IZ News Ticker

Welcher Niedergang?

Imam Al-Ghazali und der Mythos vom Ende des islamischen Denkens. Beitrag von Macksood Aftab

Werbung

„Yale-Professor George Saliba bezeichnete die Periode nach Ghazali als das eigentlich Goldene Zeitalter des Islam. Für ihn ist die brillante wissenschaftliche Produktion aus jener Zeit nichts Geringeres als eine Renaissance.“

(TMO). Eine der allgemein akzeptierten Theorien zur islamischen Geschichte besagt, dass die islami­sche Kultur nach einer früheren Perio­de der Blüte in einen langen Niedergangs eintrat. Hauptsächlich liege das an fehler­haften Theorien, die von mittelalterlichen Muslimen übernommen worden seien. Dieses Narrativ ist jedoch zutiefst fehlerhaft und widerspricht überzeugen­den historischen Beweisen.

Die dominante Sicht
Die Standardtheorie besagt, dass ca. die ersten 500 Jahre des Islam ein „Goldenes Zeitalter“ gewesen seien. In ­dieser Periode habe die muslimische Welt Wissenschaft und Philosophie der Griechen aktiv übersetzt und studiert. Dies habe zu einer spektakulären Blüte der islamischen Kultur geführt. Kurz danach hätten islamische Gelehrte das Primat der Offenbarung über den Verstand erneut geltend gemacht und ein heftiger Nieder­gang sei eingetreten. Diese Theorie war so dominant, dass nur eine Frage gestellt wurde: „Was verursachte ihn?“ Es werden viele Gründe angeführt. Einige von ihnen werden in populären Büchern wie „What Went Wrong?“ von Bernard Lewis aufgezählt. Als beliebtester Grund gilt der Anstieg der „konservativen religi­ösen Kräfte“.

Als Hauptverantwortlichen identifizierte man den einflussreichen Denker Abu Hamid Al-Ghazali (gest. 1111 n.Chr.). E.C. Sachau, einer der häufig zitierten Orientalisten schrieb: „Das ­vierte Jahrhundert ist der Wendepunkt der Geistesgeschichte des Islam… Ohne Al-Asch’ari und Al-Ghazali gewesen wären die Araber ein Volk von Galileos, Keplers und Newtons gewesen.“ Unzählige Gelehrte übernahmen – vielleicht wegen der frühen orientalistischen Literatur – eine ähnliche Sichtweise. Der Kreis reicht vom Historiker Toby Huff bis zum bekannten Naturwis­senschaftler Pervez Hodbhoy.

Vielleicht ist es nur natürlich, dass Al-Ghazali dank seiner Rolle in der intellek­tuellen Geschichte des Islam so sehr in die Kritik geriet. Richard Frank beschrieb es wie folgt: „Al-Ghazali dominierte die Geschichte des muslimischen Denkens. (…) es gibt keinen Zweifel, dass er in einem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der orthodoxen muslimischen Theologie der wichtigste sunnitische Theologe war.“ Imam Al-Ghazzali ­wurde auch für die angebliche „Schließung der Tore des Idschtihad“ verantwortlich gemacht, zu der es angeblich während dieser Zeit gekommen sei. Außerdem soll er der islamischen Philosophie einen Todesstoß versetzt habe.

Diese Sichtweise wurde bequem von rechtsgerichteten „Gelehrten“ übernom­men, die glücklich auf die innenwohnenden Probleme des Islam zeigen können. Dies liege an einer angeblichen Unfähigkeit, mit Wissenschaft, ­Komplexität und Modernität zurechtzukommen.

Der Atheist und „Islamkritiker“ Richard Dawkins hängt einer ähnlichen Sicht an. Populistische Arbeiten wie „The Closing of the Muslim Mind: How Intel­lectual Suicide created the modern Islamist“ (veröffentlicht 2010) von Robert R. Reilly setzen die Propagierung dieses Mythos fort. Darin schrieb er: ­“Hätte es Al-Ghazali nicht gegeben, dann ­hätten Averroes [Ibn Ruschd] und Rationalismus die Schlacht um den muslimischen Geist gewonnen. Aber dazu kam es nicht. Und in Folge litt der sunnitisch-muslimi­sche Verstand unter den Konsequenzen. Er machte dicht.“

Vorurteil und Ignoranz
Diese Betrachtung der islamischen ­Geschichte wurde in jüngster Zeit ernsthaft durch eine Überprüfung der historischen Literatur herausgefordert. Das ­erneuerte Studium der islamischen Geistesgeschichte legt den Schluss nahe, dass es nach Ghazali vielmehr zu einer Wiedergeburt des intellektuellen und wissen­schaftlichen Denkens im Islam kam.

Die Theorie des Niedergangs war im Wesentlichen ein Nebenprodukt der orientalistischen Literatur. Professor Berggruen beschreibt das Problem, dass die „Behandlung des mittelalterlichen Islam als Kultur nur wegen seiner Rolle Aufmerksamkeit verdient, solange er als Durchreiche für die großen Arbeiten der Griechen diente, die sicher zu den eifrigen Geistern der europäischen Renaissance überbracht wurden“. Das habe zu einer „selektiven und tendenziösen Lesart der mittelalterlichen arabischen ­Texte geführt“.

In letzter Zeit wurde die Annahme, wonach die griechische Wissenschaft der Antrieb hinter dem Aufstieg des islamischen Wissens war, ernsthaft in Frage gestellt. Ihre Anfänge waren älter als die Übersetzungswelle griechischer Texte. George Saliba verwies darauf, dass es unmöglich gewesen wäre, griechische Texte zu übersetzen, hätte es kein hoch entwickeltes Vokabular gegeben. Dies impliziert, dass es bereits eine stabile wissenschaftliche Tradition gegeben haben muss.

Von vielen wird die Abwendung von den griechischen Traditionen – als die Wissenschaften „islamischer“ wurden – auch als eine Bewegung gegen die Vernunft verstanden. Diese Annahme ­basiert auf der Vorstellung, wonach „islamisch“ mit unvernünftig gleichzusetzen sei, und nicht auf empirischen Beweisen. Der Beweis des Gegenteils findet sich in der reichhaltigen Tradition islamischer Wissenschaften, die sich im Kontext einer rationalen Theologie entwickelten.

Wir wussten bis vor Kurzem nur sehr wenig darüber, was in den islamischen Wissenschaften nach Einsetzen des angeblichen Niedergangs geschah. In ­einem Vortrag am MIT (Massachusetts Institute of Technology) betonte Syed Hossein Nasr den gleichen Punkt: „Es gibt über 3.000 medizinische ­Handschriften in Indien, die niemals studiert wurden. Dies ist die Spitze des Eisberges. Es gibt tausende Manuskripte im Jemen, deren Inhalt wir nicht einmal kennen.“

Professor Dimitri Gutas verweist auf die Förderung der Wissenschaften und der daraus entstandenen Arbeiten in der späteren osmanischen Periode, die „beinahe komplett unerforscht“ blieb. Der anerkannte Historiker der islamischen Wissenschaften, Muzaffar Iqbal, schrieb: „Soweit wir es wissen, arbeiteten mindes­tens 1.000 Wissenschaftler zwischen dem 8. und 18. Jahrhundert. Es gibt ­tausende, über die wir keine Informationen haben beziehungsweise von denen wir nur Namen oder zitierte Titel kennen. Allei­ne im Iran gibt es über 200.000 Handschriften, von denen rund drei Viertel noch nicht katalogisiert wurden.“

Welcher Niedergang?
Es entwickelt sich eine neue Sicht auf die Geistesgeschichte des Islam. ­Beweise heben die anhaltende Lebendigkeit und wissenschaftliche Aktivität hervor, die auch Jahrhunderte nach Al-Ghazali blühte. Vor einiger Zeit dokumentierte Professor Ekmeleddin Ihsanoglu, dass sich eine bedeutsame wissenschaftliche Aktivität in den islamischen Reichen bis ins 18. Jahrhundert fortsetzte. Professor Jamil Ragep von der McGill University belegte die Leistungen muslimischer Wissenschaftler in späteren Perioden. Dazu gehörten hunderte Studenten, die sich an der kreativen theoretischen und praktischen Wissenschaft in den großen Observatorien in Maragha, und später in Samarkand, beteiligten. Ragep schrieb: „Im vergangen halben Jahrhundert hat die stetig wachsende Menge von Arbeiten gezeigt, dass die Wissenschaft im Islam nach Al-Ghazali nicht nur fortbestand, sondern tatsächlich Jahrhunderte danach blühte. In den ungefähr folgenden fünf Jahrhunderten lässt sich die Produktion tausender wissenschaftlicher und philoso­phischer Texte dokumentieren – im Osten und Westen der muslimischen Welt. Bestätigt wird das durch zehntausende Handschriften.“

Zu den wichtigen Entdeckungen in dieser späteren Periode gehören unter anderem: „Entdeckung der Transportwege der Lungen (Blut vom Herzen zur Lunge und zurück), genaue Bestimmun­gen (bis zu 15 Stellen nach dem ­Komma) von π sin 1º sowie Kartenprojektionen von erstaunlicher Genauigkeit.“ Ragep zeigt, dass die quasi-kristalline Penrose-Parkettierung Jahrhunderte vorher bei Gebäuden in Isfahan zur Anwendung kam, bevor sie 1975 vom ­Wissenschaftler Penrose entdeckt wurde. „Wenn wir davon ausgehen, dass weniger als fünf Prozent des erforschten Materials untersucht wurden, dann scheint es so zu sein, dass zukünftige Forschungen viele weitere Entdeckungen zu Tage fördern.“

In seinem Buch „Beginnings of Western Science“ schreibt Prof. Lindberg: „Aktuelle Archivrecherchen zur Geschichte der islamischen Astronomie machen eindeutig klar, dass mindestens ­diese spezifische Disziplin bis zum 16. Jahrhundert blühte. Sie produzierte einen kontinuierlichen Strom an kenntnis­reichen, manchmal brillanten Astronomen, die über die weitere islamische Welt verteilt waren. Soweit es die anderen Wissen­schaften betrifft bleiben tausende arabische, persische und türkische Manus­kripte in den Bibliotheken (…) ungeprüft.“

