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Hintergrund: Gemeinschaft erleben

Im Ramadan kommen Muslime bei Fastenbrechen und Gebeten stärker zusammen - Von Yasin Alder, Bonn

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(iz)Über den Fastenmonat Ramadan alljährlich etwas ganz neues zu schreiben, ist nicht ganz einfach – so scheint es auf den ersten Blick. Bleiben doch die grundlegenden Regeln des Fastens, das Fastenbrechen in der Zeit des Sonnenuntergangs und bestimmte Elemente wie das gemeinschaftliche abendliche Tarawih-Gebet immer gleich. Und doch freuen Muslime sich alljährlich wieder auf den Ramadan. Schließlich ist das Fasten nicht bloß „Hungerakrobatik“, wie schon Murad Hofmann es einmal ausgedrückt hat, sondern eine ganzheitliche Erfahrung, die körperliche, geistige und soziale Aspekte vereint. Und dass der Ramadan eine besondere, von Allah gesegnete Zeit ist, lässt sich in jedem Jahr wieder aufs neue spüren. In jedem Ramadan kann man andere Erfahrungen machen, sodass man den Fastenmonat immer wieder neu erlebt.

In diesem Jahr wird der Ramadan, der sich ja nach dem islamischen Mondkalender richtet und im Vergleich zum hiesigen Sonnenkalender in jedem Jahr um 11 Tage nach vorne verschiebt, erstmals seit Jahren wieder größtenteils vor der Umstellung auf die Winterzeit liegen. Nachdem der Ramadan seit den frühen 90er Jahren in den Winter- und dann den Herbstmonaten lag, stehen uns nun wieder die Jahre bevor, in denen er auf den Sommer und die Sommerzeit fällt. In diesem Jahr wird dies bereits spürbar sein. Es bedeutet längeres Fasten an längeren Tagen und früheres Aufstehen zum Sahur, dem morgendlichen kleinen Imbiss vor Sonnenaufgang vor dem Fastenbeginn. Der Aspekt des Durstes dürfte sich in den wärmeren Sommermonaten und an den längeren Tagen ebenfalls stärker bemerkbar machen.

Aufgrund des längeren Tages zu schließen, morgens bei der Sahur-Mahlzeit nun mehr zu essen, gewissermaßen „auf Vorrat“, ist allerdings nicht zu empfehlen. Übermäßiges Essen, sowohl vor dem Fastenbeginn als auch nach dem Fastenbrechen (Iftar), entspricht weder dem Geist und den Prinzipien des Fastens noch dem generellen Verhalten des Propheten Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, in Bezug auf das Essen. In hiesigen Medien wird gerne mit ausgewählten Bildern aus Ägypten oder ähnlichen Ländern das Bild von Völlereien und ausschweifendem Nachtleben nach dem Fastenbrechen gezeichnet, was der Realität des Fastenmonats und der Praxis der allermeisten fastenden Muslime jedoch nicht gerecht wird. Dass es im Islam über den verpflichtenden Fastenmonat Ramadan hinaus auch das freiwillige Fasten gibt, das viele Muslime auch praktizieren, ist ebenfalls vielen Nichtmuslimen nicht bekannt. Ramadan besteht zudem nicht nur aus Verzicht auf Nahrungsaufnahme, es bedeutet auch, dass Augen, Ohren und Zunge sich enthalten. Ramadan ist ein sich Abwenden von unwichtigen Dingen und die Konzentration auf das Wesentliche.

Tipps zur Ernährung

Mediziner und Gesundheitsexperten weisen darauf hin, dass der Körper sich durch einen reduzierten Stoffwechsel auf die veränderte Nahrungsaufnahme im Ramadan einstellt, wobei auch das im Körper gebundene Fett besser ausgenutzt wird. Sie empfehlen daher eine ausgewogene Ernährung, wobei nicht größere Mengen als sonst eingenommen werden sollten: Brot und Getreideprodukte, Milch- und Milchprodukte, Fisch, Fleisch und Geflügel, Bohnen, Gemüse und Obst. Das Essen von Früchten am Ende einer Mahlzeit ist auch zu empfehlen. Die Ernährung sollte darauf ausgerichtet sein, das Gewicht zu halten und weder zu Gewichtsverlust noch zu Zunahme führen. Jedoch gilt natürlich auch, dass für jemanden, der übergewichtig ist, der Ramadan eine gute Zeit zum Abnehmen ist.

