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„Hart aber Fair” zu Islam: Enissa Amani und die Reaktionen auf sie zeigen, was falsch läuft

Meinung: Eine ungewohnte Stimme hebelt die gewohnte Eintönigkeit aus und das passt so einigen nicht

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Screenshot | ARD

(iz). Bei “Hart aber fair” ging es diesmal wieder worum? Natürlich um das Eine. Unter dem Titel „Islam ausgrenzen, Muslime integrieren – Kann das funktionieren?“ Eine Mehrheit der Gäste fand, wie in so ziemlich allen Sendungen zum Thema, Islam nicht ganz so toll, gelinde ausgedrückt. Ideologen, die sich „Islamkritiker” schimpfen, nehmen dabei ein ganzes Stück Bühne ein, von der Moderation gänzlich unhinterfragt. Natürlich wirken die Stimmen, die in der Eintönigkeit platter Phrasen einen anderen Ton anschlagen, geradezu verrückt.

Diesmal war es die Comedy-Größe Enissa Amani. Die kluge Akademikerin wurde nicht wegen ihres Fachwissens eingeladen. Sie ist der Star, der dem aussterbenden Programm junge Zuschauer besorgen sollte. Obwohl die ganze Sendung auf negativ-eingestellte Ü50-Jährige ausgelegt ist. Am Tag nach der Sendung wird Amani regelrecht zerrissen. Denn sie dominierte den Abend und das auf eine Weise, mit der man offenbar nicht gerechnet hatte. Das Setting aus Abdel-Samad, Hermann und Özdemir gab drei Muslimen gegenüber verschiedenartig eher bis absolut negativ gestimmte Perspektiven ab. Lediglich Dua Zeitun, die als Einzige in der Runde den Zusatz Expertin hätte tragen dürfen, stand mit ihrer Arbeit wohl für die positive Stimme. Ausgangslage also: 3:1 + Enissa Amani als Wildcard ohne direkte Zuordnung.

Und dann tat die Entertainerin das, was sie am besten kann – den unfreiwilligen Humor der Sendung aufzeigen. Und plötzlich verlief nichts mehr nach standardisiertem Talk-Show-Plan. In der „Welt” und der „Bild” wird Enissa Amani dafür teilweise harsch angegriffen. Man muss nicht einmal zwischen den Zeilen lesen, um zu erkennen, dass die Autoren ein persönlich werdendes Problem mit der jungen Dame zu haben scheinen. Man setzt dem Publikum, das hauptsächlich aus alten Männern besteht, eine junge Entertainerin vor und versteht ihre Dominanz dann nicht.

In den ganzen Rezensionen, die medienübergreifend komplett von Männern stammen, schwingt ein bestimmter Vorwurf mit: Enissa sei eine laustarke Zicke gewesen. Ein Schelm, wer jetzt denkt, deutsche Medien hätten ein Problem mit lebhaften Frauen. Ja, Amani war emotional. Ihre prägnante Stimme tut ihren Dienst und die Erfahrung als Angehörige einer Minderheit bleibt nicht unterdrückt. Abdel-Samad wirft ihr daraufhin vor, eine „Opferrolle” zu bedienen. Opfer ist Amani aber keineswegs, sie ist klug, erfolgreich und gewieft – alles aus eigenem Engagement. Die Ironie ist, dass im Nachhinein vorgeworfen wird, Enissa habe die Anderen zu ihren Opfern gemacht, durch ihre „anstrengende Dominanz”, wie es in der „Welt” heißt. Vom Titel des Welt-Textes „Auf diese Fürsprecherin können Muslime gut verzichten” ganz zu schweigen. Immer lustig, wenn nichtmuslimische Meinungsmacher darüber verfügen möchten, durch wen sich Muslime angesprochen fühlen sollen.

Nein, nicht nur die Talk-Show selbst, sondern auch ihre Nachbetrachtung ist eine Farce. Amani ist unangenehm, weil sie vorzeigt, wie einfach es ist, die Gesamtlogik dieser Scheindebatten rund um Islam und Muslime auszuhebeln. Wenn Amani zu emotional, zu trotzig, zu selbstbemitleidend ist, wo sind dann die Argumente, durch die man sie inhaltlich hätte überzeugen oder zumindest in den Schatten stellen könnte?. Richtig, sie sind nicht existent oder bislang auf mysteriöse Weise verborgen. Damit untermalt man, dass es in dieser x-ten „Islamdebatte” also auch nur darum geht, wer am lautesten ist und das dann auch durchaus so durchgeht. Ein Sinnbeispiel dafür, dass die Industrie dahinter auf Hysterie aufbaut, statt auf inhaltlichem Diskurs.

Von Enissa Amani genervt sein und sie zu kritisieren, ist ziemlich einfach. Aber zu verstehen, warum sie diesen Raum so einnahm und offenbar einnehmen musste, ist eine Herausforderung. Sie hat verhindert, dass in der Sendung auf sie und auf Andere herabgeblickt wurde. Das wird jetzt in Rezensionen nachgeholt. Der herablassende Ton, in dem ihr explizit vorgeworfen wird, Probleme zu relativieren, tut genau dies selbst. Alles was Amani sagte und zu sagen versuchte, wird relativiert. Einige Medienmacher scheinen im Nachhinein die Ausgangslage 3:1 noch unausgeglichener ausweiten zu wollen. Weil die Rechnung nicht aufgegangen ist. Enissa Amani ist nicht der Grund, warum die Debatte nicht funktionierte. Enissa Amani ist der Indikator dafür gewesen, dass es nie eine echte Debatte war und das kann man als genialen Zug der Komödiantin, Schauspielerin und Moderatorin werten.

Dieser Text ist ein Meinungskommentar des Autors

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