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Hintergrund: In Fragen der Organisation gibt es Veränderungsdruck. Von Malik Özkan

Muslime - zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft

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(iz). Es ist beinahe eine Binsenweisheit: den Islam kann man nicht wirklich alleine praktizieren. Man betet gemeinsam, geht mit Mil­lionen Muslimen auf die Pilgerreise und bezahlt die Zakat zum Wohle der ört­lichen Gemeinschaft. Zweifellos sind also Muslime in aller Welt auf verschiedensten Ebenen miteinander verbunden und praktizieren ihren Glauben „privat” und „öffentlich” zugleich. Jeder, der einmal die Pilgerreise unternommen hat, weiß, dass dieses „Gemeinschaftsgefühl“ der Muslime nicht nur ein Spruch, eine Fiktion oder gar nur eine vergangene Romantik ist.

Millionen von Muslimen erleben in Mekka und Medina aber nicht nur die ursprüngliche menschliche Solidarität, sondern auch den einmaligen Wert Anderer, jenseits von Rasse und sozialem Status. Die Reise zu den Ursprüngen des islamischen Lebens ist somit ein wichtiges soziales Ereignis und kann nicht „alleine“ unternommen werden. Wie jede Reise bildet und prägt diese Fahrt in die Zentren der islamischen Welt. Jeder der Millionen Besucher studiert und erinnert sich in Medina an die Grundlagen der Ur-Gemeinschaft, die beteiligten Charaktere und den simplen Aufbau einer städischen Gemeinschaft, zwischen den Riten des Marktes und der Moschee. Gebet und Zakat, Moschee und Markt waren und sind nicht nur die wichtigsten Säulen der sozialen Wirklichkeit des Islam, ohne diese Pfeiler verkümmert sogar letztendlich die Lebenswirklichkeit der Muslime. Ein „Vier”- oder „Drei”- Säulen Islam wäre das Ende der überlieferten Lebensform.

Aber die eigentliche Qualität unseres islamischen Lebens entscheidet sich natürlich an unseren Wohnorten. Es ist die schlichte Alltäglichkeit, die über die Tiefe und den Sinn unseres Daseins entscheidet. Muslime leben nicht in einer anderen Welt und natürlich ist auch das muslimische Leben durch die moderne Gesellschaft und ihre Institutionen geprägt. Moderne Technik erleichtert unseren Alltag, Medien präsentieren uns ihre Sicht der Dinge und verknüpfen uns mit diversen Ereignissen in der Ferne. Gesellschaftliche Forderungen, unabhängig von unseren Überzeugungen, werden heute in erster Linie durch Parteien und Verbände erhoben.

Als Muslime werden wir immer häufiger durch Funktionäre „repräsentiert“ und ziehen uns selbst immer häufiger ins Private zurück. Muslime erleben so natürlich die bekannten Nachteile moderner Gesellschaften, sei es ein Gefühl der Isolation, ein wachsender Generationenkonflikt, die Verrohung von Jugendlichen oder ein am Konsum ausgerichteter Alltag. Alternative Lebensformen haben es heute schwer. Überhaupt – so sehen es zumindest religiöse Minderheiten, könnten sich die Mehrheitsgesellschaften künftig stärker gegen alternative Lebensformen und Lebensräume wenden. Diese Möglichkeit einer „Tyrannei der Mehrheit“ wurde unlängst in der Schweiz, wegen der umstrittenen Abstimmung über Minarette im Land, kontrovers diskutiert. Populistische Gegner des Islam fordern immer öfter das Zurückdrängen der angeblich europafeindlichen Lebenspraxis aus dem öffentlichen Raum.

