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Halal-Zerfizierung: Bisher wurde zu wenig gefragt, ob und für wen der globale Trend von Nutzen ist. Von Sulaiman Wilms

Fragen an den globalen Hype

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(iz). Milliarden-Gewinne soll sie einfahren und dazu noch eine Wachstumsfunktion für Muslime in aller Welt haben. Die Rede ist von der globalen Halal-Industrie für Lebensmittel, Kosmetika, Medikamente und damit verbundene Dienstleistungen. Ihre Wachstumsrate in den letzten Jahren soll nach Angabe von Brancheninsidern phänomenal sein. Weitere Gewinne werden erwartet.

So bleibt es nicht verwunderlich, dass sich globale Unternehmen, Fachjournalisten, Aussteller und Agenturen seit geraumer Zeit auf diese Sparte des globalen Marktes gestürzt haben. Bisher ist – im Falle von Deutschland – bei den einfachen Muslimen nicht viel angekommen. Reale Gewinne und Zuwächse hatte vor allem die – nichtmuslimische – Industrie zu verzeichnen, für welche die Erlangung eines begehrten Halal-Zertifikats vor allem Verkaufsvorteile auf relevanten nationalen und internationalen Märkten bedeutet.

Zwischen bestehenden Einrichtungen in Deutschland besteht daher vor allem ein Wettbewerb darüber, wer bei der Vergabe von Zertifikaten – vor allem für die großen Produzenten – die Nase vorn hat. Zu Debatten – wenn sie überhaupt an die Öffentlichkeit dringen – kommt es dann vor allem bei der Frage, wer über die islamrechtlich und lebensmitteltechnologisch besten Prüfstandards verfügt. Grundsätzliche Fragen über Sinn und Unsinn der Zertifizierung und ihres etwaigen Nutzens für die weitere muslimische Community in Deutschland wurden bisher nur selten debattiert.

Zur grundsätzlichen Debatte über die Halal-Zertifizierung finden sich nun interessante Aspekte in einer Freitagsansprache des Gelehrten und derzeitigen Imam Al-Khatibs der Freitagsmoschee im südafrikanischen Kapstadt, Schaikh Habib Bewley. Das Halal-Zertifikat, welches die muslimische Welt im letzten Jahrzehnt im Sturm erobert habe, bedeute ein „großes Geschäft“. Nach Angaben des Internationalen Marktbüros von Kanada sei der „Halal-Stempel“ jährlich 560 Milliarden US-Dollar schwer.

Auch wenn die Absichten derjenigen, die den Zertifizierungsprozess und dessen Umsetzung mit ehrenhaften Absichten vorangetrieben hätten, und die Dinge für muslimische Verbraucher einfacher machen wollten, lauter seien, hätte dies eindeutige negative Folgen nach sich gezogen.

Zuerst einmal führt die Zertifizierung zu dem Trugschluss, dass alle Produkte, die keinen Halal-Stempel hätten, als Haram verstanden werden könnten. Einige ausgebende Körperschaften würden diese Sichtweise sogar bestärken. Dies sei das vollkommene Gegenteil eines der zentralen Prinzipien des islamischen Rechts. Denn alles ist so lange halal, bis es einen Beweis für das Gegenteil gibt. Allah sagt im Qur’an: „O ihr, die Iman habt! Macht nicht die guten Dinge haram, die Allah für euch halal gemacht hat.“ Allah ist derjenige, der über halal und haram entscheidet, und nicht wir.

Das zweite, grundlegende Problem bei der bisherigen Halal-Zertifizierung bestehe darin, dass die beantragenden Firmen dafür bezahlen müssten und dann dafür anfallende Kosten an die Verbraucher weitergeben müssten. Und so sei dies zu einer Art Steuer geworden, bei der den einfachen Muslimen Geld entzogen und an die Prüforganisationen weitergegeben werde. „Geht in den Supermarkt und ihr werdet feststellen, dass Lebensmittel, die nicht mit einem Halal-Siegel versehen sind, billiger als ihre Halal-Gegenparts sind.“

Drittens erlitten nicht nur die Konsumenten einen finanziellen Nachteil als Ergebnis der jetzigen Zertifizierung, sondern auch viele kleine muslimische Unternehmen. Bevor der Halal-Stempel allgemein ver­breitet war, hätten die meis­ten Muslime ihr Fleisch von ihrem lokalen Halal-Fleischer gekauft. Aber seit dem Erfolgszug der Siegel hätten die kleinen Geschäfte viele Kunden an Supermärkte verloren.

Des Weiteren führe dies zu einer Kultur des Misstrauens, bei der ein gedrucktes Siegel wertvoller geworden sei als das Wort eines Muslims. Es sei vielfach nicht mehr ausreichend, wenn jemand von Angesicht zu Angesicht sage, dass das in einem Restaurant angebotene Fleisch halal sei. Heute verlangten die Kunden die Vorlage einer Bescheinigung. „Eine Gemeinschaft ohne Vertrauen ist schwach und gespalten.“

Es wäre unsinnig, den Markt für Halal-Produkte negieren zu wollen. Wichtig ist aber für die hiesige muslimische Community, dass sich diese Entwicklung in eine Richtung bewegt, die sowohl dem Geist des Islam gerecht wird als auch sich an ihrem Nutzen orientiert.

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