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Hölderlin: Auf der Suche nach dem Anfang

Über die Sehnsucht nach der islamischen Stadt

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(iz). Zu allen Zeiten sind die Dichter die Sänger des Festes gewesen. Sie preisen die Göttlichkeit und ihre Schöpfung in all ihren Facetten. Von der kurzweiligen Zerstreuung von Literatur wesentlich unterschieden, wollen sie den Menschen sammeln, um ihn an sein unzerstörbares geistiges Zentrum, an seine göttliche Urheimat zu erinnern. Daneben spricht jeder Dichter jedoch auch für eine ganz bestimmte Epoche der Geschichte des Menschen. Schon die alten Griechen sahen Kulturen als lebende Organismen an, die wachsen, ihren Zenit erreichen und vergehen. Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche sagte, die Genies, die großen Dichter kündeten ihren Völkern ihr Schicksal, sie seien die Warner und Seismographen, die ein Volk besäße, um sich im Strudel der Zeit zu orientieren. Schon durch ihr eigenes leidvolles Erfahren haben gerade die großen Dichter diese rangmäßige Überlegenheit der Propheten zu allen Zeiten ehrfurchtsvoll anerkannt.

Dichter und Gesetze
Tatsächlich reicht der vorchristliche Beginn der abendländischen mythischen Dichtung in den Wesensbereich göttlicher Mitteilung beziehungsweise Gesetzgebung hinein. Man denke beispielsweise an Homer, die Gesetze des Spartaners Lykurgos oder die Fragmente Heraklits. Wann nennen wir einen Dichter groß, klassisch? Ein entscheidendes Merkmal ist sicher der zeitlose Bedeutungsgehalt seines Werkes. Ein solcher Dichter wirkt nicht nur in seinem eigenen Sprachraum; die „Klassiker“ sind durch zahlreiche Übersetzungen weltweit bekannt und kommen nicht außer Mode.

Goethe prägte den mittlerweile stark strapazierten Begriff der „Weltliteraturen“. Homer, wie auch andere Autoren der klassischen Antike, sind der Beginn und gleichzeitig die erste unerreichte Höhe dichterischen Gespräches des abendländischen Menschen mit der Göttlichkeit; Dante besingt Gott, „die Macht, die die Sterne bewegt“ und leistet die dichterisch-antikisierende Neufassung christlicher Welterfahrung (womit er diese bereits sprengt); Shakespeare wirft sein Publikum wie kein zweiter in den kosmischen Sturm der menschlichen Natur; Calderon erinnert wehmütig an das Unsichtbare, die Unwirklichkeit eines nur materiell zugelassenen Lebens, Moliére bezaubert und tröstet den Menschen durch Anmut und Heiterkeit. Doch selbst in der Reihe der großen, singulären Dichter Europas nimmt Friedrich Hölderlin (geb. 1770 in Lauffen am Neckar – gest. 1843 in Tübingen) für uns heute eine besondere Stellung ein. Hölderlin war Sohn eines schwäbischen Amtmannes und einer empfindsam-gottesfürchtigen, ihn, nach dem frühen Tod des Vaters, zeitlebens eng umsorgenden Mutter.

Das Griechenland der Antike als Ideal
Entsprechend seinen ernsten geistigen Neigungen schlug er die für ihn vorgesehene Laufbahn eines evangelischen Theologen ein. Doch bald erfuhr der hochsensible Kloster- und Tübinger Stiftsschüler schmerzlich die Brüchigkeit und schwindende Lebenskraft des christlichen Glaubens im Europa der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Seine ausgezeichnete philologische Ausbildung in den antiken Sprachen führten ihn bald zu den vorchristlichen Quellen des Griechentums, das für ihn zeitlebens das Idealbild einer göttlich gegründeten Zivilisation darstellte. Das antike Griechenland war das Ideal, das er mit seinem ganzen Wesen, bis hin zu seiner schließlichen Erschöpfung, suchte und zurücksehnte. Gegen Ende seiner geistig gesunden, ersten Lebenshälfte jedoch hat Hölderlin schließlich leidvoll erfahren müssen, dass eine Rückkehr zum antiken Griechentum nicht mehr möglich war; der Abend der Weltzeit, der Rückzug der Göttlichkeit, der „Fehl Gottes“, wird seither als Weltzustand in immer bedrohlicheren Krisen erfahren. Er muss als solcher ertragen und durchquert werden. Hundert Jahre später, als Hölderlin in der Katastrofe des Ersten Weltkrieges durch Norbert von Hellingraths Hölderlin – Ausgabe aus langer Vergessenheit geborgen wurde, fasste Rilke, fasziniert von Hölderlins Werk, diese Lage des heutigen Menschen in den bekannten Ausspruch: „Wer spricht von Siegen, Überstehn ist alles!“

