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Hintergrund: Zu Beginn der zweiten Islamkonferenz sind die Muslime gespalten. Von Malik Özkan

Wachsende Zweifel

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(iz). Da ist sie also, die zweite Islamkonferenz. Immerhin, der Staat und die Muslime bleiben damit auf weitere Jahre im Gespräch. Dass so ein Gespräch notwendig und gut ist, dürfte allen Beteiligten klar sein. Es gibt nicht wenige, die sogar allein diesen Umstand schon als bedeutenden Erfolg der Konferenz feiern. Dafür gibt es auch gute Gründe. Über Jahrzehnte war der Islam eine „fremde“ Religion, und aus den Moscheen, wo der Islam sich in vielen Hinterhöfen nur wenig sichtbar manifestierte, klangen allein fremde Sprachen. Ein offizielles Gespräch mit den Muslimen gab es nicht.

Das Interesse am Islam, der Religion der Gastarbeiter, war tatsächlich lange Zeit eher bescheiden. Der 11. September änderte das Leben an den Rändern der Gesellschaft jedoch schlagartig. Urplötzlich wollte jeder, vom einfachen Bürger bis hin zu den Innenministern im Lande, wissen, was es mit diesen Muslimen auf sich hat. Ein geordnetes Gespräch zwischen Regierung und Muslimen erwies sich bald als überfällig. Es fanden sich schnell Muslime und Organisationen, die aus den unterschiedlichsten Motiven heraus für den Islam sprechen wollten.

Wie man diese Repräsentanten sinnvoll und fair auswählt, erwies sich als erste große Streitfrage der Konferenz. Sie blieb es bis heute. Eine Auswahl allein von Parteipolitikern getroffen, legt immer den Verdacht nahe, dass dadurch ein politisch angenehmer Islam entstehen soll. Diese Frage blieb ein Dilemma, und leider nahm auch der auf Neutralität vereidigte Bundespräsident dazu keine hörbare Position ein. Stellen wir aber zunächst positiv fest: Der Wissensstand der Deutschen über den Islam hat sich inzwischen stark verbessert – auch durch die Konferenz. Viele sichtbare Moscheen prägen inzwischen das Bild unserer Städte und zweifellos bemühen sich die Muslime heute mehr um die zu lange vernachlässigte gute Nachbarschaft. Überall enstehen kleine Gesprächsrunden, bemühen sich Kommunen und Muslime um offene, transparente Moscheen. Die Konferenz wird also kopiert, und im Internet gibt es sogar bereits eine Bewegung für eine andere, „alternative Islamkonferenz“.

Einfach ist der Dialog auf der Straße und am Tor zur Moschee nicht immer. Die Muslime können oft das unheilvolle Paradox „islamischer Terrorismus“ nicht aus den Köpfen der Menschen bringen. Es gibt Vorurteile, auch Missverständnisse. Immer wieder verwechseln auch Muslime Nation, Kultur und Islam oder ziehen sich in ethnisch definierte Trutzburgen zurück. Viele muslimische Gemeinschaften vertiefen wieder die ethnischen Unterschiede, statt sie im Interesse ihrer Kinder aufzulösen.

Für viele Deutsche, dies zeigen Umfragen, sind die Muslime noch immer „gefährlich“ und auch „fremd“. Diesen Ansatz spiegelt leider auch die inhaltliche Konzeption der Islamkonferenz wieder. Sie gibt auch umstrittenen Kritikern des Islam eine Bühne. Bereits bei der ersten Konferenz war für viele Muslime mehr als fragwürdig, ob man von spektakulären Einzelfällen, dem muslimischen Gewalttäter, Terroristen, Kriminellen, Patriarchen, zumeist aus den sozialen Randlagen des Milieus stammend, legitimerweise auf den Islam an sich schließen konnte. Intellektuell erinnert diese Technik, auf strenger Subjektivität beruhend, eher an einfach gestrickten Journalismus. In der Öffentlichkeit bezahlten Muslime die Bestätigung grober Vorurteile mit ihrer Reputation.

