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Hamburg: Institut wurde für seine Leistungen ausgezeichnet. Von Safia Bouchari, Mainz

Aufklärung über Islam

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(iz). Es gibt muslimische Einrichtungen, die teils seit vielen Jahren eine gute und produktive Arbeit leisten, in der breiteren Öffentlichkeit, und selbst in der muslimischen Gemeinschaft, aber relativ wenig bekannt sind. Eine davon ist das Islamische Wissenschafts- und Bildungsinstitut in Hamburg, das eine in Deutschland vielleicht einzigartige Einrichtung ist.

Der Islamwissenschaftler Ali Özgür Özdil, Gründer und Leiter des Instituts, ist durch zahlreiche Aktivitäten im Bereich der Religionspädadogik und des interreligiösen Dialogs sowie als Autor zahlreicher Publikationen seit langem bekannt.

Gegründet worden sei das IWB, so Özdil, aus den Erfahrungen heraus, die er bei der konzeptionellen Mitarbeit am Hamburger Modell des islamischen Religionsunterrichts gemacht habe, nämlich dass die christlichen Kirchen über eigene religionspädagogische Institute verfügen und es vergleichbares bei Muslimen in Deutschland nicht gab.

Nachdem er seine Magisterarbeit – zum Islamischen Religionsunterricht – verfasst hatte, ergab sich die Gelegenheit, vom Bündnis der Islamischen Gemeinden in Norddeutschland (BIG) ein größeres Gebäude zur Verfügung gestellt zu bekommen, für das Özdil dann ein Nutzungskonzept erstellte.

So kam es dann Anfang 2003 zur Gründung des Instituts, von Beginn an mit der Absicht, mit kirchlichen und staatlichen Stellen auf institutioneller Ebene zusammenzuarbeiten. Özdil ist sowohl Direktor des Instituts als auch Vorsitzender des Vereins, doch gibt es natürlich auch einen Vorstand und ein Kuratorium, in der unter anderem die zweite Bürgermeisterin Hamburgs und die Bildungssenatorin Mitglieder sind – neun von 14 Kuratoriumsmitgliedern sind übrigens Christen. Neben ihm selbst als hauptamtlichem Mitarbeiter sind derzeit zwei Honorarkräfte im IWB tätig, und immer wieder auch Praktikanten. Nicht zuletzt gibt es auch ehrenamtlich Tätige.

Das IWB beinhaltet heute eine Lernwerkstatt, in der nach Anfrage von Lehrern Lehr- und Unterrichtsmaterialien zu Themen im Religionsunterricht entliehen werden können, gegebenenfalls aber auch eigens entwickelt werden. Ali Özgür Özdil macht zudem zahlreiche Lehrerfortbildungen über islamische Themen in ganz Deutschland und auch Österreich und entwickelt dafür Lernmaterialien. „Ich habe festgestellt, dass nicht nur Lehrerinnen und Lehrer oder Kindergärtnerinnen, sondern alle möglichen Berufsgruppen, die mit Islam und Muslimen zu tun haben, bei uns anfragen. Da ruft zum Beispiel ein Militärpfarrer an und fragt, ob ich nicht einen Vortrag für Bundeswehrsoldaten halten könnte; ich werde in ein Hospiz eingeladen, um über das Thema Tod im Islam zu sprechen, oder in die Universitätsklinik, um dort kultursensible Pflege mit dem Krankenhauspersonal zu machen, oder zu einer Konferenz von Frauenärzten“, erzählt Özdil. Nicht, dass er alles selber machen könnte – Herr Özdil vermittelt auch andere Referenten.

Weitere Arbeitsfelder des IWB sind zum Beispiel das Projekt „Talentschmiede“ zur Förderung muslimischer Kinder im Vorschulalter, die Organisation und Vermittlung von Moscheeführungen und die Fortbildung von Personen für diese Aufgabe. Im IWB gibt es auch Ausstellungen, die Schulklassen besuchen und wo sie mit Materialien projektorientiert arbeiten können.