Angesichts von langen Fastenzeiten sollten zum Sahur Nahrungsmittel mit so genannten langkettigen Kohlenhydraten oder auch Ballaststoffen gegessen werden, damit das Essen länger für den Tag wirksam ist. Diese Art von Kohlenhydraten finden sich in Getreide und Saaten, wie Gerste, Weizen, Hafer, Bohnen, Linsen, Vollkornmehl, Grieß und ungeschältem Reis. Im Gegensatz dazu halten raffinierte Kohlenhydrate oder schnell verdauliche Nahrungsmittel nur drei oder vier Stunden und sollten besser zum Iftar gegessen werden, um den Blutzuckerspiegel schneller anzuheben. Zu den schnell zu verbrennenden Lebensmitteln gehören jene, die Zucker und weißes Mehl enthalten. Datteln sind eine exzellente Quelle für Zucker, Fasern, Kohlenhydrate, Kalium und Magnesium und seit den Tagen des Propheten Muhammad ein sehr gutes Mittel, um das Fasten zu brechen.

Gebratene und frittierte Speisen, stark gewürztes Essen und solches mit zu viel Zucker, wie beispielsweise Süßigkeiten, können gesundheitliche Probleme wie Verdauungs- und Gewichtsprobleme oder Sodbrennen verursachen und sollten daher während des Ramadan besser gemieden werden.

Sehr wichtig ist das Trinken von ausreichend Flüssigkeit, am besten Wasser oder ungesüßte Säfte, zwischen dem Iftar und dem Schlaf, um Dehydrierung zu verhindern und eine Entgiftung des Verdauungsapparates sicherzustellen.

Nicht zuletzt ist auch ein gewisses Maß an Bewegung zu empfehlen, etwa Spaziergänge.

Gesegnete Abende

Im Vordergrund stehen im Ramadan aber natürlich nicht Fragen der Ernährung, sondern die Spiritualität und das Gemeinschaftsgefühl, das gerade in diesem Monat besonders spürbar wird. Anders als in mehrheitlich muslimischen Ländern, wo der Ramadan und dessen besondere Atmosphäre auch im öffentlichen Leben spürbar sind, befinden sich die fastenden Muslime hier in einer Minderheitensituation. Dennoch entsteht durch das gemeinsame Fasten ein gesteigertes Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Muslimen, egal welcher ethnischen Herkunft, sozialen Schicht oder Altersgruppe. Man rückt zusammen. In manchen Wohnvierteln, in denen viele Muslime leben, merkt man um die Zeit des Fastenbrechens herum durchaus, dass die Straßen spürbar leerer sind, da sich die Familien in den Häusern zum Fastenbrechen versammeln; und in Straßen mit muslimischen Imbissen oder Restaurants sind diese häufig gut gefüllt mit Fastenbrechenden. In der Regel versuchen die Familien, möglichst zum gemeinsamen Fastenbrechen zu Hause zusammenzukommen, soweit dies, bedingt durch Berufstätigkeit oder Studium, zeitlich möglich ist. Durch die nun wieder späteren Sonnenuntergänge dürfte dies jedoch eher noch erleichtert werden. Eine große Rolle spielen auch die häufig sehr zahlreichen Einladungen zum Iftar, nicht nur innerhalb des Familien- und Verwandtenkreises, sondern auch bei Freunden und Bekannten. Wer viele soziale Kontakte hat, dem kann es leicht passieren, dass er selten zu Hause das Iftar einnehmen wird, dafür aber einen vollen Terminkalender hat und Einladungen koordinieren muss. Er wird es sich aber auch nicht nehmen lassen, so oft wie möglich, wenigstens aber ein oder zwei Mal, auch Gäste zu sich einzuladen.

