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Hintergrund: Wie sich gegenüber den Älteren verhalten?

Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in Deutschland. Von Yasin Alder

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(iz)Ebenso wie es in der islamischen Lehre und den Quellen viele Hinweise auf die Liebe zu den Kindern und deren Erziehung gibt, spielt auch der Respekt der Jüngeren gegenüber den Älteren – nicht nur den Eltern – eine wichtige Rolle beim richtigen Verhalten (Adab) eines Muslims. Der Respekt und das gute Verhalten gegenüber den Älteren, seien es Familienmitglieder, Gelehrte oder andere Personen, sorgt auch dafür, dass das Wissen, die Erfahrungen, die Weisheit und die vorbildlichen Eigenschaften der Älteren von den Jüngeren angenommen und weitergegeben werden, von Generation zu Generation. Für die Weitergabe der authentischen islamischen Überlieferung und Lebensweise ist dies von kaum zu überschätzender Bedeutung.

Grundlagen

Allah sagt im Qur’an: „Wir haben den Menschen unterwiesen, seine Eltern zu ehren.“ (Al-Ankabut, 7)

Die Überlieferungen vom Gesandten Allahs über den Respekt und den guten Umgang mit den Eltern sind sehr zahlreich. Sie enthalten auch starke Ermahnungen und Erinnerungen an die Konsequenzen im Diesseits und Jenseits für diejenigen, die ihren Eltern Unrecht tun oder die Familienbande verletzen, was als eine der schwerwiegenden falschen Handlungen betrachtet wird. Ebenso ist es eines der Zeichen der Nähe des Jüngsten Tages, dass die Kinder keinen Gehorsam ihren Eltern gegenüber mehr haben.

In einem Hadith vom Gesandten Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, heißt es: „Wenn ein junger Mensch eine ältere Person aufgrund ihres Alters respektiert, erschafft Allah sicherlich einen Menschen, der auch ihn respektieren wird, wenn er selbst alt ist.“ Es wird von mehreren Gefährten überliefert, dass der Prophet sagte: „Wer nicht barmherzig gegenüber unseren Kindern ist und das Recht unserer Alten nicht anerkennt, der gehört nicht zu uns.“ Und ebenso ist folgender Ausspruch vom Propheten überliefert: „Ein Teil des Respekts gegenüber Allah ist es, einem älteren Muslim Respekt zu erweisen, sowie jemandem, der den Qur’an kennt, solange man weder darin übertreibt noch sich davon abwendet; und einen gerechten Herrscher zu respektieren.“

In einer anderen Überlieferung kamen drei Söhne von Mas’ud bei Khaibar zum Propheten und sprachen über einen ihrer Gefährten, der ermordet worden war. Der jüngste der drei Brüder begann zu sprechen, doch der Prophet sagte zu ihm: „Lass den Ältesten zuerst sprechen (oder: „Ehre den Ältesten”).

Es ist ratsam, dieses Verhalten schon in der Erziehung zu vermitteln und daruf gebührend Wert zu legen. „Ich kann alle Eltern nur ermuntern, in ihrer Erziehung Autorität zu verkörpern und zu erlangen; denn damit steht und fällt die gesamte Angelegenheit der islamischen Erziehung. Das Akzeptieren von Autorität der Eltern und Gehorsam ihnen gegenüber führt dann inscha Allah zu Gehorsam gegenüber Allah und seinem Gesandten” sagt die Erzieherin Sidiqa Woy-Küffner, die in Potsdam einen muslimischen Kindergarten leitet, über die Wichtigkeit dieses Respekts.

