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Heimat Europa

Wo gehen wir hin? Ahmet Aydin stellt Fragen an den Geist eines Kontinents

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Foto: Pixabay.com | Lizenz: CC0 Public Domain

„Sieht er im Osten den Blitz, so strebt er zum Orient; im Westen leuchtet er ihm, so lockt ihn der Okzident. Mein Sehnen gilt dem Blitz und seinem leuchtenden Strahl; es gilt den Orten nicht, dem staubbedeckten Tal.“ (Ibn ‘Arabi, 1160 in Murcia – 1245 in Damaskus)

(iz). Wer meine Vorfahren im 19. Jahrhundert gefragt hätte, ob sie sich vorstellen können, dass ihre Nachfahren in Deutschland heimisch sein würden, hätte vermutlich eine Verneinung als Antwort erhalten – doch nun bin ich hier, lese Ibn ‘Arabi – auf Deutsch – und schreibe diesen Text – in deutscher Sprache. Als Abdarrahman I. (geb. 731 in Damaskus, regierend in Córdoba ab 756) auf der iberischen Halbinsel ankam, dichtete er noch voll Sehnsucht: „Du weißt, in diesem Land hier ist mein Leib, doch was mein Herz beherrscht, ist anderswo.“ 300 Jahre später dichtete der 1058 bei Valencia geborene Ibn Khafadscha:

„Al-Andalus, ihr Leute, ist ein Wunder:
voll Wasser, Schatten, Flüssen, hohen Bäumen.
Der Garten Eden ist bei euch allein;
nie würde andre Heimat ich mir wählen.
Drum fürchtet nicht die Hölle: niemand kommt
ins Höllenfeuer nach dem Paradies!“

Meine Heimat ist Europa, Europa ist mein Paradies! So lautet die Aussage des muslimischen Dichters, Ibn Khafadscha! Er spricht von einem Teil Europas, vom ersten und in dieser Art einzigartigen in der gesamten europäischen Geschichte, in der ein Austausch von Menschen verschiedenen Glaubens stattfand: „Komm, Christ!“, so der córdobasche Dichter al-Ramadi, „Die Herzen haben wir verbunden, obwohl die Religion verschieden ist.“ (Dies sagt er im 10. Jahrhundert!!!) Werke muslimischer Dichter und Denker entstanden, Juden durften am öffentlichen Leben partizipieren und auch sie dichteten. In seinem Werk „Der Charakter und das Leben“, wir würden es mit heutigem Terminus als Anstandsliteratur bezeichnen, sagte der große Rechtsgelehrte Ibn Hazm: „Traue dem, der Allah achtet, auch wenn es sich um einen handelt, der einen anderen Glauben (arab. Din) hat. Traue demjenigen, der leichtfertig mit seinem Glauben umgeht, nicht, selbst wenn es sich um jemanden handelt, der den Glauben mit dir teilt.“

Ja, es ist ein Wunder, Al-Andalus! Es gab wie überall auch hin und wieder Konflikte, doch: Im Ganzen ist es ein Wunder. So der Experte Georg Bossong. „Sich dort heimisch zu fühlen, ist leicht“, mögen nun skeptische Muslime einwenden, „dort waren keine Rechten in den Parlamenten, der Herrscher hat anderen Kulturen Freiheiten zugestanden. Was hat er davon gehabt? Während der Reconquista haben sich die damaligen Christen als barbarisch herausgestellt: Sie verboten das Kopftuch, stellten das Ulti­matum: Christ werden oder sterben, Kirchenzwang und Folter… du romantisierst mal wieder mit deinen Gedichten.“

Ein berechtigter Einwand? Nein. Denn Al-Andalus steht für einen islamischen Staat positivsten Beispiels. Sowohl Dichtkunst als auch Wissenschaften florierten. Der Rechtsgelehrte Said al-Andalusi schrieb in seinem Werk „Geschichte der Wissenschaften“: „Was die Völker betrifft, die sich mit den Wissenschaften (arab. ’ulum,) beschäftigen, dieses sind die von Allah auserwählten Völker. Denn sie haben ihre Anstrengungen dafür aufgewandt, sich Vorzüge anzueignen, die den Menschen zum Menschen machen und die Natur des Menschen stärken.“ Ein Faqih, der Begriff passt nicht, aber nur um es kurz annähernd zu begreifen, ein Faqih gibt die Meinung der islamischen Orthodoxie wider! „Wissenschaft gegen Religion, das ist ein christliches, kein muslimisches Phänomen!“

Wissenschaft, das war muslimische Kultur und ist muslimische Tradition. Militärische Niederlage hat nicht Rückschrittlichkeit der Gesellschaft zur Bedeutung, doch das Vernichten von einer Million Bücher in Córdoba 1236, die Zerstörung von einer halben Dutzend Bibliotheken in Bagdad durch die Mongolen 1258 – das sind schwere, bis ins Mark gehende Wunden…

Der an der Yale University lehrende Islamwissenschaftler Frank Griffel sagt, dass militärische Unterlegenheit nicht gleichbedeutend sei mit kultureller Unterlegenheit. Islamische Kultur ist der abendländischen nicht unterlegen. Sie ist ein Vater des heutigen Abendlandes. Das heutige Abendland, dessen wissenschaftliche Errungenschaften wir bewundern, ist zum größten Teil die Fortführung muslimischer Gelehrsamkeit: Dantes „Göttliche Komödie“ von Muslimen inspiriert? Ja, dies wird von der Forschung nicht mehr bestritten. Motive muslimischer Literatur in der spanischen, italienischen, französischen, englischen und gar deutschen Literatur? Inspirationen, Vorbilder, Fortsetzer! Das ist Europa!

Hierin waren sich auch Herder und Goethe schon einig. Herder bezeichnet in seinem Werk „Briefe zur Beförderung der Humanität“ das maurische Spanien als den Ort, an dem „für ganz Europa die erste Aufklärung begann“. Heute wissen wir noch besser, wie sehr er im Recht war. Europa ist die Fortsetzung muslimischer Kultur und Traditionen. Sie führten die Dichtkunst und die Wissenschaft auf ihre Weise weiter. Begonnen hat dies im 9. Jahrhundert. An diesem Punkt der Geschichte beklagte der Bischof Alvaro von Córdoba: „Ach, alle jungen Christen, die sich durch ihr Talent bemerkbar machen, kennen nur die Sprache und die Literatur der Araber, sie lesen und studieren aufs eifrigste die arabischen Bücher, legen sich mit enormen Kosten große Bibliotheken davon an und sprechen überall laut aus, diese Literatur sei bewunderungswürdig.“

Montgomery Watt fasst in seinen Vorlesungen über den „Einfluss des Islam auf das ­europäische Mittelalter“ bereits in den 1970er Jahren virtuos zusammen: „Der Beitrag der Araber zur westeuropäischen Kultur betraf vor allem die Verfeinerung des Lebens und die Verbesserung der materiellen Lebensbasis. Zweitens wussten die meisten Europäer nichts vom arabischen und islamischen Ursprung dessen, was sie da übernahmen. Drittens beflügelten das ‚angenehme Leben‘ der Araber und die dazugehörige Literatur die Phantasie Europas und den dichterischen Genius der romanischen Völker.“

Springen wir zu der bedeutendsten Zeit der deutschen Geistesgeschichte: Die Goethezeit. Beim Lesen von Goethe und Schiller kennt jeder Muslim, der nur ein bisschen bewandert in der islamischen Geistesgeschichte ist, das Gefühl: Das fühlt sich heimisch an! Goethe lobte den spanischen König, Cervantes, dafür, dass er seine „arabische Bildung“ nicht leugnete. Derselbe Goethe bemerkt in seinen „Wanderjahren“: „Dergleichen Inschriften, scheint es, hat der Oheim von den Orientalen genommen, die an allen Wänden die Sprüche des Korans mehr verehren als verstehen.“

Es ist, als ob Goethe das Messer in Honig führt, es in Salz taucht und die Wunde wie ein Butterbrot beschmiert… Goethe, Frank Griffel, Thomas Bauer – sie alle haben Recht, wenn sie sagen: Muslimen täte die Kenntnis ihres eigenen Glaubens gut. Sie müssen wieder islamisiert werden.

Der Muslim, wie das eingangs zitierte Gedicht des großen spanischen Meisters Ibn ‘Arabi beschreibt, ist dort zu Hause, wo er seinem Schöpfer nah sein kann. Doch wann und wo ist er seinem Schöpfer nah? „Allah ist dem Menschen näher als seine Halsschlagader.“ Kann ich mich als Mensch überhaupt von Allah entfernen? – Nähe und Ferne sind nicht körperlich zu verstehen. Wenn wir von Nähe sprechen, meinen wir das Gefallen Allahs. Jemand ist Allah dann nahe, wenn Dieser zufrieden mit ihm ist. – Wann ist Er zufrieden? – Wenn ein Mensch Dinge mit reiner Absicht tut, die Ihm gefällig sind. Ohne reinen Willen, wie Kant sehr islamisch formuliert, kein moralischer Wert, kein Gefallen Allahs. – Was gefällt Allah? – Freundliches Verhalten und gesellige Bildung, betreiben von Wissenschaft, Poesie!

