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Sulejman Bugari: „Das Wort Gottes gibt Antworten für jedes Zeitalter”

„IZ-Begegnung“ mit dem bosnischen Imam und Autor Suleiman Bugari über den Islam in Europa

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Screenshot: YouTube

(iz). Hafiz Sulejman Bugari wurde in Prizren geboren und studierte Islamwissenschaft in Sarajevo und in Medina. 2012 machte er seinen Magister in Sozialer Arbeit an der Universität von Sarajevo. Bis 2016 war er in Bosniens Hauptstadt als Imam tätig und unterstützte die dortige Islamische Gemeinschaft in der Jugendarbeit, unter anderem im Kampf gegen die steigende Drogenabhängigkeit unter bosnischen Jungendlichen. Zudem verfasste er mehrere Bücher. Seit September letzten Jahres lebt er in Montenegro und arbeitet als Berater der dortigen Islamischen Gemeinschaft und unterrichtet Tafsir in der „Mehmed Fatih“ Madrassa in Podgorica. Wir unterhielten uns mit dem Imam über den Islam in Europa und die Bedeutung lebendiger Spiritualität in der heutigen Zeit.

Islamische Zeitung: Wie kann es im europäischen Kontext gelingen, eine lebendige Religiosität und Spiritualität zu erhalten beziehungsweise zu ermöglichen?

Sulejman Bugari: Als erstes müssen wir uns eingestehen, dass wir als moderne Gesellschaft das Spirituelle aus unserem Alltag verdrängt haben, während wir mit großer Gier, gefüttert durch materielle Wünsche, an die Wissenschaft getreten sind. Dadurch haben wir einen Zustand der Unruhe herbeigeführt, in dem Mensch und Natur sich jetzt befinden.

Gelebte Religiosität und Spiritualität, ihre Manifestation und Ausströmung, verlangen keinen vorgeschriebenen gesellschaftlichen Kontext, insbesondere im Hinblick darauf, dass der Mensch als Geschöpf Gottes einen Mikrokosmos darstellt. Wo auch immer der Mensch und seine Bedürfnisse respektiert werden, wo die Bedingungen des ungestörten Ausdrucks der Menschlichkeit sichergestellt werden und wo es keine rigide Aggression des Materiellen gibt, dort ist es möglich, gelebte Religion und Spiritualität zu erreichen…

Dies gilt für alle Offenbarungsreligionen, deren Wege verschieden sind, aber deren Geist gleichwohl immanent ist. Der Geist ist einer (und einzigartig), denn die Quelle, Gott, ist Eine. Wir scheinen vergessen zu haben, dass auch unser Glauben selbst eine Prüfung ist. Unser Schöpfer sagt: „Und wenn Allah wollte, hätte Er euch wahrlich zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber es ist so, damit Er euch in dem, was Er euch gegeben hat prüfe. So wetteifert nach den guten Dingen! Zu Allah wird euer aller Rückkehr sein, und dann wird Er euch kundtun, worüber ihr uneinig zu sein pflegtet.“ (Al-Maida, 48) In Europa müsste diese gemeinsame Prüfung des gelebten Glaubens besonders leicht fallen. Alles, was wir brauchen, sind eine Eigenanalyse und ein selbstkritisches Bewusstsein. Durch diese lässt sich eine individuelle wie auch kollektive Katharsis erreichen.

Islamische Zeitung: Gibt es Möglichkeiten einer authentischen Wissensvermittlung, welche die traditionelle Methodik mit den heutigen Gegebenheiten vereint?

Sulejman Bugari: Islam kennt und akzeptiert kein Wissen und keine Lehre, die nicht den Zweck der Veredelung, der Verbesserung, Verbindung und Rückführung auf universelle Werte erfüllen. Die zentrale Aufgabe des Gesandten, Allahs Segen und Frieden auf ihm, war es, uns Gläubigen bis zum Jüngsten Tag, die Notwendigkeit und die Wege zur Besserung aufzuzeigen. Man ist so lange nicht gläubig, bis man nicht allen anderen dasselbe wünscht wie für sich selbst.

Die „heutigen Gegebenheiten“ sind keine Begrenzung. Es sind unsere Angewohnheiten, die oft schlecht sind und denen wir dienen, sowie unsere Bereitschaft, uns mehr in der virtuellen als in der realen Welt zu bewegen. Alle klassischen und altbekannten Lehrinstitutionen Europas bedienen sich traditioneller Methoden und kümmern sich nicht allzu sehr um die, wie sie sagten, „heutigen Gegebenheiten”. Menschen machen sich die Umstände selbst. Wir stehen in der Pflicht, alles zu überprüfen, was unser Leben und unsere Möglichkeiten stören kann. Allein durch einen ungesunden Umgang mit dem Menschen verliert der Einzelne wie auch die Gemeinschaft gesunde Möglichkeiten, sprich Gegebenheiten.

Islamische Zeitung: Was sind in religiöser Hinsicht derzeit die größten Herausforderungen der balkanischen Muslime?

Sulejman Bugari: Die Herausforderungen der Muslime auf dem Balkan sind Folgende: Das Bewahren der Ursprünglichkeit, Authentizität und Eigenständigkeit ihres Glaubens und des Auslebens ihrer Religion. Sie müssen den gesamten Raum aller Arten und Dimensionen ihrer eigenen, individuellen sowie gemeinschaftlichen Identität füllen. Die Fortführung der Tradition des Schutzes und des Nichteindringens in die Identität des Anderen und Andersartigen. Das unermüdliche aktive Zusammenleben und die aktive Toleranz. Das heißt, kein bloßes Ertragen, sondern eine lebendige Teilhabe am Anderen und Andersartigen. Ungeachtet des heutigen medialen Lärms dürfen sie eines nicht vergessen: Sie haben immer schon bezeugt, dass das Muslimische auch das Europäische ist, und dass das Europäische gleichwohl das Muslimische sein kann.