In den 90er Jahren hat Özdil auch an vielen Veranstaltungen im Rahmen des interreligiösen Dialogs teilgenommen. „Ich habe aber gemerkt, dass ich heute noch zu 90 Prozent dieselben Fragen über Islam und Muslime gestellt bekomme wie schon vor 15 oder 17 Jahren, zum Beispiel die nach dem Kopftuch. Deswegen habe ich ein wenig die Lust darauf verloren, und vermittle eher andere Personen, die das machen“, meint er. Allgemein sei ihm der Dialog zwar immer noch sehr wichtig, er bilde jedoch keinen Schwerpunkt beim IWB mehr.

Obwohl der Dialog etwa auf Ebene von Moscheeführungen noch immer zahlreich stattfinde, hat sich aus Sicht Özdils seit den 90er Jahren auch etwas zum Negativen verändert: „Ich kenne es noch aus der Lehrerfortbildung, dass zwar sehr viel Unwissen und Vorurteile da waren, man damals aber noch sehr neugierig war und sehr viel gefragt hat. Heute ist es so, dass die Menschen viel aggressiver sind. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass viele Lehrer mit der kulturellen Vielfalt in der Schule überfordert sind und deswegen auf den Tisch hauen und sagen, hier gelten unsere Regeln, Werte und Normen, und ihr habt euch anzupassen. Der Ton hat sich geändert.“

Die klar islamfeindlichen Personen träten, etwa bei Veranstaltungen, heute auch selbstbewusster, ausgesprochener und aggressiver auf als früher, meint der Islamwissenschaftler. „Die anderen schweigen dann oft betreten, wodurch die Islamfeinde wiederum das Gefühl haben, die Mehrheit stehe hinter ihnen, weil keiner sie kritisiert.“

Es verwundert immer wieder, warum es in Deutschland, anders als in manchen anderen europäischen Ländern, relativ wenig muslimische Kindergärten und fast gar keine muslimischen Schulen gibt. Wo sieht Ali Özgür Özdil als Kenner der Szene die Ursachen dafür? „Das hat verschiedene Gründe. Wenn wir das Beispiel Österreich nehmen, so hat dieses Land eine viel längere Migrationsgeschichte von Muslimen als Deutschland, und Bosnien-Herzegowina hat ja sogar für einige Zeit zu Österreich gehört. Seit 1915 ist der Islam dort als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Und wenn man mit Großbritannien und Frankreich vergleicht, so waren die Muslime, die dort hin gekommen sind, häufig schon Staatsbürger dieser Länder, aufgrund der Kolonialgeschichte, und zweitens konnten viele bereits die Sprache. Das sind ganz andere Voraussetzungen, als sie die vorwiegend türkischen Migranten hierzulande hatten – erstens waren sie Ausländer ohne deutschen Pass, und zweitens beherrschten sie die Sprache nicht. Deshalb hinken wir, was diese Dinge betrifft, mindestens eine Generation hinterher.“ Er nennt aber auch noch eine andere Erklärung: „In der deutschen Geschichte war es immer so, dass das Fremde entweder assimiliert oder segregiert wurde. Die Integration von Fremden ist für die deutsche Gesellschaft heute eine neue Erfahrung. Daher sind auch große Teile der Mehrheitsgesellschaft entweder nicht bereit oder nicht fähig, andere zu integrieren.“

Im vergangenen November wurde die Arbeit Özdils und des IWB gleich mit zwei Preisen gewürdigt. Zum einen für das IWB im Rahmen des 4. Hamburger Integrationspreises „Geh mit mir auf uns zu!“ ein Anerkennungspreis für das Engagement im interreligiösen Dialog, speziell für ehrenamtliche Moscheeführungen zur Förderung des Dialogs im Schulkindalter. Daneben erhielt Ali Özgür Özdil von der Stiftung Apfelbaum, Lernprojekt für Ko-Evolutuion und Integration in Köln, den INTR’A-Projektpreis. Dieser Preis über 5.000 Euro wird jährlich an einzelne Personen, Gruppen oder Einrichtungen vergeben, die „in Wort und Tat für Komplementarität der Religionen eintreten“. Davon habe man gleich eine dritte Honorarkraft eingestellt, erzählt Özdil. „Und es motiviert uns natürlich auch sehr, weiterzumachen.“

Webseite des Instituts: www.iwb-hamburg.de
Ali Özgür Özdils Webseite: www.islamexperte.de

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