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Hintergrund: Überblick über Grundregeln des Handels im Islam. Von Malik Özkan, Bremen

Gerechtigkeit im Austausch

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(iz). Die letzten Monate haben weltweit eine Beschäftigung mit den Krisenphänomenen der Ökonomie hervor gerufen. Auch Muslime haben sich dan­kenswerterweise daran beteiligt. Insbesondere auch deshalb, weil sie selbst als Teil der ärmeren Welt davon mehr betroffen sind als wir in den Wohlstandszonen. Was bisher fehlte oder eher randständig war, ist eine Darstellung, wie islamische Grundlagen in Sachen Handel aussehen. Dies lag einerseits daran, dass es vielen Gelehrten am Verständnis für die zeitgenössische Wirtschaft fehlt und sie daher nicht in der Lage sind, den Widerspruch zur muslimischen Ökonomie zu erkennen. Gleichermaßen hat die Fokussierung der letzten Jahrzehnte auf einen „politischen Islam” verhindert, dass die Welt der Märkte in den Blickpunkt der Muslime gerät.

Der gerechte Handel (‘Adl) beruht auf Vertrauen. Ein gesunder Aus­tausch ist Teil der Anbetung [Allahs]; und ist der Handels­praxis des Gesandten Allahs, möge ­Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, nachempfunden. Grundsätzlich ist jeder Austausch von Waren erlaubt, solange er nicht folgende Elemente enthält:

• Verbotene Waren (wie Wein, Schwein, Götzenbilder etc.)
• Wucher (jeder Anstieg des Wertes ohne einen damitin Zusammenhang stehendem Gegenwert)
• Unsicherheit (wie der Verkauf von landwirtschaftlichen Produkten, bevor diese geerntet wurden)
• Betrug (wie die Erhöhung des Preises gegenüber Reisenden, die die lokalen Preise nicht kennen)
• Erpressung (wie die Manipulation der Marktbedingungen oder Monopole)

Lokale Gewohnheiten

Ein nach islamischen Maßstäben, gerechter Handel basiert auf dem Wissen einer Gemeinschaft vom Wert der Dinge. Dies ist die Gewohnheitspraxis (‘Urf) im Islam, bei der die Gemeinde das Recht hat, ihre eigene Bewertung von Waren vorzunehmen. Es kann keine erzwungene Bewertung von außerhalb geben.

Wucher

Wucher (Riba) ist der bösartigste Vernichter von Gleichheit auf den Märkten und ist das Einfallstor für soziales Ungleichgewicht und Unterdrückung. Vorherige Generationen haben sich großen Mühen unterworfen, um jene Transaktionen zu erkennen, in die Wucher willentlich oder unwillentlich eingeflossen ist. Ob eine wucherische Transaktion unwichtig erscheinen mag oder nicht, so gibt es darin doch immer ein Element des Gewinns für eine Seite auf Kosten des Verlusts der anderen. Diejenigen, die an solchen Transaktionen beteiligt sind, so die Aussage von Ibn Ruschd, „geben Geld und erhalten mehr zurück, ohne etwas [dafür] getan zu haben oder eine Verpflichtung eingegangen zu sein”.

Tauschmittel

Währungen bestehen bei jeder Transaktion. Ibn Ruschd verweist auf den Zweck der Tauschmittel: „Da es schwierig ist, den Wert der Dinge zu bestimmen, deren Natur verschieden ist, werden Dinare und Dirhams benutzt, um ihnen einen Preis zu verleihen. Hierbei handelt es sich um Gold- (Dinare) und Silbermünzen (Dirhams) oder andere, nicht verderbliche, leicht zu beziffernde Güter mit einem eigenen Wert, auf die Bezug genommen wird.” Für die Personen in Autorität ist es erlaubt, Währungen einen Standard zu geben, um deren Verlässlichkeit zu gewährleisten; das heißt, indem sie Gold- und Silbermünzen mit festgelegtem Gewicht prägen.