Letztendlich ist allen das Gute lieb, und während das Schlechte uns allen missfällt.

Islamische Zeitung: Welche Beiträge liefern die Muslime Südosteuropas zur allgemeinen Spiritualität der europäischen Muslime?

Sulejman Bugari: Es gibt einige. Zum Teil haben wir dies schon beantwortet. Der größte Beitrag ist die islamische Lehre und das eigene angewandte Lehrsystem, die Tradition der eigenen, eminent europäischen Auslegung und Lebensart des Islam sowie unsere Ulama.

Die Muslime Südosteuropas nutzen Grenzen seit jeher als Verknüpfungspunkte denn als Trennlinien. Diese Kultur entstand aus dem Zusammenschluss verschiedener Lebensformen und Religionen. Das Wort Gottes gibt Antworten für jedes Zeitalter, wir brauchen lediglich eine ernsthafte Analyse des Textes.

Islamische Zeitung: Wie können aktive Gelehrte und lebendige Gemeinschaften vor Extremismus schützen?

Sulejman Bugari: Extremismus jedweder Art können nur die Gelehrten und Gemeinschaften verhindern, die in sich selbst keinen Extremismus tragen und ausdrücken. Gott sei Dank gibt es sie und sie warnen unermüdlich vor den Gefahren des Extremismus. Jedoch werden sie kaum oder gar nicht gehört, denn ihre Stimmen werden vom Lärm der herrschenden Medien übertönt.

Islam kennt keinen Extremismus. Die Hauptgründe eines jeden Extremismus und Radikalismus sind Fehlkommunikation und ein Mangel an zwischenmenschlichen Gesprächen. Besonders schädlich sind blinde, oberflächliche und vererbte Überzeugungen. Wir müssen gemeinsam die Ursachen dieser Störungen untersuchen. Wir müssen mit vollem Ernst unsere Absichten sowie unsere Einstellungen zur Religion, zum Anderen und zum Leben überprüfen. Und wir müssen echte Sinnsuchende werden, denn die jetzige Situation macht nun wirklich keinen Sinn mehr!

Somit können wir sagen, dass nur gelebter Glaube sowie gelebte Lehre und Spiritualität unsere Werte wiederbeleben und Elend, Krankhaftes und Fanatisches eliminieren können.

Islamische Zeitung: Gibt es spezifische religiöse und spirituelle Aspekte, die gezielt den europäischen Kontext ansprechen?

Sulejman Bugari: Auch da gibt es viele. Erinnern wir uns nur an Ibn Al-‘Arabi, Ibn Ruschd, Ibn Hamza. Erinnern wir uns an Andalusien und seinen Entwicklungsstand im damaligen Europa. Erinnern wir uns an die großen Rumeli-Wazire, den Meistern des damaligen – insbesondere balkanischen – Osmanischen Reiches.

Hinzu kommt auch die Elite unserer Gelehrten der jüngeren Zeit, die Spiritualität und islamische Lebenspraxis auf eine besondere, umfassende und empfängliche Art an die Menschen brachten und bringen. Wie etwa Hasan Kafi Pruscak, Nerkez Smailagic, Smail Balic und viele weitere.

Islamische Zeitung: Welche Rolle(n) können dabei Frauen, der Jugend und neuen Muslimen zukommen?

Sulejman Bugari: Frauen zeigen durch ihre alltägliche Praxis und ihre Lebensweise, dass ihre Entscheidung für ein Leben im Islam in keiner Weise ihrem gesellschaftlichen Engagement entgegensteht. Ganz im Gegenteil.

Unsere Jugend beweist täglich, wie eine Synthese des Traditionellen und Zeitgenössischen, der alten und neuen Heimat geschaffen werden kann.

Neue Muslime haben die Aufgabe, ihre schönen Manifestationen, Gewohnheiten, Gesten und Verhaltensweisen nicht zu vergessen, die sie vor ihrer Rückkehr zum Islam hatten und in denen schon damals Islam zu erkennen war. Zudem müssen sie mit vollem Engagement einen eigenen Beitrag dazu leisten, die Grundlagen und und notwendigen Hilfsmittel bereitzustellen, damit die alltägliche gemeinschaftliche islamische Praxis erleichtert wird.

Islamische Zeitung: Als Imam haben Sie auch bedeutende Bücher geschrieben. Wie wichtig ist der Aspekt des Schreibens?

Sulejman Bugari: Der Autor ist immens wichtig und hat nicht an Bedeutung verloren. Er wird sogar immer wichtiger. Das Buch ist der Hüter unseres kollektiven Gedächtnisses. Das Schreiben ist die vollkommenste Form, daher wendet sich der Schöpfer uns mittels dessen zu. Das Buch ist Zeuge verschiedener Zeiten und Generationen, ein Steinchen im Mosaik der Kontinuität und Aufklärung.

Islamische Zeitung: Als Europäer sind wir im Denken und Verstehen ­einem konstanten Säkularisierungsdruck ausgesetzt. Sehen Sie hier konsruktive Auswege?

Sulejman Bugari: Derzeit ist die Säkularisierung außerhalb Europas weitaus intensiver als innerhalb unseres Kontinents, insbesondere in den sogenannten muslimischen Ländern. Das Prinzip ist klar: Säkularer Staat – ja, natürlich! Säkulare Gesellschaft – nein, niemals! Es kann keine gewaltsame Trennung von Körper und Seele geben. Ein gerechtes Verhältnis kann nur bestehen, wenn es gleichermaßen für oder gegen alle ist, ungeachtet der Religionszugehörigkeit.

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Tijana Sarac

Tijana Sarac

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