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Hintergrund: “Wir sind nicht schon gut, weil er böse ist.” Anmerkungen zur Debatte von Abu Bakr Rieger

Die Sarrazin-Falle

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(iz). Deutschland schafft sich ab“ – schon der Titel ist eine gelungene Marketingmaßnahme. Auf beinahe 400 Seiten beschäftigt sich der Politrentner Thilo Sarrazin mit der Angst des „weißen Mannes“ vor dem Untergang des Abendlandes. Die Fakten sind schnell erzählt: Unser Gemeinwesen ist nach Sicht des ehemaligen Berliner Finanzsenators von bildungsfernen Schichten bedroht, die, so sein biopolitisches Bedrohungsszenario, eines Tages aus der bequemen „Sozialschaukel“ aufstehen und das Land übernehmen werden. Schuld, so Sarrazin, habe „eine unhistorische, naive und opportunistische staatliche Migrationspolitik“. Die europäischen Nationalstaaten, so könnte man es zusammenfassen, verlieren demnach auf Dauer die alte romantische Identität von Territorium und Rasse.

Kurzum, das Buch gibt einige Steilvorlagen für Freund-Feind-Debatten und etabliert bereits jetzt eine machtvolle Dialektik zu Füßen des Establishments. Das funktioniert umso besser, als Sarrazin, wie noch zu zeigen ist, statt der politisch unkorrekten Etikette „Ausländer“ lieber den Begriff „Muslime“ wählt. Der Volkszorn, auch dazu verhilft Sarrazin, wendet sich nebenbei von den „bildungs­fernen“ Finanzjongleuren und Profiteuren und ihren Parallelgesellschaften ab, und damit von den Eliten, die ja für die eigentliche Frage dieses Jahrhunderts, die Folgen der aktuellen Finanzkrise, Mitverantwortung tragen. Apropos Bildung. Die nicht gerade unwichtige Frage „was ist ein Derivat?“ konnte noch vor einigen Jahren nur ein Promilleprozentsatz der aufgeklärten Gesamtbevölkerung beantworten.

Sarrazin selbst vergisst dann auch immer wieder, bei der eigenen, selbstverliebten Selbstdarstellung einer deutschen „Beamtenkarriere“, seine ungeklärte Rolle bei den Berliner Finanzskandalen der letzten Jahre aufzuhellen. Um mal etwas für die Stammtische zu sagen: die Skandale, die das Geld vernichtet haben, das uns jetzt in unseren Problemzonen fehlt. Ja, so etwa, in diesem Stil, könnte man jetzt noch einige Seiten weiterschreiben. Kein Wunder, denn es liegen auch aus muslimischer Sicht einige Voraussetzungen vor, auf den vermeintlichen „Feind“ und seine Truppen einzuschlagen. Nur: Was, wenn gerade hierin die „Sarrazinfalle“ für uns Muslime liegt?

Erlauben wir uns also für einen Moment den Luxus der Differenzierung (Mein Motto: Wir sind nicht schon deswegen gut, weil er böse ist!). Zunächst muss man sportlich fair feststellen, dass Sarrazin natürlich ein unglaublicher Bestseller gelungen ist. Ob es uns gefällt oder nicht – seit dem 2. Weltkrieg hat kein anderes politisches Buch so einen Verkaufserfolg hingelegt. Punkt.

Man wird einwenden dürfen, dass dies ohne die tatkräftige Unterstützung der Massenmedien kaum gelungen wäre, aber als Erklärungsmodell greift dies eindeutig zu kurz. Die Frage, „wie wir unser Land aufs Spiel setzen“, scheint immerhin hunderttausende LeserInnen zu beschäftigen. Deswegen muss man natürlich die Fragen (und Chancen) hinter diesem Verkaufsschlager durchaus ernst nehmen.

Ein zweiter Einwand dürfte auch strategischer Natur sein. „Ein Sarrazin in der SPD ist allemal besser, als ein Volkstribun außerhalb der SPD, der gar den rechten Mob integriert“ liest man bei klügeren Kommentatoren. Stimmt das etwa nicht? Deswegen finde ich auch Forderungen nach einer Verurteilung Sarrazins oder einem Ausschluss aus der Debatte tatsächlich wenig hilfreich.

