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“Idyllen gibt es keine” oder die Schweiz und die Ängste der Konservativen

Die Schweiz und die Angst der Konservativen. Von Abu Bakr Rieger

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(iz). Die Schweiz ist vielleicht konservativ, aber schon lange kein Idyll mehr. Dieser Umstand wird natürlich nicht nur durch die umstrittene Volksabstimmung gegen den Bau von Minaretten bewiesen, sondern auch durch das Ergebnis der anderen Abstimmung am gleichen Tag: Eine Mehrheit der Schweizer hat dabei gegen das Verbot von Rüstungsexporten gestimmt. Man ahnt, eine Idylle wird auch für die Schweiz und ihre ökonomische Interessenlage zwischen Banking und Rüstung ein frommer Wunsch bleiben.

Beide Abstimmungen beschreiben eine typische Gefühlslage in der Globalisierung: Man will auf jeden Fall und praktisch mit jedem denkbaren Geschäft ökonomisch überleben und doch auch „Schweizer“, ein Kulturvolk alter Prägung bleiben. Die für unsere Zeit typische Zerrissenheit kann dabei auch schnell zu einer gewöhnlichen Schizophrenie werden. Seit Schillers Tell ist auch die paranoide Angst der Schweizer vor Nivellierung und dem Einfall fremder Mächte bekannt.

Dass dies auch im Innenverhältnis bizarr werden kann, zeigt die berühmte „Fichenaffäre“, die Dürrenmatt bewog, die kleine Schweiz mit einem großen Gefängnis zu vergleichen. Noch im Jahr 1989 herrschten in der Schweiz „Ostblockverhältnisse“ – über eine Million Dossiers, so wurde bekannt, haben die sechs Millionen Schweizer im Rahmen einer Volksbespitzelung über sich selbst angelegt. Wen wundert da ein wenig Misstrauen gegen die vermeintlich fremden Muslime?

Ironischerweise sind die rund 400.000 Muslime der Schweiz eigentlich ganz gut integriert. Viele Muslime sind sowieso aus der Balkanregion und damit von Haus aus Europäer. Es gibt schon aus Zahlengründen weniger Raum für eine Parallelgesellschaft und – im Vergleich zu Deutschland – sprechen die meisten Muslime auch besser Deutsch. Was ist es aber, was den „Schweizer Islam“ für eine erstaunlich große Zahl Schweizer BürgerInnen scheinbar gefährlich macht?

Zunächst ist es wohl die Macht der Assoziation. Mehrheiten bestimmen meistens nicht nur die öffentliche Meinung, sie herrschen auch medial über die Macht der Aussonderung, Assoziation und Verlinkung. Es gehört zu den subtilen Kräften der Diskriminierung, bewusst immer wieder den Einzelfall herauszugreifen und ihn in die pseudo-objektive Betrachtung einer ganzen Gruppe einzubetten, als wären diese Einzelgänger und Einzelfälle nur dort zuhause.

Kameras, Bilder und Kommentare wählen heutzutage zumeist die Perspektive, die sich am Besten verkauft. Dahinter steht nicht die Besessenheit einer fremdenfeindlichen Ideologie, sondern viel banaler: Dahinter steht die Kraft des Marktes. Wenn ein Muslim tötet, terrorisiert, raubt, schlägt, dann ist dies immer auch ein medialer Kassenschlager, allerdings aber auch ein Problem der durch die Assoziation betroffenen Minderheit im Ganzen und – so scheint es zumindest in diesem konkreten Fall – ihres Islam.

Die eigentliche Gefahr des Schweizer Ausnahmerechts im Umgang mit Minderheiten ist aus europäischer Sicht seine mögliche Vorbildfunktion. In ganz Europa sucht der radikale Konservativismus nach einer neuen Identität, einer neuen Leitkultur, einem neuen Nationalismus. Das diffuse Gefühl der Gefährdung durch den Islam und die negative Abgrenzung gegen die Muslime sorgt dabei für das nötige Zusammengehörigkeitsgefühl. Das Abendland vor dem Islam zu retten, ist inzwischen das einzige aktive Projekt dieser Leute.

Damit die neue Rechte sich im Rausch des globalen Kapitalismus „heimisch“ fühlen kann, muss sie in erster Linie die vermeintliche Fremdheit des Islam betonen. Das Minarett, das Kopftuch wird statt Stein und Tuch zum Meta-Symbolismus einer Art Psychose. Schlimmer noch, als Ausdruck ihres Rassismus und Nationalismus muss die Rechte auch die inzwischen mehreren Millionen von Muslimen, deren Eltern Immigranten waren, die aber selbst in Europa geboren wurden, ebenso als „Fremde“ begreifen.

Diese in Europa geborenen Muslime, die längst europäische Sprachen sprechen, sind aber natürlich genauso EuropäerInnen wie sie selbst. Ganz zu schweigen von den Muslimen Europas, die schon immer hier gelebt haben. Wenn diese Muslime eine Moschee bauen wollen, dann tun sie dies natürlich im Rahmen ihrer anerkannten Bürgerrechte und nicht etwa als ausländische Bittsteller, die um die Toleranz der Mehrheit betteln müssen. Natürlich sind auch die Muslime selbst an manchem Missstand schuld. Der modernistische Islamismus konnte das Selbstmord-und Terrorismusverbot, ohne den Widerstand tausender europäischer Gelehrter herauszufordern, über Jahrzehnte verwässern. Es ist nun natürlich notwendig, dass Imame in den europäischen Moscheen dieses Thema aktiv und hörbar aufgreifen und die Trennlinie zu diesen unerwünschten Horden auch öffentlich ziehen.

