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Imam Al-Ghazali wandte sich in seinen Nasihat auch den Verantwortungsträgern zu. Von Sajjad Chowdhry

Auch die Eliten haben Pflichten

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Auch wenn die „Eliten“ seit Jahren wieder in aller Munde sind und sogar gefördert werden, legen nur die wenigsten ihrer Mitglieder ein vorbildliches Verhalten an den Tag, wie man das von einer solchen Gruppe erwarten müsste. Gerade weil der orthodoxe Zeitgeist die Möglichkeit echter Führung negierte, fehlen Ethos und Mechanismen, eine solche hervorzubringen. Die Effekte, die ahnungs- oder verantwortungslose Eliten haben, lassen sich beileibe nicht nur an ihrer Hilflosigkeit in der Finanzkrise ablesen. Sie zeigen sich auch, wenn Entscheidungen zu Opfern führen.

Im vorliegenden Text sucht Sajjad Chowdhry im Werk von Imam Al-Ghazali nach Hinweisen, wie sich eine Führungsethik formulieren ließe.

(Dinar Standard). Imam Abu Hamid Al-Ghazali war ein führender Gelehrter des 11. Jahrhunderts aus Persien. Er identifizierte Eigenschaften, die für Herrscher, Minister und Vertreter unabdingbar sind. Ihre Relevanz macht sie auch heute noch – beispielsweise bei der Unternehmensführung – interessant. Imam Al-Ghazali selbst war lange Jahre, bevor er sich zurückzog, eine führende Gestalt im Hochschul- und Bildungswesen seiner Zeit, dass vom bekannten Wesir Nizam Al-Mulk mitbegründet wurde. Wie Ibn Khaldun finden sich auch bei dem Imam Einsichten, die heute noch von erheblicher Bedeutung sind.

Al-Ghazalis Position an der Nizamijja-Madrassa (benannt nach dem gleichnamigen Wesir) brachte ihn in Kontakt zu den führenden politischen und intel­lektuellen Kreisen. So kam er in Verbindung mit den seldschukischen Sultanen, welche die damals zentralen islamischen Territorien des Irak, des Iran und Zentralasiens – unter den formellen Autoritäten der Khalifen von Bagdad – regierten.

Ratschlag
Al-Ghazalis Buch namens „At-Tibr Al-Masbuk fi Nasihat Al-Muluk (Goldbarren des Ratschlages für Könige)“. Nach Ansicht von Carole Hillenbrand sind die Nasihat, oder Ratgeber, Teil eines größeren Genres politischer Schriften, die sich mit Fragen der politischen ­Autorität der Zeit beschäftigen. Die Nasihat waren an die seldschukische Regierung und ihre Verwaltung gerichtet. Der Imam beschäftigte sich darin mit einer Vielfalt an Themen. Dazu gehören die notwendigen Eigenschaften für Könige, der Charakter von Ministern, Vertretern und politischer Sachverstand.

Gute Führung
Er legt die Last zur Schaffung eines richtigen Führungsmodells voll und ganz auf die Schultern des Herrschenden. Mit anderen Worten, Regierung wird entweder eine außergewöhnliche Organisation hervorbringen oder eine korrupte. In der Nasihat lässt er uns wissen: „Ist ein König aufrecht… dann werden seine Beamten aufrecht sein, aber wenn er unehrlich, nachlässig und vergnügungssüchtig ist… dann werden die Beamten, die seine Politik umsetzen, bald faul und korrupt sein.“

Erreichbarkeit
Al-Ghazali beginnt dieses Thema, indem er ein berühmtes Sprichwort der Araber zitiert: Nichts ist schädlicher… und böser für den Herrscher als königliche Unzugänglichkeit und Abgeschlos­senheit. Ein Führer, der nicht offen und zugänglich für seine Leute ist, stranguliert die offene Kommunikation in seiner Organisation.

