die jüngste Auftaktveranstaltung in dem Sinne ein Erfolg?

Prof. Dr. Bülent Ucar: Allgemein liegt die Zielsetzung der DIK im Bereich der Integrationsförderung sowie der Gleichstellung des Islam mit den anderen Religionsgemeinschaften, etwa im Bereich von Seelsorge oder Wohlfahrtspflege. Die diesjährige Schwerpunktsetzung fo­kussierte sich auf Fragen der Imamausbildung, Integrationsförderung vor Ort sowie der Beheimatung des Islam in Deutschland. Hierbei wurden einige wichtige Punkte angestoßen und sollen nun im weiteren Verlauf ausführlicher eruiert werden. In diesem Sinne bildete die Veranstaltung nur ein erstes ­be­grüßenswertes Signal, dessen weitere Entwicklung man aufmerksam beobachten muss.

Mein Eindruck ist prinzipiell, dass zu lang und zu intensiv über seit Jahren ­bekannte Problemlagen diskutiert, vieles zerredet und zu wenig gehandelt wird, da der Islamdiskurs in Deutschland zu sehr von Affekten und Angst geprägt ist. Ich bin jedoch aufgrund der von mir ­vernommenen Signale zuversichtlich, dass die Ergebnisse dieser vierten Phase der DIK durchaus produktiv ausfallen können.

Islamische Zeitung: Manche sprechen an der muslimischen Basis von Bemühungen den Islam auf diesem Wege zu reformieren…

Prof. Dr. Bülent Ucar: Das wäre ein grundgesetzlich unzulässiger Eingriff und steht dem religionsneutralen Staat normativ nicht zu. Muslime können ausschließlich selbst entscheiden, woran sie, wie glauben und brauchen auch hierbei keine Belehrungen. Entscheidend für den Verfassungsstaat ist, dass er sich in der Praxis rechtstreu verhält.

Über die Internalisierung des grundgesetzlichen Wertefundamentes muss ­jedoch unabhängig von tagespolitischen Erwägungen theologisch plausibel und glaubwürdig reflektiert werden. Diese Jahrhundertaufgabe wird mit der ­erforderlichen Autorität ausgestatteten muslimischen Gelehrsamkeit zu leisten sein.

Ich will aber nicht ausschließen, dass bestimmte Verantwortungsträger in Verwaltung und Politik persönlich durchaus auch solche Ambitionen in paternalistischer Manier mitverfolgen. Nur zeigt die Geschichte, dass externe Eingriffe eher Gegenteiliges bewirken, nämlich Abschottung und Rückzug. Was wir benötigen, sind keine Extrempositionen, ­sondern seriöse Brückenbauer.

Islamische Zeitung: Welche Ansprüche haben Sie an die DIK? Wird sie diesen Ansprüchen gerecht?

Prof. Dr. Bülent Ucar: Grundsätzlich sehe ich die DIK als Forum positiv. ­Sicherlich ließe sich an der ein oder ­anderen Stelle etwas finden, das sich verbessern ließe. Doch lässt sich im Großen und Ganzen sagen, dass sie ihren und auch meinen Ansprüchen gerecht wird. Die Zusammenarbeit zwischen muslimischen Repräsentanten und staatlichen Vertretern lief bislang größtenteils sehr kooperativ und geordnet ab.

Hierauf verweisen auch die zahlreichen Erfolge, welche die DIK bislang – teils direkt, teils hinter den Kulissen – vorweisen kann: So etwa die Etablierung der Modellversuche zum Islamischen Religionsunterricht, der Islamischen Theologie als Studienfach deutscher Universitäten oder auch die Bemühungen, eine islamische Wohlfahrtspflege zu organisieren und wichtige forschungsbasierte Publikationen.

Islamische Zeitung: Wie bewerten Sie die Auswahl der Gäste zur DIK durch den Veranstalter?

Prof. Dr. Bülent Ucar: Grundsätzlich ist es sehr zu begrüßen, dass bei der diesjährigen DIK Vertreter aus den unterschiedlichsten muslimischen Strömungen zugegen waren und auch bewusst Wert darauf gelegt wurde, die Vielfalt der muslimischen Community hierdurch angemessen abzubilden. So war zum dies­jährigen Anlass etwa erstmalig der Liberal-Islamische Bund (LIB) von Lamya Kaddor als teilnehmender Verband vertreten. Als zu hinterfragen erscheint mir jedoch die Entscheidung, Personen als muslimische Repräsentanten einzuladen, die keinerlei Verankerung innerhalb der muslimischen Community besitzen, ­hierauf auch gar keinen Wert legen, sich teilweise selbst explizit als Nichtmuslime bezeichnen und sich im Gegenteil sogar durch eine immerwährende und ­pauschale Kritik am Islam einen Namen gemacht haben.

Aber auch eine solche Zusammen­stellung kann unter Umständen sinnvoll sein, wenn alle Beteiligten sich zusammenreißen und darauf einigen, eine ­zivilisierte Debattenkultur jenseits von emotional aufgeladenen Vorwürfen zu pflegen. Meine Erfahrungen aus der 2. DIK zeigen jedenfalls, dass dies sehr gut moderiert werden muss. Brückenbauer und Scharnier werden hier eher Ministerialbeamte und Personen aus der ­Wissenschaft sein. Die DIK darf jedoch nicht zu einem Forum gegenseitiger ­Beleidigungen und Diffamierungen ­verkommen.

Islamische Zeitung: Was halten Sie von der von Horst Seehofer ange­stoßenen Idee eines „deutschen ­Islams“? Wie bewerten Sie den Inhalt der ­Konferenz?