Tausch von Waren

Um Wucher zu verhindern, können nur jene Waren, die nach Gewicht und Maß bemessen werden, gegen gleichwertige getauscht werden; das heißt ­geprägtes Gold gegen ungeprägtes Gold, oder Lebensmittel gegen gleichartige ­Produkte. Das bedeutet einen Austausch von Dingen mit gleichem Gewicht, Maß für Maß, ohne Verzug in der Zahlung. Mit anderen Worten, es ist erlaubt (wenn auch „extravagant” nach Ibn Ruschd), Patna-Reis gegen Basmati zu tauschen, solange das Gewicht beider Waren das gleiche ist. Verbotene Verkäufe

Ibn Ruschd zählte sieben Beispiele auf, wobei er bei jedem demonstriert, wie Wucher in den Verkauf eintritt.

• „Gib mir eine Verzögerung [von der Zahlung einer Schuld oder der Bezahlung von Waren auf Kredit] und ich werde [den zu zahlenden Betrag] erhöhen.”

• Verkauf mit einem verbotenen ­Ungleichgewicht. Dies bezieht sich auf haltbare, lagerfähige Lebensmittel, Gold- und Silbermünzen, die nicht mit einem Unterschied „gegeneinander” ausgetauscht werden dürfen. So ist der Tausch von einer Gold- gegen eine Silbermünze erlaubt, aber ein Tausch von zwei Pfund schlechten Datteln gegen ein Pfund von Datteln guter Qualität ist nicht ­erlaubt.

• Verkauf mit einer verbotenen, ver­zögerten Bezahlung. Dies bezieht sich auf den erlaubten Tausch beispielsweise von Silber, Datteln im Austausch für Rosinen, Weizen etc. Dieser betrifft zwar unterschiedliche Spezies, ist aber verboten, wenn die Zahlung seitens ­einer der beiden Seiten nicht sofort erfolgt.

• Verkauf in Verbindung mit einem damit in Verbindung stehenden Darlehen. Alle Verträge, die aus mehr als einer Transaktion bestehen, sind ­verboten.

• Der Verkauf von Gold und Ware gegen Gold. Dies ist deshalb verboten, weil Gold gegen Gold mit einem Ungleichgewicht getauscht wird – die Ware verdeckt nur die eigentliche Transaktion.

• Verkauf, bei dem die zu zahlende Summe reduziert wird, wenn sie vor dem Fälligkeitsdatum ausgehändigt wird.

• Der Verkauf von Waren, die [vom Verkäufer] noch nicht vollkommen in Besitz genommen wurde. Alle Lebensmittel müssen vor ihrem Verkauf vollkommen in das jeweilige Eigentum übergegangen sein. Ibn Ruschd zitierte Imam Maliks Aussage vom „Schutz des Besitzes und der Verhinderung von Verschwendung”, um das Wucherverbot zu erklären.

Der Begriff des „Wuchers” hat eine breitere Bedeutung als die zeitgenössischen Definitionen. Wucher kann bei jedem Austausch auftreten: dem reinem Handel, Tauschhandel, Geldtausch, Spekulation, der Pachtung von Land im Austausch für einen Anteil an dessen Ertrag, Kontrolle durch Monopole etc. All jene sind dem Wucherverbot unterworfen, wenn ein ungerechtfertigter Gewinn für eine Partei auftritt.

Die Entfernung ­parasitärer Parteien

Für uns ist an diesem Punkt von Bedeutung, dass im Rahmen des gerechten Handels die Existenz von parasitären, dritten Parteien ausgeschlossen ist, die ohne eigenes Zutun an Verträgen und Transaktionen verdienen. Dazu zählen nicht nur Gebühren auf Märkten, sondern auch Preiserhöhungen durch ­Spe­kulationen und andere Praktiken. Händler müssen frei sein, in einer Weise Handel zu treiben, bei der die funktionierenden Säulen des Handels vorhanden sind – dazu zählen der freie Zugaang zu bi-metallischer Währung und zu jedem Zahlungsmittel, auf welches sich die beteiligten Parteien geeinigt haben. In seinen abschließenden Anmerkungen zur Bidajat Al-Mudschtahid verweist Ibn Ruschd darauf, dass die grundlegende Überlegung die Aufrechterhaltung der menschlichen Tugenden – in diesem Fall die der Gerechtigkeit – ist.