Die Situation heute

Heute in Deutschland findet man oft, dass junge Muslime das zuvor genannte zwar im Prinzip anerkennen und bejahen, in der Praxis aber eher ein zwiespältiges Verhältnis zur älteren Generation haben; vielleicht auch deshalb, weil sie nicht immer den Eindruck haben, dass die Älteren, die Erwachsenen, in allem vorbildlich sind. Natürlich, sie haben mit viel Einsatz die Moscheen und eine islamische Infrastruktur aufgebaut und über Jahre aufrechterhalten. Andererseits erleben viele junge Muslime die Moscheen und deren Vorstände oft als unbeweglich und wenig bereit, die Jüngeren mit ihren Ideen einzubeziehen und ihnen Verantwortung zu übergeben. Streitereien unter den Älteren in den Moscheen machen auch nicht gerade einen guten Eindruck auf die Jugend. So tendieren Jugendliche dazu, einfach ihre eigenen islamischen Aktivitäten zu entfalten. Man findet heute auch oft, dass Kinder den von ihren Eltern gelebten Islam als nicht authentisch genug empfinden und statt dessen anderen Interpretationen und Richtungen folgen, die sich als den „wahren, authentischen Islam“ darstellen, wobei sie leider oft den Falschen auf den Leim gehen und auch viel Unfrieden und Konflikte zwischen den Generationen entstehen können.

„Ich erinnere mich gut daran, wie ich früher oft bei den Älteren in der Moschee gesessen und ihnen zugehört habe. Ich fand dies immer sehr bereichernd und habe viel davon profitiert. Ich finde es schade, wenn manche jungen Muslime dies heute einfach abtun und glauben, sie könnten darauf verzichten und alles besser machen als die ältere Generation“, sagt der 29-jährige Mustafa.

Von den Älteren zu profitieren, kann einen nicht zuletzt auch davor bewahren, die gleichen Fehler, aus denen die Älteren schon gelernt haben, noch mal zu begehen.

Mohammed Nabil Abdulazim ist Vorsitzender der Muslimischen Jugend in Deutschland (MJD), einer der größten muslimischen Jugendorganisationen. Das besondere an der MJD ist, dass sie nicht die Jugendorganisation oder Jugendabteilung eines bestimmten muslimischen Verbands ist, sondern von Jugendlichen und jungen Menschen selbst für Jugendliche gegründet wurde und auch von ihnen geleitet wird. So gut wie niemand in der MJD ist älter als 30. „Unsere Arbeit wird hauptsächlich von Jugendlichen getragen, aber wir achten auch darauf, nichts gegen den Willen den Eltern zu machen und dass die Eltern auch zufrieden sind mit dem, was wir leisten, damit es da keine Probleme gibt”, sagt Abdulazim.

Man versuche, die Eltern insoweit einzubeziehen, dass diese davon ausgehen könnten, dass ihre Kinder bei der MJD gut aufgehoben seien, so der MJD-Vorsitzende. „Wir wollen darüber hinaus aber auch die Beziehung zu älteren Muslimen pflegen und sie so weit es geht auch in unsere Arbeit einbinden – als Referenten, Kursleiter, Gelehrte, als Ansprechpartner für Fragen, als Leute mit Erfahrung, die auch Lebenshilfe geben.” Natürlich komme nicht jeder Ältere dafür in Frage, aber geeignete Personen, die mit Jugendlichen klarkommen, lade man gerne ein.

Dass von Jugendlichen selbst organisierte und geleitete Aktivitäten für diese oft attraktiver sind als von Erwachsenen geleitete, ist durchaus nachvollziehbar. Mohammed Nabil erklärt sich dies so: „Das liegt daran, dass die Jugendlichen meist einander besser verstehen – wobei es heute so ist, dass schon 20-jährige im Vergleich zu 25-jährigen in einer ganz anderen Lebenswelt leben. Daher sind die Jugendlichen einfach näher dran, als wenn zum Beispiel ein 60-jähriger ihnen etwas erzählt und versucht, ihnen die Welt zu erklären. Jüngere können in der Regel besser auf die Jugendlichen eingehen, sind flexibler, und die Jugendlichen fühlen sich von ihnen besser verstanden. Die Erfahrung der Älteren ist aber trotz allem nicht zu ersetzen. Wir können als Jugendliche immer nur einen gewissen Input geben, aber durch Lebenserfahrung und Weisheit können auch Ältere einen wichtigen Beitrag geben.“ Es sei auch problematisch, wenn man den Jugendlichen erzählen wolle, wie sie ihr Leben zu leben hätten, und man dies selbst noch nicht getan habe, ergänzt Mohammed Nabil. „Die Erfahrung der Älteren ist unbezahlbar, und wir haben sie nicht“, sagt der MJD-Vorsitzende.