Prof. Dr. Bülent Ucar: Ich kann an dieser Stelle meine Position, die ich auf der DIK gegenüber Innenminister ­Seehofer vertrat, nur wiederholen. ­Zunächst ist mir wichtig, zu betonen, dass der Islam als Religion nicht in ­nationalen Kategorien gedacht werden kann und auch nicht sollte: Demzufolge gibt es keinen „türkischen Islam“, keinen „arabischen Islam“ und eben auch keinen „deutschen Islam“.

Die Ethnisierung und Verfügbar­machung von Religion seitens der Politik als Vehikel und nationalistischer Unternehmungen je nach Kontext zur Auf- oder Abwertung birgt große Gefahren in sich. Auch wenn sich viele mit integrationspolitischen Erwägungen dieser Vorstellung anbiedern, greift sie zu kurz und ist meines Erachtens nicht ausreichend durchdacht.

Die historischen Erfahrungen mit Strömungen wie den „Deutschen Christen“ unter den Nazis oder der „türkisch-islamischen Synthese“ belegen meine Sorgen. Ebenso tragen Rufe, den Islam zu säkularisieren groteske Züge, um mit Horkheimer zu sprechen: „Religion kann man nicht säkularisieren, wenn man sie nicht aufgeben will.“ Vielmehr ist der Islam ein universaler Glaube, der die Menschen über diese Länder- und Kulturgrenzen hinweg verbindet.

Was es jedoch immer gab und geben wird, sind lokal unterschiedlich ausgeprägte Deutungs- und Ausdrucksweisen dieses universalen Glaubens. Die Herausbildung einer muslimischen Glaubenspraxis, die quasi organisch gewachsen aus dem deutschen Kontext heraus ihre Konturen gewinnt, ist aber sicherlich als ein Erfordernis zu sehen, bevor man wirklich davon sprechen kann, dass der Islam in Deutschland angekommen ist.

Islamische Zeitung: Konferenz für die Muslime und Mehrheitsgesellschaft in Deutschland?

Prof. Dr. Bülent Ucar: Empirische Daten zeigen trotz der faktischen Beheimatung vieler Muslime eine große anhaltende Angst und auch Misstrauen der Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft gegenüber dem Islam. Es ist paradox: Viele Muslime in der sogenannten dritten Generation fühlen sich in Deutschland eher zu Hause als etwa in der Türkei und trotzdem identifizieren sie sich nicht ausreichend mit ihrem Geburtsland.

Zudem existiert ein zunehmender antimuslimischer Rassismus in westlichen Gesellschaften mit Parteien, deren Legitimationsbasis primär die Abgrenzung zum Islam und Abwertung der Muslime darstellt. Und auch muslimische Akteure fürchten als Minderheit in einer christlich und säkular geprägten Gesellschaft eine zwar rechtlich unzulässige, aber faktische staatliche Bevormundung. Hier müssen wir diese Sorgen ernst nehmen und äußerst behutsam und sensibel etwa bei der Imamausbildung vorgehen. Denn ansonsten arbeiten wir an den Bedürfnissen vorbei, da diese Imame keinen Rückhalt an der Basis in den Gemeinden haben werden. Wenn das Vertrauen des religiösen Milieus in staatliche Bildungsinstitutionen zerbricht, hilft auch die beste theologische Ausbildung nicht.

Da sich die DIK aufgrund der weltanschaulichen Neutralität des Staates nicht inhaltlich mit theologischen Fragestellungen auseinandersetzen darf und der Fokus auf die Integration sowie die weitere Gleichstellung des Islam mit den anderen Religionsgemeinschaften gesetzt ist, kann ihre Bedeutung sowohl für die Muslime als auch für die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft nicht unterschätzt werden. Gerade die Möglichkeit, dass muslimische Repräsentanten hierbei mit staatlichen Vertretern in einen direkten Austausch kommen, ist sehr wichtig, wo es gerade noch allgemein an strukturellen Voraussetzungen seitens der muslimischen Verbände fehlt. Mir fehlt einzig die institutionelle Tiefe bei diesen Beziehungen. Dieser Austausch war andererseits auch bereits in der Vergangenheit mehrfach dienlich, beiderseits vorhandene Ressentiments abzubauen und gemeinsam gesetzte Ziele kooperativ zu verwirklichen.

Islamische Zeitung: Viele Muslime kennen die DIK gar nicht…

Prof. Dr. Bülent Ucar: Ich fände es für den Austausch und die Bekanntmachung der DIK hilfreich, wenn man zudem aus dem sterilen Berlin rauskäme und in den Bundesländern etwa in Marxloh, Dresden, Offenbach, in Moscheen, Kirchen, Rathäusern, Integrationszentren, Schulen, im Ausland in Istanbul, Jerusalem und Sarajevo die Sitzungen mit beteiligten Akteuren vor Ort gemeinsam abhielte. Muslime benötigen aber auch unabhängige zivile Räume für einen professionell organisierten, plural geführten, redlichen und kontroversen Austausch untereinander in Respekt und Einheit.

Ebenso finde ich den muslimisch-jüdischen Dialog für beide Minderheiten, wie auch die Allgemeinheit essentiell in diesen zunehmend antisemitischen und auch populistischen Zeiten. Die politische Rechte zeigt sich gerne projüdisch und antimuslimisch, tatsächlich werden sie nach der Konsolidierung ihrer Macht nicht davor zurückschrecken, pauschal gegen alle Minderheiten vorzugehen, da dies in dieser Ideologie selbst angelegt ist.

Islamische Zeitung: Lieber Prof. Dr. Bülent Ucar, wir bedanken uns für das Gespräch.

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