Diese Entwicklungen muss man gerade im Rahmen gesellschaftlicher Krisenzeiten ernst nehmen. Gerade in diesen Tagen großer wirtschaftlicher Probleme sind moderne Gesellschaften, in die wir – ob wir wollen oder nicht – eingebettet sind, für diverse Zerfallserscheinungen anfällig. Sprengkraft hat der Verlust sozialer Ausgewogenheit. In einer aktuellen Studie der DIW warnen Wissenschaftler davor, dass auch in Deutschland zum Beispiel die Schere zwischen reich und arm weiter auseinanderdriftet. Diese Studie und ihre Hintergründe ist gerade für die Minderheit der Muslime im Lande wichtig. Sie sind aus verschiedenen Gesichtspunkten heraus betroffen. Die Polarisierung der Einkommen könnte die Struktur vieler Städte bedenklich verändern und auch für viele Muslime mit Immigrationshintergrund den Aufstieg in die Mittelschicht erheblich erschweren. Schon heute sind viele Probleme mit verhaltensauffälligen Muslimen nur aus der sozialen Lage der Betroffenen vollständig erklärbar.

Viele Muslime aus einfachen Verhältnissen sind auf niedrige Mieten angewiesen und könnten nun vermehrt in Elendsquartiere abwandern oder abgedrängt werden. Oft verschwimmen dann dort die Einflüsse sozialer Probleme und die Erinnerungen an islamische Lebenswirklichkeit. Gerade Jugendliche mit einer islamischen Halbbindung laufen Gefahr, ihre Lage falsch einzuschätzen. Solche Armenviertel sind natürlich aus Sicht der Bewohner „von Resignation und Zukunftspessimismus geprägt“. Vor allem für die Lebensperspektiven von muslimischen Kindern und Jugendlichen ist das verheerend. Fatal ist das Bild, der Islam sei Teil des Problems und nicht etwa Teil der Lösung.

Fakt ist aber, in vielen dieser Viertel sind Moscheen und ihre Gemeinden bereits wichtige Aktivposten, und gerade ihre soziale Kompetenz könnte die Folgen von Armut mildern. Die Moschee könnte dabei nicht nur ein sakraler Ort sein, der natürliche Mittelpunkt einer islamischen Gemeinde, sondern auch wieder zum Mittelpunkt sozialer Versorgung im Stadtviertel werden.

Für die Muslime droht aber gleichzeitig eine andere Gefahr, die auch dadurch wächst, dass die Mehrheitsgesellschaft den Islam nach wie vor als „fremd“ einschätzt. Massenmedien mögen dabei auch einen objektiven Blick auf die „Anderen” erschweren. Was bleibt, ist ein gesellschaftliches Faktum: Wer den gesellschaftlichen Abstieg fürchtet, macht dafür immer wieder gerne eine andere Bevölkerungsgruppe verantwortlich. Die Folge könnten Ausländerfeindlichkeit, Islamophobie und Fremdenhass sein, schreiben auch die DIW-Autoren in ihrer Studie. Die Muslime sind gut beraten, solche Warnsignale nicht einfach zu ignorieren und es sich etwa in Parallelwelten „gemütlich“ zu machen.

Die Frage, wie sich Muslime in dieser Situation organisieren, wird weiter an Bedeutung gewinnen. Die grundsätzliche Frage nach dem Zusammenhang von Gesellschaft und Gemeinschaft liegt dabei auf der Hand. Wie organisieren wir uns als Muslime, ohne unsere soziale Identität zu verlieren? Wie vermeiden wir den Eindruck, Fremdkörper in der Gesellschaft zu sein? Sind wir wirklich in den Verbänden oder Vereinen zu Hause? Wie schaffen wir eine neue Balance zwischen der notwendigen Teilnahme an gesellschaftlichen Vorgängen und der ebenso notwendigen Basis unseres gemeinschaftlichen Zusammenlebens? Wie gründet man eigentlich eine Gemeinschaft?

