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Hintergrund: Was den Krieg für uns problematisch macht

Thesensammlung: Der Krieg im Nahen Osten findet seine Fortsetzung in einer ideologischen Auseinandersetzung

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„Als Muslime müssen wir die Sphäre der Ereignisse nicht nur einmal, sondern zweimal untersuchen. Beziehungsweise wir müssen sie zuerst mit dem Auge des Tauhids [das Wissen um die Einheit] betrachten und dann mit dem Auge des Furqans [Unterscheidungsvermögen]. Wenn wir die Angelegenheit nicht mit der notwendigen Schwere und gleichzeitig mit der Erleuchtung, die vom Lichte des Tauhids kommt, betrachten, dann werden wir bei der nachfolgenden Unterscheidung scheitern. Wie schockierend und beängstigend die Sache auch sein mag, so müssen wir erkennen, dass dieses Ereignis von Allah ist. Bei Allah gibt es keine Ungerechtigkeit.“ (Schaikh Dr. ‘Abdalqadir As-Sufi)

„Kreuz und quer kreisen Sätze, Namen von Menschen und Orten um den Erdball. Und mindestens zweimal täglich werden Wahrheiten und Tatsachen gegen frische ausgetauscht, vielleicht damit wir uns nicht langweilen oder uns eigene Tatsachen und Meinungen machen. … Keiner von uns hat Antworten, sondern nur einen Haufen Fragen.“ (Renée Zucker, tageszeitung)

„Es ist stets ein riskantes Unterfangen, etwas über einen Krieg sagen zu wollen, dessen Ausgang noch im Ungewissen liegt. Ein katastrophaler militärischer Unfall, ein politisch gravierender Missgriff, und schon geraten die Koordinaten … mächtig ins Wanken.“ (Moshe Zuckermann, Freitag)

//2//(iz)Der am 13. Juli ausgebrochene Krieg zwischen den israelischen Streitkräften und der Hizbullah, der auf dem Gebiet des Libanons und Nordisraels ausgetragen wird und überwiegend zu Verlusten unter der libanesischen Bevölkerung (nach einigen Schätzungen bisher an die 1.000 Zivilisten) geführt hat, wirft eine ganze Reihe von Fragen auf, die zumeist gar nicht oder nur verzerrt angeschnitten werden. Dabei gibt es mehrere Aspekte, die diesen modernen Krieg sehr problematisch und fragwürdig machen. In Zeiten einer enorm aufgeladenen Polarität – mit dem Druck, Position beziehen zu müssen – wird der Versuch zu den Bedeutungen dieses Ereignisses vorzudringen, für viele erschwert. Dies ist umso schwieriger, da der permanente Anblick von zivilen Opfern zu schnellen Lösungen drängt.

Kein Religionskrieg

Eines der Haupthindernisse, diesen Krieg zu verstehen, ist die Idee, dass es sich hier um einen Konflikt zwischen Islam und Judentum handelt. Auch wenn die religiös verbrämten Positionen beider Seiten uns diesen Schluss nahe legen, ist dem nicht so.

Obwohl Israel als „Jüdischer Staat“ auftritt, gibt es eine ganze Reihe prominenter Stimmen von religiösen wie nicht-religiösen Juden, die eine eindeutig negative Haltung gegenüber dem Vorgehen der israelischen Streitkräfte im Libanon wie in Gaza äußern. Ihre geringere Lautstärke bedeutet nicht, dass sie nicht eine alternative Stimme darstellen. Nur noch eine Minderheit von jungen Israelis fühlt sich überhaupt dem Zionismus als bestimmender Ideologie verbunden, sondern sucht – wie ihre Altersgenossen im Libanon oder in den Golfstaaten – die Einlösung des globalen kapitalistischen Glücksversprechens.

