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Im Gespräch: Die Berlinerin Nina Mühe schlägt eine Beratungsstelle für Diskriminierungen von Muslimen vor

„Positives Lebensgefühl“

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(iz) Nina Mühe ist Ethnologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Sie koordinierte und führte die Teilstudie „Muslims in Berlin“ im Rahmen der Studie „Muslims in Europe“ des Open Society Institutes durch, die diesen Monat erschienen ist.

Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau Mühe, könnten Sie uns etwas mehr über die Studie „Muslime in Berlin“, die vom Open Society Institute initiiert wurde, und deren Entstehungshintergrund erzählen?

Nina Mühe: Das Open Society Institute ist in den USA angesiedelt, hat aber Büros auf der ganzen Welt. Bisher hat es viel zu Minderheitenrechten vor allem in Osteuropa aber auch den USA und anderen Regionen der Welt gearbeitet. Die übergeordnete Studie „Muslims in Europe“ ist die erste, die sich auf Westeuropa bezieht, und das, weil auf Grund der dortigen Minderheitensituation Bedarf an einer solchen Studie und auch Politikberatung gesehen wurde. So wurde in sieben verschiedenen Ländern und in insgesamt elf Städten diese Studie durchgeführt. 2006 haben wir zuerst einmal an Hintergrundberichten zur Situation der Muslime in den verschiedenen Ländern gearbeitet, um 2007 mit der eigentlichen, empirischen Forschungsphase in ausgewählten europäischen Städten zu beginnen.

Islamische Zeitung: Welche Methoden haben Sie dazu verwendet?

Nina Mühe: Für Berlin wurde etwa Kreuzberg ausgewählt, weil es dort einen hohen Anteil an Migranten und Muslimen gibt. Ungefähr ein Drittel der Bevölkerung dort ist muslimisch. Es sollte aber nicht nur die Situation der Muslime erforscht werden, sondern auch, inwieweit die lokale Integrationspolitik greift und auf Minderheiten und speziell Muslime einwirkt. Wir sind davon ausgegangen, dass in Bezirken, wo ein hoher Anteil an Muslimen lebt, die Politik andere Interessen und Handlungsprioritäten hat als die Bundespolitik. Es wurden hundert Muslime und hundert Nichtmuslime nach einem Sample ausgesucht und befragt, das in etwa die reale Bevölkerungsstruktur widerspiegelt. Die Definition von Muslimen war dabei sehr offen. Jeder, der sich als Muslim definiert, wurde in die Studie einbezogen. Wichtig war für uns auch, die Personen einzubeziehen, die sich selbst vielleicht gar nicht als Muslime bezeichnen, jedoch von der Gesellschaft als solche wahrgenommen werden. Wir wollten die ganze Bandbreite abdecken. Es gab einige geschlossene, aber auch offene Fragen, wo zum Beispiel gefragt wurde, was in der Stadt verändert werden solle, was man den Politikern empfehlen würde. Es war besonders interessant, dass – egal ob es sich um ältere oder jüngere Menschen, Männer oder Frauen handelte – positiv auf diese Frage reagiert wurde. Die Befragten sagten: Das sollte an die Politik herangetragen werden, dann bemüht sich die Politik vielleicht, unsere Bedürfnisse und Wünsche umzusetzen. Also dieser Aspekt von “man wird gehört, man kann selbst Ideen und Bedürfnisse und Probleme einbringen” war sehr anregend für die Interviewten.

Islamische Zeitung: Die Studie zu Muslimen in Berlin ist erschienen. Was ist nun der nächste Schritt?

Nina Mühe: Nun beginnt die dritte Phase, wo geguckt werden soll: wo kann das Open Society Institute mit den Erkenntnissen, die aus der Studie gewonnen wurden, selbst aktiv werden? Wie können NGOs oder Lokalpolitiker unterstützt werden? Wie kann man die verschiedenen europäischen Städte miteinander verlinken, so dass gute Beispiele von der einen auf die andere Stadt übertragen werden können? Es gibt nun einige Empfehlungen an die Politik, jedoch stecken die konkreten Projekte noch in den Kinderschuhen. Es läuft einiges an. Zum Beispiel gibt es eine Empfehlung, die mir persönlich sehr wichtig ist: dass es gut wäre eine Beratungsstelle gegen Diskriminierung von Muslimen einzurichten, so dass solche Fälle noch besser erfasst werden können. Es ist wichtig, dass Muslime da einen Ansprechpartner haben, zu dem sie Vertrauen haben und der ihnen weiterhelfen kann. Das wäre dann nicht nur die Beratung, sondern auch das Empowerment und vor allem die Dokumentierung von Diskriminierungsfällen auf Grund der Religion. In unserer Studie haben wir aber auch Empfehlungen für das Bildungssystem geäußert. Da wird auch bereits viel getan, da gibt es viele Bemühungen, um islamfeindlicher Diskriminierung entgegen zu wirken, aber dennoch kann man dieses Problem nicht von der Hand weisen. Es sollte noch stärker in den Fokus gerückt werden. Auch hier wünsche ich mir, dass es in den Schulen unabhängige Beratungsstellen eingerichtet werden, die Ansprechpartner von Diskriminierung gegenüber Schülern und Eltern sein können.

