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Hintergrund: Brandenburger VS rückt Potsdamer BügerInnen in Nähe des Terrorismus und Antisemitismus. Von Malik Özkan

"Grobe Geschütze"

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(iz) Bei der Lektüre des aktuellen Verfassungsschutzberichts Brandenburg kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Auf einigen Seiten wird die aktivste lokale Gemeinschaft in der Landeshauptstadt, die IGAPS, flugs in den Raum mit “Antisemitismus, Rechtsesoterik und Extremismus ” gestellt. Das ist irritierend, wirkt unverhältnismäßig, sieht man doch auf der Webseite der Organisation (www.igaps.de) dutzende Bilder einer ganz offensichtlich weltoffenen, engagierten, frauenfreundlichen Gemeinschaft und ihrer islamischen Aktvitäten. Was sind also die Hintergründe für die scharfe Aburteilung durch die Behörde?

Viele Potsdamer, auch die, die keine Muslime sind, bestätigen das soziale Engagement der Muslime, die zum Beispiel einen bekannten, multikulturellen Kunsthandwerksmarkt organisieren und sogar ohne Hilfe der Stadt auch finanzieren. Dafür gab es aber von der Potsdamer Sicherheitsbehörde bisher kein Lob, sondern unlängst nur eine kurze Meldung auf ihrer Internetseite, man habe auf dem Markt muslimische Kinder auf einer Hüpfburg mit problematischen Äußerungen “belauscht”. Einige brüskierte Potsdamer Eltern haben diesen Vorgang dem Petitionsausschuß des Landtages vorgelegt – folgt nun die Retourkutsche?

Der Widerspruch zwischen Vorwürfen und Realität löst sich jedenfalls auch durch ein genaueres Lesen des VS-Berichtes nicht auf, denn, wenn man wirklich aufmerksam liest, liegen außer fragwürdigen Assoziationsketten keinerlei Hinweise auf extreme Handlungen oder zurechenbare Zitate der IGAPS-Verantwortlichen selbst vor. De facto werden die zitierten, aus verschiedenen Kontexten stammende Aussagen der Gruppe einfach zugerechnet und insgesamt einfach allen Mitgliedern pauschal eine inhaltliche Zustimmung unterstellt. Dieses Verfahren wirkt unnötig grob. Keines der Zitate, unzusammenhängend aus verschiedenen Epochen gewählt, ist dabei, so ergeben es schon die eigenen Schilderungen der Behörde, je in Potsdam gefallen. Es bleibt auch dunkel, warum die gleichen staubigen Vorwürfe bis 2007 zu keinem Eintrag führten.

Im Kern wirft man der IGAPS eine inhaltliche Nähe zu Schaikh Dr. Abdalqadir vor, dessen islamische Lehre sich an Imam Malik, Iman Junaid und Qadi Iyad orientiert, eine Ausrichtung, die heute beispielsweise in Marokko offiziell anerkannt ist. In Marokko und anderswo wird diese traditionelle Lehre heute als “Schutz” gegen Extremismus und Terrorismus wiederbelebt. Der Verfassungsschutz erwähnt dann auch in seinem Bericht nicht, dass Gruppenmitglieder, eben wegen dieser inhaltlichen Übereinstimmung, auch offiziell vom marokkanischen Staat eingeladen wurden. Stattdessen konstruiert der Bericht, vermutlich um eigene Befugnisse auszuweiten, ohne weitere Fakten eine “theoretische” Gewaltbereitschaft im Rahmen eines angeblichen “politisch motivierten” Kadergehorsams der Potsdamer Muslime.

Praktiker sehen das anders: Experten in Marokko sehen in der traditionellen islamischen Ausrichtung ihrer BürgerInnen einen Schutz gegenüber Terrorismus und Extremismus. Außerdem hat der europäische Gelehrte Schaikh Abdalqadir eine weltweit beachtete Fatwa gegen Selbstmordattentate erlassen. Das offizielle Programm dokumentiert zudem, dass die Gruppe auch mit verschiedenen anderen Gelehrten, muslimischen und nicht-muslimischen Intellektuellen, Schriftstellern aus aller Welt, in regem Kontakt steht. Nach dem Eigenverständnis der Muslime entzieht man sich, bei objektiver Betrachtung, einer oberflächlichen SchwarzWeiß – Zuordnung. Außerdem machen bei den zahlreichen Veranstaltungen auch viele Muslime mit, die sich überhaupt nicht einer bestimmten Denkrichtung zuordnen lassen wollen oder auch einfach nur „zum Kaffee” kommen.

Die “Beweisdecke” ist also objektiv gesehen ziemlich dünn, um nun die ganze Gruppe und ihre Angehörige sogleich – wohl bewusst rufschädigend – immerhin unter Generalverdacht zu stellen. Der Vorsitzende der IGAPS, Ahmad Gross, empört sich insbesondere über den Vorwurf des Antisemitismus: “Das ist falsch, durch nichts belegbar und eine dubiose Instrumentalisierung eines, wegen der deutschen Geschichte, sehr ernsten Begriffes.” Bezüglich dieser Behauptung, die nun als Rufmord die Runde mache, werde man auch – so Gross – natürlich Rechtsrat einholen. Auch alle anderen Muslime der Gemeinschaft, die übrigens aus über einem dutzend Länder dieser Erde stammen, sehen sich hier in ihrem Ruf beschädigt.

Inzwischen machen die Vorwürfe natürlich die Runde. Der „Islamexperte“ Henry Kramer von der PNN, selbst noch nie Gast in den Räumen der IGAPS, gibt auch dieses mal nach Erstellung der Berichte die Vorwürfe der Behörde zeitnah weiter. In einem seiner jüngsten Artikel holt er sich immerhin noch den Rat einer Fachfrau ein: Claudia Dantschke. Die ehemalige Mitarbeiterin der DDR-Nachrichtenagentur ADN gilt in Fachkreisen allerdings nicht gerade als unparteiisch. Sie hat mit Kramer gemeinsam, dass sie die Gemeinschaft nur aus der Ferne kennt, aber dennoch gerne schnell und scharf urteilt. Für Dantschke sind einfach alle Muslime der Potsdamer Gemeinde, die sich teilweise kapitalismuskritisch begreifen, “ideologisch undemokratisch”. Woran die umstrittene Demokratieexpertin das festmacht und woher sie es überhaupt so genau weiß, bleibt ein Geheimnis.

Fazit: Es wird also ziemlich scharf “geschossen” in Potsdam und es wird Zeit, daß wieder ein wenig Maß und mehr Überparteilichkeit bei der Beurteilung islamischer Initiativen einkehrt.

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