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„Guten Morgen, Deutschland!“

Gespräch mit Feridun Zaimoglu über seine Erfahrungen bei der Berliner Islam-Konferenz

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-Islamische Zeitung: Herr Zaimoglu, Sie haben an der Islam-Konferenz teilgenommen. Im Vorfeld gab es Diskussionen über deren Zusammensetzung. Wie war das allgemeine Gesprächsklima?

Feridun Zaimoglu: Es war eine Auftaktveranstaltung; ein festlicher Akt, auf der einen Seite die Politikerdelegation und auf der anderen Seite die Muslime. Im Vorfeld wurde ja auch von einem „historischen Schritt“ gesprochen. Ich finde es tatsächlich beachtlich, dass jetzt der Islam als gesellschaftliche Realität anerkannt wird. „Guten Morgen, Deutschland!“, würde ich sagen. Das war der Grund, wieso ich auch daran teilgenommen habe. Man hat das, was man sagen wollte, zur Sprache bringen können. Aber es war keine „Friede, Freude, Eierkuchen“-Veranstaltung. Es kam auch zu gewissen harten Ansagen, also es ist auch unter den Teilnehmern schon zu einem Schlagabtausch gekommen.

Islamische Zeitung: Bei welchen Punkten war es der Fall?

Feridun Zaimoglu: Es war natürlich die Frauenfrage, die leider Gottes ideologisch aufgeladen wird. Diese so genannte Frauenfrage wurde zur Sprache gebracht. In diesem Zusammenhang finde ich zum Beispiel sehr eigenartig, dass die anwesenden Frauen auf der muslimischen Seite von ihrem Selbstverständnis her sich dem säkularen, kritischen Lager zuschlagen. Meine Frage war, wieso da keine gläubige, praktizierende Frau ist, die auch für sich sprechen würde, und die dann auch ihre Position zu diesen so genannten islamkritischen Einwänden darstellen könnte. Das fand ich sehr schade, und ich werde auch immer wieder darauf bestehen, dass es schon eigenartig ist, dass die beteiligten Frauen eher säkular, liberal und islamkritisch sind, was immer das auch heißen mag, dass aber keine gläubige Frau anwesend ist. Das ist ein großer Mangel. Das hat man auch in den Gesprächen gemerkt. Es darf so nicht bleiben. Es darf nicht sein, dass Frauen, die den Islam als ihren Glauben und Lebenskern achten, ausgeschlossen werden.

Islamische Zeitung: Haben die Muslime auf diesen Missstand hingewiesen?

Feridun Zaimoglu: Es war viel vom „Vertretungsanspruch“ die Rede. Die Vertreter der Dachverbände haben natürlich jeder für sich, und sogar auch die islamkritische Fraktion hat für sich den Anspruch ableiten wollen, dass sie eine große Zahl von Menschen vertreten. Das finde ich natürlich sehr eigenartig. Ich bin unbedingt der Meinung, dass, wenn man Ergebnisse erzielen oder Entscheidungen treffen will, man es schlicht und einfach nicht bei diesem Kreis belassen darf. Es wurde ja auch im Vorfeld berechtigte Kritik laut, dass die Auswahl der Vertreter und der Einzelpersonen schon etwas eigenartig ist, aber ich bin sehr dafür, dass der Kreis erweitert wird. Ich werde das auch zur Sprache bringen. Und vor allem finde ich auch, dass auch eine gläubige Frau vertreten sein muss. Das ist nicht nur ein Mangel, die momentane Zusammensetzung kann auch als eine ganz bewusst ideologische Besetzung verstanden werden, und das nicht zu Unrecht. Islamische Zeitung: Was denken Sie, wieso Sie berufen wurden?

Feridun Zaimoglu: Ich habe ja keinen Hehl daraus gemacht, dass ich ein bekennender, gläubiger Muslim bin. Und ich habe auch gesagt, dass ich ein bekennender deutscher Muslim bin. Und habe das bei bestimmten Anlässen auch zum Ausdruck gebracht. Über meine Ernennung, meine Einberufung (lacht) in diese Konferenz kann ich natürlich nur spekulieren. Vielleicht liegt es daran, dass ich viele Lesungen gemacht habe und Kontakt zu vielen muslimischen türkischen und kurdischen Jugendlichen habe. Ich habe immer wieder, und das wird sich in Zukunft nicht ändern, festgestellt, dass der Islam immer mehr zu einer großen gesellschaftlichen Realität in Deutschland wird. Mein Glaube ist zentral und diesen Glauben will ich immer wieder ins Spiel bringen. Ich bin aber eine Einzelperson. Ich vertrete niemanden. Aber wie eingangs gesagt, ich kann nur über meine Einberufung spekulieren. Ich kann nur grinsen, als ich dann in den Medien auf Beschreibungen von mir stieß, ich sei ein säkularer Intellektueller. Das hat mich sehr erheitert.