Islamische Zeitung: Was hat Sie an den Ergebnissen der Studie überrascht?

Nina Mühe: Es gibt viele Dinge, die für mich überraschen waren. Vor allem hat es mich aber überrascht, wie positiv wirklich dieses Lebensgefühl unter Muslimen und Nichtmuslimen in Kreuzberg zu sein scheint , wie positiv auch der Bezug zueinander und die Interaktion ist, wie sehr Muslime und Nichtmuslime sich engagieren im Bezirk und in der Lokalpolitik, in verschiedenen Bereichen wie Schule, Bildung und Jugend, wie viele Leute teilgenommen haben an Demonstrationen, Petitionen unterzeichnet, sich wirklich aktiv eingebracht haben. Dieses Engagement habe ich so stark nicht erwartet. Es wird sehr wertgeschätzt, dass spezifisch die Kreuzberger Politik sehr offen gegenüber vielen muslimischen Organisationen für Beteiligung ist, sie auch wirklich in Entscheidungsprozesse einbezieht. Dadurch wird das Engagement der Kreuzberger Bevölkerung enorm gefördert.

Islamische Zeitung: Was ist noch aufgefallen?

Nina Mühe: Das zweite, was aufgefallen ist, sind die vielen Berichte über Diskriminierung im Bildungsbereich. Im Arbeitsbereich habe ich damit gerechnet, gerade bei Frauen mit Kopftuch ist es in den letzten Jahren ja schwieriger geworden, auch seit dem Neutralitätsgesetz und der Wirkung dessen auf die Privatwirtschaft. Aber dass es im Bildungsbereich über einzelne Berichte an einzelnen Schulen weit hinausgeht und auch nicht nur von den Befragten in der Studie, sondern auch von den befragten Experten, die im Bildungsbereich arbeiten, solche Diskriminierungserfahrungen berichtet werden, hat mich erstaunt. Das hat schon ein erschreckendes Ausmaß. Das liegt zum Teil auch an der ganz starken Überforderung von Lehrern, die mit den in der letzten Zeit eingeführten Reformen und dem enormen Druck zurecht kommen müssen. Da sind Lehrer, die nicht darauf vorbereitet waren plötzlich eine so große kulturelle und religiöse Vielfalt in ihren Klassen zu haben und dementsprechend mit Problemen konfrontiert sind, mit denen sie nicht umgehen können. Da kommt es dann schnell zu einer Kulturalisierung und „Religiosisierung“ von Problemen, wenn man nicht eine entsprechende Ausbildung und Sensibilisierung hat und auch nicht die Möglichkeit, sich als Lehrer an andere zu wenden und von diesen Ratschläge und Hilfe zu erhalten. Hier muss viel mehr gearbeitet werden, dazu muss es viel mehr Forschung geben. Es muss auch viel mehr dokumentiert werden welche Diskriminierungsfälle tatsächlich auftreten, denn im Bildungsbereich kann das sonst verheerende Auswirkungen haben.

Islamische Zeitung: Inwiefern können die Lehren, Empfehlungen und Handlungsvorschläge aus den einzelnen Städtestudien auch auf andere Städte oder Bezirke übertragen werden?

Nina Mühe: Das ist nicht immer, aber doch an einigen Stellen möglich. So wurde ja auch gefragt: wie fühlen Sie sich in Berlin, wie fühlen Sie sich in Deutschland? Die Studie kann da natürlich schon Hinweise geben auf wahrgenommene Schwierigkeiten, Anliegen und Bedürfnisse der muslimischen Community im weitesten Sinne, obgleich sie natürlich keine repräsentativen Aussagen treffen kann. Die bisherige Forschung hat sich ja selten mit der Sichtweise der Community selbst befasst, sondern eher mit Fragen der Stellung der Community in der Gesellschaft, der einzelnen Muslime in der Gesellschaft mit Bezug auf die Mehrheitsgesellschaft. Und da können auf jeden Fall wichtige Impulse und Empfehlungen, vor allem positive, konstruktive, aus der Studie gezogen werden; wie man etwa mit bestimmten Frage- oder Problemstellungen anders umgehen kann. Es sind teilweise auch recht einfache Lösungen und Erfolgsbeispiele in Bezug auf den Umgang ethnisch deutscher Lehrer mit Schülern mit Migrationshintergrund und umgekehrt, die man mit relativ wenig Aufwand umsetzen könnte.

Islamische Zeitung: Vielen Dank, Frau Mühe!

Links zur Studie:

Open Society Institute – http://www.soros.org/

Studie „Muslims in Europe“: http://www.soros.org/initiatives/home/articles_publications/publications/muslims-europe-20091215

Studie „Muslims in Berlin“ :http://www.soros.org/initiatives/home/articles_publications/publications/berlin-muslims-report-20100427

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