Für die meisten Muslime war dennoch nicht die polemische Kritik am Islam das Problem, sondern vielmehr die Tatsache, dass islamkritische, teilweise sich offen vom Glauben abwendende Muslime sogar die Muslime in Deutschland offiziell vertreten wollten. Es blieb dabei völlig unklar, wie so eine theoretische Einigung zwischen Staat und Muslime entstehen sollte. Man stelle sich vor, der Staat würde die Bischofskonferenz oder den EKD zum Gespräch mit ihren schärfsten Kritikern nach Berlin bestellen. Ein Verband der Nichtchristen wäre wohl für den Vatikan oder die Evangelische Kirche kaum ein gewünschter Partner für ernste Gespräche mit der Regierung. Für diese kontroversen Debatten, die man ja haben kann, wen man will, sind Medien und Podien zuständig, nicht aber das Innenministerium.

Die sich aus diesen Debatten ergebende Frage ist klar: Die Islamkonferenz soll dem gesellschaftlichen Zusammenhang dienen, nur tut sie dies zu Lasten der Muslime? Schon die sichtbare, äußere Zusammensetzung der Konferenz birgt die Gefahr, den Islam dauerhaft als eine „Immigrantenreligion“ und als „Integrationsproblem“ zu präsentieren und so auszugrenzen. Immerhin, in der ersten IK gab es noch Dr. Ayyub Köhler, einen deutschen Muslim, in der ersten Reihe, der die andere Möglichkeit andeutete, nämlich einen Islam, der zwar selbst keine Kultur ist, aber kultivierte Muslime hervorbringen kann. Solche Symbole sind gerade jetzt wichtig; in der neuen Konferenz werden sie fehlen. Es wird bis heute unterschätzt, dass es im Grunde die Gruppe der „deutsch sprechenden Muslime“ ist, die man gewinnen muss, weil sie das muslimische Leben künftig entscheidend mitbestimmen wird.

Im Wesentlichen sind es drei Strömungen, die sich der Lesart des „fremden“ Islam vehement entgegenstellen: die deutschen Muslime, die hier geborenen Muslime und die bosnischen und albanischen, also europäischen Muslime. Sie wollen alle miteinander weder fremd sein, noch akzeptieren sie die diskriminierende Kennzeichnung als Integrationsproblem. Es sind gerade sie, die sich von dem Gezänk der Konferenz nicht wirklich angesprochen fühlen. Als Gruppe wird diese neue Generation der Muslime gegenüber Juden und Christen im Lande eindeutig benachteiligt. Bis heute erhalten Muslime keinerlei Unterstützung, ihre legitimen Interessen profesioneller zu präsentieren.

Nur eine Anerkennung eines die Muslime repräsentierenden Verbands als „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ könnte hier Besserung schaffen. Dieser nahe liegende Schritt, der aber nicht ernsthaft angegangen wird, führte letzlich zur Absage des Zentralrates der Muslime, der nicht mehr nur „debattieren“ wollte. Man war im Verband müde geworden, nur noch Teil einer Dialektik zu sein. Dieser Verband, der nun fehlt, mag relativ klein sein, aber auch er beeinflusst immer noch deutlich mehr Menschen, als die FDP Mitglieder hat. Die inhaltliche Kritik des ZMD an der Konferenz bleibt jedenfalls nachhaltig stehen und wirkt in die Beurteilung der zweiten Konferenz mit ein. „Der Grundfehler ist, dass der Innenminister sie als Integrationskonferenz versteht“ so der ZMD-Generalsekretär Aiman Mazyek in einem Interview mit der „tageszeitung“. „Die Islamkonferenz“, so Mazyek weiter, „macht aber nur dann Sinn, wenn sie religionspolitisch begriffen wird und eng an verfassungsrechtlichen Prinzipien arbeitet.“