Das andere Problem erkennt man, wenn man heute ein türkisches, bosnisches oder arabisches „Kulturzentrum“ in einem der europäischen Gewerbegebiete besucht, die muslimische Gemeinden dort zu horrenden Preisen kaufen „durften“. Zwischen Aldi und Lidl fällt es relativ schwer, eine Hochkultur einzurichten. Diese Manifestationen der Ausgrenzung erklären die gesellschaftliche Randlage und die Situation der Muslime insgesamt ganz gut und sind oft nichts anderes als Verortungen einer Nicht-Kultur. Für alle Menschen zwischen Istanbul und Berlin gilt ja der allgemeine Grundsatz: Die ausdrückliche Berufung auf die eigene Kultur impliziert, dass man deren längst verlustig wurde. Deswegen brauchen wir auch keine neuen Kulturzentren, sondern Moscheen – die mitten in unseren Städten, als öffentliche Dienstleister, offene Marktplätze und geistige Zentren sich der Verödung unserer Städte entgegenstemmen.

Muslimische Organisationen verwechseln des öfteren Kultur oder nationale Identität mit dem Islam, und – das ist vielleicht der schlimmste Vorwurf – die Verbände verharren leider in ihrer sentimentalen Bindung an ihre ehemaligen Heimatländer, statt, gerade zugunsten ihrer jungen Mitglieder, aktiv eine neue europäische Identität anzunehmen. Fatal wäre nun, wenn diese Organisationen sich weiter abschotten würden und damit den rechten Stimmungsmachern indirekt Recht gäben.

Besonders interessant für Muslime in Deutschland ist das Verhältnis zu den konservativen Parteien. Auch in diesen Kreisen bröckelt seit Jahrzehnten die alte Sicherheit der eigenen Identität. Der CDU und der CSU fällt es zunehmend schwerer, zu definieren, was eigentlich an ihrer Politik, vor allem an ihrer Wirtschaftspolitik, „christlich“ oder „konservativ“ ist. Ist das eigene konservative Profil durch die Ablehnung der Türkei als EU-Mitglied oder die Abgrenzung zu ihrer konservativen Schwester, der AK-Partei, bereits gefunden?

Hoffentlich hat der Eindruck getäuscht, dass für die gemäßigten Konservativen der Islam nur eine Art Sicherheitsproblem ist und nicht die eigene Frage als Gestalt. Zu den Lebenslügen der Parteien gehört die kindliche Angst um den angeblich zerbechlichen Staat, der aber in Wirklichkeit, angetrieben vom Unwesen einiger Hundertschaften alter Ideologen, heute als High-Tech-Überwachungsstaat wohl nie in seiner Geschichte so mächtig war. Eine schlichte Mär ist auch die These der substanziellen Gefährdung des Staates durch den Islamismus, wo doch jeder sieht, dass es der entfesselte Kapitalismus ist, der die Demokratie heute offen aushöhlt und zerstört.

Über Jahrzehnte hat das bürgerliche Milieu der Konservativen den Sog der Moderne nicht aufhalten können. Den Verfall der Familien, der Ehe, der Umgangsformen, der christlichen Werte. Die Abgründe der TV-Gesellschaft hat auch eine konservative Wende der Kohl-Zeit nicht aufhalten können. Die angestrebte Glitzerwelt, geschaffen von Massen geliehenen Geldes und ein wenig Kultur, ging eindeutig zu Lasten der Kultur. Die alte Verführung, nun eigene, verlorene Identität mit neuer Gegnerschaft zu begründen, ist nicht von der Hand zu weisen.

Für Muslime ist es wichtig, dass diese Parteien nicht in den geistigen Sog der benachbarten, offen islamfeindlichen Strömung gelangen oder diese gar zu integrieren versuchen. Spannend wäre das gegenseitige Erkennen eines Verwandtschaftsverhältnisses, vielleicht mit der nüchternen Einsicht eines Karl Kraus, dass der Fortschritt keine Bewegung, sondern vielmehr ein Standort ist. Hin und wieder hört man auch in Gesprächen mit christlichen Konservativen doch die Bewunderung heraus, dass der Islam in stürmischer Zeit immerhin einigermaßen die Formen wahrt.

Interessanterweise hält sich die konservative CSU – hin und wieder auch der Ausländerfeindlichkeit bezichtigt – in Fragen „Minarettverbot“ eher zurück. Man ahnt scheinbar in München, dass schlussendlich nicht nur die Minarette, sondern auch die Kirchtürme in Gefahr sind. Man müsse jeden „pseudo-christlichen Jubel“ über das Ergebnis vermeiden, sagt etwa der CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt. „Wer heute Minarette verbietet, wird morgen Kirchtürme schleifen und Kreuze abhängen.“

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