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Herr Demir, wie wird man ­eigentlich Imam?

Interview mit einem jungen Hamburger, der sich im Süden der Hansestadt um die religiösen und spirituellen Belange einer Moschee sorgt

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Foto: A. Demir

(iz). Abdulsamet Demir hat sein Abitur in Hamburg abgeschlossen. Nach einer Begegnung mit Vertretern der Islamischen Theologie in einer Informationsveranstaltung hat er sich entschieden, das Fach zu studieren. Dies war ihm wichtig, weil er hier im Gegensatz zur Islamwissenschaft eine Binnenperspektive kennenlernen wollte. 2011 begann der heutige Imam einer Moschee im Süden der Hansestadt mit seinem Studium. Herr Demir arbeitet nun seit eineinhalb Jahren als Imam in einer Moscheegemeinde in Hamburg-Harburg und schreibt weiter an seiner Masterarbeit. Mit ihm sprachen wir über den Alltag eines Imams, den Umgang mit der Gemeinschaft und woher er seine Inspiration bezieht.

Islamische Zeitung: Lieber Abdulsamet Demir, Sie sind hauptamtlicher Imam in Hamburg in einer lokalen Moschee in einem Stadtteil in Hamburg. Wie müssen wir uns den Alltag eines Imams vorstellen?

Abdulsamet Demir: Mein Alltag ist sehr bunt. Da kommt ständig etwas Neues hinzu. Im Grunde ist das auch eine Tätigkeit, die rund um die Uhr abgefragt werden kann. Ich bin sozusagen immer im Bereitschaftsdienst. Wenn mich um drei Uhr nachts jemand anruft, weil eine Person gestorben ist, bin ich da. Solche Aufgaben kommen regelmäßig vor, weil unsere Moschee zu den großen Gemeinschaften Hamburgs gehört. Und hier gibt es vielfältige Problematiken und Baustellen, die ich bearbeiten muss. Darüber hinaus liegt mein Schwerpunkt natürlich in der Moschee selbst, wo ich die täglichen fünf Gebete leite und für die Gemeindemitglieder da bin.

Weiterhin habe ich andere Aufgaben, mit denen ich den Tag verbringe wie die Begegnung und Unterweisung von Schülern und Studenten. Nachmittags bieten wir ihnen Koran- und Islamunterricht an. Wir erörtern immer wieder aktuelle Fragen zu aktuellen Geschehnissen oder sprechen auch nur ganz einfach miteinander, wenn Bedarf danach besteht. Einige kommen dann mit ihren Problemen, die sie bedrücken.

Als Imam bin ich dann Zuhörer und Vertrauensperson. An Wochenenden haben wir über knapp 200 Schülerinnen und Schüler, die bei uns unterrichtet werden.

Nach dem Morgengebet nutze ich beispielsweise die Zeit, um weiter an meiner Masterarbeit zu schreiben, Seminare und Unterrichtseinheiten vorzubereiten oder Zeitungsartikel zu verfassen. Des Öfteren kommen Schulklassen und Konfirmandengruppen zu Besuch, da wir Moscheeführungen anbieten. Und weil wir die einzige größere Moschee in der Gegend sind, kommen viele aus dem Hamburger Süden sowie aus Buchholz zu uns.

Islamische Zeitung: Wie wird man eigentlich Imam? Was ist der Antrieb dafür?

Abdulsamet Demir: Hierbei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Als Vorbereitung kann ein Studium der Islamwissenschaften, aber auch anderer Geistes- und Kulturwissenschaften helfen. Ideal ist natürlich die Islamische Theologie, die mittlerweile in Deutschland angeboten wird. Man kann hier studieren, oder einen Studiengang im Ausland absolvieren. Das haben die meisten Imame in Deutschland gemacht, die bisher aus dem Ausland kommen. Die neue Generation hat zumindest die Möglichkeit, sich hier theoretisch ausbilden zu lassen. Das Problem ist, dass wir kein praktisches Jahr oder eine Art „Priesterseminar“ für Imame haben. Es gab mal in Osnabrück einen Fortbildungslehrgang für angehende und bestehende Imame (mittlerweile eingestellt), an dem auch ich teilgenommen habe, aber der war eher theoretisch. Besser wäre es, wenn man im Anschluss eines Theologiestudiums eine Art „Imam-Referendariat“ anhängen könnte. Aber ich glaube nicht, dass in absehbarer Zeit so etwas kommen wird.