Generationskonflikte überwinden

„Ich bin sicher, dass die Älteren sich für ihre Kinder das Beste wünschen, nur fehlt ihnen oft der Zugang, da sie nicht immer alles mitbekommen, was den Jugendlichen passiert, sei es in der Schule oder der Freizeit“, meint Mohammed Nabil. Mangelndes gegenseitiges Verständnis könne dann zu Konflikten führen. In den Moscheen sei es für ein gutes Verhältnis zwischen den Generationen wichtig, junge Leute zu haben, die ein Bindeglied zwischen den Älteren und Jüngeren darstellen können. „Nach meiner Beobachtung ist es sehr positiv, wenn es Jugendliche gibt, die sowohl mit den Älteren als auch den Jugendlichen klarkommen und als Bindeglied und Vertrauensperson zwischen den Jugendlichen und den Älteren fungieren“, sagt er. Es ist allgemein zu beobachten, dies bestätigt auch der MJD-Vorsitzende, dass der älteren Generation zunehmend bewusst wird, dass sie für die Aufrechterhaltung und Fortsetzung der islamischen Arbeit und der bestehenden Strukturen auf die Jugend angewiesen ist. Dass dazu mehr gehört, als einen Billardtisch oder Kicker in einen Kellerraum der Moschee zu stellen, wie dies noch vor wenigen Jahren oft beklagt worden ist, ist inzwischen vielen klar geworden. Wenn es zu Konflikten zwischen den Generationen komme, beruhe dies oft auf mangelndem Einfühlungsvermögen auf beiden Seiten oder einer unterschiedlichen Sprache, erklärt Mohammed Nabil, und weniger auf grundsätzlichen Gegensätzen. Wichtig sei, dass beide Seiten sich ernst genommen fühlten. Aus seiner heimatlichen Moschee in Bochum weiß er zu berichten, dass es auch dort zunächst durchaus Generationskonflikte gab.

Es habe auch eine Generation von Jugendlichen gegeben, die verloren gegangen sei, weil sie Probleme gemacht habe und die Älteren nicht damit umzugehen gewusst hätten. Man habe aber daraus gelernt, sich intensiv um die Jugendarbeit gekümmert und Leute dafür abgestellt, die von den Jugendlichen akzeptiert und für sie zu Respektspersonen wurden, vor allem solche aus der zweiten Generation. „Die Jugendlichen wurden dann auch in die alltägliche Moschee-Arbeit eingebunden. So fühlten sie sich ernst genommen, und die Älteren fassten zunehmend Vertrauen in die Jüngeren, dass diese die Arbeit weiterführen können.“ Das Gegenbeispiel dazu gibt es aber auch noch immer: „Bei Moscheen, in denen die Älteren grundsätzlich alles besser wissen und den Jugendlichen misstrauen, ist die Jugendarbeit, sofern es überhaupt eine gibt, eher ein Desaster und funktioniert nicht“, sagt Mohammed Nabil Abdulazim.

Wie positive Beispiele zeigen, kann durch einen respektvollen und diplomatischen Umgang der Jüngeren mit den Älteren, aber auch durch eine offene und zu einem Vertrauensvorschuss bereite Haltung der Älteren der in den letzten Jahren oft beklagte Missstand, dass junge, motivierte und begabte Muslime in den Moscheen ausgegrenzt werden und nicht zum Zuge kommen, hoffentlich zunehmend überwunden werden.

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