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Hintergrund: Zur Entdeckung massiver Rohstoffvorkommen. Von Sulaiman Wilms

Armes, reiches Afghanistan

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Beinahe drei Jahrzehnte nach dem politisch motivierten Krieg zwischen Argentinien und Großbritannien um das öde Archipel der Falklandinseln wurde bekannt, dass dort umfangreiche Ressourcen an Erdöl und Erdgas lagern sollen. Dies verleiht dem Konflikt eine nachträgliche und schmerzhafte Ironie. Nun machte eine vergleichbare Nachricht in internationalen Medien die Runde. Es sollen, so US-Geologen und das Pentagon, im afghanischen Boden massive, vielfältige Rohstoffvorkommen lagern. Das kriegszerrissene Land ist laut dem Internationalen Währungsfonds eine der ärmesten Nationen der Welt. 2008 lag das jährliche Pro-Kopf-Einkommen bei 425 Dollar.

(iz/dpa/Agenturen). “Für Afghanistan ist das die vielleicht beste Nachricht der letzten Jahre”, sagte der Sprecher des politisch schwer angeschlagenen und beinahe einflusslosen afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, Waheed Omar, nach Veröffentlichung der Aufsehen erregenden geologischen Studie in Kabul. Zugleich betonte er, dass sie im Auftrag seiner Regierung erstellt worden sei. Man hoffe, dass diese Entdeckung das afghanische Volk langfristig vereinen werde.

Die Vorarbeit zu der Entdeckung leisteten nach Berichten sowjetische Geologen während der Besatzung in den 1980er Jahren. Nach dem Abzug versteckten afghanische Experten die Karten und Daten über die Vorkommen zunächst und brachten sie nach dem Sturz der Taliban 2001 in offizielle Dokumentensammlungen zurück. Dort fanden US- Geologen die Aufzeichnungen 2004 und stellten auf dieser Basis eigene Forschungen an.

Doch sollte es noch bis 2009 dauern, bis eine Pentagon-Abteilung zur Wirtschaftsförderung auf die Erkenntnisse aufmerksam wurde, sie von Bergbau-Experten noch einmal prüfen ließ und schließlich US-Verteidigungsminister Robert Gates und den afghanischen Präsidenten Karzai unterrichtete. Es werden demnach Bodenschätze im Wert von etwas mehr als einer Milliarde US-Dollar in Afghanistan vermutet.

Riesige Vorräte
Dazu zählen riesige Vorräte an Eisen, Kupfer, Kobalt und Gold, zitierte die “New York Times” einen hochrangigen US-amerikanischen Regierungsvertreter. Der Times-Bericht beruhte im Wesentlichen auf einem direkt aus dem Pentagon stammenden Report. Die Bodenschätze reichten, um Afghanistan “in ein weltweit führendes Bergbauzentrum zu verwandeln”.

Und so könne der Bergbau zum zukünftigen Rückgrat der afghanischen Wirtschaft werden, sagte Jalil Jumriany, Berater im afghanischen Bergbauministerium. Namentlich wurde Afghanistan in dem Pentagon-Papier als das “Saudi-Arabien für Lithium” bezeichnet. Das Leichtmetall ist von großer Bedeutung für die Produktion von Computern und Mobiltelefonen.

Bemerkenswertes Timing
Es darf mit einigem Recht bezweifelt werden, ob das Bekanntwerden der mutmaßlichen, enormen Ressourcen rein technischen Verzögerungen geschuldet war. Immerhin sah sich US-Präsident Obama gezwungen, seinen führenden Kommandeur in Afghanistan – inmitten eines immer offener zu Tage tretenden Eingeständnisses des westlichen Scheiterns am Hindukusch – zu entlassen. Einige Analysten äußerten die Ansicht, wonach die Schlagzeilen über die Entdeckung der mutmaßlichen Bodenschätze dazu dienen sollten, die wachsende öffentliche Meinung über eine Sinnlosigkeit des weiteren Einsatzes zu bekämpfen.