Zweifellos wächst die Skepsis, ob bis zur Anerkennung des Islams die Regierung sich „ihre“ muslimische Institution einfach basteln möchte. Das Auswahlverfahren schafft zwar klare Mehrheitsverhältnisse, aber über die Inhalte des Islam kann man eben nicht einfach abstimmen. Dieser Eindruck wurde insoweit verstärkt, als die Regierung Kritiker des Islam protegierte, aber unbequeme Stimmen, die die eigene Politik in Frage stellen könnten, im Grunde ausschließt. Eine Stimmungslage, die sogar zu der Einschätzung eines „Diktats“ von oben führte. Noch schlimmer wäre aber eine staatlich organisierte Bevorzugung des „säkularen“ Islam – ein Konzept, dass jeden gebildeten Muslim wegen der bekannten Einheitslehre des Islam vor grundsätzliche Denkprobleme stellt und dem Umgang mit dem Islam und seinen Besonderheiten nicht gerecht wird. Die Beteiligung des „säkularen“ Islam verwundert auch Babara John im „Tagesspiegel“. Süffisant fasst sie den strategischen Entwurf der Konferenz diesbezüglich so zusammen: „Am runden Tisch wird diesmal mit der Türkischen Gemeinde in Deutschland eine Organisation sitzen, die mit dem Islam als Religionsgemeinschaft so viel zu tun hat wie etwa der Verein Deutsche Sprache mit dem Christentum.“

Es gibt Stimmen, die im neuen Entwurf der Konferenz die Handschrift der Familienministerin Köhler entdecken wollen. Die junge Ministerin aus Hessen, die mit scharfer Islamkritik überhaupt erst bekannt wurde, möchte bekannterweise Gegenkräfte gegen den „konservativen“ Islam durch die Stärkung des „säkularen“ Islam und – wie sie freimütig der „FAZ“ diktierte – säkularen Alevitentums erwecken. Verliert man mit diesen auf Spaltung angelegten Ansätzen nicht all die Muslime, die noch in Moscheen gehen?

Die spaltende Wirkung der Konferenz wird von Muslimen längst stärker wahrgenommen. Die „von oben“ forcierten Gegensatzpaare wie „konservativ gegen liberal“, „säkular gegen religiös“, „organisiert gegen individuell“ prägen die inhaltliche Konzeption der Konferenz, werden aber einen notwendigen Zusammenhalt der Muslime, um ihre legitimen Interessen durchzusetzen, nicht gerade fördern. Dieser Ansatz erinnert ein wenig an die alte politische Weisheit des „Teile und Herrsche“. Über Jahrhunderte war der Islam durchaus ohne Belehrung fähig, die Vielfalt der Muslime ohne den Einsatz spaltender Terminologie zu akzeptieren, sie sogar zu fördern. Viele praktizierende Muslime zweifeln auch, ob sich „Liberalität“ darin zeigt, nicht zu beten, sich nicht zu organisieren oder Eigenwohl über Gemeinwohl zu stellen. Es ist an den Muslimen selbst, das Entstehen einer „radikalen“ Theologie oder gar Ideologie, die keine kulturellen, individuellen Besonderheiten oder Unterschiede mehr erlaubt, zu verhindern. Die Konferenz in Berlin kann diese „Erziehung“ jedenfalls nicht übernehmen.

Man kann streiten, ob man jetzt vor einem Scherbenhaufen steht oder in Berlin einfach nur Zeit vergeudet. Parallel zur Konferenz beginnt nun auch der Abgesang auf den so genannten Koordinationsrat der Muslime (KRM). Zunächst von der Regierung gefordert, wurde der Möglichkeit einheitlicher muslimischer Positionen dann flugs nach dem Entstehen des Gremiums mit Skepsis begegnet. Von Beginn an ohne eigene finanzielle Mittel ausgestattet, müssen sich die beteiligten Verbände auch fragen lassen, ob sie der inneren Einheit der Muslime so wirklich dienen konnten. „Im Nachhinein war es ein großer Fehler, dass die übrigen Verbände dem Hinhalten von DITIB, eine vereinsrechtliche KRM-Satzung zu unterschreiben, nicht entschiedener entgegen traten. Das hätte den KRM verbindlicher gemacht… Der KRM bleibt sicherlich wichtiges Beratungsgremium aller muslimischen Spitzenverbände, nicht mehr aber auch nicht weniger“ fasst das ZMD-Vorstandsmitglied Mazyek die Lage etwas milder. Einfacher gesagt: Die Muslime sind nun gespalten.

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