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Hadsch: Ein aktueller Bericht von der diesjährigen Pilgerfahrt. Von Chaban Salih, Berlin

"Erschöpft und glücklich zugleich"

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(iz). Das ist ein seltenes Bild in Mina: Die drei Pilger haben sich blaue Plastiksäcke über ihren Ihram gezogen und springen nun zwischen den Pfützen von einer trockenen Stelle zur nächsten. Andere ziehen ihr weißes Gewand hoch, damit die Wasserspritzer es nicht treffen. Ein wenig besser haben es die, die sich einen Schirm gekauft haben. Der Schirm ist Gott sei dank bei dieser Hadsch ein Allwetterschutz. Eigentlich sollte er gegen die pralle Sonne helfen, nun leistet er einen Bärendienst gegen den Regen. Derweil krachen Donner über und hinter den umliegenden Bergen.

Die meisten Pilger haben nur ein Ziel: die nächste Überdachung. Da ist das Wellblechdach eines ansonsten offenen Friseurstandes, einige Brücken, ein Lastwagen, Baucontainer oder die ersten Zelte von Mina. Wirklich schlecht ergeht es hunderten von Pilgern, die unter freien Himmel schlafen oder deren selbst mitgebrachten Zelte nicht wasserfest sind. Collin Msanhu aus Simbabwe ist einer von ihnen: „Mit meinen acht Freunden wurden wir richtig nass, mussten schnell unsere Zelte abbauen. Zum Glück fanden wir Unterschlupf in dem Lager der Iraner.“ Viele werden sich an diesem achten Tag des islamischen Monats Dhul-Hidscha (25. November), den ersten Tag der Hadsch, gefragt haben: Was, wenn der Regen nicht aufhört? Wie sollen die Ihram trocknen? Drei Tage in einen feuchten, nassen Ihram können mehr als nur ungemütlich werden. Dazu kommen noch lebensgefährliche Probleme. Zum einen klettern viele Pilger auf die Berge und bauen dort ihre Zelte auf. Durch die Nässe werden die Felsen glitschig, wodurch die Pilger leicht abrutschen und in die Tiefe stürzen können. Zum anderen gibt es Gräben, die sich bei Regenfällen mit Wasser füllen. Sie sind zwar nur ein bis zwei Meter breit, reißen aber schnell jemanden mit, der versehentlich stolpert. Spätestens jetzt wird klar, dass viele Hinweisschilder nicht umsonst vor den Regenfällen warnen. In Jeddah ertrinken an diesem Tag 44 Menschen, in Mekka vier. Pilger waren keine unter ihnen.

Es sollte bei diesem einen Regentag bei der diesjährigen Hadsch mit seinen zweieinhalb Millionen Teilnehmern bleiben. So konnte Msanhu bei leichter Bewölkung den neunten Dhu’l-Hidscha in vollen Zügen geniessen. Der 26-jährige Student steht im Tal von Arafat hebt seine Hände in die Höhe und betet lange Zeit. „Arafat ist für mich immer der beste Tag. Ich lese Qur’an, mache Du’a.“ Der Prophet Muhammad sagte, dass Hadsch gleich Arafat ist und das Allah an keinem anderen Tag so viele Menschen vor der ewigen Pein rettet.

Msanhu ist mit 16 Jahren zum Islam übergetreten. Seit dem nennt er sich Isa. „Ich habe Jesus schon vor dem Islam so sehr geliebt, deshalb habe ich diesen Namen ausgewählt.“ Nach ihm konvertierten seine Eltern und auch noch vier Geschwister. Sie gehören in dem südafrikanischen Land einer kleinen muslimischen Minderheit von nicht einmal einen Prozent an. Dieses Jahr ist es Msanhus fünfte Pilgerfahrt. Er studiert in Medina, hat es also nicht weit.

Was macht diese Pilgerfahrt 2009 besonders? „Ich habe das Gefühl, dass dieses Jahr weniger Pilger hier sind als im letzten Jahr.“ Die Zahlen geben ihm Recht: Letztes Jahr sollen es über drei Millionen gewesen sein, also ca. 500.000 mehr. Viele Muslime kamen wegen der Schweinegrippe in diesem Jahr nicht zur Pilgerfahrt. Tunesien zum Beispiel ließ seine Bürger nicht ausreisen, an unter 12- und über 65jährige erteilten die saudischen Botschaften keine Visa und viele Muslime aus der ganzen Welt verschoben freiwillig ihre Hadsch. Vor Ort hat das Gesundheitsministerium einiges unternommen: Große Banner, Flyer und Poster raten, sich die Hände oft zu waschen, sich nicht ausgiebig zu umarmen, in ein Taschentuch zu niesen und sich möglichst impfen zu lassen. Das Fernsehen übertrug, wie der Gesundheitsminister und seine Tochter sich persönlich impfen ließen. Pro oder contra Impfung? Unter den Pilgern geht darüber die Meinung genauso weit auseinander wie hier in Deutschland. Nasr aus Kairo: „Ich habe mich impfen lassen. Zwei Tage lang tat mein Armmuskel ein wenig weh, dafür bin ich jetzt geschützt. Meine Frau ließ sich allerdings nicht impfen.“ Die traurige Bilanz hier: Vier Pilger erliegen der Schweinegrippe.

Nach dem Tag von Arafat verbringen die Pilger die Nacht auf den offenen Straßen und Plätzen von Muzdalifa. Keine Zelte, keine Häuser oder Autos – hier ist der Himmel das Dach, unter dem sie schlafen. Mohammed aus Frankreich war einer der ersten, die das Tal erreichten. Kaum war es so weit, liess er sich erschöpft nieder und schlief ein. „Das war wohl ein Fehler. Aber ich bin halt zum ersten Mal hier“, erklärt er. Denn nach ihm müssen Hunderttausende von Pilgern direkt an seinen Kopfkissen vorbeimarschiert sein. Sie waren auf der Suche nach einem freien Stück Asphalt zum Schlafen, nur ca. 70 mal 180 cm groß, im hinteren Teilen des etwa 2,5 Kilometer langen Tales, da im vorderen Teil schon alles besetzt war. Mohammed schlief seelenruhig, bis er aufwachte und merkte, wie die Massen an ihn vorbei strömten. Die Hadsch ist einzigartig. Kann man irgendwo anders von so vielen Menschen geweckt werden? Mohammed stand auf und stieg ein paar Meter auf einen Berg, um nicht mehr im Wege zu liegen und sich das Szenario von oben statt von unten anzuschauen.

Am nächsten Morgen, den 10. Dhu’l Hidscha, geht es dann zum Steinigen der großen Dschamarat-Säule in Gedenken an den Propheten Ibrahim, der an dieser Stelle den Schaitan verjagte. Dann schneiden sich die Pilger die Haare und kehren nach Mekka zurück, um die Kaaba sieben Mal zu umrunden (Tawaf). Es herrschte eine unglaubliche Ruhe beim Tawaf. Unglaublich, weil die Pilger hier bei der Kaaba nicht alleine, sondern mit einer vermutlich sechsstelligen Zahl an Pilgern zusammen sind. Und trotzdem ist das Einzige, was man hört, ab und zu ein leichtes Zischen von Jemanden, der einen Rollstuhl schiebt und gerne vorbei möchte. Ein solches Gefühl der stillen Zufriedenheit gibt es nicht oft im Leben. Die Pilger sind erschöpft und glücklich zugleich. Es kann Momente im Leben geben, in denen die gläubige Muslimin beziehungsweise der gläubige Muslim mit sich selbst relativ im Reinen ist. Wo, wenn nicht in Mekka und an den heiligen Stätten? Wann, wenn nicht jetzt bei der Hadsch?

Überhaupt herrschte eine friedliche Atmosphäre bei der Hadsch. Da wurde ein kleiner, gebrechlicher Pilger, vielleicht aus Afghanistan stammend, von einem Ellenbogen zur Seite gestoßen. Ein gut 30jähriger stämmiger Kerl bekam eine Tasche über den Kopf gezogen, als er gerade mit drei Freunden picknickte. Ein anderes Mal trampelte ein Pilger versehentlich auf einen schlafenden Glaubensbruder. Es gab etliche Beispiele wie diese und sie hatten alle eines gemeinsam: Die oder der Gepeinigte reagiert kaum, schluckt tief oder wirft höchstens mal einen vorwurfsvollen Blick zu. Der Ihram zügelt das Temperament der Pilger. Die Ruhe blieb auch an den beiden letzten Tagen der Hadsch, an denen die Pilger den Schaitan erneut symbolisch steinigen. Keine Frage, das Bittgebet Ibrahims ist in Erfüllung gegangen: „Und damals sagte Ibrahim: ‚Mein Herr, mache diese Stadt zu einer Stätte des Friedens und bewahre mich und meine Kinder davor, die Götzen anzubeten.’“

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