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Helden oder soziale Außenseiter?

Ob Bösewichte, seelisch Gestörte oder Exoten: Westliche Konvertiten werden nicht selten in Schubladen gesteckt. Von Lauren Booth

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Foto: Character Education Foundation, flickr

(onislam.net). „Mamma, ich bin Muslimin.“ Dieser Satz kam von meinen Lippen. Dann blickte ich mit pochendem Herzen auf meine Mutter. Die mich zur Welt brachte, mich in- uns auswendig kennt. Und die Worte für ihren Schrecken zu finden sucht. Dass du dich plötzlich dem am meisten angeprangerten Glauben der Welt angeschlossen hast.

Obwohl ich vor meiner Schahada ein halbes Jahrzehnt die muslimische Welt bereiste, war meine Mutter trotzdem schockiert. Sie ahnte nie, dass ich, ihre Jack Daniels trinkende, knapp bekleidete und fluchende älteste Tochter etwas so „puritanisches“ annehmen könnte.

Meiner Mutter gebührt Respekt. Trotz ihres stillen Schreckens hat sie (mit zusammengebissenen Zähnen) in den letzten Jahren hart daran gearbeitet zu akzeptieren, dass der Islam aus dieser unerwarteten Richtung in ihre Familie kam. Was in den einzelnen Familien vor sich geht und die entstehenden Schwierigkeiten, werden durch die Reaktion der weiteren Gesellschaft gespiegelt oder verschlimmert. Das gilt für den Westen.

Wir erinnern uns daran, dass die ­Quraisch einen Plan mit dem Ziel hatten (zumindest dachten sie das), dem Propheten das Leben unerträglich zu machen. Das geschah, nachdem er seinen engsten Verwandten verkündete, dass Allah Einer ist.

Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, war zuvor wegen seines guten Charakters bekannt und respektiert. Er war mit einigen der mächtigsten Leute dieser Zeit auf der Arabischen Halbinsel verwandt. Daher konnte man ihn nicht als „Narr“ oder bösen Menschen abschreiben. Beides hätte leicht widerlegt werden können. Also wurde das Gerücht in Umlauf gebracht, er sei wahnsinnig geworden.

Als Antwort auf diese Lügen offenbarte Allah die folgenden Verse: „NUN. Beim Schreibrohr und dem, was sie in Zeilen niederschreiben. Du bist durch die Gunst deines Herrn kein Besessener. Es wird für dich wahrlich Lohn geben, der nicht aufhört. Und du bist wahrlich von großartiger Wesensart. Du wirst sehen, und auch sie werden sehen, wer von euch durch Besessenheit der Versuchung ausgesetzt ist.“ (Al-Qalam, Sure 68, 1-6)

Wie in der Zeit des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, so gibt es auch heute ein tief ­verwurzeltes Muster, das sich in den letzten 1.400 Jahren nicht sonderlich veränderte. Der Hauptunterschied ist, dass heute den Muslimen keine poetischen Beleidigungen mehr auf dem Markt oder an der Ka’aba entgegengeschleudert ­werden. Twitter und Facebook sind die bevorzugten Medien, um Furcht und Abscheu zu verbreiten.

Ich war erstaunt, dass die Hauptfrage, die mir Kollegen und Bekannte stellten, weit davon entfernt war, die Veränderung meiner Spiritualität in Frage zu stellen, nachdem ich meine Entscheidung ankündigte. Vielmehr fragten sie: „Was! Überhaupt kein Alkohol?“, „Was! Keine Wurst und kein Schinken?“ oder „Was ist dann mit Beziehungen?“

Vergessen wir einmal, dass ich zweifache Mutter und in meinen Vierzigern war. Ausgehen, Dating und Trunkenheit scheinen traurigerweise Dinge zu sein, ohne die Briten nicht auskommen. Wir glauben an ein Recht, uns bis ins Krankenhaus zu betrinken oder uns auf den verbreiteten Bürofeiern zum Narren zu machen.

Viele neue Muslime entfernen sich graduell von Menschen und Orten, an denen sie sich zuvor erfreuten. Kneipen, Bars, Clubs oder Geselligkeit, auf denen Immobilienpreise die Hauptgesprächsthemen sind – sie werden unerträglich langweilig.

Islam öffnet unserem Geist ein ganz neues Universum. Wie eine verschlossene Tür, die uns von der Besenkammer der Existenz abhielt und aufgestoßen wurde, sodass vor uns die Unendlichkeit liegt. Nein. Die Hälfte eines Gespräches mit Mode verbringen, reicht nicht mehr aus.

Die soziale Isolation, zu der es häufig kommt, ist nicht nur die Wahl ehemaliger Bekannte. Gebet und Besinnung sind keine Zuschauersportarten. Sollte jemand in der Zwischenzeit anfangen, ein Kopftuch zu tragen, schreckt die ­Gesellschaft zurück und verspottet dann. Das alte Muster der Diskreditierung ­beginnt.

Gerade die Zeitungen, für die ich damals für mehr als ein Jahrzehnt geschrieben hatte, wurden zu den bissigsten in ihren persönlichen Angriffen. Ich war weder überrascht, noch wütend angesichts dieses zu erwartenden Verlaufs der Ereignisse. Als ehemalige Kollegin einige der und häufigsten veröffentlichten und respektierten Journalisten und Redakteure kann ich nur sagen: Wie sollen sie (in 1.000 Worten oder weniger) mit einer Kollegin umgehen, die eine Religion annimmt, welche von ihnen regelmäßig an den Pranger gestellt wird? Ernsthaft, werden sie auf einmal respektvoll oder nicht?

In der Öffentlichkeit müssen neue Muslime als bedürftige und sozial gescheiterte Existenzen gezeichnet werden. Als Menschen, die sich möglicherweise im Griff einer Midlifecrisis befinden. Denn die Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass sie sich selbst weiterhin als sinnvoll wahrnimmt. „Welcher Typ Frau konvertiert freiwillig zu einer Religion, die weltweit die jährliche Unterdrückung, Folter und Mord von tausenden Christen, Homosexuellen und freien Frauen unterstützt? Wohl die Art Frau, die Liebesbriefe an Serienmörder schreibt“, meinte eine Kommentator in einer der moderateren britischen Boulevardblätter.

Als überzeichnete Bösewichte beziehungsweise manisch depressive oder soziale Außenseiter sehen sich die westlichen Konvertiten einer Reihe sozialer Angriffe ausgesetzt, nachdem sie ihren Islam bezeugt haben.

Das aufschlussreichste Merkmal unserer Lebensveränderung, von Dunkelheit zu Verständnis, hat einen viel ­subtileren Geschmack. Dies drücken die Menschen aus, die einen am besten ­kennen und mit denen wir aufgewachsen sind. Die, mit denen wir über die Prüfungsergebnisse geweint haben und mit denen wir gelacht haben, bis die ­Tränen über unsere peinlichsten Teenager-Peinlichkeiten geflossen sind. Die Freunde aus Kindertagen, deren Versprechen, für immer Freunde zu sein, sich zu einer echten und belastbaren Zuneigung entwickelten.

Diese besonderen Leute sind die wirkliche Reflexion der stattgefundenen ­Veränderungen in unserem Verstand, unserem Körper und unserem Geist. Denn in ihren Augen, in ihren freundlich fragenden Kommentaren wird der neue Muslim an die Enormität der Reise erinnert, auf die er sich gemacht hat. „Du hast Dich verändert“, meinte meine Freundin Sam, als wir miteinander aßen. „Und ich fühle einen Frieden in Dir, der vorher nicht da war.“

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