Die gleichen Ergebnisse reflektierend, verlängern Abdelhamid Sabra (emeriter Professor für Arabische Wissenschaften in Harvard) und Hogendijk die Wachstumsperiode bis ins 19. Jahrhundert. Sie schreiben: „Diese islamische Tradition der exakten Wissenschaften dauerte sicherlich bis ins 19. Jahrhundert an. ­Dafür liegt umfangreiches Quellenmaterial in Form unveröffentlichter Manuskripte in Arabisch, Persisch und anderen Sprachen in den Büchereien in aller Welt vor.“

Yale-Professor George Saliba bezeichnete die Periode nach Ghazali als das eigentlich Goldene Zeitalter des Islam. Für ihn ist die brillante wissenschaftliche Produktion aus jener Zeit nichts Geringeres als eine Renaissance. Das veranlasste ihn zur Frage, wie man dann erklären ­könne, dass die „Produktion von Wissenschaftlern in jeder Disziplin, die weiterhin gelehrte Texte hervorbrachten, in vielerlei Hinsicht den Texten überlegen sind, die vor der Zeit Ghazalis entstanden.“

Es lohnt sich hinzuweisen, dass ein ähnlicher Fortschritt auch auf anderen Gebieten festzustellen ist. Soweit es das islamische Recht betrifft, schreibt der Rechtsgelehrte Wael Hallaq darüber: „Es ist unsere allgemeine, aber eher ungenaue Ansicht, dass das rechtliche ­Denken eine höchste und letzte Stufe während der ersten drei Jahrhunderte erreichte. Es mag daher jeden überraschen, der feststellen wird, dass die Verfeinerung des technischen Rechtsdenken tatsächlich nach diesen Jahrhunderten erreicht wurde.“

Im Gegensatz zur früheren orientalisti­schen Literatur ergibt sich folgendes Bild: Anstatt die Wissenschaften zu demolieren, sicherte Al-Ghazalis Theologie den Wissenschaften in Wirklichkeit einen Platz innerhalb des islamischen Rahmen­werkes. Es reicht darauf zu verweisen, dass weder seine Leugnung einer Kausa­lität, noch seine Unterstützung für die asch’aritische Theologie in irgendeiner Weise die Aussichten für eine vernünftige Forschung innerhalb des islamischen Kontextes unterminierte. Im Gegensatz: Diese Positionen stimulierten eigentlich erst die wissenschaftliche Aktivität.

Ahmad Dallal fasst diese Konsequenzen zusammen, wenn er schreibt, dass „sich danach die Notwendigkeit zur Bemühung der Religion, um Wissenschaft zu rechtfertigen, erheblich verringerte. Nicht, weil Wissenschaft nicht anerkannt war, sondern weil sie keine Rechtfertigung brauchte“.

Anders als in Europa, wo Wissenschaft­ler häufig durch die Kirche verfolgt wurden, schufen islamische Theologen ein Umfeld, das eine wissenschaftliche ­Blüte ermöglichte. Das soll nicht heißen, dass es niemals einen religiösen Einwand gegen Wissenschaft im Islam gegeben hätte. Diese gab es gelegentlich; es waren jedoch, wie Professor Gutas schrieb, relativ isolierte Vorfälle, die eine Ausnahme darstellten.

Schlussfolgerungen
Die momentane Forschung offenbart die Vorurteile der einflussreichen frühen Orientalisten gegenüber der islamischen Geschichte. Sie unterminieren auch vollkommen die Argumente rechtsgerichte­ter, islamfeindlicher „Gelehrter“, die darauf bestehen, dass es etwas innewohnen­des in der islamischen Theologie gegeben hätte, die zu ihrem eigenen Niedergang geführt habe.

Professor Lindberg fasste das Thema so zusammen: „Die Wahrheit ist, dass das Bild eines Niedergangs zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert nicht das Ergeb­nis von Nachforschungen in den Archiven war, sondern eine Vermutung, die in Abwesenheit von Recherche getroffen wurde. Sie wird ermutigt, weil sie als Werkzeug in den religiösen Polemiken zu den Verdiensten von Islam und Christentum nützlich ist: Welche Religion gewinnt das Lotto der Naturwissenschaften?“

Professor Nasr schreibt, dass ­“Muslime noch keine eigene Geschichtsschreibung der Wissenschaften entwickelten“. ­Sollte sie entstehen, könnten viele unserer Annahmen kippen. Und das könnte Muslime zur Wiederbelebung von Elementen ihres intellektuellen Erbes veranlassen. Wir können sogar noch mit mehr Recht fragen: Was veranlasste die islami­sche Zivilisation zur Blüte von Wissenschaft, Philosophie, Medizin und Recht in ihren Ländern?

The following two tabs change content below.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen