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Heimunterricht: Elterliche Freiheit bleibt bis auf Weiteres nachrangig. Von Lion Edler

Der deutsche Sonderweg

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Als beinahe einzige Demokratie der westlichen Welt ist der Heimunterricht in Deutschland untersagt. Das Gesetz, in dem er unter Strafe gestellt wird, ist ein Überrest der Nazizeit.

(iz). Allen verbesserten PISA- und Iglu-Ergebnissen zum Trotz: Das Unbehagen vieler Eltern mit dem staatlichen Bildungssystem scheint weiter zu wachsen, wie sich an der steigenden Zahl der Privatschulen in Deutschland ablesen lässt. Doch Privatschulen sind meist teuer und überfüllt, weshalb manche Eltern einen anderen Sonderweg bevorzugen: Sie möchten ihre Kinder einfach selbst zu Hause unterrich­ten. Bis jetzt sollen nur rund 600 bis 1.000 Kinder in Deutschland davon ­betroffen sein.

Denn anders als in allen anderen EU-Mitgliedstaaten und fast allen westlichen Demokratien ist der Hausunterricht in Deutschland generell verboten. Ausnah­men gibt es nur für Familien, die aus beruflichen Gründen ständig unterwegs sein müssen, wie etwa Schausteller, Musi­ker oder Zirkuskünstler. Zu groß ist aus der Sicht der meisten Politiker, Medien und Bürger die Gefahr, die durch religi­ös radikale Eltern ausgehen könnte, wenn diese nicht mehr der Schulpflicht unterworfen wären.

Doch das Bedürfnis nach Hausunterricht hat längst nicht nur religiöse oder weltanschauliche Gründe. „Ich habe schnell festgestellt, dass das eine Entwick­lung ist, die bei weitem nicht nur das religiöse Milieu betrifft“, sagt der Marburger Soziologe Thomas Spiegler. Und auch der Pädagogik-Professor Volker Ladenthin, der sich als einziger seiner Zunft offiziell für Hausunterricht ausspricht, sieht drei ganz andere Beweggründe dominieren: Zum einen handle es sich um Kinder mit körperlichen Gebrechen, die zu weit transportiert werden müssen. In der Eifel, so Ladenthin, gebe es einen Fall, wo die Schuladministration darauf bestehe, ein blindes Kind 120 Kilometer weit in die Blindenschule zu fahren. „Das ist doch der helle Wahn!“, schimpft Ladenthin gegenüber der „Welt“. Zweitens gebe es Kinder, die „aufgrund von psy­chischen Problemen nicht in die Schu­le passen“, wozu „die typischen Mobbingopfer“ zählten. Die dritte Gruppe bestehe aus bildungsbewussten Eltern, die erlebt hätten, „dass viel Unterricht ausfiel und ihre Kinder in der Schule ein halbes Jahr lang nur Mandalas malten“. Ladenthin verweist außerdem darauf, dass Sekten ihren Nachwuchs auch mit Schulpflicht bereits rekrutierten. Bei den „Zeugen Jehovas“ etwa würden die Kinder zwar in die Schule geschickt, „aber aus dem gesamten sozialen Leben isoliert“.

Doch die Gegner einer Lockerung der Schulpflicht sorgen sich daneben auch um die soziale Entwicklung der Kinder, wenn diese von anderen Kindern fernge­halten werden. Muss man Kinder nicht den Härten des Lebens mit Gleichaltrigen aussetzen, um sie für das Leben fit zu machen? Man muss, glaubt der nordrhein-westfälische CDU-Landtagsabgeordnete Thomas Sternberg. „Insbesonde­re die sozialen Kompetenzen werden bei dieser Methode (des Heimunterrichts) nicht gefördert“, sagt Sternberg. Seine Kollegen Priska Hinz, bildungspolitische Sprecherin der Grünen, ergänzt: „Wenn Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichten, werden Kinder der Möglichkeit beraubt, von anderen Kindern in der Inter­aktion zu lernen und andere soziale und kulturelle Realitäten kennenzulernen.“

Doch auch dieses Argument will der bereits erwähnte Sozialwissenschaftler Thomas Spiegler nicht gelten lassen. In seiner Dissertation schreibt Spiegler, mit dem Schulbesuch gingen zwar „zweifellos“ zahlreiche „positive Entwicklungsmöglichkeiten einher“. Daneben werde aber auch sichtbar, „wie Schulalltag die Herausbildung negativ bewerteter Phänomen des sozialen Umgangs begünstigt, wie zum Beispiel: Schadenfreude, Eifersucht, Verweigerung von Hilfe, Bildung konfliktgeladener Hierarchien, Festschreibung von Außenseiterrollen, Zunahme von Häufigkeit und Schwere der körperlichen Auseinandersetzungen und Anpassung Einzelner an dieses Gewaltniveau der Gruppe.“ Die Kriterien für Schulunterricht, die der Förderung sozialer Kompetenz dienten, so Spiegler, würden „in Deutschland nur von wenigen Schulen erfüllt.“

Die amerikanische „Home School Legal Defense Association“ (HSLDA) verweist zudem auf mehrere Studien, nach denen zu Hause unterrichte Schüler sowohl in allen akademischen, als auch in allen sozialen Bereichen überdurchschnittlich erfolgreich seien. Weitere Studien schreiben über zu Hause unterrich­tete Kinder, dass diese später öfter wählen gingen, sich öfter ehrenamtlich betätigten, sowie beruflich erfolgreicher und zudem zufriedener mit ihrem Leben seien. Die meisten zu Hause unterrichte­ten Kinder möchten auch ihre Kinder wiederum der staatlichen Schule entzie­hen. Den deutschen Gerichten warf die HSLDA deshalb vor, sie ignorierten schlichtweg, dass es überall auf der Welt Kinder gebe, die zu Hause unterrichtet werden. Tatsächlich ist die Rechtslage in Deutschland ein europäischer und inter­nationaler Sonderweg. In Deutschland sei „die staatliche Tradition extrem stark ausgeprägt“, sagt Volker Ladenthin. So sei Deutschland auch „eines der ersten Län­der in Europa“ gewesen, das die staatliche Schule eingeführt habe, „die Tradi­tion wirkt fort.“ In der Weimarer Repub­lik war die Schulpflicht noch so ausgestal­tet, dass ein Verstoß gegen diese nicht strafbar war. Manche besonders scharfe Kritiker der Schulpflicht, die die gesetzliche Regelung als totalitär ansehen, ­halten es daher nun für bezeichnend, dass diese Strafbarkeit erst durch das Reichsschulpflichtgesetz von 1938 eingeführt worden ist. Das Gesetz wurde in den meisten Landesschulgesetzen der Bundesrepublik übernommen.

Dennoch ist wohl nicht damit zu rechnen, dass sich die Forderung nach einer Legalisierung von Hausunterricht in nächster Zeit in Deutschland lautstark ar­tikulieren könnte. Wenn überhaupt, dann kommt Kritik meist aus dem Ausland. Der UN-Berater Vernor Muñoz Villalobos etwa will das Verbot nicht hinnehmen; ein US-Gericht gewährte einer deutschen Familie gar vor einigen ­Jahren politisches Asyl und bescheinigte ihr „eine gut begründete Furcht vor Verfolgung“, nachdem diese sich weigerten, ihre Kinder zur Schule zu bringen. Auch für die norwegische Bildungsministerin ist die Möglichkeit des Hausunterrichts als „Menschenrecht“ einzustufen.

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