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Hintergrund: Indiens Geißel – Vergewaltigungen und gezielte Abtreibungen. Anmerkungen von Sulaiman Wilms

Der Hass auf die Frauen

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(iz). Es gehört zu den orthodoxen Grundannahmen unserer Erziehung, dass sich die Gattung Mensch im Zustand eines kontinuierlichen Fortschritts befände. Nicht nur der übel beleumdete Kultur­skeptiker dürfte dies grundsätzlich in Frage stellen. Ebenfalls zu den „No-Go-Areas“ unseres Weltverständnisses zählt, dass sich der Mensch im Laufe dieses Fortschritts endgültig von seiner natürlichen Umwelt befreit. Heute von „natürlichen Verhaltensweisen“ (wie in der Familien-Debatte) zu sprechen, dürfte auf jeden Fall belächelt werden. Auch wenn es Gegenargumente gibt, konnten sich die beiden, inein­ander verzahnten Vorstellungen durchsetzen, und lassen sich nur selten in Frage stellen.

Dass es aber verheerende Folgen haben kann, wenn der Mensch dauerhaft die Grenzen seiner Natürlichkeit (und seiner Einbindung in die „Natur“) überschreitet, erkennen wir an den ökologischen Folgen unseres Verhaltens auf globalem Niveau. Gerade Muslimen ist dieser Gedanke nicht fremd, werden sie doch von Allah in der Sura Al-Baqara („Und wenn man zu ihnen sagt: ‘Stiftet nicht Unheil auf der Erde!’, sagen sie: ‘Wir sind ja nur Heilstifter’.“) daran erinnert, was geschieht, wenn sie sich – im Glauben an die Machbarkeit aller Vorhaben – über die Gesetzmäßigkeiten der Schöpfung erheben.

Erschütternde Nachrichten aus Indien – aber auch aus Ägypten und anderswo – von einem rapi­den Anstieg der Vergewaltigungen (sowie anderer Formen der Gewalt gegen Frauen) haben Men­schen in aller Welt aufhorchen lassen. Dabei kann keine religiöse oder „kulturelle“ Gruppe und keine Gesellschaft momentan für sich in Anspruch nehmen, sie wäre von diesem Übel ausgenommen. Es scheint ein allgemeines ­Zeichen der Zeit zu sein, dass Frauen und Mädchen in dieser historischen ­Phase besonders häufig Opfer von Kriegen, Konflikten und gesellschaftlichem Chaos werden.

Dass für uns Muslime jegliche Respektlosigkeit (Muslime erfanden immer­hin die Ritterlichkeit des christlichen Mittelalters) gegenüber und Misshandlung von Frauen und Mädchen – in welcher Form auch immer – inakzeptabel ist und sich auf keinem Fall aus den Quellen und dem prophetischen Vorbild ableiten lässt, ist eine Sache. In ­einer Zeit, in der über „Barmherzigkeit“ Bücher geschrieben werden, ist es angemes­sen, auf die Wurzel des entsprechenden arabischen Wortes zu verweisen. Das arabische „Rahma“ meint Barmherzigkeit, Sympathie, Mitgefühl, gegenseitiges ­Verständnis und Respekt. Etymologisch ist es mit dem Wort „Rahim“, Gebärmutter, verbunden; und durch Verlängerung mit Verwandtschaft. Es ist untrennbar Teil der Vorstellung, dass eine Mutter – die Trägerin der Gebärmutter – dasjenige Wesen ist, das diese Eigenschaften gegenüber dem Baby, das sich in ihrem Leib entwickelt, beispielhaft an den Tag legt. Daher ist das arabische Wort für Gebärmutter in sich selbst ein Aspekt der Barmherzigkeit.

Eine andere Seite aber ist, dass wir es hier mit einem realen Problem zu tun haben, das nicht aus der Welt verschwindet, wenn wir auf einen Soll-Zustand verweisen. So häuften sich in den letzten Monaten Nachrichten, wonach Frauen auf dem Kairoer Tahrir-Platz gezielt Opfer gewalttätiger Männerbanden wurden. Wenn die Meldungen stimmen, dann wurden viele Frauen nicht nur Opfer von kriminellen Männern, sondern auch von Extremisten, die sie aus der Öffentlichkeit verbannen wollen.