Das Fasten wird der Tradition des Propheten nach mit einer Dattel gebrochen, dazu einige Schlucke Milch oder Wasser getrunken. Anschließend wird das Maghrib-Gebet verrichtet, und danach folgt das eigentliche Iftar-Essen. Bei türkischen Muslimen beispielsweise gibt es eine andere Vorgehensweise: Hier wird zunächst in Ruhe gegessen und dann anschließend gebetet. Danach macht man sich auf den Weg in die Moschen zu den gemeinschaftlichen, freiwilligen Tarawih-Gebeten, die immer sehr gut besucht sind. Viele, die sonst nur selten in die Moscheen gehen, sind dort anzutreffen, und auch sehr viele Frauen. Manchmal wird aber auch mit den Gästen zusammen das Tarawih zu Hause gebetet, um mehr Zeit füreinander zu haben.

Jede Volksgruppe hat zum Iftar ihre eigenen Spezialitäten. Beispielhaft zu nennen ist hier die in Marokko und Nordafrika verbeitete Harira-Suppe, die bei keinem Iftar fehlen darf. Dazu gibt es lediglich leichte Speisen. Nach dem Tarawih-Gebet folgt eventuell dann eine weitere kleine Mahlzeit. Bei türkischen oder bosnischen Muslimen gibt es schon zum Iftar eine Hauptmahlzeit mit einer Auswahl verschiedenster Speisen und Beilagen. Unter türkischen Muslimen sind besonders Süßspeisen wie die Baklava im Ramadan besonders beliebt, Bosnier trinken gerne Limonade zum Iftar.

Damit auch diejenigen, die keine Angehörigen haben oder deren Familien weit entfernt leben, nicht ihr Iftar-Essen alleine einnnehmen müssen, gibt es in vielen Moscheen täglich für jedermann Essen. Zumeist wird dieses von Mitgliedern des Moscheevereins gestiftet, wobei einzelne Mitglieeder an einem bestimmten oder auch mehreren Tagen die Kosten für das Essen übernehmen. Manche Moscheegemeinden oder andere Vereine, etwa muslimische Studentengruppen, veranstalten an bestimmten Tagen gemeinsame Iftar-Essen. In muslimischen Ländern eröffnen wohlhabende Muslime an öffentlichen Orten ganze Festzelte, in denen Bedürftige zu einem kostenlosen Iftar eingeladen sind.

Zaid ibn Khalid Al-Dschuhani berichtete, dass der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken, sagte: „Wer immer einem Fastenden etwas gibt, mit dem er sein Fasten brechen kann, erhält die gleiche Belohnung, ohne dass dies die Belohnung des Fastenden in irgend einer Weise verringern würde.“ (At-Tirmidhi) Und Anas berichtete, dass der Prophet einmal bei Sa’d ibn ‘Ubada war, der ihm etwas Brot und Öl brachte, wovon er aß. Dann sagte der Prophet: „Diejenigen, die gefastet haben, haben das Fasten mit Dir gebrochen, und die Gottesfürchtigen haben dein Essen gegessen, und die Engel beteten um Segen für Dich.“ (Abu Dawud)

Man versucht im Ramadan, möglichst viele gute Taten zu vollbringen, und sei es nur, bei der Essensverteilung behilflich zu sein. Im Ramadan werden aber auch besonders viele Spenden für Bedürftige gegeben. Es werden Kleider oder Spielsachen gesammelt und armen Muslimen in anderen Ländern geschickt.

Beim abendlichen Tarawih-Gebet kommen viele sehr häufig, fast täglich in den Moscheen zusammen und kommen sich dadurch näher. Durch das lange Gebet und das Hören des Qur’an dabei, sowie durch die eigene Qur’an-Rezitation (es ist eine gute Sitte, den Qur’an im Ramadan einmal ganz zu rezitieren) und die Enthaltsamkeit aus Ergebenheit in den Willen Allahs, stärkt dieser gesegnete Monat nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern vor allem die Ergebenheit und die Verbindung zum Allmächtigen Schöpfer und Barmherzigen Herrn der Welten.

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