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Im frühen Medina wurden die Grundlagen für die spätere akademische Blüte gelegt. Von Dr. Amjad Hussain

Erfolgreiche Bildungsgeschichte

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(iz/MFAS). Der vielleicht beste Weg, den allgemeinen Begriff „Erziehung“ zu definieren, besteht darin, die Beziehung zwischen den unverzichtbaren Grundlagen aufzuzeigen, die die grundlegende Bildung in jeder Kultur ausmachen: Lehrer, Schüler und das Ziel beziehungsweise die Philosophie der vermittelten Erziehung. Der Begriff der „islamischen Erziehung“ wird manchmal fehlgedeutet, wenn er von einem westlichen Standpunkt aus betrachtet wird.

Oft versteht man darunter ein miteinander verbundenes System, das vom religiösen Establishment geleitet wird. Darüber hinaus wird dieses Missverständnis noch weiter durch den falschen Eindruck verstärkt, wonach diese Art von Bildung nur der Unterweisung in „religiösen“ Wissenschaften dient und nicht für Wissenschaften gedacht sei, die keinen offenbarten Charakter haben. Es lässt sich begründen, dass dies nicht der Fall bei der Bildung in den muslimischen Kulturen war.

Bildung war frei
Bei allen Beispielen während der Frühphasen der muslimischen Kulturen – wie auch bei anderen – gab es offensichtlich eine Beziehung zwischen dem Schüler, dem Lehrer und der Bildungsphilosophie. Das Erlernen von Ethik, Moral und die Aneignung von Wissen (ob religiös oder nicht) waren private und unsystematische Aktivitäten. Selbst wenn sie existierte, erteilte keine pädagogische Autorität Qualifikationen. Außerdem stand Bildung nicht unter staatlicher Kontrolle. Es ist erstaunlich, dass im Vergleich zur heutigen Zeit die Regierung im klas­sischen islamischen Khalifat der Bevölkerung bisher nie gekannte Freiheiten gewährte.

Illustriert wird dies im folgenden Zitat von Tamara Sonn (Islam, A Brief History), der die muslimische Gesellschaft während der klassischen Ära beschreibt: „Außer der Einsammlung von Steuern mischte die Regierung sich nicht in den gesellschaftlichen Alltag ein. Die Leute wurden geboren, gebildet, heirateten. Sie bestritten ihren Lebensunterhalt und vermachten ihr Vermögen. Sie beteiligten sich am Handel und anderen Arten der Wirtschaft. Alles ohne Einmischung seitens der Zentralregierung. Beinahe der gesamte Alltag bewegte sich im Bereich des islamischen Rechts. Es wurde von Rechtsgelehrten formuliert und verwaltet, die mehrheitlich unabhängig von der Zentralregierung agierten.“

Tarbija in Medina
Laut den Quellen blieben die Muslime in Mekka vom Beginn der Offenbarung bis zur Auswanderung nach Medina. Die dortige politische Lage erlaubte es dem Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, noch nicht, Bildungseinrichtungen zu schaffen oder öffentliche Lernzirkel zu betreiben. Es war in Medina, wo das erste muslimische Gemeinwesen entstand. Daher wurden hier auch die Parameter der sozialen Strukturen des Islam offenbart.

Zunächst wurde die Bildung auf der Veranda der Prophetenmoschee (As-Suffa) erteilt, und später in den Moscheen Medinas. Dort gab es Lehrzirkel, die den Einwohnern zur Verfügung standen. Aus dem Modell Medinas entwickelten sich alle anderen pädagogischen Einrichtungen der islamischen Kultur. Während der unterschiedlichen Perioden der islamischen Geschichte entstanden Grundschulen, die Kuttab und Maktab genannt wurden. Sie bestanden getrennt voneinander und waren mehrheitlich unabhängig vom Staat. Der Historiker Makdisi wies darauf hin, dass diese Schulen eine solche ausgezeichnete Bildung während der Periode des Islam vermittelten, dass viele Schüler weiterführende Studien in den Wissenschaften des Adab und des Rechts aufnahmen, beziehungsweise als Lehrlinge in die Verwaltung gingen.

Lehre in der Moschee
Für eine weiterführende Lehre mussten die meisten Schüler – insbesondere in den Frühtagen muslimischer Kulturen – weite Strecken zu den verschiedenen Gelehrten zurücklegen. Damals war die Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Bildung sehr klar, wobei die Moschee das Hauptzentrum für letztere war. Die Moscheen wurden als Hochschulen benutzt, um Erwachsene in Islam und Literatur zu bilden. In der Zeit der ‘Umaijaden entstanden zwei Arten von Moscheen: Al-Masdschid, die Nachbarschaftsmoschee für die fünf täglichen Gebete, und Al-Dschami’, die Hauptmoschee, in der das Freitagsgebet stattfand. Der Lehrplan in den Moscheen wuchs, sodass in ihnen alle offenbarten Wissenschaften und Literatur gelehrt wurden.

Zur Zeit der ‘Abbasiden wurde die Mehrheit beider Moscheetypen für Lehrzirkel genutzt. Es ist an dieser Stelle interessant anzumerken, dass sich die lateinische Wurzel für Universität (universitas magistrorum et scholarium) auch als „Gemeinschaft der Lehrer und Gelehrten“ übersetzen lässt. Nach Ansicht von Hugh Goddard ist die Universität des Westens eine islamische Erfindung und zwar in dem Sinne, dass der Islam als erste Kultur eine Lehreinrichtung hervorbrachte, die sich auf verschiedene Fakultäten ausdehnte, anstatt sich – wie in der Antike – auf einzelne Lehrer zu fokussieren.

Historisch befand sich die erste Einrichtung zur höheren Bildung in einem spezifischen Gebäude in der Dschami’ al-Qairawijjun in Fez. Sie wurde 899 von der tunesischen Adligen Fatima Al-Fihri gestiftet. Ihr folgte 969 die Al-Azhar im fatimidischen Ägypten. Sie wurde zur vollwertigen Madrassa, nachdem Ägypten durch Sultan Salah Ad-Din Al-Ajjubi erobert wurde. Erst während der Frühperiode der seldschukischen Herrschaft in Bagdad wurde die erste unabhängige Madrassa vom Minister Nizam Al-Mulk (gest. 1092) gegründet. Um 1065 stiftete er die Nizamijja in Bagdad. Danach beschleunigte sich der Bau von Madrassen in der ganzen muslimischen Welt. Die Einrichtungen zur höheren Bildung, die unter diesem Namen bekannt waren, entwickelten sich bis zum Ende der osmanischen Periode als Lehrstätten.

Es ist wichtig zu erkennen, dass sich das islamische Erziehungssystem über vierzehn Jahrhunderte entwickelte, wobei sich die Lehrstätten im Laufe der Zeit entwickelten und in andere Einrichtungen mit unterschiedlichen Lehrplänen und Verwaltungen wandelten. Mit anderen Worten, islamische Bildung war das Produkt von 1.400 Jahren islamischer Kultur, die von Arabien, über Spanien, bis nach Indien und Indonesien reichte. Sie ist singulär in ihrem qur’anischen Weltbild und kann doch nicht als ein einziges Konzept verstanden werden, sondern ist ein Phänomen mit vielen Aspekten – alle beeinflusst durch intellektuelle, soziale und politische Kräfte ihrer Geografie und Zeit.

In der nächsten Ausgabe schreibt Dr. Amjad Hussain über das pädagogische Schlüsselelement der Tarbija.

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