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Hintergrund zur Pakistanwahl: Imran Khan ist für viele Menschen der einzige Ausweg aus einer verfahrenen Lage. Von Mohammed Dockrat

Schicksal und Hoffnung

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(iz). Lahore, ehemalige Kaiserstadt und in den letzten Jahren Hochburg von Nawaz Sharif (dem früheren Ministerpräsidenten von Pakistan) wurde von einem Tsunami erfasst. Menschliche Wellen fluten zum Minar-e-Pakistan. Sie tragen grüne und rote Fahne der Tahreek-e-Insaaf (PTI). Zwei Monate später kamen in Karatschi wieder hunderttausende Menschen zusammen; dieses Mal in der Bastion der, die Provinz Sind regierenden MQM und PPP. Peschawar, die Stammesgebiete und Balutschistan waren ebenfalls angefüllt vom Ruf nach dem berühmten Kapitän. “Imran Khan, Zindabad [möge er lang leben!]”, erschall es, als er zu allen über ihre Lasten und die Lasten sprach, die Pakistan in all den Jahren zu tragen hatte.

Alle Kommentatoren sagten: Niemals zuvor sind so viele aus allen Lebensbereichen, aus allen Schichten, Kulturen und Glaubensrichtungen zusammengekommen und haben einem Mann so mit reiner Freude und Einigkeit zugehört. Die Demonstrationen im Punjab und in Karatschi waren die größten der letzten beiden Jahrzehnte.

Imran Khan wurde nur fünf Jahre nach der Teilung Indiens (1947) geboren. Pakistan hoffte auf eine strahlende Zukunft. Es war das “Land der Reinen”, für die Muslime des Subkontinents. Die Realität war, dass es bereits kurz nach seiner Gründung in Unordnung geriet. Die Korruption blühte. Ungerechtigkeiten hatten sich in jeder sozialen Schicht eingenistet. Jeder Regierungswechsel – egal, ob er zivil oder militärisch war – wurde von entfremdeten Reformen geplagt.

Der Sieg bei der Kricket-Weltmeisterschaft unter Führung von Imran Khan im Jahre 1992 war tatsächlich eines der wichtigsten Ereignisse seit der Indischen Teilung. Er kam 1952 als Sohn von Ikramullah Khan Niazi aus dem paschtunischen Niazi-Stamm und seiner Gattung Shaukat Khanum zur Welt. Der Niazi-Stamm wanderte vor langer Zeit ins Punjab aus.

Als Sohn einer wohlhabenden Familie erhielt er eine klassische, westliche Erziehung an der Cathedral School in Lahore, der Royal Grammar School im englischen Worcester und am Aitchison College in Lahore. Der Schule entwachsen, schrieb sich Imran Khan am Keble College von Oxford ein, wo er Philosophie, Politikwissenschaft und Ökonomie studierte. Obwohl er geringere Abschlüsse in Politik und Wirtschaftswissenschaften erlangte, galt seine wirkliche Leidenschaft dem Kricket.

Bekannt als der “Sport der Könige” war Kricket im Laufe der letzten Jahrhunderte ein Mittel in Großbritannien, zukünftige Führungseliten zu bilden. Dies ist der einzige Sport, bei dem der Teamkapitän mehr Verantwortlichkeit und Druck trägt als der Trainer. Es ist aber auch eine Mannschaftssportart, die zur gleichen Zeit persönlich ist. In seinen Taktiken ist es andauernd veränderlich und kann wegen seiner Dynamik mit dem Schach verglichen werden.

Kricket spielt eine wichtige Rolle für die pakistanische Identität und ist einer der wenigen vereinigenden Faktoren für diese Nation. Imran hatte 1971 sein internationales Debüt im Alter von 18 Jahren bei einem Testspiel gegen England.

Damals galt er für die Spieler und Fans nur als privilegierter Teenager und als Außenseiter, der nicht mehr zu bieten hatte, als dass er das Team vervollständigte. Die Spaltung der pakistanischen Gesellschaft wurde hier dokumentiert, da viele seiner Teamkollegen von Urdu- oder Staatsschulen kamen – und er aus der Oberschicht. Ein weiterer Faktor war, dass zwei seiner Cousins für die Nationalmannschaft spielten. Familienbindungen sind wichtig für dynastische Gesellschaften.

