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Gruselfilm und Heldenreise

Sam Mendes’ „1917“ ist der beste Film der Saison

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Foto: one Entertainment

(iz). Ob Christopher Tolkien Sam Mendes’ „1917“ noch gesehen hat, ist nicht bekannt. Der Sohn des Schöpfers des „Hobbit“ und des „Herrn der Ringe“ starb am 16. Januar 95-jährig in Südfrankreich. Die Verfilmungen der Werke seines Vaters im Action- und Superheldenstil hat er vehement kritisiert. 1917 hätte womöglich seine Zustimmung gefunden. Denn auch wenn der Film nichts mit Fantasy zu tun hat, steckt in ihm mehr Tolkiensches als in den Tolkienfilmen Peter Jacksons.

„1917“ firmiert nicht nur als Antikriegsfilm (was längst ein beliebtes Whitewashing-Label ist), es ist einer. Das Schicksal des Gefreiten Schofield, der sich im Frühjahr 1917 durchs Niemandsland des „Alberich-Rückzugs“ (so der Codename der deutschen Obersten Heeresleitung) kämpft, um einer abgeschnittenen britischen Einheit den rettenden Befehl zu überbringen, knüpft, so lernen wir im Abspann, an das Schicksal des Lance Corporal Alfred Mendes an, der dies seinem Enkel, dem Regisseur, erzählte. Sam Mendes wurde mit „American Beauty“ berühmt, das Impressive, Abschattende, Panoramatische liegt ihm. Und so vollbrachten er und sein Kameramann, der längst ebenso berühmte Roger Deakins, das Wunder, „1917“ so zu drehen, als bestehe es aus einem einzigen Schnitt. Single-Take nennt man diese Technik, viel wurde und wird über sie im Zusammenhang mit diesem Film geschrieben.

Natürlich ist es das nicht. Natürlich wurde auch „1917“ geschnitten, aber die Kamera folgt immer der Hauptperson, Schofield, der sich erst widerwillig seinem Kameraden Blake (der erhält eigentlich den Auftrag) anschließt, um dessen Befehl dann loyal im Alleingang auszuführen, nachdem Blake auf ihrem Weg durchs Niemandsland von einem abgeschossenen deutschen Flieger erstochen wird. Der Weg durchs dieses Niemandsland – die Deutschen unter Hindenburg und Ludendorff gaben Anfang 1917, nach den vergeblichen, furchtbar verlustreichen Schlächtereien von Verdun und an der Somme, ihren Frontvorsprung auf, um sich zur finalen, für Frühjahr 1918 angesetzten Offensive zu sammeln –, er gleicht der Fahrt durch eine Geisterbahn, der Reise Bilbo Beutlins durch den Nachtwald. Kein Horrorfilm, aber ein Gruselfilm, das ist „1917“ über weiteste Strecken, aber gerade das nimmt dem Film nichts von seiner Größe, nein, es verleiht sie ihm erst.

Jeder Mensch ist doch völlig allein, heißt es in Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ an der Stelle, an der der Erzähler das hilflose Sterben ­seiner Großmutter mitansieht. Mendes’ „1917“ ist die Visualisierung einer schier unfasslichen, überwältigenden Alleinheit und damit der conditio humana schlechthin. Eine Heldenreise und ­Höllenreise, ein Tolkienscher Horrortrip, deren größte Fährnis aber keine Orks und Nachtwölfe sind, auch nicht die paar versprengten Deutschen, die sorgsam drapierten Sprengfallen, die abysmalen Granattrichter, sondern die Weite und Wüstheit dieser Mondlandschaft schlechthin. Braun in braun, grau und grau zieht sich das Bild, Erde und Schlamm, Pfützen und Dreck. Wir sehen die fetten Ratten in den verlassenen Unterständen, geplatzte Pferdekadaver, von Fliegenschwärmen umlagert, Krähen, die an Leichen herumpicken, Pyramiden aus Geschosshülsen in einer aufgegebenen Artilleriestellung. Nie war Hässlichkeit auf der Leinwand so schön.

Die Reise des Lance Corporal Schofield in die Unterwelt, so hätte womöglich ein Evelyn Waugh diese Geschichte genannt. Liebhaber des englischen Humors fühlen sich an das Ende von „Blackadder“ erinnert, der Kultserie der 1980er, die Rowan Atkinson, Hugh Laurie und Stephen Fry mit einem Schlag berühmt machte, an jene berühmte letzte Szene, als endlich das unausweichlich wird, dem die vier Helden sechs Folgen lang ausgewichen waren: das going over the top, der Sturmangriff, der natürlich in einem Massaker enden muss, und so wird das Bild der über den Rand des Schützengrabens nach draußen stürzenden Männer eingefroren, während das todbringende Geratter der Maschinengewehre einsetzt, um überzugehen in sanfte, trauernde Klavierakkorde.

