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Handel im Islam: Aktuelle Krise eröffnet neue Möglichkeit für das Konzept der freien Märkte. Von Yasin Alder, Bonn

Alles andere als nostalgisch

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(iz). Angesichts der anhaltenden Finanzkrise sind alternative ökonomische Modelle, die sich an klassischen, nachhaltigen Konzepten, wie sie über Jahrhunderte funktioniert haben, orientieren, wieder aktueller geworden und finden zunehmend Interesse und Beachtung, die sie in den zurückliegenden Jahrzehnten vorherrschenden Stimmung scheinbar endlosen Wachstums und des „Weiter so!” kaum bekommen haben. Ein Beispiel dafür ist der klassische Marktplatz in Kontrast zum modernen Supermarkt oder der Mall. Der Einzelhandel ist in den letzten drei Jahrzehnten vor allem in den entwickelten Ländern durch eine immer stärkere Konzentration auf Supermärkte und große Ketten mehr und mehr verschwunden – sein Brot kauft man nicht mehr beim Bäcker XY um die Ecke, sondern im Supermarkt oder der Filiale einer landesweiten Bäckereikette. Ähnliches gilt für die meisten anderen Branchen.

In den so genannten weniger entwickelten Ländern spielen sich ähnliche Tendenzen ab, auch wenn beispiels­weise in den muslimischen Ländern der traditionelle Markt (arab. Suq, pers. Bazar) und die ländlichen Märkte, die an einem bestimmten Tag der Woche in den Marktorten stattfinden, noch immer eine erhebliche Rolle spielen.

Supermärkte und Discounter ersetzten den freien Handel durch monopolisierte Distribution, sie vernichteten viele Arbeitsplätze und Selbstständig tätige im Handel und können durch ihre monopolisierte Marktmacht auch im Einkauf oftmals die Preise diktieren oder zumindest erheblichen Druck ausüben. In Deutschland beispielsweise können die Milchbauern zu den geringen von den Supermarktkonzernen gezahlten Preisen kaum noch kostendeckend produzieren, sie sind dadurch in existenzielle Schwierigkeiten geraten.

Dass offene Märkte traditioneller Art gerade in den gegenwärtigen Krisenzeiten wieder relevant werden können, zeigt auch das Beispiel Argentinien, wo solche Märkte in letzter Zeit verstärkt entstanden sind.

Auch und gerade im muslimischen Bereich gibt es Denklinien, die den ursprünglichen freien Handel auf freien Märkten wiederbeleben wollen. Hier kann jeder, ohne Unterschied, seine Waren anbieten, ohne von Monopolen verdrängt zu werden, ohne Standgebühren und ohne feste Standorte. Damit gehen solche Märkte direkt auf das Beispiel aus dem Medina des Propheten und der ersten Generationen zurück und damit noch vor die später entstandenen Suqs oder Bazare, in denen es schon feste Ladenlokale gibt. Die Organisation solcher Märkte nach der authentischen islamischen Tradition erfreut sich unter verschiedenen muslimischen Gemeinschaften weltweit zunehmender Beliebtheit. Es gibt, darunter teilweise in Europa, einige interessante Marktprojekte, die – als Events präsentiert – vor allem als Anschauungsbeispiele dienen sollen, wie solche Märkte aussehen könnten, und die zur Nachahmung anregen wollen.

Beispiele solcher Pilot-Marktprojekte, die in diesem Jahr stattfanden, finden sich in Norwich (Großbritannien), Potsdam (Deutschland), Mértola (Portugal) oder Bandung (Indonesien).

Vom 21. bis 24. Mai fand in der portugiesischen Stadt Mértola bereits zum fünften Mal das „Islamic Festival” statt, das eine Kooperation der Stadtverwaltung und der Islamischen Gemeinschaft Spaniens darstellt. Das Festival findet alle zwei Jahre statt und wurde auch in diesem Jahr wieder von einer hohen Zahl von Besuchern aufgesucht. Mit einem bunten muslimischen Kunsthandwerkermarkt bot der Markt eine schöne ­Gelegenheit, den Besuchern ein ansprechendes Bild des Islam und der Muslime zu präsentieren. Die Stadt Mértola hat eine lange Geschichte und war Teil des islamischen Al-Andalus; in ihr befindet sich heute die einzige erhaltene Moschee aus jener Zeit in ganz Portugal. Während viele Besucher, die teils von weit her kommen, von der bunten Atmosphäre angezogen wurden, kamen andere auch ganz gezielt, um mehr über den Islam und das Leben der Muslime zu erfahren. Verschiedene Händler vor allem aus Spanien boten eigene kunsthandwerkliche Produkte sowie Waren aus der muslimischen Welt an.