Egal ob eine Firma eine flache oder gestaffelte Unternehmensstruktur übernimmt, sollten die Kommunikationswege zur Führung bekannt sein und dauernd überprüft werden. Die Führung muss sicherstellen, dass sie mit der Orga­nisation als ganzer im Austausch steht und dass es keine Blockaden zu ihr gibt. Einerseits ist es von Bedeutung, die Stärken und Schwächen einer Organisation zu kennen. Andererseits wird eine gute Führung erkennen, wie wichtig es ist, dass sie Zugang zu allen Informationen hat, die seine/ihre Führung des Unter­nehmens beeinflussen kann.

Vertrauenswürdigkeit
Als Ergebnis von Firmenskandalen bei Enron oder WorldCom und anderen Beispielen von unternehmerischer Gier, Unterschlagung von Mitteln usw. wurden solche schlechten Angewohnheiten leider zum Alltag. Geschäftsführer betrü­gen das Vertrauen ihrer Angestellten, in dem sie sich selbst bereichern und so am Niedergang ihrer Organisation teilhaben.

Imam Al-Ghazali überlieferte eine Begebenheit aus dem Leben des Khalifen ‘Umar ibn ‘Abdulaziz. Der Khalif studier­te des Nachts die täglichen Regierungsberichte im Schein einer Öllampe. Da betrat ein Angestellter seines Haushalts den Raum, um einige häusliche Fragen mit ihm zu besprechen. ‘Umar wies ihn an: „Lösche das Licht und sprich dann zu mir! Dieses [Lampen-]Öl gehört den öffentlichen Mitteln. Das Eigentum der Leute soll nicht benutzt werden, außer für ihre Angelegenheiten.“

Delegieren ist wichtig
Wir alle wissen, dass ein gutes Managementteam ein wesentliches Element für jeden Geschäftserfolg ist. Gute Führer umgeben sich mit Experten und Verantwortlichen, denen man Aufgaben übertragen kann und die mit Ergebnis zurückkehren. Imam Al-Ghazali schrieb hier über Stellvertreter im Zusammenhang der ministeriellen Posten am Hof eines Sultans. Er verglich die Minister eines Herrschers mit den Gefährten des Propheten, Allahs Friede und Segen auf ihm. Um sein Argument für die Bereitstellung von guten Ministern zu stärken, schrieb er, dass sogar dem Gesandten Allahs befohlen wurde, die Belesenen und Weisen unter seinen Gefährten zu konsultieren. „Ziehe sie in den Angelegenheiten zu Rate. Und wenn du dich entschlossen hast, dann verlasse dich auf Allah! Gewiss, Allah liebt die sich (auf Ihn) Verlassenden.“ (Al-i-Imran, 159)

Die von Imam Al-Ghazali erhaltenen Weisheiten sind nützlich bei einer Vielzahl von Anwendungen in den Bereichen Führung und Unternehmensleitung. Wollen wir Lektionen aus dem Werk des Gelehrten ziehen, dann müssen wir mitbedenken, dass er die Nasihat für ­Könige und Sultane seiner Zeit schrieb. Viele dieser Herrscher erhielten die Nasihat, weil sie die Grenzen einer korrekten einwandfreien Führung verletzt haben. Imam Al-Ghazali schrieb das Buch auf der Basis der Rechtleitung des ­Propheten Muhammad, Allahs Frieden und Segen auf ihm, der lehrte, dass „die Religion aufrichtiger Ratschlag“ sei.

Es sollte auch beachtet werden, dass der Imam seine Ansichten zur politischen Führung mit der Theologie in Verbindung brachte. In anderen Worten, gute Regierung und Führung sind für Al-Ghazali religiöse Pflichten. Ihre gute Ausführung bringt Allahs Zufriedenheit, während das Gegenteil Seinen Zorn hervorruft. Wenn wir dieses Denken in die Geschäftswelt ausweiten, dann ­verpflichtet dieses Paradigma Manager und Geschäftsprofis, sich zuallererst selbst für ihr Verhalten zur Verantwortung zu ziehen. Sie und ihre Teams müssen für ihr Handeln geradestehen.

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Sajjad Chowdhry

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