Es gibt ein paar Projekte, aber die müssen gefördert werden. Parallel dazu haben einige muslimischen Organisationen in Deutschland auch solche Projekte mit der Idee, Imame aus den eigenen Communities auszubilden. Hier liegt ein anderes Problem: Es gibt Leute, die mit uns Islamische Theologie studiert haben. Aber Sie können vielleicht niemals Imame werden, weil sie keine praktischen Erfahrungen haben. Andererseits muss ich als Imam von der Gemeinde anerkannt und inoffiziell begnadigt werden. Das ist ein wichtiger Faktor vor allem in Deutschland aber auch in anderen Ländern.

Seit meinem sechsten Lebensjahr habe ich in einer Gemeinde als Schüler angefangen und bin großgeworden, habe den Koran und die nötige Normenlehre gelernt und die Gemeinde kennengelernt. Daher ist für einen angehenden Imam Vorpraxis und Verwurzelung unverzichtbar. Es braucht auch Kenntnis der gemeinschaftsinternen Politik. Die Leute müssen einen kennen. Auch die Bekannt- und Beliebtheit ist bei der Auswahl eines Imams wichtig.

Islamische Zeitung: Ein Imam zu sein, heißt nicht nur formelles Wissen oder die Erfüllung formaler Kriterien. Es geht ja wohl auch darum, das Wissen zu verkörpern. Wie und wo lernt man das?

Abdulsamet Demir: Das Studium hat uns Werkzeuge an die Hand gegeben, damit muss man arbeiten. Wichtig ist, dass man während des Studiums in private Gesprächs- und Unterrichtszirkel involviert ist. Das ist das A und O. Ich denke, ein guter Imam muss von klein auf an dazu erzogen werden – von der Familie aber auch von einer islamischen Gemeinschaft. Das ist ein sehr wichtiger Faktor. Zu den wichtigen Aspekten gehört auch die selbstständige und freiwillige Erarbeitung von Texten außerhalb des Studiums. Man wird nicht „fertig“, sondern muss weiterlernen. Außerdem sollte ein Imam in allen Lagen auch Vorbild sein. Man muss sich das mit der Zeit aneignen, daher lerne ich im „Imam-Alltag“ ständig Neues dazu.

Islamische Zeitung: Jetzt wird die Frage nach dem, was ein Imam sein soll, in Deutschland kontrovers diskutiert. Es gibt hierzu verschiedene Positionen. Wir haben hier immer noch einen sehr starken Überhang an Vorbetern, die aus dem Ausland kommen, wo sie aufwuchsen und gelernt haben. Kann jemand, der hier nicht aufgewachsen ist, die Sprache nicht oder nur kaum spricht, und die Gegebenheiten nicht wirklich kennt, so ein Amt wirklich authentisch ausfüllen?

Abdulsamet Demir: Das geschieht ja immer noch. Und solange es nicht zu großen Schwierigkeiten kommt, akzeptieren die Gemeinden immer noch die Imame, die ja die Heimatsprache der ersten und zweiten Generationen sprechen. Das Problem, was wir in Deutschland und insgesamt in der Diaspora haben, ist, dass die dritte und schon die folgende vierte Generation eben diese Heimatsprache nicht besser kennt als Deutsch, Englisch oder Französisch. Die importierten Imame können schon nicht mehr damit umgehen und auch die Elterngeneration nicht. Vieles hat sich in den letzten 20 bis 30 Jahren geändert. Die Imame müssen sich an die hiesigen gesellschaftlichen Strukturen und die Kultur, Sprachgebrauch und Denkart(en) der Jugend anpassen. Darum benötigen wir hier aufgewachsene Imame.

Islamische Zeitung: Aber es kommen ja nicht nur Leute mit einer Sprache oder einer Kultur in eine Moschee. Wir haben auch nichtmuslimische Deutsche, die sich für den Islam interessieren. Sind das nicht Aufgaben, die eigentlich besser Einheimische erfüllen können?