Ähnliches lässt sich über die Hizbullah sagen. Sie ist zuerst einmal eine Formation libanesischer Schiiten, die Unterstützung in verschiedener Form vom Iran und in geringerem Maße von Syrien erhält. Sie ist jenseits ihres religiösen Gehalts eine Kraft der „nationalen Befreiung“ und agiert – durch ihren politischen Arm – als Interessenvertretung der verarmten libanesischen Schiiten. Durch ihre Interpretation des Islam bleibt sie – trotz des steigenden „Volkszorns“ im Nahen Osten über die Ausmaße der israelischen Angriffe – wesensmäßig von der Mehrheit der Muslime getrennt. Dazu zählen ein Opfermythos, ein ausgeprägter Hang zum Märtyrertum und die Neigung, aussichtslose Kämpfe gegen Gegner zu führen, die immer als Personifizierung der reinen Tyrannei verstanden werden. Nicht unerwähnt bleiben darf hier die Bereitschaft, sich in Selbstmordattentaten zu „opfern“.

Auch wenn sich Demonstranten im Nahen Osten lautstark für die Position der Hizbullah stark machen, kann dies nicht als allgemeine Unterstützung gewertet werden. Kurz nach Beginn der Kämpfe kam es auf der Sitzung der Arabischen Liga von Seiten Saudi-Arabiens, Ägyptens, Jordaniens und anderer Länder zu ausdrücklicher Kritik an der Aktion der Hizbullah, die als Provokation verstanden wurde. Bei den verarmten Massen im Nahen Osten ist diese Position aus nachvollziehbaren Gründen in Verruf geraten, da die Regime dieser Länder natürlich auf die eine oder andere Weise von den USA abhängig sind.

Ein weiterer Grund, warum es von nahöstlichen Gelehrten in Fällen wie diesen selten zu eindeutigen Urteilen kommt, liegt in der desolaten Lage der islamischen Lehre in der Region. Der Mufti von Nablus erklärte vor einigen Monaten auf einer Konferenz in Kapstadt, dass er, würde er eine Fatwa gegen Selbstmordattentate erlassen, um sein Leben zu fürchten hätte. Die überwiegende Abwesenheit unabhängiger islamischer Stimmen zwischen Kairo und Bagdad und zwischen Damaskus und Dubai verleiht der Hizbullah ein größeres Gewicht, weil sich nicht viele arabische ‘Ulama finden lassen, die ihr auf islam-rechtlicher Position zu widersprechen wagen. Jenseits der ideologischen Parteilichkeit und moralischer Argumente gab es bisher keine islamisch-rechtliche Stellungnahme, warum wir eigentlich als Muslime die Hizbullah unterstützen sollten.

Verwandte Gegner?

Während die Hizbullah sich als „Befreier“ darstellt, möchten israelische Militärs, die Regierung Olmert und neo-konservative Repräsentanten in den USA uns glauben machen, dass sie im Kampf gegen die Hizbullah die westliche Welt, sowie ihre Nachbarn gegen die „Geißel des terroristischen Islamismus“ verteidigen. Paradebeispiel dafür war am 30. Juli der Auftritt des israelischen UN-Botschafters Gillerman – am Tage des Massakers von Qana. Er rechtfertigte nicht bloß den blutigen Angriff, sondern bekundete gleichzeitig das Mitgefühl seiner Regierung mit diesen Opfer.

Neben dem offensichtlichen Zynismus eint beide Seiten der Austausch des Rechts, welches kriegerische Handlungen reguliert, durch eine „Wert-Unwert“-Ideologie, die ihnen eine Erklärung eröffnet, warum Zivilisten und deren Infrastruktur ins Visier genommen werden dürfen. Die zu hörende Klage über zivile Opfer (als einziger Kritikpunkt am israelischen Vorgehen) verschleiert die Tatsache, dass diese Angriffe wesensmäßige Bestandteile des Vorgehens beider Konfliktparteien sind. Gleichzeitig dürfen wir uns von der Asymmetrie der militärischen Maschinerie nicht täuschen lassen. Die bloße Tatsache, dass Israel über eine „bessere“ Bewaffnung verfügt, heißt noch nicht, dass die Hizbullah dadurch über einen „moralischen Vorteil“ verfügt. Dass die Hizbullah mit ihren Katjuschas unterscheidungslos zivile wie militärische Ziele angreift, mag als Beleg dafür gelten.

