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Imam-Ausbildung: Ein Gespräch mit Prof. Rauf Ceylan, Osnabrück. Von Malik Özkan

„Eine Win-Win-Situation“

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(iz). Prof. Dr. Rauf Ceylan von der Uni Osnabrück hat mit der IZ über die geplante Imamausbildung an deutschen Hochschulen gesprochen. Ceylan ist Religionswissenschaftler an der Universität Osnabrück, an dem künftig auch eine Imam-Ausbildung geplant ist. Neben dem habilitierten Islamwissenschaftler Prof. Bülent Ucar ist er für die Ausbildung der islamischen Religionslehrer zuständig, die seit 2007 erfolgreich angeboten wird.

Prof. Ceylan ist zudem der zweite Kandidat für die Neubesetzung des Münsteraner Lehrstuhls neben Mouhanad Khorchide. Im April erscheint im Herder Verlag sein Buch „Die Prediger des Islam“ über Imame in Deutschland. Wir sprachen mit Prof. Rauf Ceylan über die aktuelle Debatte um Islam-Lehrstühle und die Imam-Ausbildung an deutschen Universitäten.

Seit der Wissenschaftsrat die Gründung von zwei bis drei islamischen Instituten an deutschen Universitäten empfohlen hat, haben mehrere Universitäten ihr Interesse an diesem Vorhaben bekundet. Eine Aufgabe dieser Institute soll die Ausbildung von Imamen darstellen. Die Universität Osnabrück ist bundesweit die einzige Hochschule, die bereits seit über einem Jahr intensiv an diesem Ziel arbeitet. Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann hat in mehreren Pressemitteilungen dieses Ziel bekräftigt und im letzten Jahr sogar mit dem Präsidenten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge eine gemeinsame Absichtserklärung zur Ausbildung von Imamen unterschrieben. Eine interministeriale Arbeitsgruppe in Niedersachsen arbeitet in Kooperationen mit den muslimischen Verbänden derzeit an den Lehrplänen. Dazu Prof. Ceylan: „Wir beginnen im kommenden Herbst mit einem universitären Weiterbildungsprogramm für Imame. Es handelt sich vorerst nicht um ein theologisches Studium.“

Laut Ceylan sollen die Imame zunächst in einem zweisemestrigen Weiterbildungsprogramm zu verschiedenen Schwerpunkten wie Gemeinde- und Religionspädagogik, Landeskunde und Migrationsfragen durch Hochschullehrer weitergebildet werden. Dies sei nur eine temporäre Lösung, da man bereits in drei Jahren erstmalig ein ordentliches Theologiestudium für Imame anbieten wolle. Das Ziel sei es, fünf neue theologische Lehrstühle im Rahmen des geplanten Islamischen Institutes zu etablieren.

Die Resonanz ist bei den islamischen Verbänden überwiegend positiv, einzig die türksch-islamische DITIB hat Bedenken geäußert. Seine Kritik begründet der türkisch-staatliche Verband damit, dass hierzu keine islamischen Theologen in Osnabrück lehrten. Dem entgegnet Ceylan, dass für das geplante Institut mehrere kompetente Theologen eingestellt werden sollen. Diese werden die Fächer des islamischen Kanons wie Hadithwissenschaften, Tafsir, Fiqh usw. lehren. Zudem weist Ceylan auf eine weitere Besonderheit der Universität Osnabrück hin: „Was uns auszeichnet ist, dass wir hier ein Zentrum für interkulturelle Islamstudien installiert haben. Neben unseren beiden Lehrstühlen, dem von Prof. Bülent Ucar und mir, ist die christliche Theologie, die interkulturelle Pädagogik, und das IMIS, das Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien, eine bundesweit herausragende Einrichtung in diesem Bereich, vertreten. Wir sind somit interdisziplinär aufgestellt.“ Des weiteren akzentuiert Ceylan die guten Kommunikationsstrukturen mit den Verbänden in Niedersachsen. Ein weiteres Merkmal stelle die multi-ethnische Konstellation der Mitarbeiter am Lehrstuhl dar. Da der Islam in Deutschland multiethnisch sei, müsse sich dies am Lehrstuhl widerspiegeln. Neben den türkeistämmigen Professoren Bülent Ucar und Rauf Ceylan, sind ein deutschstämmiger, ein bosnischstämmiger sowie zwei arabischstämmige Mitarbeiter, die alle in Deutschland sozialisiert sind, tätig.

