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Im Augenblick des Schreckens. Eindrücke aus Paris vor und nach den Anschlägen. Von Marin Zabel

Zwischen Banlieus und Avenuen

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(iz). Freitag – Die Parisiens läuten das Ende der Arbeitswoche ein. Einheimische und Touristen strömen auf die Straßen, in die Cafés, Bars und Restaurants.

Gegen 21 Uhr wird diese feierliche Atmosphäre von Aufbruch und Hektik ergriffen. Menschen starren fassungslos auf ihre Telefone, Fernsehbildschirme und vorbeirasende Rettungswagen. Was zu dem Zeitpunkt kaum jemand ahnt: Die Stadt wird von einer ganzen Reihe gezielter Terroranschläge heimgesucht.

Mit russischen Sturmgewehren, Handgranaten und Sprengstoffwesten bewaffnete Männer ziehen durch den Osten des Zentrums und attackieren eben diesen ausgelassenen Lebensstil. Drei Cafés und Restaurants sind unter anderem Ziel der Angreifer.

Zur selben Zeit sprengen sich mehrere Attentäter in der Umgebung des Stade de France in die Luft, wo Frankreich just 2:0 das Team um Joachim Löw in einem Freundschaftsspiel besiegt hat.

Die ganze Nacht hindurch sind die Straßen des Zentrums blaugefärbt und vom Geheul der Sirenen der Einsatzkräfte durchdrungen. Tieffliegende Helikopter ziehen die Blicke verunsicherter Passanten wegen immer neuen Anschlagsmeldungen am Louvre, dem Centre Pompidou und Les Halles auf sich. Wenigstens diese Meldungen sollen sich später als falsch herausstellen. Währenddessen erklären Taxifahrer ängstlichen Fahrgästen, sie würden ihre Heimfahrt heute Abend kostenlos antreten dürfen – Solidarité auf französische Art.

Die Luft ist milde warm und die Uhr schlägt zwölf. Eigentlich ein Unding, doch Cafés und Restaurants schließen eilig, bei solchen Ereignissen wohl die einzig rationale Entscheidung.

Unterdessen nimmt der Verkehr rapide ab, findet nahezu nicht mehr statt, nur Kolonnen von Polizeifahrzeugen säumen das Bild. Selbst Wohnungslose verlegen ihr Provisorium in Seitenstraßen, die Eingänge der Nobelboutiquen des 1er Arrondissements scheinen zu unsicher. Sie ziehen an kleinen Menschengruppen vorbei, auf deren Smartphones mehr und mehr Bilder und Berichte von den betroffenen Orten erscheinen. Verunsicherung ob der Möglichkeit neuer Gewalttaten steht in den von Angst durchzogenen Gesichtern geschrieben. Nachrichten über eine Geiselnahme bei einem Konzert veranlassen auch die Letzten, die den Abend im Kreise von Freunden verbringen wollten, aus den verbliebenen Lokalen zu flüchten.

Der Terror hat sein Ziel erreicht, direkt in die Herzen der Menschen einzudringen, Angst und Schrecken zu verbreiten. Fassungslosigkeit und Trauer werden nur von wenigen übergangen, die laut lachend, Arm in Arm durch die Rue du Louvre flanieren. Blicke Umherstehender reichen von leicht grinsenden Augen bis zu blankem Entsetzen über die noch immer vorhandene Lebensfreude mancher.

Am Morgen nach der Anschlagsnacht sind die Straßen wie leergefegt. Die Cafés, die sonst zum Pétit-Dejeuner und Café au lait laden, haben ihre schweren Fensterläden noch immer unten. Die kalte, grau nebelige Luft scheint wie ein Abbild der Stimmung der meisten zu sein. Noch ist unklar, ob Attentäter entkommen konnten und weitere Angriffe bevorstehen.

Erinnerungen an die Anschläge vom Januar werden wach, wo A. Coulibaly noch zwei Tage nach dem Überfall auf die Redaktion von Charlie Hebdo einen koscheren Supermarkt angegriffen hat, mehrere Menschen zur Geisel nahm und bei der Erstürmung drei Personen und er selbst ums Leben kamen. Niemand weiß, ob ein ähnliches Szenario wieder eintreten kann, die Sorge davor ist erkennbar in der Mimik der wenigen, die auf den Straßen sind.

Im Laufe des Tages schließen Sehenswürdigkeiten, Einkaufszentren wie das „Caroussel de Louvre“ werden evakuiert und die weltberühmte Fotomesse „Paris Photo“ bleibt ganz geschlossen. Der Betrieb des Eiffelturms wird auf unbestimmte Zeit ausgesetzt, die Flaggen auf Halbmast gehisst. Polizei, Gendarmerie und Armee patrouillieren mit automatischen Gewehren und Maschinenpistolen, dieses Mal jedoch mit Magazinen in der „Famas“; keine Abschreckung, wie sonst, sondern einsatzbereit. Im großen und kleinen Bild sieht man der Staatsmacht und den Citoyens genau an, in welche Sphären der Nervosität die Stadt angekommen ist. Die hektischen Blicke der Uniformierten und deren Finger unweit des Abzuges sind wohl nur ein weiteres Indiz dafür. In den kommenden Tagen wird die Normalität wiederkehren, es werden Polizeieinsätze in den Banlieus durchgeführt und sicher neue Opfer auf die Liste der Ereignisse rund um den 13.November 2015 hinzugefügt werden.

Erneut traf es Paris, wohl stellvertretend für viele europäische Hauptstädte, das spüren die Menschen in der Stadt. Die Solidarität ist groß, sie tut gut, auch wenn sie vielleicht an einigen Stellen grotesk wird in Anbetracht der Geschehnisse an so vielen anderen Orten der Welt. Als am Abend des 15.11. Berichte über weitere Schusswechsel bekannt werden, schaut sie ängstlich zu den Kunden an der Kasse des Supermarktes: „Das kann doch nicht, das kann doch nicht sein.“ Sie greift zum Telefon und ruft besorgt ihre Tochter an: „Bouge pas!“ – Beweg dich nicht, bleib in Sicherheit! Es soll sich als Fehlinformation herausstellen, die Nerven vieler liegen blank, der Terror hat sein Ziel erreicht, kurzfris­tig zumindest.

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