Was das ideologische Verhalten vom rechtlichen unterscheidet, ist die Begrenzung des Krieges. Wenn wir das Verhalten der frühen Muslime, der historischen Gestalten wie Salahuddin Al-Ajjubi (Saladin) oder auch des bosnischen Militärs betrachten, dann erschließt sich sich diese Begrenzung am konkreten Beispiel. Die Grundregeln des Islam für das Verhalten im Krieg sind sehr konkret und schließen manches aus, was anderswo gerechtfertigt wird. Einen totalen Krieg kann es, wenn das islamische Recht berücksichtigt wird, nicht geben.

Auch auf nicht-muslimischer Seite ist ein Blick auf das heutige und das frühere Denken hilfreich. Augenblicklich sehen die den Krieg seitens Israel unterstützenden Stimmen in Washington, Tel Aviv und Europa diese humanitäre Katastrophe als Möglichkeit, ihre neuen Ordnungsvorstellungen vom Nahen Osten durch diesen Konflikt wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Condoleezza Rice sprach zynisch von „Geburtswehen des Neuen Nahen Ostens“, und in so manchen Papieren findet sich die Phrase von der „kreativen Zerstörung“. Unabhängig ihrer Schattierung eint die Ideologen der Wille zum totalen Krieg. Jede Form von Diplomatie, gar von „Dialog“, wird verachtet und als Schwäche abgetan. Im Grunde wäre man froh, wenn sich Syrien oder gar der Iran beteiligten, weil sich dann eine weitere Umsetzung dieser Pläne ermöglichen ließe. Der israelische Historiker Moshe Zuckermann äußerte die Ansicht („Freitag“, 4. August), dass der Ausbruch des Krieges kein unglücklicher Zufall sei, sondern von beiden Seiten gewollt war. „Wie immer sich der militärisch-politische Ausgang dieses Krieges künftig gestalten mag, sein Ausbruch lag, trotz gegenteiliger Beteuerungen, im engen Interesse all der an ihm direkt oder indirekt Beteiligten“, so Zuckermann.

Ein Beispiel für die von Israel vertretene Position, die der Gegenseite die Eigenschaft des absolut Bösen zuweist, ist der Kommentar von Richard Herzinger in der „Welt“: „Gegenüber dieser Allianz verpuffen alle wohlmeinenden Verhandlungsstrategien des Westens. Denn die Mächte, die derzeit im Kampf gegen Israel am Drücker sind, folgen einer ganz anderen Logik: Sie sind nicht an einer gerechten Friedenslösung für Palästina interessiert, sondern an der Vernichtung des jüdischen Staats, und sie mißbrauchen die palästinensische Frage zur Ausweitung ihrer Macht im Nahen Osten.“ Wie denn eine bis bis zu den Zähnen bewaffnete Atommacht demnächst vernichtet werden soll, bleibt dabei offen. Welch einen Gegensatz dazu stellen frühere konservative Größen wie Kissinger und Brzinski dar. Anders als ihre neo-konservativen Nachfolger – die heute immer noch bereuen, dass es niemals zu einem „heißen Krieg“ kam -, wussten beide Denker sehr genau, dass man aus Gründen eines aufgeklärten Eigeninteresses und der Selbsterhaltung auch seinem schlimmsten Gegner immer die Möglichkeit einräumen muss, auf den Anderen zuzugehen. Brzinski äußerte jüngst in einem Interview mit der „Welt“, dass er starke Zweifel am Erfolg der neo-konservativen Ideologie im Nahen Osten hege.

Das Militär und seine Technik

Jenseits des konkreten Ereignisses stehen die Raketenangriffe der Hizbullah und die Bombardierungen und der Artilleriebeschuss des Libanons für die „neue Welt“ nach dem 11. September 2001. Sie sind nicht der klassischen Kriegsführung geschuldet, sondern entstammen der ent-rechteten Methodik des „Kriegs gegen den Terror“, was seit Jahren einen konstanten Bruch des hergebrachten internationalen Kriegsvölkerrechts zugunsten übergeordneter „Werte“ ermöglicht. Wir erinnern uns, wie in Afghanistan im „Krieg gegen den Terror“ als Vergeltung für die Opfer des 11. Septembers eine mehrfach höhere Zahl afghanischer Zivilisten durch Flächenbombardements ums Leben kam.

