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Hintergrund: Wie löst man Schulprobleme?

Die neue IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in Deutschland - Von Yasin Alder

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(iz)Wenn man an muslimische Kinder in öffentlichen Schulen denkt, so fallen vielen sicher Themen wie islamischer Religionsunterricht, Teilnahme am Schwimmunterricht oder an Klassenfahrten ein. Die Thematik umfasst aber weit mehr, denn auch Konflikte zwischen muslimischen Schülern und Lehrern oder zwischen Eltern und Lehrern, sprachliche Probleme, Gewalt unter Schülern oder Fragen von Respekt, Disziplin und Aufmerksamkeit, und auch die Auswirkungen des heutzutage ziemlich hohen Konsums audiovisueller Medien spielen hier eine Rolle, auch wenn von diesen Problemen natürlich bei weitem nicht nur muslimische Kinder betroffen, sondern diese vielmehr allgemein verbreitet sind.

Die deutsche Muslimin Eva-Maria El Shabassy unterrichtet an einer nordrhein-westfälischen Grundschule. Sie meint: „Im Grundschulalter fallen muslimische Kinder auch optisch noch nicht so auf, die Mädchen tragen ja noch kein Kopftuch. Sie unterschieden sich eigentlich wenig von anderen Kindern. Eher ist es so, dass Kinder aus dem gleichen sozialen Milieu die gleichen Probleme haben, sind zum Beispiel deshalb nicht gut in der Schule, weil die Eltern nicht so viele Möglichkeiten haben“, berichtet sie aus ihrer Erfahrung. Hier spielen also soziale Unterschiede eine größere Rolle als religiöse. Viele Probleme seien ohnehin eher migrantenspezifisch und nicht muslimspezifisch.

Die Kinder

Maryam Brigitte Weiß, Frauenbeauftragte des Zentralrats der Muslime und Hauptschullehrerin, an deren Schule mehr als die Hälfte der Kinder aus muslimischen Familien kommt, sieht ein Problem darin, dass Kinder heute weniger läsen, dafür aber sehr viel Zeit vor dem Fernseher und dem Computer verbrächten. Daraus resultiert auch die zunehmende Individualisierung von Kindern und Jugendlichen – man lebt zunehmend in seiner eigenen Welt und ist immer weniger willens und fähig, mit anderen zu interagieren oder in einer Gruppe gemeinschaftlich zu agieren. Dies bestätigt auch Frau Weiß: „Kinder, wie wir sie noch vor 20 Jahren erlebt haben, die in der Gruppe ihre Freizeit verbringen, draußen durch die Gegend rennen können und dann natürlich auch mehr miteinander reden – das nimmt leider sehr stark ab. Und dadurch kommt natürlich auch keine Sprachkompetenz zustande. Aber dies ist bei allen Kindern so, nicht nur bei Kindern mit Migrationshintergrund.“ Aufmerksamkeit, Disziplin und Motivation nähmen ebenfalls ab. Auch der Respekt lasse allgemein, bei allen Kindern, nach. Ein Grund dafür sei, dass Kinder keine Vorbilder mehr hätten. „Viele Kinder sind heute sehr früh auf sich allein gestellt. Sie haben häufig in der Familie keine Struktur gelernt. Die Familie im althergebrachten Sinne, mit einer Mutter, die die Kinder weckt, ihnen das Frühstück macht, sie daran erinnert, dass sie das Sportzeug eingepackt haben und nachmittags auch fragt, wie es denn heute in der Schule war, wann die nächste Mathematikarbeit geschrieben wird, die dafür sorgt, dass das Kind früh genug ins Bett geht und die Tasche für den nächsten Tag gepackt hat, das gibt es nur noch in den seltensten Fällen.“ Dadurch seien die jüngeren Kinder permanent überfordert, und auch wenn sie älter werden, könnten sie mit Misserfolgen nicht umgehen, seien sehr schnell frustriert und schmissen alles wieder hin, weil sie das Gefühl hätten, eh zu nichts in der Lage zu sein.

Sie sieht aber auch positive Vorzüge muslimischer Kinder: „Islamische Grundlagen sind da. Die Schüler grüßen mich in der Schule mit dem islamischen Gruß, auch wenn sie aus wenig praktizierenden Familien kommen. Und sie sind auch stolz darauf. Die Kinder gehen auch stolz damit um, wenn sie im Ramadan fasten, und kommen dann auch mit anderen Kindern darüber ins Gespräch. Bei diesem Stolz muss man ansetzen und sie entsprechend fördern.“ Maryam Weiß sieht allerdings auch Wissensdefizite bei vielen Jugendlichen: „Was sie vom Islam wissen, ist gerade soviel, dass sie sagen können: ‚Das und das ist haram [verboten]!’ Das ist, was sie immer gehört haben. Sie kennen aber keinerlei Zwischentöne. Sie wissen: Islam ist Kopftuch, Fasten, Beten, Mekka – ‘aber Beten schaffe ich nicht, weil der Tag ist zu schnell vorbei’. Und dass ihre Oma auf der Hadsch gewesen ist.“ „Was ich konstatieren muss, ist dass muslimische Kinder häufig erstaunlich wenig über ihre Religion wissen, weniger als man sich wünschen würde oder erwarten könnte“, sagt auch Eva-Maria El Shabassy. Von Kollegen habe sie aber auch gehört, dass gerade Migrantenkinder, zumal wenn sie aus intakten Familien stammen, oft zuverlässiger seien als andere, insbesondere die Mädchen, berichtet Frau El Shabassy. „Die sind oft superbrav, fleißig und auch motiviert. Jungen hingegen sind einfach schwieriger.“

Beteiligung der Eltern

„Was mich sehr aufregt bei Migranteneltern, ist dass sie sich häufig einfach nicht einbringen. Bei muslimischen Eltern ärgert mich dies noch mehr, da wir Muslime ja ohnehin schon sehr unter Druck stehen. Dieser Druck könnte weniger werden, je mehr man sich einbringt, teilnimmt, zu den Klassenfesten und sonstigen Schulveranstaltungen kommt, dort auch hilft und so weiter. Aber dies ist auch ein Problem des Bildungsniveaus; muslimische Eltern mit höherer Bildung bringen sich eher ein, sind mehr interessiert und leistungsorientiert in Bezug auf ihre Kinder“, meint Eva-Maria El Shabassy. Bei anderen Familien hätten die Mütter oft das Gefühl, zu schlecht Deutsch zu sprechen und zögen sich deshalb eher zurück. Aber gerade sie müssten zeigen, dass sie sich trotz ihres Kopftuches beteiligen, und sie ermutige diese Mütter auch immer wieder dazu, sagt die Lehrerin. „Das allerwichtigste ist, Kontakt zum Lehrer zu halten“, empfiehlt sie Eltern. Man solle davon ausgehen, dass die Lehrer das Wohl des Kindes im Sinne haben, und insbesondere, wenn es Probleme gebe, den Kontakt zu Lehrern aufnehmen und nicht scheuen, diese auch um Rat zu fragen und zu zeigen, dass man das Kind und auch die Bemühungen des Lehrers unterstützt. Hätten die Lehrer aber den Eindruck, dass trotz ihrer Bemühungen von den Eltern nichts komme, gäben sie irgendwann frustriert auf. Elternabende seien generell schwach besucht – allerdings auch von nichtmuslimischen Eltern, erzählt auch Frau Weiß. Sie rät muslimischen Eltern, auf jeden Fall soweit wie möglich an der deutschen Gesellschaft teilzunehmen.

Was tun bei Konflikten mit den Lehrern?

Besonderes problematisch seien Klassenfahrten, wenn Lehrer Schüler dazu drängten, mitzufahren, meint Maryam Weiß. Lehrer nähmen meistens prinzipiell an, dass muslimische Kinder immer gezwungen würden, etwa ein Kopftuch zu tragen oder nicht an der Klassenfahrt teilzunehmen. Und wenn ein Mädchen dann sage, sie trage das Kopftuch freiwillig, werde oft eine „Gehirnwäsche“ vermutet. Schwierig sei auch das Thema Schwimmunterricht; Sportunterricht sollte eigentlich gar kein Problem sein, da man sich dort ja entsprechend anziehen könne, meint Frau Weiß.