Darüber hinaus, bei allen berechtigten Vorbehalten: Sarrazin mag ein Brandstifter sein, ein Rassist oder Rechtsradikaler ist das langjährige SPD-Mitglied allerdings beileibe nicht. In seiner öffentlichen Buchpräsentation in Potsdam bemerkte denn auch Sarrazin selbst verwundert, dass die hunderten von Seiten, in der er ja die Deutschen selbst kritisiert habe, kaum polarisierten, seine Passagen über die Integration aber inzwischen eine heftige Kulturdebatte ausgelöst haben.

Bevor man sich dem eigentlichen Buch annähert, sollte man also ruhig durchatmen und vielleicht den eigenen Blickwinkel auf das Buch kurz festlegen. Man wird nämlich deutlich weniger Probleme mit den Unterstellungen und auch den Binsenweisheiten des Buches (wer ist denn auch schon für Ali, den Schläger?) haben, wenn man sich kurz, sozusagen vor dem Einstieg in die Debatte, klar macht, was der Islam ist. Nur zur Erinnerung: Der Islam ist keine Kultur. Der Islam befördert keinen Nationalismus. Der Islam ist keine Ideologie. Der Islam ist kein System. Diese Positionen sind es auch, die es aus meiner Sicht entschieden zu verteidigen gilt.

Klären wir andererseits auch, sozusagen vorab, zunächst die Frage, wer die Muslime eigentlich sind? Hier bietet die Realität von weit über einer Milliarde Menschen weltweit die ganze breite Auswahl. Da sind sie alle: es gibt zum Beispiel muslimische Heilige, muslimische Ausländer, muslimische Otto-Normal-Verbraucher und muslimische Kriminelle. Dieser Ansatz ist deswegen wichtig, um nicht in die Falle zu laufen, man müsse nun als Muslim in einer Art „Solidaritätsverpflichtung“ jeden aberwitzigen Irrweg irgendeiner muslimischen Gruppe vertreten oder gar verteidigen. Ergo, es mag muslimische Bankräuber geben, aber keinen islamischen Bankraub. Das ist die Linie, um die es zunächst geht.

Sarrazin steht dennoch auf der anderen Seite. In den 76 Seiten, in denen Sarrazin über Integration nachdenkt und insbesondere die Muslime ins Visier nimmt, behauptet er ja unter Anderem, dass der Islam selbst kulturell vom „Westen“, seinem „Westen“, verschieden sei, dass er Ideologie befördere und der Gewalt nahe stehe. Sätze wie „Millionen muslimischer Frauen in unserer Mitte werden zur Beachtung von Kleidervorschriften gezwungen“ artikulieren natürlich billige Polemik. Nur mit Mühe kann man auch die weiteren Stellungnahmen lesen, ohne das Buch wieder wegzulegen, weil sie tatsächlich auch bei jedem grölenden NPD-Parteitag gut ankommen würden. So schreibt Sarrazin über die Muslime: „Tatsache ist, dass es sich um eine abgeschlossene Religion und Kultur handelt, deren Anhänger sich für das umgebende westliche Abendland kaum interessieren – es sei denn als Quelle materieller Leistungen“. Die versöhnliche Maxime Goethes, die Natur sei kein System, findet bei dem Hobby-Genforscher Sarrazin, soweit die Natur der Muslime betroffen ist jedenfalls keine Anwendung.

Bevor wir einige konkrete Aussagen näher unter die Lupe nehmen, gelten auch für Sarrazins Grundthesen die üblichen, ganz allgemein gehaltenen Hinweise. Wie alle Finanztechniker ist Thilo Sarrazin grundsätzlich blind gegenüber dem abgründigen Beitrag des entfesselten Kapitalismus, der ganzheitliche und religiöse Maßstäbe annimmt und heute im globalen Maßstab zur Entwicklung, besser gesagt zur Degenerierung von Kultur, Familie und all den Werten, die er vorgibt zu verteidigen, beiträgt. Ernst Jünger hat dies einmal die „große Weißung“ genannt. Sarrazin selbst wird nicht zufällig zur Ikone in einem bekannten deutschen Leitmedium, das sich aus Verkaufsgründen neben Politik in aller Kürze und (dem natürlich besten) Sportteil eben auch alltäglich der „Ausbildung“, also Verblödung und Verrohung einer ganzen Unterschicht, widmet.