Die Hizbullah wie auch das israelische Kommando – und letztlich jede zeitgenössische Luftstreitmacht – nehmen den Tod oder den Schaden von Nichtkombattanten, deren Eigentum und ihre Infrastruktur billigend in Kauf. Beide Parteien greifen ungehindert zivile Ziele an. Die Hizbullah geht nicht – wie frühere antifaschistische Partisanen des Zweiten Weltkriegs – in die Berge oder in unbewohnte Gegenden, sondern verschanzt sich auch mitten in der zivilen Infrastruktur. Die grundsätzliche Frage, die sich hier stellt, ist, ob dies nach dem authentischen islamischen Kriegsrecht überhaupt zulässig ist. Zu diesem Punkt hüllten sich die islamischen Autoritäten des Nahen Ostens übrigens bisher in Schweigen. Als Reaktion darauf liefert die Miliz wiederum die moralische Rechtfertigung für die israelische Luftwaffe. Denn schließlich seien die libanesischen Zivilisten ja selber Schuld, wenn sie es zuließen, dass die Miliz ihre mobilen Raketenwerfer und ihre Munition mitten in Wohngebieten lagere – ein scheinbar unauflöslicher Teufelskreis.

Nicht von ungefähr wird der Krieg durch die eingesetzte Militärtechnik geprägt. Die räumliche Trennung zwischen Artillerie, Raketenrampen und „Smart-Bombs“ einerseits und ihren Zielen andererseits bewirkt automatisch eine Entpersönlichung zwischen Soldaten und Menschen, die als „Kollateralschäden“ zu leiden haben. Seitdem die israelischen Bodentruppen direkte Gefechte mit der Hizbullah eingegangen sind und höhere Eigenverluste die Folge sind, wird die Kritik an der Kriegsführung der unerfahrenen Regierung Olmert und des Generalstabschefs Dan Chalutz lauter. Gleichzeitig zeigt sich die Begrenzung der Militärtechnik angesichts der eigentlichen strategischen Ziele. Weder konnten die Israelis trotz ihrer absoluten Luftüberlegenheit Hizbullah-Chef Nasrallah erreichen, noch die Miliz entscheidend schwächen. Die geplante Wiederbesetzung bis zum Fluss Litani, bis eine internationale Truppe zum Einsatz gelangt, ist das unausgesprochene Eingeständnis, dass das israelische Militär es bisher nicht schaffte, die Hizbullah auszuschalten. „Dass Israel die Entführten durch diese Aktion freibekommt, ist wenig wahrscheinlich. Wenn das gelänge, könnte dem doppelten Militärschlag (zuerst Gaza, jetzt Libanon) noch ein Sinn abgewonnen werden“, meinte Wolfgang Günter Lerch in der FAZ. Nur eines ist sicher: in dem zerbombten Gebiet entstehen neue Truppen hoffnungsloser und verbitterter Kämpfer.

Positionen von Minderheiten?

Ob beide Seiten für eine Minderheitenposition stehen, kann nicht an wütenden Demonstrationen und Umfragen abgelesen werden. Wenn wir diese Messlatte anlegen würden, dann würde sowohl im Libanon (wo 87 Prozent der Befragten laut einer Umfrage der Tageszeitung „Al Safir“ die Hizbullah unterstützen), als auch in Israel (wo laut der Zeitung „Maariv“ gar 95 Prozent das Vorgehen ihrer Staatsführung gutheißen) der Krieg quasi im demokratischen Auftrag der Menschen geführt. Im Libanon ahnt der Autor der „Al Mustaqbal“, Hassan Daoud, dass das Vorgehen der Hizbullah schwerwiegende Folgen für die Zeit nach dem Krieg haben werde. „Es könnte zu Konfrontationen zwischen Sunniten und Schiiten kommen, wenn nach Beendigung des Konflikts die Verantwortung für die katastrophale Zerstörung und die Toten Hizbullah angelastet wird“, befürchtete Daoud.