Handel

Händler bewegen Waren von einem Ort, wo diese erhältlich sind, zu einem anderen, an dem es eine Nachfrage gibt. Der Händler wendet Energie bei seiner Suche nach passenden Gütern, bei der Erzielung vernünftiger Preise und beim Verkauf der Ware an eine zweite Partei auf. Handel findet zwischen realen ­Menschen statt, die nicht über eine ­dritte Partei verhandeln, sei es in Form staatlicher Regulatorien, von Bankern oder ­Versicherern.

Verträge

Ein Vertrag steht für das Vertrauen zwischen zwei Leuten. Seine Wirklichkeit geht über den materiellen Austausch von Waren hinaus. Ein Händler weiß, dass sein Ruf für ehrlichen Handel der Schlüssel zu einem schnellen und einfachen Austausch ist. Schriftliche Verträge werden immer dann zu Hilfe gezogen, wenn der Austausch der Waren oder die Bezahlung verzögert sind und beide Seiten sie als für den gegenseitigen Nutzen notwendig erachten. Gleichermaßen können Zeugen für die Unterschrift eines Vertrages bürgen, wenn es das Vertrauen zwischen beiden Parteien fördert. Im Allgemeinen ist ein Vertrag – das heißt, ein Angebot und eine Annahme und die Verpflichtung zur Lieferung oder Bezahlung einer Sache – für beide Parteien bindend, wenn der Verkäufer das Angebot des Käufers annimmt, bevor beide Seiten auseinander gehen. Wenn der Käufer das Eigentum der Waren übernimmt, akzeptiert er üblicherweise die Verpflichtung für sie. Es gibt jedoch eine Garantiezeit, in welcher er die Waren zurückgeben und seine Zahlung einfordern kann, wenn er einen Schaden an den Waren entdeckt. Dies ist solange möglich, solange beide Parteien sich nicht auf einen Verzicht auf die Garantie einigen. Der Verkäufer darf im Normalfall dem Käufer keine Verpflichtung auferlegen, welche das Eigentum des letzteren beschränkt.

Vertragsformen

Der Prophet Muhammad, möge ­Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, erlaubte den Qirad-Vertrag, um jeglichen Wucher durch Dritte auszuschließen: Vom Investor (Rabb Al-Mal) wird seinem „Agenten” (Al-’Amil) eine bestimm­te Summe übergeben. Der Agent verwendet die Mittel, um Handel zu treiben und das Kapital plus eines vorher ­vereinbarten Prozentsatzes des Gewinns an den Investor zurückzuzahlen, wenn die Waren, die mit den Mitteln er­worben wurden, erfolgreich verkauft worden sind.

Partnerschaft

Eine Partnerschaft schließt ebenfalls Wucher aus. Dadurch kommen zwei oder mehrere Parteien zusammen und tragen gleiche Anteile Geld, Waren, Ausrüstung und Arbeit (Scharika Al-Amwal) bei. Danach teilen sie den Gewinn unter sich gleichwertig auf. Sollte der Beitrag eines Partner (entweder an Geld, Waren, Ausrüstung oder Arbeit) größer sein als der anderer Partner, muss das Gleichgewicht durch eine Aufteilung gewahrt werden, die der Proportion der Unterschiede entspricht. Partnerschaften, die ausschließlich auf der Arbeitskraft berufen (Schirka Al-Abdan, wenn beispielsweise mehrere Handwerker sich den gleichen Kunden „teilen”), müssen unter einem Dach zusammenarbeiten. Jeder Partner ist verantwortlich für den Auftrag, den ein anderer für die Partnerschaft bekommen hat. Sollte Partnerschaft auf Geld beruhen, so hat jeder der Teilhaber die Möglichkeit, mit dem „gemeinsamen” Kapital der Partnerschaft zu kaufen und zu verkaufen (das ist eine Mufawada-Partnerschaft der gegenseitigen Verteilung).

Schirka fi’l-Bai’

Ein derartiger Vertrag besteht dann, wenn eine Partei zu einer anderen sagt: „Mache mich zu einem gleichwertigen Partner an der dir gehörenden Ware unter der Bedingung, dass ich sie für dich verkaufe.” Was in dieser Transaktion ­geschieht, ist, dass eine Ware auf die ers­te Partei ohne Zahlung übertragen wird. Wenn sie Waren verkauft hat, zahlt sie die Hälfte des originalen Wertes der Ware an die zweite Partei zurück – inklusive der Hälfte des Profits, der in dieser Partnerschaft erwirtschaftet wurde. Der ursprüngliche „Eigentümer” der Waren kann entweder einen Mindestpreis festlegen und eine erhoffte Gewinnspanne für die Waren, die der andere verkaufen soll.