“Gibt es einen besseren Weg, die Menschen an die strahlende Zukunft des Landes zu erinnern – und mit Menschen meine ich die Chinesen, die Russen, die Pakistanis und die Amerikaner -, als eine (bereits bekannte) Information über den potenziellen Reichtum der Region erneut zu veröffentlichen?”, schrieb Marc AmBinder, der politische Redakteur des Magazins “The Atlantic”, auf seinem Blog.

Blake Hounshell, leitender Redakteur bei “Foreign Policy”, merkte an, dass der Geologische Dienst der USA (UGS) bereits 2007 einen Bericht über mineralische Ressourcen (ohne Öl und Gas) im Internet veröffentlichte. Darin hieß es, dass Afghanistan über “signifikante Mengen an unentdeckten Ressourcen [ohne Erdöl und Gas] verfügt”. Das gleiche tat der Britische Geologische Dienst. Die Weltbank war sogar noch schneller: Ihr Bericht über das umfangreiche wirtschaftliche Potenzial des afghanischen Bergbaus datierte aus dem Jahr 2004.

Bodenschätze und Aufstandsbekämpfung
Die optimistische Einschätzung afghanischer und US-amerikanischer Stimmen ist zu hinterfragen. Nicht nur geben die erwarteten Einkünfte aus einem Abbau der Bodenschätze – in einem Land, dass bisher über große Bergbauindustrie verfügt – den verschiedenen bewaffneten Fraktionen einen entscheidenden Anreiz, ihren bewaffneten Kampf fortzuführen.

Nach Angaben des Geologischen Dienstes der USA sollen sich viele der vermuteten Rohstofflagerstätten in den von den Taliban kontrollierten Gebieten (Ghazni, Kandahar und Zabul) befinden. Sie könnten sich dadurch auch von der Einnahmequelle Opium freimachen, dass neben der Erhebung von Schutzgeldern im Wesentlichen ihre Finanzquelle darstellt.

Auch erhalten Nachbarstaaten wie das rohstoffhungrige China – und sein direkter Konkurrent Indien – einen erhöhten Anreiz, direkt und indirekt in die inneren Angelegenheit der afghanischen Gesellschaft einzugreifen. Das chinesische Unternehmen The China Metallurgical Group hatte sich nach Angaben des Thinktanks “Stratfor” bereits zur Zahlung sofortigen Zahlung von 3 Milliarden US-Dollar vorab und 400 Millionen später verpflichtet, um sich die Schürfrechte an Kupferlagerstätten von Aynak in der Logar-Provinz zu sichern. Bereits im letzten Jahr habe man Probebohrungen durchgeführt und mittlerweile ein temporäres Lager eingerichtet. Hinzu kommen sollen eine Eisenbahnlinie, ein Kraftwerk und eine Kupferhütte.

Im Rahmen der seit Monaten anhaltenden Maßnahmen zur Aufstandsbekämpfung, die sich nach Expertenmeinung immer mehr am berüchtigten französischen Vorgehen in Algerien orientieren, sind die Verluste von US- und NATO-Truppen noch einmal stark angestiegen. Ein Symbol der de facto Erfolglosigkeit waren die Ergebnisse der “Schlacht” in der Region um Merja in der Helmand-Provinz. Eine geplante Kampagne in und um die entscheidende Stadt Kandahar wird seit Monaten verschoben.

“In diesem Zusammenhang erscheint die Geschichte der 'New York Times' als Teil der Bemühungen, den Bemühungen zur Aufstandsbekämpfung mehr Zeit einzuräumen”, so die Einschätzung des politischen Beobachters Jim Lobe.

Feindliche Geopolitik
Die geopolitische Lage Afghanistans und das Verhältnis zu seinen Nachbarn dürfte – neben technischen, militärischen und politischen Fragen – zu den größten Herausforderungen zählen. Wie sollen die unzähligen Tonnen wertvoller Erze aus einem Land ohne Zugang zum Meer an die wichtigen Häfen der Region transportiert werden?