Die Mehrheit der Muslime ist heute mehr oder minder durch Verbände oder Vereine miteinander verbunden. Diese Strukturen sind oft durch Immigranten entstanden, die sich in Deutschland organisieren mussten, aber sich auch zu ihren kulturellen Ursprüngen bekennen wollten. Diese straff organisierten Vereine und ihre Einrichtungen, oft in direkter Nachbarschaft, schufen indirekt ethnische Trennlinien: d die Albaner, dort die Türken oder Araber. Zwischen diesen Gemeinschaften gab es erstaunlicherweise nur wenig Berührungspunkte. In schmucklosen Gewerbegebieten entstanden „Kulturvereine“, die weniger eine neue Kultur, als die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat vermittelten. Heute wirken diese Organisationsansätze eher antiquiert. Die Bedeutung der ehemaligen Heimatländer sollte bei einer natürlichen Entwicklung über die Jahre eher abnehmen.

Für mehr Aufregung sorgt nach wie vor der sogenannte politische Islam. „Politische“ Verbände sahen in der Fähigkeit, den Willen ihrer politischen Mitglieder zu organisieren, eine Spielart politischer Macht und weckten so gleichzeitig das Misstrauen staatlicher Behörden. Die schleichende Entpolitisierung dieser Verbände macht aus ihnen heute politisch korrekte, religiöse Dienstleister. Ein überzeugendes Programm, was sie der Gesellschaft eigentlich, neben dem Bau sakraler Bauten, anzubieten hat, fehlt dabei noch häufig. Viele Muslime besuchen diese Moscheen zum Freitagsgebet, ziehen es aber vor, sich keinem zentralen Verband anzuschließen. De facto eröffnet sich heute so ein Spannungsbogen zwischen „organisierten“ und „individuellen“ Muslimen. Aber, viele Muslime suchen auch nach einem dritten Weg und nach einer neuen Basis ihres islamischen Lebens. Diese Basis könnten freie lokale Gemeinschaften sein.

Die Motivation ist klar. Für eine ganze, neue Generation von Muslimen sind die alten ethnischen Trennlinien nicht mehr aus Beton. Oft sprechen junge Muslime die europäischen Sprachen besser als die Sprachen ihrer Vorfahren. Diese jungen Leute wollen in Deutschland leben, sehnen sich nach Anerkennung und wollen doch auch Muslime sein. Sie reiben sich mit den alt eingesessenen Funktionären. Beinahe instinktiv wenden sie sich von antiquierten Organisationsformen ab und suchen nach Orten, die eine symbiotische, neue Kultur ermöglichen könnten.

Unabhängige Moscheegemeinden versuchen sich an einem neuen Mittelweg. Sie bieten eine lokale Organisationsform an, ohne sich durch übergeordnete Strukturen bevormunden zu lassen. Auch die ethnischen Unterschiede zwischen den Gläubigen spielt hier eine nur unter­geordnete Rolle. Ihre Imame entscheiden selbst über die Freitagspredigt. In ­erster Linie geht es um die lokale Rolle der Moschee und ihrer Gemeinde in der Stadt. Die große Politik, zu der die größeren Einheiten neigen, spielt naturgemäß eine kleinere Rolle. Allerdings gibt es Bestrebungen, auch die unabhängigen Moscheegemeinden orga­ni­satorisch näher zusammenzuführen, um zum Beispiel auf nationaler Ebene, wie bei der Islamkonferenz, eine Stimme zu haben. Noch konsequenter betreiben einige kleinere Gemeinschaften die Dezentralisierung. Eine große Rolle spielt dabei die Zakat, denn nur der, der sich der Zakatpflicht unterwirft, gehört wirklich zur Gemeinschaft und ist nicht nur ein Reisender. Naturgemäß wird die Zakat zunächst in der unmittelbaren Umgebung verteilt und ist so nicht etwa die Machtbasis einer zentralen Organisation. Eine Vereinszugehörigkeit oder die Ethnie spielt in der „Zakat-orientierten“ Gemeinschaft keine Rolle.

In diesen Gemeinden gibt es neben dem Imam einen Vorsitzenden oder Amir und damit eine umfassende, lokale Verantwortlichkeit. Die Zakat, nicht zu verwechseln mit Almosen, schafft dabei den eigentlichen sozialen Bezugsrahmen der Gemeinschaft.

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