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Hintergrund: Debatte über den Feminismus in Deutschland

"Stets auf Krawall gebürstet"

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(dpa) Alice Schwarzer ist wohl noch immer die bekannteste Frauenrechtlerin – und setzt alle Hebel in Bewegung, damit das so bleibt. Aber: Ihre Rolle als Galionsfigur und Frontfrau der Frauenbewegung bröckelt längst. Junge Feministinnen sind auf dem Vormarsch, schubsen die Ikone der Emanzipation vom Sockel. Die Frauenbewegung hat in den vergangenen Jahren viele Gesichter und unterschiedliche Spielarten bekommen. «Feminismus ist viel mehr als Alice Schwarzer. Und auch mehr als die Frage, ob Frauen Karriere machen», sagt Expertin Annette Henninger vom Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung.

«Schwarzer hat der frühen Frauenbewegung eine Stimme verliehen und auch vieles bewirkt. Sie hatte in den 70er und 80er Jahren eine herausragende Rolle, aber das hat sich relativiert. Ihre Bedeutung hat stark abgenommen», meint Henninger, die Professorin für Politik und Geschlechterverhältnisse in Marburg ist. Der Feminismus sei heute sehr vielschichtig. «Wir haben auch den akademischen Feminismus, da forschen eine ganze Reihe von Frauen an Universitäten. Es gibt auch eine lokale Szene mit vielen Gleichstellungsprojekten.» //1r//

Und dann sind da noch die «Alphamädchen». Diese jungen Feministinnen machen als Publizistinnen oder Autorinnen von Büchern wie «Wir Alphamädchen» oder «Neue deutsche Mädchen» seit einigen Jahren auf sich aufmerksam. Und sie distanzieren sich stark von der 67-jährigen Schwarzer. Deren angestaubter Feminismus habe keine Antworten auf aktuelle Frauenfragen wie faire Partnerbeziehungen oder das Unter-einen-Hut-bringen von Beruf und Familie.

Die Kölner Journalistin schleuderte diesen «Propagandistinnen eines Wellness-Feminismus» bei einer Preisverleihung vor zwei Jahren selbstbewusst entgegen: Sie – Schwarzer – sei nicht abzusetzen. Realitätsverlust?

«In unseren Seminaren winken die Studierenden bei Alice Schwarzer müde ab», sagt Professorin Henninger. Zwar sind Schwarzers Verdienste um die Gleichberechtigung der Frau anerkannt. Viele schätzen auch ihren scharfen Verstand und ihre ebenso scharfe Zunge, ihre Hartnäckigkeit, ihren Kampfgeist. Doch die Kampagnen der vielfach geehrten Herausgeberin des feministischen Magazins «Emma», die gegen Pornografie, Gewalt und Erniedrigung gingen, liegen lange zurück.

Einige von Schwarzers jüngsten Aktionen verwunderten viele: So warf sie TV-Moderatorin Lisa Ortgies, die Chefin bei «Emma» werden sollte, nach wenigen Monaten wieder raus. Und auch Schwarzers Einsatz als «Bild»-Reporterin beim Kachelmann-Prozess stößt manchem übel auf.

In dieser Woche wurde gerätselt, warum ihre Attacken gegen Familienministerin Kristina Schröder (CDU) so heftig und bissig ausgefallen sind. Eine 33-jährige Geschlechtsgenossin als «ungeeignet», als «hoffnungslosen Fall» zu bezeichnen, ihr «billige Stammtischparolen» vorzuwerfen – das klingt auch irgendwie beleidigt und dünnhäutig. Die Politikerin hatte im Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» gesagt, Schwarzers Thesen gingen ihr zu weit.

Schwarzer gehörte in ihren frühen Jahren der radikal- feministischen Strömung an, die es gegen die Männer oder auch ohne die Männer machen wollte. Das passe aber nicht mehr in die Zeit, sagt auch Henninger: «Es geht darum, die oft noch immer ungerechten Verhältnisse und die privilegierte Stellung der Männer anzugehen.» Und das ausdrücklich mit den Männern gemeinsam. Zu den drängenden Problemen gehöre auch die Armut vieler alleinerziehender Frauen.

Andere Kritiker meinen, Schwarzer habt in manchen Fragen den Zug der Zeit verpasst. Sie sei «einspurig und eingleisig» geworden, akzeptiere in der Frauenfrage keine anderen Meinungen. Das sagt auch Schwarzer-Biografin Bascha Mika – bis 2009 «taz»-Chefredakteurin. «Stets auf Krawall gebürstet» sei die Kölnerin, sie solle den «Kampfanzug» endlich ausziehen, lauteten jetzt die Kommentare der vergangenen Tage. Provozieren und Beschimpfen – das bringe nicht weiter.

Allerdings bekommt im Schröder-Schwarzer-Streit auch die junge Ministerin ihr Fett weg. Dem Feminismus habe sie einen «Bärendienst» erwiesen, meint Henninger. «Kristina Schröder verbreitet sehr problematische Thesen. Es ist falsch, Unterschiede von Männern und Frauen auf die Biologie zurückzuführen.» Und: «Zugespitzt könnte man Schröder für ein “Alphamädchen” halten. Kritiker werfen denen ja vor, dass sie unreflektiert für sich alle Vorteile nutzen, die ältere feministische Streiterinnen vorher für sie geschaffen haben.»

Aber: «Es bringt den Feminismus und die Frauen nicht wirklich weiter, wenn man Jung gegen Alt ausspielt», sagt die Marburger Expertin. Dafür gebe es noch zu viel abzuarbeiten. «Wenn wir auf rechtlicher Ebene auch vieles in Richtung Gleichberechtigung erreicht haben, hinken wir bei der Umsetzung noch immer sehr hinterher. Da ist noch einiges zu tun.»

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