Dabei handelt es sich um das gegenteilige Problem, dem sich die jetzigen NATO-Kommandeure gegenüber sehen. Diese mühen sich seit Jahren damit ab, sichere Versorgungsrouten nach Afghanistan zu finden. Pakistan wäre eine Option, aber dessen Grenzübergänge haben sich als gefährlich erwiesen. Darüber hinaus gilt das pakistanische Transportwesen bei westlichen Beobachtern traditionell als eine Gruppe korrupter Geschäftsleute – die so genannte “Transportmafia”.

Der im Südwesten gelegene Iran würde eine andere Route darstellen. Aber dessen südöstlichen Regionen werden im Augenblick von schwelenden Unruhen geplagt. Außerdem liegt Iran Grenze weit entfernt von den bekannten Lagerstätten in Afghanistan. Darüber hinaus dürfte klar sein, dass NATO und die USA, angesichts der neuen Sanktionen gegen den Iran und die bereits frühere Weigerung, Pipelineprojekte durch den Iran gutzuheißen, kein wirkliches Interesse an dieser Option haben werden.

Eine dritte Möglichkeit, die geförderten afghanischen Erze auszuführen, wäre der Weg durch Zentralasien und Russland. Aber dies ist nach NATO-Angaben eine langwierige und teure Reise – das zweieinhalbfache der Transportkosten und -zeiten durch Pakistan.

Experten dämpfen Optimismus
Offizielle US-Experten warnten bereits, dass die Förderung der afghanischen Bodenschätze nicht so einfach sein werde und dass es Jahre brauchen werde, den neu gefundenen mineralischen Wohlstand in tatsächliche Einkünfte umzuwandeln. “Es handelt sich dabei nicht um eine schnelle Angelegenheit”, sagte Jack Medlin vom Geologischen Dienst der USA auf einem Pentagon-Briefing.

Vertreter des Pentagons und des US-Außenministeriums räumten trotz eines allgemeinen Optimismus ein, dass die die Bemühungen um einen Abbau der Rohstoffe durch abgelegene Lagen, eine schwache Infrastruktur, einen Mangel an schwerem Gerät und einen starken militärischen Widerstand erschwert würden. “Die Verwandlung des mineralischen Reichtums von Afghanistan in wirkliche Einkünfte wird Jahre brauchen”, sagte P. J. Crowley, Sprecher des US-Außenministeriums. “Der Erzabbau bedeutet, wie Sie wissen, vielfältige, aber keine unüberwindlichen Herausforderungen.”

Die Förderung und der Transport der begehrten Erze ist eine logistisch anspruchsvolle Aufgabe, selbst mit entwickelten Eisenbahn- und Straßennetzwerken. Da Afghanistan über keines dieser beiden verfügt, bleibt fraglich, ob sich ein Abbau der Bodenschätze überhaupt ökonomisch auszahlt.

Erfahrungen in Verhandlungen wie jenen um das oben erwähnte Aynak-Kupfervorkommen belegen, dass laut “Stratfor” eine bereits jetzt schleppende Entwicklung “durch armselige Infrastruktur, Bedrohungen der Sicherheit und korrupte beziehungsweise undurchsichtige Verhandlungen” noch weiter verzögert wird.

Die Autoren von “Stratfor” kommen zu einer nüchternen Einschätzung über die Möglichkeiten zur Entwicklung der afghanischen Bodenschätzen: “Für die nächsten Jahre wird es vor Ort nur wenig wirkliche Entwicklung bei Investitionen und Ausbau der Förderung geben. Die Schlüsselfrage an diesem Punkt wird sein, wie Washington mit der Story um den mineralischen Reichtum umgeht, damit diese seinen Interessen in der Region dient. Insbesondere bei den US-Bemühungen, die Pattsituation im südwestlichen Afghanistan zu brechen und die Taliban an den Verhandlungstisch zu zwingen.”

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