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Iman Andrea Reimann vom Deutschsprachigen Muslimkreis Berlin über die muslimische Realität vor Ort und die wichtige Rolle der Frauen

„Berlin gilt als kreativ und rau“

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(iz). Berlin ist ein Mikrokosmos, der in manchen Dingen nach seinen eigenen Regeln und unter sehr spezifischen Bedingungen existiert. Die Situation in dem einen oder anderen Kiez der Hauptstadt lässt sich nicht so ohne Weiteres auf andere Ballungsräume und Metropolen übertragen.

Trotzdem spiegeln die verschiedenen Nachbarschaften die Erkenntnis vieler wider, wonach der Großteil der muslimischen Arbeit auf lokaler oder regionaler Ebene stattfindet. Im Guten wie im Schlechten hat dieser Bereich mehr mit der muslimischen Wirklichkeit zu tun, als die abstrakte Ebene von Medien und Politik.

Eine der Institutionen, die sich seit Langem um die praktischen Belange von Muslimen kümmert, ist der Deutschsprachige Muslimkreis in Berlin (DMK). Die Einrichtung, die derzeit ihren Sitz im Stadtteil Wedding hat, besteht seit 1989 und ist seit 14 Jahren eingetragener Verein. Mit derzeit einhundert Mitgliedern, von denen 60 Prozent „Konvertiten“ sind, werden viele Aktivitäten angeboten. Diese reichen von religiösen Dienstleistungen, über Bildung bis zu sozialen Angeboten im Stadtteil und darüber hinaus. Seit Jahren ist der DMK in diverse Berliner Initiativen beziehungsweise Projekte eingebunden und ist Mitglied bei der Islamischen Föderation Berlin und dem Zentralrat der Muslime.

Wir sprachen mit seiner Vorsitzenden, Iman Andrea Reimann. Sie gehört dem DMK beinahe 20 Jahre an, wo sie seit Langem Unterricht organisiert und anbietet. Beruflich arbeitet sie als Leiterin eines muslimischen Kindergartens in Berlin-Charlottenburg.

Islamische Zeitung: Kannst Du uns vorab etwas zu Deiner Person und Deiner Arbeit mitteilen?

Iman Andrea Reimann: Ich bin die Vorsitzende des Deutschsprachigen Muslimkreises Berlin (DMK Berlin e.V.) und heiße Iman Andrea Reimann. Beruflich leite ich einen muslimischen Kindergarten in Berlin-Charlottenburg. Dem DMK gehöre ich seit fast 20 Jahren an. Viele Jahre habe ich die Unterrichte für Frauen geleitet und durchgeführt.

Islamische Zeitung: In den 1990er Jahren wurde die muslimische Szene Deutschlands nicht unerheblich durch die Deutschsprachigen Muslimkreise (DMK) geprägt. Heute gibt es nur noch ein Handvoll aktiver…

Iman Andrea Reimann: Der DMK Berlin ist nach 25 Jahren immer noch der erste Ansprechpartner für viele Leute, die eine deutschsprachige Gemeinde suchen, sowie für gesellschaftliche, politische und kulturelle Akteure in der Stadt und darüber hinaus. Derzeit sind wir unter anderem stark involviert in die Arbeit der Bürgerplattform Wedding/Moabit und dem Dialog (Forum) der Religionen. Seit über 10 Jahren richten wir für ca. 1.000 Muslime zwei Mal im Jahr die ‘Id-Gebete aus und für die Jüngeren unter uns ermöglichen wir in Zusammenarbeit mit der Muslimischen Jugend ein Einwöchiges Ferienlager im Jahr. Ansonsten widmen wir uns dem Gemeindeleben, den Bedürfnissen unserer Mitglieder und Besucher.

Islamische Zeitung: Inwiefern und womit beteiligt ihr euch an der muslimischen Arbeit in der Hauptstadt? Gibt es Kooperationen mit anderen?

Iman Andrea Reimann: Auf lokaler Ebene sind wir durch IBMUS [Initiative Berliner Muslime] und der IFB [Islamische Föderation Berlin] vertreten und wirken stark bei deren Projekten mit, wie der Islamwoche, dem Muslim-Cup und „Unterwegs zu den Orten des Gebets“. Darüber hinaus sind wir in deren beratenden Gremien vertreten. Ein für uns wichtiger Aspekt dieser Arbeit ist, den vor drei Jahren begonnenen Einheitsprozess der Berliner Moscheen und Verbände voran zu bringen, zum Wohle der Muslime in Berlin. Überregional vertreten wir den ZMD unter anderem in Berlin und kooperieren mit anderen Muslimkreisen, wie Karlsruhe und Braunschweig, dem HDI und Islamic Relief.