Neben dem Markt fanden im Programm des Festivals auch zwei Vorträge statt, die einen komplementären Aspekt zu dem bunten Markttreiben in den Straßen bieten sollten und in denen es um grundlegende Themen des Islam ging. Sie wurden von mehreren hundert Personen besucht. Ein Vortrag befasste tiefgründig sich mit der aktuellen Krise des Finanzsystems und den Antworten und Alternativen des Islam darauf.

Während des Marktes in der Altstadt von Mértola wurde sogar zu den Gebetszeiten der muslimische Gebetsruf ausgerufen und während dem Gebet, das auf dem zentralen Platz des Ortes stattfand, schlossen die Marktstände. Hinzu kam ein Informationsstand der Islamischen Gemeinschaft mit Büchern, audiovisuellen und anderen Medien. Abgeschlossen wurde das Festival mit einem Abend der Rezitation und der Erinnerung, gefolgt von einer Ansprache und einem offenen Abendessen. Auch zu dieser Veranstaltung kamen interessierte Nichtmuslime.

Auch der Markt in Bandung, der Hauptstadt von West-Java in Indonesien, stand unter dem Motto des Dinar und Dirham. Das „1st Dinar Dirham Market Day Festival” fand dort am 10. Mai statt. Gerade in Indonesien und Malaysia ist seit längerem das Interesse an Dinar und Dirham als alternativer Währung der Muslime besonders groß. Dort konnten Käufer ihre mitgebrachten Rupiahs in Dirham und Dinar umtauschen und dann damit bezahlen. Insgesamt fand an diesem Tag eine große Zahl solcher Transaktionen statt. Der Markt war von JAWARA (Dinar Dirham Users Network of Nusantara) organisiert worden, in Zusammenarbeit mit Wakala Induk Nusantara (WIN) und Wakala Sauqi of Bandung. Auch dieser Markt wollte ein Beispiel setzen für die Wiederbelebung des islamischen offenen Marktes und der Benutzung von Silber-Dirham und Gold-Dinar als Austauschmittel. Solche offenen Märkte sind heute in Indonesien sehr selten geworden. Früher gab es, wie in anderen muslimischen Regionen auch, offene Märkte, die sich innerhalb einer Region die Woche hindurch von einem Ort zum anderen bewegten und nach dem Wochentag benannt wurden: So fand in Ort A der Montagsmarkt statt, in Ort B der Dienstagsmarkt und so weiter. Heute haben auch oder gerade auch in Indonesien Supermärkte und Malls diese traditionellen Marktstrukturen verdrängt.

Am Dinar und Dirham Markt in Bandung nahmen rund 35 Händler teil, die verschiedenste Produkte anboten, darunter Kleidung, Spielwaren, Bücher, Geschenkartikel, aber auch Lebensmittel und Heilkräuter. Alle Preise waren in Rupiah als auch in Silber-Dirham angegeben; wenn nötig wurde auch kombinierte Zahlungen in beiden Währungen akzeptiert. Für den Umtausch vor Ort wurden 1 Dirham und 5 Dirham als Silbermünzen und 1 Dinar als Goldmünzen angeboten.

Die Veranstalter zeigten sich zufrieden vom Zuspruch der Besucher. Auch weitere Charakteristika eines islamischen offenen Marktes in der Tradition des Gesandten Allahs, Friede sei auf ihm, wurden an diesem Markt umgesetzt: Es gab keine Standgebühren, keine Steuern, und kein privaten Besitz an Marktflächen. Ein Muhtasib (Marktaufseher) wurde bestimmt, um die Aufsicht über den Markt auszuüben und sicherzu­stellen, dass die Marktaktivitäten nicht gegen die islamischen Regelungen und Gesetze verstoßen.

