IZ News Ticker

Im ungesonderten Netz stößt der Wahn auf fruchtbaren Boden. Ein Essay von Sulaiman Wilms

Eine Zeit für Idioten

Werbung

„Das Wort leitet sich vom griechischen ‘idiotes’ her, das wertfrei bis heute in etwa ‘Privatperson’ bedeutet. Es bezeichnete in der Polis Personen, die sich aus öffentlich-politischen Angelegenheiten heraushielten und keine Ämter wahrnahmen, auch wenn ihnen das möglich war.“ (Wikipedia)

(iz). Vor einigen Ausgaben besprach Abu Bakr Rieger an anderer Stelle einen Titel des Schriftstellers Botho Strauß mit dem vielsagenden Untertitel „Der Idiot in seiner Zeit“. Damit wir uns nicht missverstehen, hier geht es nicht um „Idioten“ per se, noch um Dummheit (die sich andauernd zu vervielfältigen scheint), sondern um ein Zeitphänomen. Es hat die Potenz, uns Internetnutzer und Teilnehmer in „sozialen Netzwerken“ idiotisch werden zu lassen. Und wir merken es nicht einmal.

Das Medium ist Methode
Oft genug wird das Diktum des Geistes- und Literaturwissenschaftlers Marshall McLuhan wiedergegeben, wonach das „Medium die Botschaft“ sei. In Sachen Internet, Facebook & Co. ließe sich ergänzen, dass das Medium auch Methode und Verhalten ist, wie wir Welt verstehen und uns selbst in ihr verorten beziehungsweise verhalten. Das macht es umso bedenklicher – wenn nicht bedrohlicher –, da es dem „User“ auch den Eindruck suggeriert, sein Browserfenster sei „ein Fenster zur Welt“. Wozu braucht es noch forensische Wissenschaft, wenn ein niedrig aufgelöstes YouTube-Video angeblich Herkunft und Motivation von Attentätern beweisen kann?

Unabhängig davon, um welche neuralgische Themen – Eurokrise, Ukraine, Anschläge in Paris oder die vermeintliche „Islamisierung des Abendlandes“ – es sich handelt: Die absolute Mehrheit der ungesonderten, wie ungeordneten Stimmen, formt sich ihr Bild vom jeweiligen Thema nicht durch direkte Anschauung, Gespräche oder Recherche, sondern durch eine Ansammlung von Pixeln, die vermeintlich „die Welt“ abbilden, aber schlussendlich nur eine Versammlung elektronischer Impulse sind. Würde man die virtuellen Fälle des „ein türkischer Schüler hat meine Schuhe geklaut“ auf die Gesamtbevölkerung hochrechnen, dann müssten unsere Gefängnisse vor Schuhdieben überquellen.

In diesen Kontext passt eine Anekdote vor einem Jahr: In einem muslimischen Forum wurde diskutiert, ob der Nutzer beziehungsweise die Nutzerin eines Endgerätes im Zustand der rituellen Reinheit sein müsse, wenn auf ihrem Display der Qur’an in arabischer Schrift abgebildet werde. Ohne hier in irgendeiner Weise rechtlich Stellung beziehen zu wollen, zeichnen solche Diskussionen die Erosion einstmals verbindlicher Denkregeln und -methoden nach. Das heißt, die elektronische Darstellung von Welt wird schon als ihre Realität selbst verstanden.

Dem Wahn eine Heimat
Wie sehr sich dabei die „User“ in ihrer Diskussionsführung (vom elektronischen „Auftreten“ ganz zu schweigen) angleichen, wurde bereits von vielen Beobachtern angemerkt und kritisiert. Es scheint, als würde das Medium, seine Aneignung und die Art und Weise, wie sich Menschen in ihm bewegen, Einstellungen und Ansichten einer Person transzendieren. Und sie so tatsächlich zum Teil einer „Matrix“ werden lässt, der gerne die abstrusesten Machenschaften unterstellt werden. Der „Enthüllende“ benimmt sich nicht selten selbst psychotisch, aber zumindest neurotisch, weil er nicht erkennen kann, wie das Medium seine Wahrnehmung formt, ordnet und lenkt.