Islamische Zeitung: Du leitest als deutsche Muslimin die Arbeit des Berliner DMK. Gibt es besondere Perspektiven, die Du einbringen kannst?

Iman Andrea Reimann: Was ich als ein großes Geschenk von Allah für meine Arbeit in der muslimischen Community sehe, ist meine Kindheit und Jugend, die mich vieles gelehrt und erleben lassen hat. Dies wissen wir selten zu schätzen und reflektieren diese Zeiten als Erwachsene kaum. In den letzten Jahren ist mir immer deutlicher geworden, dass ich als deutsche Muslimin ein Bindeglied zur deutschen Kultur/Gesellschaft und meinen muslimischen Geschwistern (aus muslimischen Herkunftsländern) bin. Nach 20 Jahren als Muslimin mit den verschiedenen Phasen eines Sichentwickelns als Muslim, meine ich, mich frei genug von allem Althergebrachten, Traditionellen sowie verschiedenen Sichtweisen auf den Islam zu fühlen, um mich voll und ganz für den DMK einzubringen und darüber hinaus. Ein Vorteil für meine Arbeit ist, dass ich durch die Ausrichtung und Zusammensetzung des DMK nicht an Maßgaben von Verbänden und muslimischen Richtungen gebunden bin.

Islamische Zeitung: Ist es Zufall, dass heute bei vielen Projekten muslimische Frauen zahlreich vertreten sind?

Iman Andrea Reimann: Kurz, nachdem ich Muslimin geworden bin, las ich in der Zeitschrift HUDA einen Satz, der mir bis heute im Gedächtnis ist. „Allah hat uns Musliminnen Rechte gegeben und es ist an uns, uns diese Rechte wieder zu holen.“ Frauen sind in der Familie die Trägerin des Din, sie geben als Erste an ihre Kinder die religiösen Praktiken weiter, halten Kontakte zu Verwandten, Bekannten und Nachbarn aufrecht.

Ohne die Frauen könnten viele Aktivitäten in den Moscheen und Vereinen nicht erfolgreich laufen. Wie viele Frauenhände haben Böreks, Salate, Bryani und anderes Essen auf die Tische der Veranstaltungen in den letzten Jahren gebracht? Obwohl sie kaum nennenswerten Dank dafür erhalten, bringen sie sich immer wieder ein. Ich behaupte mal: Dadurch, dass Frauen eher praktischer Natur sind und Dinge schneller umsetzen möchten, ersparen sie sich das lange Ausdiskutieren von Themen.

Ein weiterer Teilaspekt ist, dass es für muslimische Frauen häufig die einzige Möglichkeit ist, sich aktiv am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen, mit und ohne Kinder. Die Solidarität der anderen Frauen ist eher gewährleistet, als in anderen Bereichen und Branchen. Das verschafft häufig mehr Anreize für andere Mädchen und Frauen sich zu engagieren.

Islamische Zeitung: Berlin gilt ja oft in vielerlei Hinsicht als das Labor beziehungsweise als das Beispiel der muslimischen Community schlechthin…

Iman Andrea Reimann: Der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung hat vieles für die Muslime verändert. Die damaligen wichtigen Städte im Westen sind heute nicht mehr die Anziehungspunkte für die Muslime. Viele Moscheen, wie in München, kämpfen bis heute um ihr Ansehen und ihren Wirkungskreis innerhalb der eigenen Stadt. Es gibt ein weitaus größeres Angebot von muslimischen Gruppen und deren Ansichten und Ideologien, was sich aber auch mehr auf die jeweilige Stadt beschränkt.

Was ich in Berlin sehe, ist, dass wir durch die Öffnung der Stadt aus unserem behüteten Dasein hinter der Mauer hervor geholt wurden und uns mit den neuen Gegebenheiten auseinander setzen mussten. Seit dem der Regierungssitz und die Bundesministerien ihre Arbeit aufgenommen hatten, war es auch an den muslimischen Bundesverbänden, sich in der Stadt umzusehen und Termine wahrzunehmen, Kontakte zu knüpfen.

Berlin gilt als kreativ, wenig angepasst und rau. Das gilt auch für die Muslime. Sie probieren sich aus, gestalten Straßen mit ihren Geschäften, bauen sichtbare Moscheen, trauen sich neue Wege zu und müssen sehen, dass sie am Markt bleiben. Von muslimischen Bekannten höre ich immer wieder, wenn sie nach langer Zeit Berlin besucht haben, dass es sich zum Besseren für die Muslime entwickelt hat, dass das Angebot sich verbessert hat.