Abdulsamet Demir: Diese Leute werden immer wieder vernachlässigt. Und wir hoffen, auch sie in die Community einzubinden durch eine neue Generation von Imamen, die als Multiplikatoren dienen, weil sie mehrere Sprachen kennen und als Vermittler wirken können. Es treten Schwierigkeiten auf, wenn jemand zu einem alten Imam kommt, der kein Deutsch spricht und nicht informiert ist über die Diskurse in Deutschland. Das wirkt sich fast immer negativ aus. Wie soll da ein Dialog stattfinden? Daher freut sich die Gemeinde und im Allgemeinen die Community, Imame zu haben, die auch mit Nichtmuslimen auf Augenhöhe sprechen können und diese zu mehr Dialog und Öffnung hinziehen.

Islamische Zeitung: Sie hatten eingangs gesagt, dass Sie auch mal „Hausbesuche“ machen. Findet die Arbeit eines Imams auch „draußen“ im Stadtteil statt? Gibt es eine Einbindung in das Stadtteilumfeld?

Abdulsamet Demir: Es gibt eine offizielle Aufgabenverteilung für den Imam. Dazu zählen ganz grob das Vorbeten der täglichen Pflichtgebete, die Begegnung und Begleitung von Moscheegängern und die islamische Unterweisung. Darüber hinaus habe ich als Muslim und Imam einen inoffiziellen Auftrag, außerhalb der Moschee dem spirituellen und religiösen Wohlsein der Community zu dienen. Das Bewusstsein dafür sich außerhalb der Moschee einzusetzen, hängt wiederum vom jeweiligen Imam individuell ab. Wir sind jung und gehen enthusiastisch an die Sache heran. Von daher bin ich sehr viel unterwegs. Ich nehme regelmäßig an Dialogveranstaltungen teil und habe sehr viel auch in anderen Stadtteilen zu tun, wo ich mit anderen Jugendlichen unterwegs bin und auch Seminare gebe. Auch in anderen Stadtteilen in Hamburg sind wir gut vernetzt und werden als Zuhörer oder Akteure zu Großveranstaltungen eingeladen. Ein weiteres Feld ist die Krankenhaus- und Gefängnisseelsorge, bei der wir erkrankte und inhaftierte Besuchen.

Islamische Zeitung: Gibt es eigentlich auch so etwas wie einen „Stammtisch“ für Imame, wo man sich austauschen kann?

Abdulsamet Demir: Ja, wir haben einen regen Austausch vor allem mit Imamen aus benachbarten Moscheen. Einige von ihnen kommen aus dem Ausland, andere sind hier sozialisiert. Wir sind in der Hinsicht sehr kommunikativ und tauschen uns regelmäßig aus. Für die Imame der Milli Görüs gibt es ein monatliches Treffen, auf denen wir miteinander reden und Informationen austauschen. Mit mir gibt es noch einen jungen Imam zurzeit. Wir sind beide hier aufgewachsen, dabei habe ich mein Studium hier im Inland, er wiederum seines im Ausland absolviert. Darüber hinaus sind wir im ständigen Kontakt mit Studierenden der islamischen Theologie aus verschiedenen Städten, die uns als Vorgänger und Mentoren ansehen.

Islamische Zeitung: Eine funktionierende Gemeinschaft lebt auch von einer lebendigen Kommunikation. Wie wichtig für Sie ist ein regelmäßiger Austausch mit der Gemeinde?

Abdulsamet Demir: Lebendige und vor allem qualitative Kommunikation ist mir sehr wichtig. So habe ich nebst der Kommunikation und religiöser Pflege meiner Gemeinde mich zu Anfang – jetzt sind sie weg – mit einigen radikaleren Jungs auseinandergesetzt. Mit einigen von ihnen, mit denen es möglich ist, wahre ich den Kontakt, um sie durch korrekte Informationen aufzuklären. Aber das ist ein langwieriger Prozess. Darüber hinaus haben wir im Viertel auch junge Leute mit persönlichen Problemen wie Drogen- oder Alkoholsucht. Da muss ich in schwierigen Situationen auch mal individuelle Methoden anwenden. Das ist nicht immer leicht, aber erlaubt mir, Erfahrungen anzusammeln.