Nach seinem Einstand wurde Imran Khan für eine kurze Zeit wieder fallengelassen. Dies trieb den jungen Sportler nur noch mehr dazu an, jedes Element seines Spiels zu verbessern. Die folgenden paar Jahre sind aufschlussreich, in denen er sich zu einem der führenden, schnellen Bowler des internationalen Krickets entwickelte. Imran Khan wurde aber auch zu einem ausgezeichneten Schlagmann, einem großartigen Allrounder und zu einem charismatischen Kapitän.

Er war jetzt Teil der Giganten des Krickets; gemeinsam mit dem Neuseeländer Richard Hadlee, dem Inder Kapil Dev und Ian Botham aus England. Sein Widersacher Richard Hadlee lobte Imran Khan in seinem Buch “Rhythm and Swing” als “den Besten seiner Zeit”.

Mit 30 Jahren wurde er pakistanischer Kapitän – nach einem Aufstand in der Umkleidekabine. Seine Kindheit als schüchterner Junge vom Zamman-Park verfolgte ihn bis auf die Spielerbank: “Als ich Kricket-Kapitän wurde, konnte ich nicht direkt mit der Mannschaft sprechen, weil ich so schüchtern war. Ich musste dem Trainer sagte: 'Hör zu, kannst Du mit ihnen sprechen? Dieses oder jenes hätte ich ihnen zu sagen.' Bei den ersten Mannschaftstreffen war ich so schüchtern und gehemmt, dass ich nicht mit den Leuten sprechen konnte.” Viel von seinem Erfolg als Kapitän hing von seinen überragenden Leistungen ab. Seine Fähigkeit in der Führung eines rebellischen Teams mehrte seinen Ruf als die Führungsfigur des internationalen Sports.

Die Mitte der 1980er Jahre war eine unruhige Periode für den Sportler. 1984 wurde bei Imran Khans Mutter Krebs festgestellt, an dem sie ein Jahr später verstarb. Damals galt Krebs in Pakistans als Krankheit der Reichen. Denn nur sie konnten sich eine Behandlung in Europa leisten. Imran Khan besuchte viele Krankenhäuser im ganzen Land und konnte feststellen, dass keiner der Krebspatienten wirklich in der Lage war, sich eine echte Behandlung zu leisten. Dies motivierte ihn zum Bau des Shaukat Khanum Memorial Cancer Hospital and Research Centre.

1987 musste Imran Khan wegen einer hartnäckigen Verletzung aussetzen. Ein Jahr später wurde er vom pakistanischen Präsidenten Zia ul Haq aufgefordert, die Mannschaft bei der Weltmeisterschaft 1992 in Australien anzuführen. Die Mannschaft begann das Turnier schwach und verlor die ersten beiden Spiele. Das Team, handverlesen von Imran Khan, schien nur aus unerfahrenen jungen Spielen zu bestehen. Am Ende besiegten sie England im Finale in Melbourne.

Nicht nur führte er eine junge Mannschaft zum Sieg. Er entwickelte auch einige der besten Spiele, die den Rasen beehrt hatten: Wasim Akram, Saeed Anwar, Waqar Yunus und Inzamam ul Haq. Zwei von ihnen sollten ebenfalls Mannschaftskapitäne werden.

Nach dem Sieg trat Imran Khan zurück und kümmerte sich um den Bau der Krebsklinik. Das Verständnis seiner sozialen Verantwortung speiste sich aus zwei Quellen: die englischen Erfahrungen in seiner Jugend und, später, der Aufbau der muslimischen Städte aus der Mogul-Periode.

In seinem Buch “Pakistan: A personal history” schrieb Imran Khan: “Vor der Ankunft der Engländer hatte Indien ein dezentrales Bildungswesen. Jedes Dorf hatte seine eigene Schule, die durch lokale Einkünfte finanziert wurde. Hochschulen und Madrassen der höheren Bildung wurden von Stiftungen für Erziehung, den Waqfs, geleitet.” Und, so fuhr er fort, “als Bengalen von der Englischen Ostindienkompagnie 1757 erobert wurde, wurde festgestellt, dass 34 Prozent des gesamten Landes von Steuern befreit wurde. Es gehörte verschiedenen Stiftungen, die kostenlose Erziehung und Gesundheitsvorsorge anboten. Laut einer Studie von G.W. Leitner aus dem Jahre 1850 hatten einige der Madrassen einen extrem hohen Standard – genauso gut wie Oxford oder Cambridge”.