Damit Sarrazin die unsinnige These von der kulturellen Unvereinbarkeit des Islams mit dem „Westen“ grundsätzlich durchhalten kann, muss er, wie viele Autoren vor ihm, die europäisch-bosnischen Muslime (und friedfertigen Opfer des letzten Religionskrieges Europas) genauso verschweigen wie die neuen Generationen deutscher Muslime (die er polemisch nur als potenzielle Gewalttäter fassen kann). Hier herrscht die Art von Ignoranz, die Sarrazin auch behaupten lässt, qur’anische Suren rechtfertigten den Terrorismus – natürlich in völliger Unkenntnis tausender Schriften muslimischer Juristen aller Epochen zu diesem Thema.

Intellektuell schwach aufgestellt ist das Buch dann insbesondere bei der Analyse der größten muslimischen Minderheit in Deutschland: der Türken. Dies mag auch daran liegen, dass der Autor beinahe ausschließlich eine einzige Autorin als Quelle für seine Türkeiexpertise heranzieht. So unterschlägt Sarrazin, dass der Vorwurf der Bildungsferne vieler Türken natürlich auch für ihre Bildung im Islam selbst gilt!

Das ist kein großes Wunder, ist doch der größte Teil des geistig-muslimischen Erbes der Türkei, in Form hunderttausender Bücher, in einer Sprache – der Osmanischen – geschrieben, welche die Türken heute gar nicht mehr beherrschen. Die Türkei ist ja in den letzten Jahrzehnten geistig nicht nur durch den Islam, sondern auch durch einen bürgerlichen Säkularismus, der übrigens auch ideologische und militante Formen annimmt, durch Nationalismus und Kapitalismus geprägt. Eine große Zahl muslimischer Büger, aber übrigens auch eine große Zahl türkisch geprägter Verbände, spiegeln heute diese Mischformen wieder. Wie kommt Sarrazin nur darauf, dass der Islam per se grundsätzlich an allen negativen Phänomenen muslimischer Einwanderer schuld sein soll? Eine interessante Nebenfrage an Herrn Sarrazin wäre übrigens auch, warum eigentlich unser „aktives“ Wertebündnis NATO mit einer Mitgliedschaft der Türkei nie das geringste Problem hatte.

Aber kehren wir wieder zu dem anderen Aspekt der „Sarrazin-Falle“ zurück. Große Debatten und Ereignisse sollte man auch unter dem Blickwinkel der Bedeutung und einer nötigen Selbstkritik sehen. Natürlich haben Muslime – und damit sind nicht nur die orientierungslosen Ghettokinder Neuköllns gemeint – selbst auch beigetragen zu der heute so verbreiteten mangelnden Differenzierung und Unterscheidung zwischen der Alltagsrealität der Muslime und dem Islam. Die türkischen Verbände, nicht wirklich multi-kulturell verfasst, hin- und hergerissen zwischen Beflaggung, ethnischen Trennlinien und religiöser Verantwortung, müssen sich zum Beispiel schon innerislamisch die Frage gefallen lassen, warum der von ihnen geforderte „Willkommensgruß“ noch nicht einmal für nicht-türkische Muslime gilt? Welcher türkische Verband hat – wie es der Islam ja eigentlich fordert – aktiv andere Ethnien im Lande zur Mitgliedschaft aufgefordert? Will man an diesen Trennlinien allen Ernstes dauerhaft festhalten? Fürchtet man ohne die ethnische Differenzierung, vielleicht auch mangels eines gemeinnützigen, offenen Programms, eine Identitätskrise?

Es hilft kein Schwarz-Weiß bei der Integrationspolitik. Ich stimme, schon als Herausgeber einer deutschsprachigen Zeitung, Sarrazin zu, dass in muslimischen Kreisen, um mal das Klavier anders anzufassen, tatsächlich zu wenig gelesen und zu viel ferngesehen wird. Ich finde auch, dass man an dem Ort, an dem man ehrlich lebt, auch kulturell ankommen muss. Ich denke nicht, dass eine einheimische muslimische Identität in abgeschotteten Gewerbegebieten angesiedelt werden kann. Ich würde auch gerne mehr Muslime in Weimar, als Ort deutscher und europäischer Geistesgeschichte, besuchen sehen.

Ich würde auch gerne sehen, dass mehr Deutsche den Islam als Alternative zu dem ökonomisch-technischen Weltbild Herrn Sarrazins und seinem Ideal, bis hin zur Züchtung, ökonomisch nutzbaren Lebens, begreifen würden. Bekennen, Fasten, Pilgern, Beten und die Zakat zahlen sind faszinierende Stolpersteine jenseits einer allein ökonomisch durchplanten Zukunft. Die Zweifel an diesem ökonomischen Modell wachsen ohnehin bei allen denkenden Menschen.

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