Es gibt in fast jedem Bezirk Läden für Muslime und ihre Bedürfnisse. Ich würde es toll finden, wenn es einen Städtetag für Muslime gäbe, wo wir uns austauschen könnten, wie wir mit den politischen und gesellschaftlichen Akteuren voran kommen, welche Handlungsmöglichkeiten wir haben in Bezug auf steigende Mieten, Arbeitslosigkeit und Wettbewerb.

Islamische Zeitung: Durch eure vielfältigen Projekte kommt ihr ja mit unterschiedlichen MuslimInnen in alltäglichen Kontakt. Was wären – jenseits der Mediendebatten – die wichtigsten realen Anliegen von MuslimInnen in ihrem lokalen Umfeld?

Iman Andrea Reimann: Bei uns im DMK sind alle Generationen vertreten, wie auch in anderen Moscheen. Dass bedeutet, wir werden in den nächsten Jahren noch massiver mit den Belangen der Kinder und Jugendlichen aber auch mit unseren Rentnern zu tun bekommen. In diesen zwei Bereichen sind wir noch zu schwach aufgestellt und haben keine hinreichenden Konzepte.

Ich hatte es vorhin schon angedeutet, dass Wohnen und Arbeit für uns Muslime wie auch für Nichtmuslime zwei zentrale Punkte sind, die bearbeitet werden müssen. Für uns Muslime kommt als Erschwernis hinzu, dass wir durch Äußeres, Namen und Religion zusätzlich ausgeschlossen werden. Weitere wichtige Aspekte sehe ich in der Chancengleichheit unter uns Muslimen und den Transfer von Erfahrungen und Informationen.

Islamische Zeitung: Fühlt ihr euch durch die Arbeit der bundesweit agierenden Verbände genug vertreten?

Iman Andrea Reimann: Ein Problem der Bundesverbände ist, dass sie wenig Anbindung an ihre Moscheen und Vereine haben. Der Arbeitsaufwand der führenden Personen in den Verbänden ist so massiv und vielfältig, dass sich meiner Meinung nach kaum Möglichkeiten zum Austausch und Rückkopplung an die Basis ergeben. Die wenigsten Moscheemitglieder wissen, womit der Bundesverband gerade beschäftigt ist und welchen Nutzen er von bestimmten Entscheidungen hat. Hier wäre es gut, zu überlegen, wie dem Abhilfe geschaffen werden kann. Dem KRM stehe ich eher skeptisch gegenüber, von diesem Zusammenschluss habe ich mehr erwartet, mehr Durchsetzungsvermögen und klares Eintreten für die Bedürfnisse der Muslime in Deutschland.

Islamische Zeitung: Und ist die Berliner Community gut genug aufgestellt, um diesen Anliegen gerecht zu werden?

Iman Andrea Reimann: In Berlin werden derzeit neue Moscheen gegründet und alte Moscheen erhalten einen Neubau. Was an sich lobenswert ist. Eine meiner Befürchtungen jedoch ist, dass wir uns wieder zu sehr auf die eigenen Wünsche konzentrieren, aber den Blick für die Bedürfnisse der Gesamtheit der Muslime in Berlin und Deutschlandweit aus den Augen verlieren. Islamische Zeitung: Was würdet ihr euch für die Zukunft in Sachen muslimischer Arbeit wünschen?

Iman Andrea Reimann: Ich wünsche mir, dass wir als DMK Berlin unser Projekt „Deutsches Muslimisches Zentrum“ mit Allahs Hilfe umsetzen können. In dem Zentrum soll unsere bestehende Gemeinde mehr Möglichkeiten zur Entfaltung erhalten und Suchenden eine Heimat geben. Zwei Pfeiler machen unsere Arbeit seit Langem aus: Da’wa und ‘Ilm, daher möchten wir als Zentrum eine Bildungs-und Begegnungsstätte sein. Wir verstehen uns als Mittler und möchten daher als Plattform und Netzwerk für die Muslime nützlich sein. Durch unser langjähriges Bestehen haben wir eine Geschichte, auf die wir zurück greifen können und die viele Personen miteinander verbindet.

Vielleicht klingt es für viele hart arbeitende Muslime ketzerisch, aber ich denke, dass wir nach 30 Jahren nicht mehr nach staatlicher Anerkennung betteln sollten. Hinwendung zu Allah, Pflege der Gemeinschaft und Leben nach der Sunna wird uns weiter voran bringen.

Islamische Zeitung: Vielen Dank für das Gespräch.

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