Sobald die Krebsklinik gebaut wurde und ihren Betrieb aufnahm, wandte sich Imran Khan neuen Projekten zu. Hinzukommen sollten zwei weitere Hospitäler, eines in Peschawar und eines in Karatschi, sowie eine “Knowledge City”. Sie wurde dem Modell von Oxford nachempfunden und befand sich in der lieblichen Landschaft von Mianwali, die erste ihrer Art im ländlichen Pakistan.

Seine eigene Philosophie des “je mehr du dich forderst, desto mehr findest du größere Kraftreserven in dir selbst” ließ ihn ständig nach neuen Zielen suchen, die er erreichen wollte. Im Mai 1995 heiratete Imran Khan in Paris die wohlhabende Erbin Jemima Marcella Goldsmith in einer prächtigen Hochzeit. Die Ehe litt unter seinen Wunsch, Pakistan Gerechtigkeit zu bringen und eine sozio-ökonomische Revolution hervorzubringen. 1996 gründete Imran Khan die Tahreek-e-Insaaf (Partei der Bewegung für Gerechtigkeit).

Vor der Gründung der Tahreek-e-Insaaf traf Imran viele politisch Interessierte, die ebenfalls den Zerfall Pakistans im Laufe der letzten Jahrzehnte erkannten. Alle hatten den gleichen Eindruck von der pakistanischen Führung, die ihr Land benutzte, um unzählige Millionen US-Dollars anzuhäufen und es in einem schlechteren Zustand zurückzuließen. Imran Khan suchte nach Personen außerhalb der gegenwärtigen oder vergangenen Führungsschicht, die er unterstützen konnte. Im Gegensatz zu ihm fand sich niemand, der diese Aufgabe übernehmen wollte.

Der Weg Imran Khans in die Politik hatte nichts mit seinen Studien in Oxford zu tun, da er Politiker abstoßend fand. Er speiste sich aus einer viel tieferen Quelle. Nachdem seine Mutter verstarb, fand Imran Khan Trost in der Gesellschaft von Mian Bashir; einem Mann mit einem großen spirituellen Geschenk.

Da Imran damals nicht religiöse war, lehrte ihn Mian Bashir mit viel Geduld die Bedeutungen der verschiedenen Rituale, wie sie von Muslimen vollzogen werden. Er vermittelte ihm die Notwendigkeit der Hingabe, anstatt nur Dinge zu tun, weil er sie machen musste. Mian Bashir zeigte Imran Khan das Lebensmuster des Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben; nicht nur bei der Anbetung, sondern auch im alltäglichen Leben. Dieses Wissen führte ihn schließlich in die erste Reihe der Politik.

Seine Absicht, pakistanischer Präsident zu werden, erhielt bei den 1997er Wahlen eine schwere Schlappe. Seine Partei konnte keinen einzigen Sitz erlangen. Der Wahlkampf schwächte ihn und die Medien verleumdeten Imran Khan als zionistischen Agenten, der Pakistan übernehmen wollte. Seine junge Gattin wurde als Beweis angeführt und es wurden Bilder gefälscht, die zeigen sollten, wie Imran Khan von seinem Schwiegervater einen Scheck in Höhe von 40 Millionen Pfund erhielt. Alle Anschuldigungen sollten sicherstellen, dass er ein politischer Außenseiter blieb. Er beschrieb seine Niederlage: “wie der Angriff der Leichten Brigade [berühmte Attacke der britischen Kavallerie im Krimkrieg, bei der die Reiter gegen befestigte russische Stellungen anritten und dezimiert wurden], nur ohne Pferde und ohne Waffen.”

Damals errang Nawaz Sharif eine zweite Amtszeit als Premierminister. Sein Industrieimperium und seine Stahlwerke verzeichneten, seit er unter Zia-ul-Haq in die Politik eintrat, Wachstumsraten von 4.000 Prozent. Genauso wie die Bhuttos plünderte die Sharif-Familie das pakistanische Volksvermögen. 1999 kam es zu einem weiteren Staatsstreich: General Musharaf übernahm die Macht nach der Katastrophe von Kargil in Kaschmir.