Insbesondere das derzeit aktuelle Beispiel Indien und die, im ganzen Land angeprangerte Vergewaltigungswelle (von der schlechten Behandlung von Frauen in der angeblich „größten Demokratie der Welt“ ganz abgesehen) lässt aber vermuten, dass es vielleicht eine Beziehung zwischen dem Bruch natürlicher Gesetzmäßigkeiten und Phänomenen wie der Gewalt gegen Frauen und Mädchen geben könnte.

Die Autorin Erika Christakis stellte in der „Times“ am 04. Januar die Frage, ob ein Zusammenhang zwischen steigender, sexualisierter Gewalt gegen Frauen und der selektiven Abtreibung weiblicher Föten bestünde. Wachsende Indizien legten den Schluss nahe, dass Länder wie Indien oder China, in denen das Verhältnis von Männern zu Frauen wegen der gezielten Abtreibung weiblicher ­Föten (derartige Quoten wurden auch in Albanien, Armenien, Aserbaidschan, ­Afghanistan, Pakistan oder Bangladesch festgestellt) und der Vernachlässigung von Mädchen verzerrt werde, eine steigende Gewalt gegen Frauen feststellen würden.

„Das Ungleichgewicht bei der quantitativen Verteilung führt direkt zu mehr Menschenhandel und Brautkauf“, zitierte Christakis die Autorin Mara Hvistendahl. Der Frauenmangel führe dazu, dass junge Männer vermehrt ohne Ehepartner blieben. „An diesem Punkt sprechen wir von Korrelationen, nicht von Ursacheen. Dafür braucht es mehr Studien (…) aber aus historischen Fällen und anderen Studien über den Testosteron-Spiegel wird deutlich, dass eine große Menge unverheirateter Männer in der Bevölkerung keine gute Sache ist“, schreibt Hvistendahl.

Im „natürlichen“ Zustand würden etwas mehr Jungen als Mädchen geboren. Aber männliche Kinder seien nach der Geburt etwas anfälliger als weibliche  und Frauen hätten im Allgemeinen eine höhere Lebenserwartung. „In Abwesenheit von Umständen wir Krieg oder ungleichem Zugang zu Gesundheitsvorsorge und Ernährung müssten wir erwarten, ein 1:1-Verhältnis von erwachsenen Männern und Frauen im heiratsfähigen Alter vorzufinden“, schrieb Christakis.

In der indischen Volkszählung 2011 wurde festgestellt, dass auf tausend Männer nur 914 Frauen kommen – das verzerrteste Verhältnis seit der indischen Unabhängigkeit 1947. In einigen ­Staaten wie Haryana sinken diese Zahlen sogar auf 830 Frauen ab. Bereits vor mehr als 20 Jahren warnte der Nobelpreisträger und Ökonom Amartya Sen vor mehr als „100 Millionen fehlender Mädchen“ in Indien als Folge der Bevorzugung männlicher Kinder.

Ein Artikel des Publizisten, Bloggers und IZ-Autors Emran Feroz macht allerdings deutlich, dass man sich im ­Falle Indiens nicht nur auf eine Ursache fokussieren kann. Feroz erinnert daran, dass – jenseits des aktuellen Fokus auf die spektakulären Fälle – in Indien im Umgang mit Minderheiten die Vergewaltigung ein nicht unbekanntes Mittel der Machtausübung ist. „Währenddessen spricht niemand über die Verbrechen, die sich tagtäglich in der von Indi­en besetzten Region Kaschmir abspielen. Dort steht sexuelle Gewalt seitens der indischen Soldaten und Polizisten auf der Tagesordnung. Ein Beispiel hierfür ist das Schicksal von Saira Bano. Sie ­wurde knapp eine Woche nach ihrer Hochzeit von einer Gruppe von Soldaten vergewaltigt“, schrieb Feroz.

Über diese Zustände habe sich vor Kur­zem auch die indische Autorin Arun­dhati Roy beklagt. Während man die ­Täter des Neu-Delhi-Falls hart ­bestrafen wolle, würden die Verbrechen der indischen Armee weiterhin toleriert. Das Gleiche gelte für Verbrecher aus den höheren ­Kasten, die de facto vom indischen Gesellschafts­system und von hohen Würdenträgern beschützt werden.

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Sulaiman Wilms

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