„1917“ sagt viel über den Westen – und über die Welt. Es ist nicht das imperiale, imperialistische England, das sich hier feiert, es ist aber auch nicht das chauvinistische, eroberungssüchtige Deutschland, das hier invehiert wird (das wäre zu wohlfeil, weil es sich von selbst versteht). Es ist die Ausgeliefertheit an die weite, wüste Welt, das Ins-Nichts-Gestellt-sein, worum es diesem Film geht, aber nicht im exaltierten und blasierten Sinne Heideggers, der nie an der Front war, sondern in jenem brutal existenzialistischen Sinne Adams, der von Gott als Erster – und als Einzelner in die Welt hineingeschaffen wurde. „Adam“, schreibt John Eldredge in „Wild at heart“, „wurde außerhalb des Gartens erschaffen, in der Wildnis. Im 2. Kapitel des Buches Genesis wird es ganz deutlich gesagt: Der Mann wurde im Ödland erschaffen, im Busch. Er entstammt dem ungezähmten Teil der Schöpfung. Erst später wird er in den Garten Eden gebracht.“

Der Schock, den der Erste Weltkrieg über die westliche Welt brachte, war, so paradox es klingt, größer als der des zweiten, wenngleich dieser mit ungleich größerer Brutalität geführt wurde und ungleich mehr Opfer forderte. Wer den Zweiten Weltkrieg erlebte, konnte sich, und sei es nur theoretisch, an den ersten erinnern, er war vorgewarnt und also weniger schockiert. Die Zerstörungen aber, die er brachte, wurden schleunigst weggewischt durch das anschließende gigantische Aufbauwerk, im Westen, aber auch im Ostblock, durch einen nie da gewesenen Wirtschaftsboom und eine beispiellos großzügige Sozialpolitik, die die Staatsmänner in Ost und West nach 1945 implementierten, damit eine Katastrophe wie die von 1939/45 sich nie mehr wiederhole. Der Erste Weltkrieg aber traf das Bewusstsein, das „kollektive“ wie das individuelle, unvorbereitet und blank, er war nicht nur Urkatastrophe, sondern Urtrauma, weil er das ­Urtrauma des In-der-Welt-seins – seine Weltlosigkeit – jäh und grell Wirklichkeit werden ließ.

Die Weltkriege, wie der Klimawandel, sind menschengemacht, was aber jeweils katastrophisch über uns Menschen kommt, ist eben nicht das Menschliche, sondern die Naturreiche. Auch wenn ein Projektil in einen Organismus eintritt, wenn ein Körper aus großer Höhe stürzt oder, wie an einer Stelle im Film, unter Wasser zu ertrinken droht, wirken Naturkräfte. Mendes inszeniert diese Naturkräfte mit der Intensität und brutalen Schönheit eines Ridley Scott. Als Schofield endlich, ausgelaugt und abgekämpft, ohne Helm, ohne Waffe noch Seitenwaffe, beim Devonshire Regiment anlangt, dem er seine lebensrettende Nachricht überbringen soll, ruht eine Kompanie des Regiments gerade aus im Wald und lauscht dem Lied, zaghaft-flehend vorgetragen von einer knabenhaften Stimme, „I am a poor wayfaring stranger“, dessen Sänger davon singt, dass er aus dieser Welt der Schmerzen fortgehe, um seinen Vater zu sehen, in jene „bright world“, jene helle Welt gehe er, in der es keine Krankheit gebe, kein Übel und keine Gefahren. Über den Jordan gehe er, seinen Vater, seine Mutter zu sehen.

Ein merkwürdiges Ebenbild unseres Lebens ist Sam Mendes mit diesem Film gelungen. Wir, die wir in Wohlstand und politischer Sekurität aufgewachsen und zu leben gewohnt sind, finden uns dennoch in „1917“ wieder, und ebenso jene, die aus Krieg, Leid und Hunger den Weg zu uns gefunden haben. Warum? Weil die Gewalt der Naturreiche, denen Gott uns zur Bewährung ausgesetzt hat, unausweichlich und allgegenwärtig ist, es herrsche Krieg oder Frieden.

„1917“ ist seit dem 16. Januar in den deutschen Kinos zu sehen.

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Konstantin Sakkas

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