Ceylan unterstreicht die Notwendigkeit, mit dem Islamischen Institut die Basis der Muslime zu erreichen. Dies sei ein entscheidender Schritt, damit sich die Muslime in Deutschland endgültig heimisch fühlten. Geplant sei daher ein islamisches Institut nach katholischem und evangelischem Vorbild. Dies bedeute, dass man aus einer bekenntnisgebundenen Sicht lehren und forschen wolle. „Die islamische Theologie ist, wie die katholische und evangelische Theologie auch, keine subjektlose Theorie des Absoluten. Die Theologie ist die wissenschaftlich-rationale Reflexion von Religion. Daher kann natürlich auch die innerislamische Pluralität thematisiert werden, allerdings müssen die Standpunkte wissenschaftlich abgesichert sein“, so Ceylan. Dies bedeute auch, dass die Theologen aus dem islamischen Mainstream kommen müssten.

Der Fall Kalisch habe gezeigt, dass im Falle der Verleugnung wichtiger islamischer Grundlagen wie der Existenz des Propheten Muhammad der Rückhalt seitens der Mehrheit der Muslime wegfalle. Dies sei das eine Extrem. Das andere Extrem, stellten ultra-konservative bzw. extremistische Gesinnungen dar, die ebenfalls ein quantitatives Randphänomen innerhalb der Muslime darstellten. Akzeptanz würden vielmehr Theologen von der muslimischen Basis erhalten, die den muslimischen Grundkonsens vertreten und auf dem Boden des Grundgesetzes stünden. Den Verbänden spricht Ceylan in diesem Zusammenhag eine wichtige Brücken- und Scharnierfunktion zu. Zugleich würde die Einbindung der Verbände den Emanzipationsprozess vom Herkunftsland forcieren. Der Wissenschaftsrat habe in diesem Zusammenhang Beiräte empfohlen, die wahrscheinlich ein Vetorecht bekommen würden. Sie würden bei den Lehrplänen mitwirken und ebenso bei der Einstellung der ­Professoren.

Durch die Involvierung der Verbände könne man die Einbindung der muslimischen Basis gewährleisten. Im Falle einer Übergehung der Verbände wäre das Projekt Islamisches Institut eine Totgeburt, eine Fehlinvestition. Daher setzt Ceylan auf einen Dialog auf Augenhöhe. Ceylan sieht überdies die Hauptaufgaben des Islamischen Instituts in Osnabrück in der Ausbildung von Religionslehrern und Imamen sowie in der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung. Um insbesondere das Studium für angehende Imame attraktiv zu gestalten, müssten ebenso finanzielle Anreize geschaffen werden. Da der Lohn der meisten Imame von der Mitgliedergröße und Zahlungsbereitschaft der Gemeinden abhänge, müssten Alternativen gefunden werden: „Dazu hat der niedersächsische Innenminister Schünemann gesagt, dass er sich vorstellen könne, dass die Imame halbtags an der Schule als Religionslehrer und daneben in der Moschee tätig sein könnten, sodass der Staat für die Tätigkeit an der Schule aufkommen könnte. Die Tätigkeit des Imams in der Gemeinde dagegen könnte die Moscheegemeinde bzw. der jeweilige Verband übernehmen.“

Die Notwendigkeit einer Imamausbildung in Deutschland führt der Osnabrücker Wissenschaftler auch auf seine langjährigen Recherchen zurück. Viele Imame könnten aufgrund sprachlicher Defizite sowie religions- und gemeindepädagogischer Unkenntnisse ihre Brückenfunktion nicht ausschöpfen. Diese Herausforderung würden mittlerweile auch Gemeindemitglieder, vor allem die jüngeren Kräfte erkennen.

Einige Verbände wie der Verband ­Islamischer Kulturzentren (VIKZ) hätten diese Notwendigkeit bereits erkannt und ­bildeten für ihren eigenen Bedarf seit Jahren in eigenen Bildungszentren ­Imame aus. Die sei ein Fortschritt, allerdings sei ein universitäres Studium notwendig, um theologische Inhalte auf einem wissenschaftlichen Niveau zu vermitteln. Allerdings könne man dabei auch auf die Erfahrungen der Verbände zurückgreifen.

Auf die Frage, ob es bei der Etablierung einer Imamausbildung um eine Kontrolle seitens des Staates ginge, antwortet der Religionswissenschaftler entschieden: „Es geht nicht um die Kontrolle der Imame, sondern um Gleichberechtigung. Man hat erkannt, dass bei vier Millionen Muslimen und über 2.000 Imamen in Deutschland, von denen mehr als 90 Prozent aus dem Ausland kommen, dringender Handlungsbedarf besteht. Ich glaube, dass es für die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft einen Vorteil darstellt, wenn die Imame hierzulande ausgebildet werden. Es ist aber auch für die Muslime von größter Bedeutung, Imame zu haben, die sehr gut qualifiziert sind und die in ihren Moscheevereinen und auch in deren weiterer Umgebung ihre Vorbildrolle und Brückenfunktion ausüben können, etwa im Dialog oder in sozialarbeiterischen und gemeindepädadogischen Tätigkeiten. Das ist eine Win-Win-Situation.“

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