Das Wesen der Stadt
In seiner Verehrung des klassischen Griechenlands ging es Hölderlin vor allem um den göttlich-inspirierten Charakter, das ursprüngliche Wesen dieser ersten abendländisch-städtischen Hochkultur der Polis. In seinem berühmten Briefroman „Hyperion“, der dichterischsten Prosa, die der deutschen Sprache gegeben wurde, beschreibt er, angesichts der antiken Ruinen Athens, die nach wie vor erfahrene Faszination des altgriechischen Polis: „am meisten aber ergriff mich das alte Tor, wodurch man ehmals aus der alten Stadt zur neuen herauskam, wo gewiss einst tausend schöne Menschen an einem Tage sich grüßten.“ (I,2)

Zeitgenosse der deutschen Klassik
Hölderlin war ein Zeitgenosse Goethes und Schillers. Den kometenhaft aufgestiegenen, idealischen Schiller verehrte er zutiefst als seinen väterlich-helfenden Lehrmeister, dem er anfangs in seiner eigenen Sprache nachzueifern trachtete; dem übergroßen, zwanzig Jahre älteren Goethe begegnete er durch Schillers Vermittlung des öfteren; das erste Mal nahm Goethe den schüchternen jungen Dichter nicht einmal wahr, bei einer anderen Begegnung, bei der Goethe die problematische Gefährdung Hölderlins sofort erkannte, riet er ihm zur Form kurzer, handwerklich ausgearbeiteter Gedichte. Dies zu einer Zeit, als Hölderlin sich bereits unweigerlich im großen Zuge seiner langen Elegien und Hymnen befand. Zu unterschiedlich waren beider Wesensorte, Anlagen und Aufgaben, die ihnen ihr Geschick zugedacht hatte. Hölderlin war es vorbehalten, die Geschichte, das Geschick Europas, den Abend der Weltzeit, die heraufkommende götterlose Weltnacht der Technik in ihrer Tiefe zu erfahren, so lange er es vermochte auszuhalten, um geduldig einen neuen Morgen vorzubereiten.

Die schließliche Krankheit Hölderlins bedenkend sagt Heidegger in „Beiträge zur Philosophie“ über Hölderlin, Kierkegaard und Nietzsche: „Keiner sei heute so vermessen und nehme es als bloßen Zufall, dass diese drei, die je in ihrer Weise zuletzt die Entwurzelung am tiefsten durchlitten haben, der die abendländische Geschichte zugetrieben wird, und die zugleich ihre Götter am innigsten erahnt haben, frühzeitig aus der Helle ihres Tages hinweg mussten. Was bereitet sich vor? Was liegt in dem, dass der Früheste dieser drei, Hölderlin, zugleich der am weitesten Voraus-dichtende wurde… ?“ (III, 105)

In dürftiger Zeit
Auf Hölderlins berühmte Frage „… und wozu Dichter in dürftiger Zeit?“ antwortet Heidegger, dass die Dichter „singend auf die Spur der entflohenen Götter achten“. Vor diesem immer aktueller werdenden geschichtsphilosophischen Hintergrund ist Hölderlins Dichtung für Heidegger eine „uneinholbare“, mit kaum einer anderen neuzeitlich-abendländischen Dichtung vergleichbare Aussage, die den Menschen als Geschick und Wink zugeeignet ist. „Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst, Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist, Und von trunkener Stirn höher Besinnen entspringt, Mit der unsern zugleich des Himmels Blüte beginnen, Und dem offenen Blick offen der Leuchtende sein. Denn nicht Mächtiges ist’s, zum Leben aber gehört es, Was wir wollen, und scheint schicklich und freudig zugleich. Aber kommen doch auch der segenbringenden Schwalben Immer einige noch, ehe der Sommer, ins Land.“ (Der Gang aufs Land)

Wie eine frühzeitige „segenbringende Schwalbe“, die einfliegt, noch ehe der Sommer eingetreten ist, erscheint uns heute jene merkwürdige Stelle am Ende des ersten Bandes des „Hyperion“, wo es heisst: „Was? der arabische Kaufmann säte seinen Koran aus und es wuchs ein Volk von Schülern, wie ein unendlicher Wald, ihm auf, und der Acker sollte nicht auch gedeihn, wo die alte Wahrheit wiederkehrt in neu lebendiger Jugend? Es werde von Grund aus anders! Aus der Wurzel der Menschheit sprosse die neue Welt! Eine neue Gottheit walte über ihnen, eine neue Zukunft kläre vor ihnen sich auf“ Der Prophet Muhammad, Friede sei mit ihm, ist undenkbar ohne die Gemeinschaft seiner Gefährten in Medina. Die Muslime wissen, dass es die beste Gemeinschaft war, die es in der Geschichte des Menschen je gab.

Ein Blick in die entsprechenden klassischen Quellen belegt die faszinierende Nähe dieses Phänomens zur Sehnsucht Friedrich Hölderlins. Fünfhundert Jahre islamisch-europäischer Hochkultur im andalusischen Spanien, die die klassischen Quellen der alten Griechen durch Übersetzung und Gebrauch vor dem Vergessen gerettet haben, belegen die Wesensnähe der griechischen Polis mit dem Phänomen Madinas, der erleuchteten Stadt. Der Islam und seine Errungenschaften, nicht das erschreckende und oft wiederholte Bild, das man sich heute von ihm macht, hat damals Europa vor dem Vergessen seines eigenen antiken Anfangs bewahrt.

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