Stellen wir uns die gleiche Frage allerdings vor dem Hintergrund der tatsächlichen Interessen aller Bevölkerungsgruppen im Nahen Osten, so ergibt sich ein entgegengesetztes Bild. Außer den direkt wie indirekt beteiligten Kriegsparteien nutzt dieser Krieg niemandem, weder den Libanesen, noch den Israelis oder gar den Palästinensern. Neben den offenkundigen Verlusten an Menschenleben und ziviler Infrastruktur, werden Aussichten auf positive Entwicklungen zerstört. Im Libanon begann so etwas wie eine „Renaissance“ und der Tourismus wurde zum Motor der wirtschaftlichen Entwicklung. Er sollte mithelfen, die durch den Wiederaufbau aufgetürmten Schulden zu tilgen. Ironischerweise werden demnächst die Aktienkurse der Bauunternehmen steigen, die eines Tages den Schutt wiederaufbauen werden. Auf der anderen Seite der Grenze das gleiche Bild: Nicht nur erlebt das Land eine weitere Stufe seiner Militarisierung. Ein normaler Alltag – frei von Angst vor Katjuschas und möglichen Selbstmord- attentaten – ist trotz Krieg gegen Libanon, Gaza und einer illegalen Schutzmauer immer noch nicht möglich.

Einigender Faktor auf beiden Seiten ist die „Kriegswirtschaft“. Sie ermöglicht nicht nur Krieg, sondern hält ihn ebenso am Leben. Nicht von ungefähr ist die einzige boomende Industrie in Israel die Waffenproduktion, wobei das Land längst nicht mehr der kleine „David“ ist, als den man sich selber gerne darstellt. In Kooperation mit deutschen und US-amerikanischen Unternehmen produziert Israel Waffensysteme, die den großen Exportländern mittlerweile Konkurrenz auf dem Weltmarkt machen. Untrennbar mit dem Waffenhandel und der Waffenproduktion sind die Programme der US-Regierung verbunden, die jedes Jahr Milliarden an US-Dollars in das Land pumpen, unabhängig davon, ob das israelische Vorgehen den Interessen der Vereinigten Staaten nutzt oder nicht. Bei der Hizbullah wäre zu fragen, wie die Miliz ohne ihren „militärischen Arm“ überhaupt bestehen und Einfluss auf die innenpolitische Lage im Land ausüben will. Ohne finanzielle und technische Unterstützung aus Teheran und – zu einem geringeren Maße – aus Damaskus wäre das Heer wohl kaum zu halten. Und wäre sie, wenn wir die hypothetische Frage stellen, noch für Teheran bedeutend, wenn sie nicht mehr als militärischer Faktor agiert? Beide Parteien haben als Minderheit der Region keinen dauerhaften Lebensentwurf zu bieten und hängen nicht unerheblich in ihrer Bedeutung von „Kriegswirtschaft“ und „Ausnahmezustand“ ab. Die Vernichtung des politischen Feindes stellt die einzig denkbare Lösung dar und macht die jeweilige Welt „besser“.

Das Dilemma des subjektiven Werts

Wer sich mit diesem Krieg beschäftigt, steht vor dem Dilemma der subjektiven Wertsetzung, denn moralische Bewertung ist immer subjektiv. Heute sind Krieg und Frieden kaum noch unterscheidbar. Das Denken bewegt sich in Kategorien der Totalität, die so wenig zu differenzieren vermögen, wie die Technik unserer Vernichtungsmaschinerie. Die Logik der Legitimität ist eher einfach gehalten: Die höchsten Werte rechtfertigen die Vernichtung des Unwertes. Im lokalen Umfeld des Terroristen bleibt nur das nackte, rechtlose Leben. „Blut ist kein Argument“, heißt es beim Dichter Shakespeare. Im Zusammenhang mit diesem Krieg wird die Wahrheit dieses Satzes deutlich. Während die eigenen zivilen Opfer instrumentalisiert werden, da sie das eigene Handeln zu legitimieren scheinen, werden die Toten und Verletzten auf der anderen Seite gerechtfertigt.

Der Unwert, der der anderen Seite zugewiesen wird, betrifft de facto vor allem die Nichtkämpfer und unterwirft sie einer militärischen Verwertungslogik des totalen Krieges. Dass insgesamt Millionen Menschen auf der Flucht ihre Wohngebiete verlassen mussten und unter der permanenten Furcht durch Beschuss leben müssen, wird durch diese Denkweise ausgeblendet.