Islamische Zeitung: Wird man als Imam irgendwann einmal „fertig“ oder ist das ein ständiger Lernprozess?

Abdulsamet Demir: Manchmal kommt zum Beispiel eine Frage, über die ich nie nachgedacht und geforscht habe. Darüber gebe ich den Leuten Bescheid und beschäftige mich mit der Thematik. Oder ich versuche, einfach spontan und je nach Person individuelle Auskunft zu geben. Und dann schaue ich im Nachhinein nach, ob das richtig war oder nicht. Manchmal ist es richtig, manchmal nicht. Wenn es falsch war, dann versuche ich nochmal, die Fragenden zu kontaktieren. Der Lernprozess hat für einen Imam kein Ende.

Islamische Zeitung: Als Imam in einer Gemeinschaft werden Sie auch mit seelsorgerischen Aufgaben konfrontiert, mit persönlichen Krisen und insgesamt mit der Notwendigkeit, die Spiritualität der Gemeindemitglieder hoch zu halten. Wo findet man als Imam seine eigene Kraftquelle?

Abdulsamet Demir: Wenn ich andere Leute seelsorgerisch betreue und die nötige Unterstützung gebe, reizt es mich selbst von Zeit zu Zeit. Dann ist meine Frau meine erste Kraftquelle. Wenn ich mal einen schlechten Tag habe, ist sie es, die mich wieder aufbaut. Als Imam hat man gute und weniger gute Tage. Meine Frau unterstützt mich in diesem Bereich. Sie ist auch theologisch gebildet und in der Frauengemeinschaft aktiv. Auch meine Familie ist mir eine wichtige Stütze. Meine Großeltern unterstützen, fördern und fordern mich immer wieder, in jeder Lage stabil zu sein und als Vorbild zu fungieren.

In diesem Bereich aktiv zu sein, Menschen zu helfen und Vorbild in einer Gemeinde zu sein, heißt auch, dass ich mich immer wieder weiterbilden und verbessern muss. Für meine eigene Kraft und spirituelle Energie versuche ich auch immer wieder in die Gemeinde einzutauchen und Zeit mit den Leuten zu verbringen.

Islamische Zeitung: Sie sind hier Imam geworden. Es gibt hier nicht nur Ihre lokale Gemeinschaft, sondern auch die der Muslime in Deutschland insgesamt. Was würden Sie sich zukünftig für die Moscheegemeinden auch für die Imame in Deutschland wünschen.

Abdulsamet Demir: Auf jeden Fall sehr viel mehr Unterstützung von der Gemeinschaft. Ich selbst werde von meiner eigenen, insbesondere auch von ihrer Führung, sehr stark unterstützt. Wenn eine Moscheeleitung sehr alt ist, dann gibt es wenig Hoffnung für einen jungen Imam. Wenn sie verjüngt wird und wenn die Gemeinde jung und lebendig ist, kann sowohl der junge Imam als auch die Jugend in dieser Gemeinde aktiv sein und überleben. Ich halte es auch für sehr wichtig, dass die jungen Imame in Deutschland zukünftig finanziell und ideell stärker gefördert werden. Die Imame sollten auch ihre verfügbare Zeit produktiv nutzen. Zwischen den Gebetszeiten ist ja doch einiges an Zeit. In dieser können sie sich in Kursen fort- und weiterbilden. Ansonsten sehe ich die Zukunft für die Imame als eigentlich gut. Da die Moscheen vom Staat und aus dem Ausland nicht finanziert werden, braucht es bessere finanzielle Anwerbestrategien, um junge Leute an (leider noch) alte Strukturen anzubinden. Dann wächst auch die Chance, dass es mehr junge Imame gibt, die aus Deutschland kommen.

Islamische Zeitung: Lieber Abdulsamet Demir, wir bedanken uns für das Interview.

Abdulsamet Demir: Lieber Herr Wilms, ich bedanke mich für die schöne Anfrage und freue mich auf den Artikel.

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