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Ibn Khaldun – Theoretiker und Praktiker der Macht

Biografischer Abriss über den vielleicht bedeutendsten muslimischen Historiker und Sozialwissenschaftler

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Foto: Reda Kerbouche, vie Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

(iz). Abu Zaid Abdurrahman ibn Muhammad ibn Khaldun Wali Ad-Din Al-Hadrami, wurde am 1. Ramadan 732 (27. Mai 1332) in Tunis geboren. Er gilt als einer der bedeutendsten Wissenschaftler und Gelehrten der islamischen Geschichte und wird vielfach als Begründer der Soziologie und der Geschichtswissenschaft betrachtet, der mit seinen Erkenntnissen seiner Zeit weit voraus war. Sein Werk, insbesondere die „Muqaddima“, genießt auch unter nichtmuslimischen Wissenschaftlern große Bekanntheit und hohes Ansehen.

Aufgrund einer von ihm selbst verfassten Autobiografie, die bis zum Jahr vor seinem Tode reicht, weiß man relativ viel über sein Leben. Ibn Khaldun entstammte einer Familie südarabischen Ursprungs, die über Generationen im andalusischen Sevilla (Ischbilia) ansässig gewesen war, jedoch infolge der Eroberungen der Christen in Andalusien nach Tunis emigriert war. Seine Familie bekleidete in Tunis hohe Ämter. Ibn Khaldun erhielt eine umfassende Ausbildung bei den besten Lehrern Nordafrikas jener Zeit in den Wissenschaften des Qur’an, des Hadith, der Rechtswissenschaft (Fiqh), der Theologie (Kalam) und der arabischen Sprache, aber auch in anderen Bereichen wie Mathematik, Astronomie und Philosophie. Bereits mit 20 Jahren trat er in den Dienst am Hof der damals im Bereich des heutigen Tunesien herrschenden Hafsiden und erhielt dort Einblicke in die Regierungsgeschäfte.

Während einer Pestepidemie verlor Ibn Khaldun schon früh seine Eltern und ging daraufhin auf eine Einladung des merinidischen Sultans hin nach Fes. Dort lebte er zehn Jahre lang, während deren er weiter studierte. Ibn Khaldun verbrachte auch zwei Jahre in Granada am dortigen Hof der Nasriden, kehrte jedoch bald wieder nach Nordafrika zurück, wo er in der folgenden Zeit im Dienst verschiedener Herrscher stand. Zeitweise zog er sich – in einer ländlichen Gegend im heutigen Algerien – völlig zurück, um sich seiner wissenschaftlichen Arbeit zu widmen. Zu dieser Zeit, etwa um 1374, begann Ibn Khaldun die Arbeit an der Muqaddima und dem Kitab Al-’Ibar, für dessen Fortführung er letztlich nach rund 25 Jahren wieder nach Tunis zurückkehrte, da er dort bessere Arbeitsbedingungen hatte; unter anderem einen besseren Zugang zu Literatur. Nachdem er das Kitab Al-’Ibar nach weiteren vier Jahren fertiggestellt hatte, ging Ibn Khaldun aufgrund von Problemen im Verhältnis zu den damals in Tunis herrschenden Hafsiden im Jahre 1382 nach Kairo. Dort wurde er von dem Mamluken-Sultan Az-Zahir zum höchsten Richter der malikitischen Rechtsschule ernannt. Nachdem seine Eltern und mehrere seiner Lehrer bei einer Pestepidemie in Tunis umgekommen waren, erhielt Ibn Khaldun einen weiteren Schicksalsschlag, als seine Familie, die er nach Ägypten nachkommen lassen wollte, auf dem Weg dorthin bei einem Schiffsunglück ertrank.

Sein bekanntestes Werk, „Al-Muqaddima“, ist eine umfangreiche Einleitung zu dem siebenbändigen Geschichtswerk „Kitab Al-’Ibar“, welches eine regelrechte Weltgeschichte darstellt, wird aber auch als eigenständiges Werk betrachtet und rezipiert. Die Bände zwei bis fünf umfassen die bisherige Geschichte der Menschheit und die beiden letzten Bände die Geschichte Nordafrikas und seiner berberischen Stämme in einmaliger Ausführlichkeit.

In der Muqaddima versucht Ibn Khaldun insbesondere, die Kräfte zu erkennen und zu erklären, die zu Aufstieg, Blüte und Fall menschlicher Zivilisationen und Dynastien beitragen, seien sie mentaler, sozialer oder okönomischer Art oder auch von der natürlichen Umgebung beeinflusst. Dieser zyklische Ablauf von Werden und Vergehen in der Geschichte wird nach Ibn Khaldun wesentlich auch von der ‘Asabija bestimmt, die ein zentrales, immer wiederkehrendes Konzept in der Muqaddima darstellt.

‘Asabija ist ein nicht leicht zu übersetzender Begriff, den man mit Gruppengefühl, Gruppendynamik oder Gruppenzusammenhalt umschreiben könnte. Die ‘Asabija sah er bei nomadischen Gruppen stärker ausgeprägt als bei den Bewohnern der Städte, weshalb die etablierten städtischen Gemeinwesen und politischen Einheiten nach einer gewissen Blütezeit in eine Phase des Niedergangs geraten, die mit der Abnahme ihrer ‘Asabija einhergeht, und schließlich von Gruppen nomadischer Herkunft, deren ‘Asabija stark ist, hinweggefegt werden, die dann ein neues Gemeinwesen gründen, das letztlich wieder den gleichen Prozess durchläuft. Die höchste Form der ‘Asabija stellt der Islam dar, als einigendes Band und höchste Motivation, die über die stammesbezogene oder auch die ethnische ‘Asabija hinausgeht.

Gegen Ende seines Lebens führte ihn eine diplomatische Mission in Begleitung des Mamluken-Sultans nach Damaskus, das damals zum mamlukischen Herrschaftsbereich gehörte und von den vorrückenden Heerscharen des Mongolenherrschers Timur Lenk belagert wurde. Ibn Khaldun leitete die Verhandlungen mit Timur und erhielt in den rund zwei Wochen, die diese andauerten, ausgiebig Gelegenheit zum intellektuellen Gespräch mit Timur. Ibn Khaldun erkannte in ihm jenen Typus einer Herrschers, der von der ‘Asabija seines Volkes und seiner Armeen getragen wurde und damit eine neue Dynastie begründen kann, so wie er es in seiner Muqaddima beschrieben hatte. Nach seiner Rückkehr nach Kairo lebte Ibn Khaldun dort noch wenige Jahre, in denen er unter anderem seine Autobiografie verfasste. Ibn Khaldun starb in Kairo in den letzten Tagen des Ramadans 808/1406.

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