Die Opfer auf israelischer Seite – darunter auch viele israelische Araber – sind genauso Opfer wie jene auf Seiten der libanesischen Zivilbevölkerung. Die Unterschiede bestehen nicht in der überlegenen Bewaffnung der israelischen Armee oder in der asymetrischen Kriegsführung der Hizbullah. Deren Ideologie bleibt trostlos, auch wenn die israelische Luftwaffe den Libanon angegriffen hat. Ebenso stellt sich die Frage, ob die Miliz anders als die israelische Armee agieren würde, wenn sie über deren Bewaffnung verfügte.

Virtueller Krieg

Dieser Krieg ist vor allem auch ein Konflikt in der und um die Berichterstattung. Die Auseinandersetzung wird in Print- und in elektronischen Medien mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln geführt. Insbesondere in deutschen Medien – im Gegensatz beispielsweise zur BBC oder zu britischen Tageszeitungen wie „The Independent“ oder „The Guardian“ – ist die Debatte handzahm und reduziert sich auf das Zeigen von Explosionen, Leichen und offiziellen Sprechern. Deutschlands Massenmedien reflektieren das beredte Schweigen der Regierungspolitik, von der grundlegende Kritik an Israel bisher nicht zu hören war (siehe S. 15).

Bezeichnend ist der bemühte Versuch, das Leiden und Sterben der Zivilisten der Menschen im Libanon (und in Gaza) durch den permanenten Verweis, dass die Hizbullah (wie die Hamas) „terroristisch“ und „islamistisch“ sei, zu relativieren. Dass die israelische Militärführung durch ihre unterscheidungslosen Luftangriffe und ihren Artilleriebeschuss der Ortschaften des Südlibanon auch „terroristisch“ vorgeht, wird verschwiegen. „Eine tiefgreifende analytische Verunsicherung hat sich breitgemacht, ein fehlender Überblick über Zusammenhänge des Nahostkonflikts, was der propagandistischen Manipulation Tür und Tor öffnet“, bemerkte der Orientalist Kai Hafez nüchtern.

„Jeden Tag, den der Krieg im Libanon fortdauert, offenbart sich ein Dilemma deutscher Medien. In der ‘Tagesschau’ wird zum Beispiel, geradezu mustergültig, jeden Abend zuerst nach Israel und dann in den Libanon geschaltet (oder umgekehrt), um die neuesten Entwicklungen abzubilden. Und es wird auch nie vergessen zu erwähnen, was ursprünglich zu der gegenwärtigen Eskalation geführt hat: die Entführung zweier Soldaten durch die Hizbollah im Libanon. … Der Tenor mancher Springer-Blätter oder der Zeit, die Israel als das eigentliche Opfer dieses Kriegs inszenieren, tut ein Übriges, um dieses Bild zu verfinstern. Das aber wirft, nicht nur in den Augen der Betroffenen, ein trübes Licht auf die ethischen Maßstäbe des Westens.“ Diesen nüchternen Blick warf Daniel Bax (tageszeitung) auf die Berichterstattung in Deutschland.

Dass wir im Westen kein sonderliches Interesse an der Zivilbevölkerung im Libanon haben, vermutet der Publizist Mathias Bröckers in seinem online-Tagebuch (18. Juli). Bröckers geht noch weiter, er unterstellt (22. Juli) einigen Medien, dass sie zumindest einen Anteil an der Bombardierung des Libanon haben: „Wenn offensichtlich ein Mord begangen wird und ein Beobachter sieht schweigend zu, ohne einzugreifen oder Hilfe zu rufen, macht er sich der Komplizenschaft schuldig. Wenn ein Land durch Bombenangriffe zerstört wird und hunderte Zivilisten ermordet werden – und die Medien schauen weitgehend schweigend zu, werden sie ebenso zu Komplizen.“

Dass es sich bei der Kritik an der jetzigen Berichterstattung nicht um vermeintliches anti-israelisches Ressentiment handelt, meint der französische Publizist Alain Gresh in einem Interview mit der Tageszeitung (21. Juli): „Die Leitartikler in den USA und in Israel, und zwar nicht nur die neo-konservativen, meinen, dass die demokratische Welt einer Allianz des Bösen gegenübersteht, die durch die Hamas, die Hizbollah, den Iran und Syrien repräsentiert wäre. Sie wollen von der aktuellen Lage profitieren, um diese Allianz zu zerstören. Für sie ist dieser Konflikt Teil des Vorgehens gegen den Terrorismus. Die reale Basis des Konflikts – die Besatzung von Palästina und die Zerstörung des Libanon – betrachten sie als zweitrangig.“

Ein veralteter Kampf?