Ist dies auf eine bestimmte Nation beschränkt? Vor allem türkischstämmige Muslime zitieren gerne die Aussage, über die sich gestritten wird, ob sie Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, wirklich gesagt hat oder nicht, nämlich: „Vaterlandsliebe zeugt vom Glauben (Iman).“ Ohne groß zu diskutieren enthält diese Aussage eine Weisheit – wenn wir denn begreifen, was Vaterland bedeutet. „Wo gehn wir denn hin?“, lautet eine der berühmtesten Fragen der deutschen Literaturgeschichte. Kein muslimischer Dichter hätte eine weisere Antwort geben können als sie der junge Novalis gab: „Immer nach Hause.“ – „Von Allah kommen wir und zu ihm kehren wir zurück.“

Ganz gleich wohin wir gehen, zu Ihm kehren wir zurück. Als der im damaligen Hort des Wissens, Bagdad, lebende und als Verrückter bekannte Bahlul Dana gefragt wurde, was er auf dem Friedhof mache, antwortete er: „Ich treffe den so-und-so.“ Aber dieser sei nicht da und woanders. Daraufhin antwortete der spirituelle Führer des großen Kalifen Harun Raschid: „Irgendwann wird er hierher kommen. Jeder kommt irgendwann hierher.“ Wir gehen immer nach Hause. Was hat das mit Europa als meiner Heimat zu tun?

Die Kunst besteht darin, schon in dieser Welt zu Hause zu sein. Als der osmanische Sultan Yavuz Selim im Sterben war, sagte sein Berater Hasan Can zu ihm: „Es ist nun an der Zeit mit unserem Herrn zusammen zu sein.“ Der Sultan erwiderte erbost und in lautem Tonfall: „Pascha! Pascha! Mit wem dachtest du, dass ich die bisherige Zeit über war?!“

Wo ist meine Heimat, wo ist mein ­Vaterland? Diese Antwort erhalten wir von unserem Dichterfürsten, der ganz im Sinne des Islams – wie so oft bei ihm – antwortet: „Wo ich nütze, ist mein ­Vaterland.“ Und wenn ich in Europa, präziser in Deutschland nützlich bin, so ist Deutschland mein Vaterland. Die Barmherzigkeit für alle Welt, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, sagte: „Der beste Mensch ist derjenige, der den anderen am nützlichsten ist.“ (Nebenbei: Knigge hätte diese Aussage sehr gefallen.) Was heißt nützlich sein? Es heißt dazu beitragen, Menschlichkeit in sich auszubilden. Kein materieller Profit ist damit gemeint, wie viele unter Nutzen verstehen. Wo ich anderen Menschen nützlich bin, das heißt, zur Bildung der Menschheit beitrage, dort ist mein Vaterland, dort ist meine Heimat. Wenn ich nun in Deutschland lebe, habe ich die Pflicht als Muslim der hiesigen Gesellschaft nützlich zu sein, das heißt, zu ihrer Kultivierung beizutragen – wenn ich denn möchte, dass Allah zufrieden mit mir ist. Ein Muslim, der sich keine Gedanken darüber macht, ob Allah zufrieden mit ihm ist, dem es gleichgültig ist, der sollte nicht als Muslim auftreten, denn er wird zur Verzerrung dessen beitragen, was unser Schöpfer uns im Qur’an mitteilt.

Vaterland oder Heimat sind keine Orte – Heimat ist ein Gefühl, das sich einstellt, wenn ich etwas tue, von dem ich weiß, dass Allahu teala zufrieden damit ist. D.h. wenn ich nützlich bin. Der nützlichste aller Menschen ist der Liebende. Der Liebende liebt ohne Erwartung einer Gegenleistung. Er lächelt, wenn andere nicht lächeln. Er betet und fastet, wenn andere ihn auslachen. Er gibt, wenn andere vorenthalten. Heimat ist dort, wo ich diese Dinge tue. Denn, wenn ich es tue, wird Allahu teala zufrieden mit mir sein. Dort, wo Er zufrieden mit mir ist, dort ist meine Heimat: „Mein Sehnen gilt dem Blitz und seinem leuchtenden Strahl; es gilt den Orten nicht, dem staubbedeckten Tal.“ (Ibn ‘Arabi)

Wo ich diese Dinge tue, blitzt es auf, denn dort regnet Allahs Licht herab, der Blitz des Mumin. Allahu ist meine Heimat. Wo ich mit Ihm bin, dort ist meine Heimat – deshalb und nur deshalb zeugt Vaterlandsliebe vom Glauben (Iman): „Und Er ist mit euch, wo immer ihr auch sein möget.“ (Al-Hadid, Sure 57, 4) – wie glücklich sind jene, die mit Seiner Weisheit und Barmherzigkeit sind, statt mit Seiner Strafe und Zorn – mit einer Seiner Eigenschaften ist der Mensch immer zusammen, denn „wir geh’n immer nach Hause.“

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