Ali Özgür Özdil vom Hamburger Islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstitut (IWB), der sich mit der Vermittlung bei Schulkonflikten beschäftigt, Eltern- und Lehrerberatung anbietet und entsprechende Veranstaltungen und Fortbildungen organisiert (www.iwb-hamburg.de), sieht in den letzten Jahren zunehmende Konflikte zwischen muslimischen Kindern, Eltern und den Lehrern. Das häufigste sei, dass Eltern sich an ihn wenden. Dann versuche er, zu schlichten und die Konfliktparteien an einen Tisch zu bringen. „Am häufigsten kommt es zu Konflikten, wenn beide Seiten sich kompromisslos zeigen.“ Hier hänge es davon ab, welche Regeln bei einem Gespräch eingehalten werden, damit der Konflikt nicht noch größer werde.

Lehrer dürften Eltern nicht mit Verweis auf Gesetze und ihre Pflichten das Gefühl der Ohnmacht, kein Mitspracherecht bei der Erziehung ihrer Kinder zu haben, vermitteln. Die Rechte der Eltern, etwa Kinder vom christlichen Religionsunterricht abzumelden, würden diesen häufig verschwiegen. Dies führe dann erst recht zu einem Vertrauensbruch gegenüber den Lehrern, auch in anderen Dingen.

In letzter Zeit versuchten Schulen verstärkt, die Teilnahme am Schwimmunterricht zu erzwingen. Während dies bei Grundschülern noch kein Problem sei, sei dies bei älteren Mädchen anders. Nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts sei die Schule dann verpflichtet, die Schülerinnen zu befreien, und generell möglichst für einen geschlechtergetrennten Schwimmunterricht zu sorgen.

Özdil sind Fälle bekannt, wo Schülerinnen von Lehrern wegen ihres Kopftuchs diskriminiert wurden; in einigen Fällen haben Lehrer sogar schon Schülerinnen das Tuch vom Kopf gerissen oder sie aus dem Unterricht geworfen haben. Ihm sei auch ein Fall bekannt, dass eine Lehrerin mittels Einsperren eine Schülerin dazu zwingen wollte, das von ihr freiwillig eingehaltene Fasten zu brechen. „Solche Fälle melde ich dann an die zuständige Schulbehörde und an die Schulleitung“, berichtet Özdil. „Ich begleite Konfliktfälle nur bis zu einem bestimmten Stadium. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Konfliktparteien erst einmal an einen Tisch zu bringen, damit sie miteinander reden, dass alles offen ausgesprochen und das Problem von vornherein klar benannt wird. Ich versuche, beiden Seiten Kompromisse zu zeigen, habe aber keinen Einfluss darauf, wie weit die Parteien bereit sind, diese auch einzugehen. Die Erfolgsquote hängt von der Kompromissbereitschaft beider Seiten ab.“Özdils Rat ist, sich fortbilden zu lassen, um schon vorab vorbereitet zu sein und die Konfliktfelder und Lösungsmöglichkeiten zu kennen. Auch solle man jeden Fall individuell betrachten. Entgegen der häufig unter Lehrern anzutreffenden Meinung würden etwa nur in den wenigsten Fällen Mädchen zum Tragen des Kopftuches gezwungen, darüber müssten die Lehrer aufgeklärt werden, um Vorurteile und Misstrauen gegenüber Eltern zu vermeiden. Außerdem dürften sich Lehrer aufgrund ihrer Neutralitätspflicht eigentlich gar nicht in die Religion, Kultur oder Familie des Kindes einmischen, zumindest nicht innerhalb der Schule. Man könne den Eltern nicht unterstellen, dass sie das Kind zwängen, wenn die Eltern sagten, dass sie dies nicht tun.

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