Islamische Zeitung: Um auf säkular angehauchte Personen zu kommen. Kann man sagen, dass diese mit der Absicht eingeladen wurden, die Vertreter des „organisierten Islam“ in eine bestimmte Richtung zu ziehen?

Feridun Zaimoglu: Es führt kein Weg daran vorbei, dass man mit dieser Aufklärungsideologie den Muslimen nicht beikommen kann, und auch in Zukunft nicht beikommen wird. Es mag sein, dass manche Personen, die aus der so genannten Islamkritik Kapital schlagen, vielleicht in den Schlagzeilen sind, nur – ich habe das auch auf der Islamkonferenz festgestellt – eine Verallgemeinerung, wie sie dann sofort von bestimmten Personen vorgenommen wurde, ist auf großen Widerstand gestoßen. Es ist einfach nicht angebracht und geradezu taktlos auf einer Islamkonferenz, bei der es um das Anliegen der gläubigen Muslime geht, in diesem Zusammenhang nur von säkularen und liberalen Muslimen zu reden und immer wieder das Grundgesetz ins Spiel zu bringen, und auf der einen Seite zu sagen, es gibt keinen Generalverdacht, auf der anderen Seite aber immer wieder auf das Grundgesetz zu pochen. Das geht nicht. Ich finde, dass man an einer traditionellen Haltung innerhalb des Islam schon Kritik üben kann, aber ich bin eher der Meinung, dass dies nicht den Boden des Glaubens verlassen darf. Ich für mich will es nicht tun, kann es nicht, und weiß, das alle Versuche dieser bestimmten Personen scheitern werden. Natürlich kann ich nur spekulieren über die Besetzung, wieso so und nicht anders. Ich kann aber nur feststellen, dass die dortigen Vertreter, die Vertretenen und einige Einzelpersonen es sich nicht nehmen lassen werden, sich gegen ideologische Angriffe zur Wehr zu setzen. Auf Kosten des Islam kann und darf dort nichts entschieden werden.

Islamische Zeitung: Kurz vor der Konferenz führte die Absetzung der Oper in Berlin zu heftigen Diskussionen. Sie sind Schriftsteller und schreiben selber mit ihrem Co-Autor Senckel Theaterstücke, die teilweise politisch brisant sind. Wie bewerten Sie diese Diskussion, in der immer wieder von dem „Kniefall vor den Islamisten“ die Rede ist?

Feridun Zaimoglu: Wie lächerlich! Die arme Intendantin. Ich bin solidarisch mit ihr. Weil ich auch für das Theater arbeite, weiß ich, dass es nicht außergewöhnlich ist, dass der Intendant mit dem Regisseur und dem Schauspielerensemble über das Provokationspotenzial eines Stücks spricht. Eine solche Entscheidung ist nicht falsch, aber wenn ich einen Blick darauf werfe, weiß ich, dass hinter dieser Hysterie die Tatsache steckt, dass die Intendantin Frau Hahn zum Sündenmädchen erkoren wurde. Ich finde die Kritik an ihr lächerlich. Ich finde es auch streberhaft und bescheuert, wenn sich jetzt plötzlich all die alten Kulturkrieger in den Redaktionen zu großen Verteidigern, zu Gallionsfiguren aufschwingen. Man soll bitte die Bodenhaftung nicht verlieren. Es ist wieder einmal typisch, dass man nicht ohne Hysterie und bei klarem Verstand über Islam spricht.

Islamische Zeitung: Was ist ihre persönliche Bewertung der Berliner Konferenz?

Feridun Zaimoglu: Ich erwarte von den künftigen Treffen, dass es nicht bei der Aussage belassen bleibt „ja, der Islam ist ein Teil der deutschen Realität“, sondern dass Nägel mit Köpfen gemacht werden. Aber wir haben eine Religionsfreiheit in diesem Land. Es gibt Spielregeln, selbstverständlich. An die halten wir Muslime uns auch. Aber es darf nicht darauf hinauslaufen, dass der Staat sich nur im Falle des Islam die Freiheit nimmt, sich überall einzumischen. Es darf einfach nicht drin sein, dass man jede Moscheegemeinde auseinandernimmt. Für die Zukunft erwarte ich mir einfach, dass bitte schön auch in Deutschland realisiert wird, dass die stolzen Muslime als Deutsche, als Bürger erster Klasse, als Gläubige an den Einen, hier leben und wirken können. Aber es wird ein langer Kampf. Auch wenn die Islamkonferenz vorbei ist, geht dieser Kampf weiter. Ich habe die Erwartung, dass mehr Menschen mit eingebunden werden, Menschen, die glauben und für den deutschen Islam viel getan haben. Und ich möchte in diesem Zusammenhang, nicht nur, weil wir jetzt dieses Gespräch führen, meinen Dank aussprechen an die Islamische Zeitung. Sie hat viel getan!

Islamische Zeitung: Lieber Herr Zaimoglu, wir bedanken uns bei Ihnen.

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