Zwar sei der Markt vergleichweise klein gewesen, sagt Zaim Saidi von den Organisatoren, doch solle er nur den Anfang einer Serie von Märkten darstellen, die regelmäßig und in verschiedenen Städten Indonesiens, wie Bandung, Jakarta und Jogyakarta, stattfinden sollen. Der sehr positive Zuspruch der Besucher, die begeistert die alte muslimische Markt- und Währungstradition wiederentdeckten, so Saidi, gebe dafür weitere Motivation.

„Wir haben acht Jahre gewartet, dass dieser Markt stattfindet”, sagte beispielsweise Sufi Sophia, eine der Händlerinnen, die an diesem Tag viele Dirham eingenommen hat. Die Veranstalter JAWARA und WIN hoffen, dass dadurch die bimetallischen Münzen, insbesondere der Silber-Dirham, eine erhöhte Verbreitung erhält.

In der direkt neben dem Marktplatz gelegenen Daarut Tauhid Moschee fand ergänzend zum Markt ein öffentliches Seminar über die globale Finanzkrise und Dinar und Dirham als Lösungen dafür statt. WIN gab anlässlich des Mark­tes auch die Herausgabe einer neuen Prägung des Gold-Dinar bekannt. Sie enthält auf der einen Seite das Bild der Masjid Agung, der Großen Moschee, von Demak, welche die erste große Moschee war, die in Java errichtet wurde, und daher eine hohe symbolische Bedeutung hat.

Auch im englischen Norwich hat im Mai diesen Jahres eine Gruppe engagier­ter Muslime, das Open Trade Network, beim jährlich stattfindenden großen Norfolk & Norwich Festivals die Gelegenheit erhalten, eine zweitägigen offenen Markt nach islamischen Prinzipien im Stadtzentrum abzuhalten. Auch hier, wie in Portugal oder Deutschland, war ein wichtiger Punkt des Marktes die dadurch erreichten verbesserten Beziehungen zu den jeweiligen Stadtverwaltungen, lokalen Autoritäten und wichtigen Persönlichkeiten. Auf dem Markt hatten sich etwa 20 Händler, sowohl Muslime als auch Nichtmuslime, eingefunden.

Der Markt war zudem verbunden mit einem Tag der Offenen Tür in einer ­örtlichen Moschee in unmittelbarer Nähe, mit einer Ausstellung über die ­lokale muslimische Gemeinschaft sowie einigen Vorträgen und Workshops. So wurden auch hier Markt und Moschee zusammen präsentiert. Auch das Open Trade Network in Norwich möchte sich gern mit anderen Marktorganisatoren und Händlern stärker vernetzen und ­zusammenarbeiten.

Diese Märkte sind insofern etwas ­besonderes, als es zwar auch in anderen europäischen Städten, wie beispiels­weise in den belgischen Städten Brüssel und Liège oder in mehreren größeren deutschen Städten, Märkte gibt, die über einen hohen Anteil muslimischer Händler verfügen und zu großen Teilen von Muslimen, aber auch Nichtmuslimen besucht werden, doch werden diese in der Regel nicht von Muslimen organisiert und, vor allem, sind sie nicht nach den islamischen Regeln organisiert. Auch von der Produktauswahl und Präsentation sind sie oft wenig attraktiv und daher insgesamt kaum mit den erwähnten Projekten vergleichbar. Nichtsdestotrotz sind sie ein gewisses Poten­zial, das zeigt, das offene Märkte noch lebendig sind und auch mit anderer, bewusst islamischer Herangehensweise erfolgreich sein könnten.

Man mag solche vergleichweise kleinen Projekte wie die oben beschriebenen belächeln, auch angesichts der scheinbar unbeschreiblich übermächtigen Handelskonzerne. Es sind kleine Pflänzchen, die zeigen, wie es auch gehen kann, und die eine nachhaltige Alternative darstellen können, je mehr Menschen sie aktiv aufgreifen.

Die gegenwärtige Krise hat schließlich gezeigt, dass Umbrüche schneller kommen können, als erwartet.

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