Ein muslimischer Nutzer auf Facebook meinte im Ton absoluter Gewissheit (immer ein gefährliches Anzeigen für eine spirituelle Person), dass es sich bei den Anschlägen von Paris eindeutig um eine so genannte false flag-Aktion (die These soll hier weder belegt, noch widerlegt werden) handle. Schließlich habe er ja „Beweise“. Und jeder, der anderer Meinung sei, müsse gleichgeschaltet sein. Dass es sich bei seinen „Quellen“ um Videos, Interviews und umgesonderte Anhäufungen von „Fakten“ – also sekundäres oder tertiäres Material – handelte, fiel dem Eifrigen gar nicht mehr auf. Dass weder seine „Quellen“, noch er selbst, in Paris waren oder forensische Beweise sichten konnten, wurde nicht reflektiert.

Kurz danach wurden wir von einem „islamkritischen” Geist angeschrieben, der sich darüber mokierte, dass sein Kommentar auf Facebook gelöscht wurde. Im Verlauf der Korrespondenz wurde klar, dass er unsere Zeitung, für ihn ein Paradebeispiel der muslimischen Weigerung zur „Offenheit“ und „Selbstkritik“, überhaupt noch nie gelesen hat.

Jenseits des Inhalts beziehungsweise des behandelten Gegenstandes ist diese Zeit für Idioten von einem radikalen Subjektivismus geprägt und durchzogen. „Diskussionen“ im Internet (eigentlich müsste hier jeder Begriff in Anführungsstriche gesetzt werden, weil die virtuellen Dinge nun kaum etwas mit alltäglichen menschlichen Verkehrsformen zu tun haben) sind gekennzeichnet von einem absoluten Willen zum Ergebnis. Dass der andere Recht haben könnte, oder dass man sich selbst überzeugen lassen könnte, ist eigentlich gar nicht mehr vorgesehen. Deshalb sind diese Wahrheitssucher – angeblich aufgeklärte Individuen – auch zumeist nur im Schwarm oder in ideologisch verwandten Gefilden unterwegs. Denn hier ist’s wohlig und man wird nicht belästigt.

Die Auswahl von „Fakten“, Statistiken (siehe S. 14 dieser Ausgabe) und „Argumenten“ hat hier nur den Zweck, die Pointe überzeugend präsentierten zu können. Dass beispielsweise die „Islamkritik“ auch durch Generalisierung individueller Fälle mit einem spezifischen Kontext gelingt, wird nicht reflektiert. Nun gut, eine Methode, die sich von Medien wie dem SPIEGEL abgeschaut wurde. Im Internet ist der radikale Subjektivismus Trumpf.

Es gibt keinen Umgang, ergo keine Formen
Und wenn einem die mutmaßliche Schwäbin mit Tarnnahmen im Forum einer Tageszeitung von ihren „schlimmen Erfahrungen mit türkischen Machos“ berichtet, dann ist Zweifel angebracht, ob es sich bei ihr nicht in Wirklichkeit um einen arbeitslosen sächsischen Maurergesellen handelt. Der hinter Tarnnamen (aus verständlichen Gründen, wenn der Chef einmal googelt…) agierende Wahrheitssucher ähnelt darin dem Milizionär und Kämpfer heutiger Tage, der sich nur noch maskiert, vor der Kamera präsentiert und seinem abstoßenden Tagwerk nachgeht.

Es gab im Internet – als es noch von wirklich Interessierten und Nerds bevölkert war – eine Zeit, in der Ausrufezeichen und reine Großbuchstaben als unhöflich galten. Dieser betuliche Versuch, gewisse zwischenmenschliche Mindeststandards in der „Kommunikation“ aufrechtzuerhalten, dürfte als gescheitert angesehen werden. Aus gutem Grund sind einige Medien daher auch dazu übergegangen, ihre Kommentarseiten zu moderieren.

Wir kommunizieren nicht nur Worte beziehungsweise abstrakte Informationen, sondern auch Emotionen, Gestik, Mimik, Körperhaltung und Stimme. Ein Bekannter weiß meine Worte zu werten, wenn er mich wütend oder traurig sieht. Er kann sie relativieren und einordnen. Das ist eine Möglichkeit, die unserer virtuellen Wahnwelt vorenthalten bleibt. Demnach bleibt der Kontext eines Menschen vollkommen verschlossen.

Es ist ironisch, dass sich die folgende korrekte Beschreibung auf Facebook über Facebook selbst findet: „Ich versuche zur Zeit, auch ohne Facebook neue Freund zu gewinnen! Täglich laufe ich also auf die Straße und schreie um mich herum, was ich gekocht habe, was ich gegessen habe, was ich eingekauft habe, wo ich bin, was ich gerade mache, wie ich mich fühle… Ich stupse jeden an, der mir über den Weg läuft und gröle laufend ‘gefällt mir!’. Nicht ohne Erfolg. Zur Zeit habe ich 3 Followers: 2 Polizisten und einen Psychiater!!! Nicht schlecht, oder?“

Wahrheit im Netz?
Diese beschriebenen Verfallserscheinungen wären in Kauf zu nehmen, könnten wir uns versichern, dass das Internet und insbesondere die sozialen Netzwerke Wahrheit ermöglichen beziehungsweise hervorbringen könnten. Angesichts der bisherigen Erfahrungen sowie der Entwicklungsgeschichte des Internets ist Skepsis hier mehr als nur angebracht. Dafür müssten die Beteiligten gewisse Kriterien erfüllen, wie sie auch im normalen, alltäglichen Umgang anerkannt sind.

Es besteht keine Frage, dass die virtuelle Sphäre natürlich ein Raum ist, in dem Menschen real gewonnene Erkenntnisse und Erfahrungen weitergeben, in dem Informationen aus der physischen Welt zu finden sind, oder in dem reale Diskussionen abgebildet werden. Nur würde ein ernsthafter Anspruch auf Wahrheit beziehungsweise Objektivität es implizieren, dass es eine Verbindung nach Außen gibt beziehungsweise dass sich eine Überzeugung auch aufgrund eigener Anschauung bilden muss, sonst bleibt sie der Sphäre des „Glaubens“ verhaftet. Überhaupt sind viele „Meinungen“ heute zumeist Glaubensfragen, weil das exponentielle Wachstum sowie der Zwang zur sofortigen Kommunikation eigentlich in dieser Logik gar nichts anderes mehr zulässt.

Der Diskurs, der Dialog und seine islamischen Gegenstücke setzen bei der Suche nach Wahrheit immer den anderen voraus – den Widersprechenden, den Fragenden oder den Zweifelnden. Hier gibt es keinen Einzelnen, jenseits des sozialen Klangköpers, der aufgrund einer unendlich scheinenden Informationsflut vermeint, am Bildschirm beziehungsweise im stillen Kämmerlein die Wahrheit gefunden zu haben.

In dieser Hinsicht sind die Anmerkungen von einigen Gelehrten hilfreich, dass die qur’anische Offenbarung eben nicht „vom Himmel gefallen“ sei, sondern sich über 22 Jahre in einem sozialen Nexus ereignete, diesen formte und auf dessen Bedürfnisse beziehungsweise Fragen einging. Und die meisten praktischen Handlungen im Islam, die als Instrumente zur Erkenntniss gedeutet werden, spielen sich im Zusammensein mit anderen ab. Und vielleicht finden wir eine Bestätigung dafür in der kurzen Sure Al-‘Asr. Dort spricht Allah vom Menschen, der als Gattung im Zustand des Verlustes ist. Als Ausnahme werden dann diejenigen (die Menschen mit Iman) vorgestellt, die vier Qualitäten haben. Und eine davon ist es, sich gegenseitig zur Wahrheit anzuhalten und aufzurufen.

The following two tabs change content below.
Sulaiman Wilms

Sulaiman Wilms

Sulaiman Wilms

Neueste Artikel von Sulaiman Wilms (alle ansehen)

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen