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Hintergrund: Zakat – was die Menschen zusammen bringt

Die Regeln der Zakat stiften den sozialen Nexus. Von Sulaiman Wilms

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„Nimm Zakat von ihrem Vermögen, um sie dadurch zu reinigen und zu säubern.“ At-Tauba, 104

„Die gesammelte Zakat ist für die Armen; die Mittellosen; diejenigen, die sie einsammeln; um die Herzen der Leute nahe zu bringen; für die Befreiung von Sklaven; die Verschuldeten; die Ausgabe auf dem Wege Allahs und die Reisenden. Dies ist eine Vorschrift von Allah. Allah ist Allwissend, Allweise.“ At-Tauba, 60

Welcher Muslim kennt folgende Szene nicht: Man befindet sich in einem angeregten Gespräch über den Islam im Allgemein und im Besonderen, und es kommt die unausweichliche Frage: „Das hört sich alles ganz schön an, aber was macht dein Leben als Muslim anders als z.B. das eines Christen oder Juden? In geistigen Fragen scheint ihr euch ja irgendwie nah zu sein? Ist dein Alltag anders, als der eines Atheisten?“

Gelegentlich tritt dann betretenes Schweigen ein, weil sich zwar immer gut ideologisch streiten lässt, aber die Antwort auf praktische Fragen nicht immer leicht fällt, da man sein eigenes Leben nicht wirklich anders als seine Arbeitskollegen oder Nachbarn führt. Wir zahlen alle die gleichen Mieten, Steuern und Abgaben, haben die gleichen Schulden, fahren die gleichen Autos und machen mittlerweile sogar den gleichen Urlaub. Da stellen sich aufgeweckte Nichtmuslime schon einmal die Frage, was sie denn außer einer persönlichen Moral und einer – zugegebenermaßen einleuchtenderen – Geistigkeit von sich unterscheidet.

Wenn der Fragende Glück hat, dann wird ihm ein verständiger Muslim sagen, dass der Unterschied unter anderem darin liegt, dass für uns Muslime Spiritualität und Nähe zu Allah nicht nur in persönlicher Moral und Ethik besteht, sondern auch und vor allen Dingen in Fragen des sozialen und wirtschaftlichen Verhaltens. Und vielleicht wird er schließlich als Antwort zu hören bekommen: „Deine Frage ist berechtigt, aber es gibt im Islam ja noch die Zakat.“ Wieso die Zakat, und warum ist sie nicht der auch in anderen Religionen bekannten Mildtätigkeit und Großzügigkeit vergleichbar?

Zakat – die Reinigung des Vermögens ‘Ibn ‘Abbas, einer der großen Gefährten des Propheten und einer der ersten bedeutenden Gelehrten im Islam, berichtete: „Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sandte Mu’adh [ibn Dschabal] in den Jemen und wies ihn an: ‘Ruf sie auf zu bezeugen, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass ich der Gesandte Allahs bin. Wenn sie dem folgen, dann unterweise sie, dass Allah ihnen Tags wie Nachts fünf Gebete verpflichtend gemacht hat. Wenn sie dem folgen, dann lehre sie, dass Allah befohlen hat, die Zakat von ihrem Vermögen zu nehmen und diese den Armen zu geben.’“

Sprachlich bedeutet Zakat Wachstum, Steigerung und Reinigung. In der Begrifflichkeit des islamischen Rechts bedeutet sie eine bestimmte Summe an Geld oder einer Ware, die von einer bestimmten Art des Vermögens genommen wird, wenn diese eine festgelegte Menge (Nisab) erreicht hat und eine festgelegte Zeit (diese variiert je nach Ware, beträgt aber in der Regel ein volles Mondjahr) abgelaufen ist. Desweiteren muss sie nur von Muslimen bezahlt werden. Das Eingesammelte Gut/Geld muss dann dann an festgelegte Kategorien von Empfängern in einer spezifischen Weise verteilt werden. Sie wird deshalb Zakat genannt, weil sie das Vermögen des Gebenden reinigt und weil der Gebende deshalb durch Allah Zuwachs erhält, da Allah durch das Bezahlen der Zakat seine Rangstufe bei Ihm erhöhen wird. Dies wird durch die Worte des Allmächtigen „Nimm Sadaqa von ihrem Vermögen, um sie dadurch zu reinigen und zu säubern.“ (At-Tauba, 104) und „doch was ihr an Zakat zahlt im Streben nach Allahs Angesicht – wer das tut, der wird doppelt so viel zurück erhalten.“ (Ar-Rum, 40) belegt. Die Wichtigkeit der Zakat für das Gesamtgebäude des Islam wird aus der Tatsache ersichtlich, das Allah ihr an mehr als 30 Stellen im Qur’an durch die gemeinsame Nennung mit dem Gebet den gleichen Stellenwert wie dem Gebet gegeben hat. Die unsichtbare Bedeutung dieses nüchtern-rechtlichem Vorgangs hat der andalusische Meister und Gelehrte Schaikh Muhyiddin ibn Al-’Arabi folgendermaßen beschrieben: „In Wirklichkeit gehört natürlich die gesamte Schöpfung Allah. Wenn ihr aber zweieinhalb Prozent dessen, was sich in eurem Eigentum befindet, abgebt, dann dürft ihr den Rest behalten.“ Durch diese Erklärung wird auch deutlich, warum Muslime die Zakat, wenn sie deren wahre Bedeutung verstanden haben, immer freudig gegeben haben, denn sie wissen, dass sie in Wirklichkeit keine Einschränkung ist, sondern Wachstum bedeutet. Die Arten des Vermögens, auf das Zakat bezahlt werden muss, sind Geld, Landwirtschaftliche Produkte und Vieh. Finanzieller Reichtum meint Gold und Silber, egal in welcher Form, und Warenbestand. Landwirtschaftliche Produkte sind diejenigen Güter, die sich über eine lange Zeit lagern lassen, und Vieh bezieht sich auf Kamele, Rinder, Schafe und Ziegen. Es gibt unter Muslimen keinen Zweifel über die Verbindlichkeit der Zakat, da diese sich aus der göttlichen Offenbarung des Qur’an, der Lebenspraxis des Propheten und der Übereinkunft aller Muslime ableitet. Es ist nicht zuletzt daran zu erinnern, dass die Zakat zu den Fünf Säulen des Islam zählt, wie Glaubensbekenntnis, Gebet, Fasten im Ramadan und Hadsch.

Aktuelle Bedeutung Es gibt verschiedene Elemente bzw. Perspektiven der Bedeutung von Zakat, die für uns Heutige besondere Wichtigkeit erlangen, denn sie kann durchaus eine entscheidende Rolle in der notwendigen Neuorientierung des sozialen und gemeinschaftlichen Lebens von uns Muslimen hier spielen. Für die in Deutschland lebenden Muslime wird eine Erhebung und Verteilung der Zakat vor Ort nur Vorteile mit sich bringen, denn so können wir eine lokale Identität aufbauen, die nicht von der Politik und der Kultur der Herkunftsländer vieler von uns geprägt sein wird. Ebenso führt die Notwendigkeit der Einsammlung und Verteilung an die im Qur’an erwähnten Kategorien von Empfängern dazu, dass Muslime sich viel besser als heute untereinander kennen müssen, denn dann müssen wir sowohl wissen, wer diejenigen sind, die überhaupt zur Zahlung verpflichtet sind, als auch wer diejenigen sind, die berechtigt sind, Zakat zu erhalten.

Wichtig zu wissen bei der Zakat ist auch, dass diese zum Erhalt von bürokratischen und politischen Organisationen nicht verwendet werden darf, da bei ihrer Verteilung nur die im Qur’an erwähnten acht Kategorien von Empfängern bedacht werden dürfen. Eine weltanschauliche Vereinigung, die im eigenen Namen die Verteilung von Zakat organisiert, steht in sich also bereits in einem Widerspruch zur islamischen Rechtsordnung. Somit verbietet sich auf diesem Wege auch die Bildung von politischen Machtstrukturen, welche ihren Einfluss durch eine vermeintliche Einziehung der Zakat zu gewinnen suchen. Gleichzeitig ist die Verteilung von Zakat eine gute Gelegenheit, Bedürftige vom immer dünner werdenen sozialen Netz Deutschlands unabhängiger zu machen und so ihre Fürsorge nicht mehr nur der schwankenden Konjunktur und Abgabenlast unserer Tage zu überlassen.

Zakat in Verbindung mit dem Stiftungswesen Analog zum Stiftungswesen (Auqaf), mit dem die Zakat traditionellerweise immer in einen Bedeutungszusammenhang gebracht wurde, können wir Muslime uns, aber auch unserer nichtmuslimischen Umwelt zeigen, dass Islam eben keine fremdartige Kultur ist, sondern zuallererst im sozialen Raum Wohlfahrtspflege bedeutet.

Insbesondere die muslimischen Stiftungen (Auqaf) haben seit Anfang der islamischen Gemeinschaft in Medina immer wieder bewiesen, dass der Islam in der Lage ist, ein zivilgesellschaftliches Wohlfahrtsmodell einzurichten, ohne auf eine drückende Steuerlast – wie es heute der Fall ist – angewiesen zu sein. So wie die Zakat in ihrer praktischen Wirkung als Linderung von akuter wirtschaftlicher Not aufgefasst werden kann, entfaltet ein funktionierendes und dynamisches muslimisches Stiftungswesen seine Wirkung vor allen Dingen im Aufbau mittel- und langfristiger Sozialstrukturen.

Insofern können wir Muslime dieser Gesellschaft ein konstruktives Angebot machen, welches über den Gegensatz des – offensichtlich zu Ende gehenden – klassischen Sozialstaatsmodells deutscher Prägung einerseits und dem neoliberalen Wirtschaftsmodell – wie z.B. in den USA vorherrschend – andererseits hinausgeht. Muslime, die Zakat auf diese Weise – dem Qur’an folgend – einrichten, wissen also, was sie auf die Frage nach einer umfassenden Spiritualität des Islam antworten. So wie der Einzelne sich Allah im Gebet nähern will, so kann er dies mit der korrekten Umsetzung seiner Verpflichtung zur Zakat tun.

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