Wegen des Kargil-Kriegs, wie er später bekannt wurde, wandte sich das Militär gegen Sharif. Es sicherte sich eine überlegende Position an der Kontrolllinie (LOC) und wäre schließlich in einer Position gewesen, sich für den Verlust von Ost-Pakistan (Bangladesch) 1971 zu rächen. Zur Überraschung der Armee verlangte der Premierminister den Rückzug. Die Armee reagierte verärgert und die folgende Wut führte zum Staatsstreich.

Die Stärke der Armee wurde von Imran Khan befürwortet, da man damals davon ausging, dass sie einen Ausweg aus den Plünderungen bedeutete, die unter den Regierungen Bhutto und Sharif vor sich gingen. Drei Jahre später wurden Wahlen angeordnet: Musharraf, der damalige Kopf des [Geheimdienstes] ISI, gewann die Wahlen 2002. Die PTI errang ihren ersten Sitz und Imran Khan vertrat zwischen 2002 und 2007 seinen Wahlkreis Mianwali. Diese Periode wurde stark von den Ereignissen des 11.9.2001 und seinen Folgen geprägt.

Der Afghanistankrieg hatte weitreichende Folgen für Pakistan. General Musharrafs Bündnis mit den USA und jede Erfüllung ihrer Wünsche leitete die Periode des Vergießens von pakistanischem Blut ein. Die Führung “des Krieges von jemandem anderen” kostete Pakistan 70 Milliarden US-Dollars. Die brutale Gewaltanwendung entlang seiner Westgrenze tötete tausende Zivilisten, führte zur Vertreibung von Millionen Pakistanis, dem Massaker der Lal Moschee (Rote Moschee) 2007, wo die Armee Frauen und Kinder tötete, die extra-legale Tötung von Nawab Akbar Bukhti in Balutschistan und eine von Musharraf, den USA und Benazir Bhutto ausgehandelte Straffreiheit für Asif Ali Zardari. Dies sind die Hinterlassenschaften von General Musharraf.

Nach den Wahlen 2007, die von der PTI boykottiert wurden, erklärte Musharraf den Ausnahmezustand. Alle Medien wurden blockiert, Politiker aller Oppositionsparteien standen unter Hausarrest, aber der einzige, der ins Gefängnis gesteckt wurde, war Imran Khan. Nachdem er zwei Wochen lang der Verhaftung auswich, stellte er sich bei der Universität Lahore.

Nach acht Tagen im Gefängnis wurde er entlassen. Pakistan stand nun unter der Herrschaft des frischen Witwers Zardari und erlebte das Ewiggleiche. Zardari, den man nur “Mister 10 Prozent” nennt, leitete die Regierung. Und doch änderte sich etwas: Trotz des Chaos zog es die Menschen zum ehemaligen Kricket-Star hin.

Seine Reden rührten jedes Mal bei immer mehr Menschen etwas an. Einst schüchtern konnte er nun vor hunderttausenden Menschen sprechen. Die Botschaft ist einfach: Ein souveränes Pakistan, dass auf eigenen Füßen steht. Keine Tötung der eigenen Bevölkerung. Keine Inhaftierung der eigenen Leute ohne Verfahren. Abschaffung der ausländischen Subventionen von den USA, Großbritannien, der Weltbank oder des Internationalen Währungsfonds. Besteuerung der reichen Familien, die zuvor keine Abgaben zahlen mussten. Die Schaffung wohltätiger Stiftungen wie in den muslimischen Städten der Vergangenheit.

Die Sprechchöre auf Demonstrationen in Lahore, Karatschi oder den anderen Städten Pakistans zeigen einen Mann, dem die Leute vertrauen. Früher unterstützten sie ihn als Mannschaftskapitän. Danach sammelten sie massenhaft Geld, um beim Bau seiner Krankenhäuser zu helfen und heute sehen sie in ihm ihre einzige Hoffnung, nachdem sie jahrzehntelang alleine gelassen wurden.

Diese Unterstützung der Menschen wird durch Hoffnung beflügelt: Sie glauben an ihn, denn er hat den hartnäckigen Willen zum Erfolg. Das beste Maß eines Mannes in Pakistan ist das seines Glaubens.

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