Geschichtlich ist der Kampf um Nationalstaaten veraltet, auch wenn er leidenschaftlich geführt wird. In keiner anderen Region wird dieses destruktive Konzept so deutlich wie im Nahen Osten. Es gibt keine „national reinen“ Staaten. Diejenigen, die es sein wollen, liegen seit Jahrzehnten im Clinch mit ihren „nationalen“ oder „religiösen“ Minderheiten (Beispiele dafür sind der „Schwarze September“ oder die Jahrzehnte lange Unterdrückung der Kurden). Keine der beteiligten Parteien kann von sich behaupten, dass ihr nationales Selbstverständnis auf einem Fundament steht, welches älter als 100 Jahre ist. Im aktuellen Konflikt sind sowohl Israel als auch Libanon aus der Erbmasse des kolonialen Projekts entstanden. Der Libanon war ein Vorhaben der Franzosen, die das Land zwischen Gebirge und Meer als Brückenkopf für ihren Einfluss im Nahen Osten nutzten und die die Christen der Gegend für sich instrumentalisierten. Ganz nebenbei bemerkt waren es europäische Kolonialmächte, die den Antisemitismus im 19. Jahrhundert in die Region importierten, um durch ihre christlichen Klienten und deren anti-jüdischen Pogrome, die Ordnung des osmanischen Khalifats aufzubrechen.

Mehr als 1.000 Jahre lang galt die Region – das heutige Syrien, Jordanien, Libanon, Israel und die palästinensischen Gebiete – ganz einfach als Syrien. Frankreich nutzte die christlichen Minderheiten auf dem Gebiet des heutigen Libanons, um das bisherige osmanische Gemeinwesen, welches ethnische und konfessionelle Unterschiede abfangen und verarbeiten konnte, auszuhebeln. Vor allem über die europäischen Universitäten und Schulen in Beirut – und später in Alexandria – wurde der Nationalismus (und Rassismus) des 19. Jahrhunderts bei den Eliten des Nahen Ostens hoffähig gemacht. Die tragischen Ereignisse seit dem 1. Weltkrieg sind bekannt. Ohne sie und die schrittweise Degeneration des islamischen Rechts und Denkens im Nahen Osten kann die heutige Lage nicht verstanden werden.

Was uns am Ende bleibt, ist von der Welt der Fakten in die der darunter geborgenen Bedeutungen zu wechseln. Es ist eine banale Tatsache, dass Ereignisse im Nahen Osten wie dieser Krieg nicht ohne den Zeitenwechsel des 11. September 2001 verstanden werden können. Spätestens seit diesem Ereignis wird deutlich, dass es die geopolitischen Ambitionen und Notwendigkeiten des 21. Jahrhunderts sind, die Kriege dieser Art befeuern. Es geht hier nicht um nationale Ressentiments aus der Vergangenheit, sondern um Zukunftsfragen wie die nach der weltweiten Energieversorgung oder der Kontrolle regionaler Wasservorkommen. Die geopolitische Vision des „politischen Kapitalismus“ nimmt keine Rücksicht mehr auf althergebrachte Konzepte oder Nationalstaaten, sondern setzt ihre Vorstellungen ohne Rücksicht auf Verluste durch.

Der Erfolg für die Muslime findet, so eine Quintessenz im Qur’an, nicht erst im Jenseits, sondern bereits im Diesseits statt. Angesichts des historischen Scheiterns der Ideologien jenseits der islamischen Essenz drängt sich die Frage auf, ob die erklärten Ziele und die angewandten Mittel dieser qur’anischen Aussage entsprechen oder nicht. Allein schon die massiven zivilen Opfer und düsteren Aussichten in den betroffenen Gebieten machen es notwendig, darüber ernsthaft nachzudenken.

Es sind am Ende die Gläubigen, die das Geschehen aus der Offenbarung heraus interpretieren und die entsprechenden Schlüsse ziehen.

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