Murabaha

Ein Murabaha-Verkauf ist dergestalt, dass dabei ein Händler in eine andere Stadt oder ein anderes Gebiet geht, und eine Ware für diesen oder jenen Preis verkauft, der über seinen Einkaufskosten liegt. Diese Transaktion ist erlaubt, da sie im wesentlichen das gleiche wie Kaufen oder Verkaufen ist. Sie ist gleichwertig, da beide Partner dabei rechtmäßige Händler sind, die sich dabei auf die Natur und die Qualität der zu verkaufenden Ware geeinigt haben und auf ihren Gewinnanteil vor jedem Abschluss. Dieser Vertrag basiert auf dem Vertrauen der ersten Partei, dass der andere Partner beispielsweise nur zehn Prozent Gewinn und die Kosten für sein Handeln auf den Preis der Waren aufschlägt.

Salam

Bei einem Austausch müssen normalerweise Bezahlung und Übernahme der Ware gleichzeitig geschehen. Ein Salam-Vertrag ist die Form eines Verkaufs, bei dem die erste Bedingung verzögert ablaufen darf. Hier kann zuerst bezahlt werden, während die Waren später geliefert werden. Dies soll es ermöglichen, Waren zu kaufen, die nur in einem anderen Land zu erhalten sind – beispielsweise auf einem Markt, der im folgenden Monat abgehalten wird. Das genaue Datum der Lieferung muss vertraglich festgelegt werden. Analog zum Salam-Vertrag gibt es den Nasi’a-­Vertrag, bei dem später gezahlt wird. Es ist jedoch nicht erlaubt, dass sowohl Zahlung als auch Lieferung ­verzögert werden.

Idschara

Ein Mietvertrag (Idschara) ist einer, bei dem eine Partei, dem Vermieter (Al-Mus­tadschir) für den zeitweiligen Gebrauch eines Hauses, eines Tieres oder eines Ausrüstungsstückes bezahlt. Der Vertrag muss den Mietpreis, die Dauer der Anmietung und den Ort, an dem die vermietete Ware verwendet wird, festlegen. Der Besitzer (Al-Malik) des vermie­teten Gutes haftet für jeden Schaden an der Mietsache. Gleichermaßen gibt es Verträge für Personen, die für eine Arbeit auf täglicher, wöchentlicher oder mo­natlicher Zahlung angestellt werden. Auch gibt es Möglichkeiten, eine Person für die Erledigung einer Arbeit anzustellen, deren Zeitpunkt nicht vorher festgelegt wurde.

Märkte

Die politische Autorität stellt Einrichtungen zur Verfügung, zu denen Menschen kommen können, um ihre Waren zu verkaufen. Idealerweise gibt es dort keine festen – oder besser, permanenten – Stände, sondern Einrichtungen, welche die Händler und ihre Waren vor dem Wetter schützen. Die Märkte müssen so gestaltet werden, dass die Kunden ihre Waren ungehindert von Handwerkern, Bauern oder Händlern kaufen können. Neben den regelmäßigen Märkten gibt es solche, die aufgrund von Erntezeiten, der Ankunft von Karawanen oder anderer jahreszeitlicher Anlässe abgehalten worden sind.

Karawanen

Eine Karawane ist eine Gruppe von Händlern, Qirad-Agenten, Partnern oder Handwerkern, die gemeinsam reisen, um neue Märkte einzurichten oder an Märkten teilzunehmen, die außerhalb ihrer jeweiligen Heimat liegen. Ihre gemeinsame Reise erleichtert das Handeln und die Teilnahme an fremden Märkten. Es ist verboten, die Karawane vor ihrem räumlichen Eintreffen auf dem Markt abzupassen, um Waren auf Großhandelsbasis zu einem geringeren Preis einzukaufen, als er auf dem Markt üblich ist.

Quellen:
Imam Sahnun At-Tanukhi, Al-Mudawwana (von Ibn Al-Qasim und Imam Malik)
Ibn Ruschd, Bidajat Al-Mudschtahid
Ibn Dschuzaij, Qawanin Al-Fiqhija

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