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In Berlin konstituierte sich nach einem Jahr der Arbeitskreis Muslimischer Sozialdemokraten. Von Laila Massoudi

Brüder, zur Sonne, zur Freiheit?

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(iz). Nach einer mehr als einjährigen Vorbereitung schlossen sich Anfang Februar eine Gruppe von Muslimen zum „Arbeitskreis musli­mischer Sozialdemokraten“ zusammen. Die stellvertretende Parteivorsitzende der SPD, Aydan Özoguz, hatte die Gruppe junger Muslime aus verschiedenen Bereichen von Anfang an tatkräftig unterstützt. Im Willy-Brandt-Haus in Berlin fand im Anschluss an die Gründungsversammlung auch eine öffentliche Veranstaltung mit eingeladenen externen Referenten statt, unter dem Titel: „Wie viel Religion braucht eine Gesellschaft?“

Zu Beginn der Veranstaltung stellte Özoguz die frisch gewählten fünf Sprecher des neuen Arbeitskreises vor und unterstrich die Bedeutung dieses für die SPD sehr wichtigen Schrittes. Denn nun könnten Muslime innerhalb der SPD endlich auch für sich selber sprechen, Vorurteile abbauen und zeigen, dass die Religion und auch der Islam einen Beitrag für das Gelingen des Miteinanders in einer Gesellschaft leisten kann. Die fünf Sprecher des AKMS sind gleichberechtigt und wurden von allen Mitgliedern des Arbeitskreises gewählt. Zum Sprecherkreis gehört die Wissenschaftlerin und Religionspädagogin aus Paderborn, Tuba Isik, sowie Lydia Nofal aus Berlin, Atilla Ülger aus Duisburg, Mohammed Ibrahim und Selma Yilmaz-­Ilkhan.

Im Anschluss an Özoguzs Begrüßungsrede gab Prof. Matthias Rohe, Islamwissenschaftler und Jurist, einen inhaltlichen Input zur Frage „Wie viel Religion braucht eine Gesellschaft?“. Religion könne friedensfördernd sein und auf eine Gesellschaft stabilisierend wirken, sagte der Islamwissenschaftler Rohe. Religion und Politik müssten in einem säkularen Staat nicht getrennt werden, der Schutz von Minderheiten sei sogar die Aufgabe eines Staates. Der Staat dürfe Religion nicht reglementieren, daher begrüße Rohe den Arbeitskreis, da er fortan Stellung zu islamrelevanten Fragen nehmen könne.

Der Journalist und Autor Eren Güvercin, Autor des Buches „Neo-Moslems – Porträt einer deutschen Generation“, hielt anschließend eine Replik aus muslimischer Perspektive auf Professor Rohes Input. Zum Anfang stellte Güvercin fest, dass die unseligen Integrationsdebatten der letzten Jahre – in der auch der eine oder andere Sozialdemokrat involviert sei – die wirklich relevanten Fragen zum Islam in Deutschland überlagert hätten. Gerade als junger deutscher Muslim sei es für ihn von zentraler Bedeutung, ande­re Bedeutungszusammenhänge aufzuzeigen als „Sicherheits- und Migrationsprobleme“. Leider sei es auch einigen muslimischen Akteuren nicht gelungen, eige­ne Themen zu setzen oder Debatten zu führen. Vielmehr habe man mehrheitlich auf medial aufgebauschte Themen lediglich reagiert statt zu agieren und mit positiven Inhalten aufzufallen.

Zur Frage, was der Islam und die Muslime zur Gesellschaft beitragen könnten, nannte er unter anderem die Moschee, aber nicht lediglich als ein Gebetsraum, sondern verwies auf die klassischen Konzepte der Moscheeanlage: „Das klassische islamisch-architektonische Konzept sah in der Moschee nie ein isoliertes Gebäude, sondern eher den Bezugspunkt einer sozialen Anlage mit umfangreichen Dienstleistungen und Angeboten für die Gesellschaft. Wenn wir uns die Moscheeanlagen etwa auf dem Balkan anschauen, sind Moscheen im klassischen Sinne nicht nur Gebetsräume, sondern um die Moschee herum waren soziale Einrichtungen wie Armenküchen, Bibliotheken, Krankenhäuser und Stiftungen integriert, die für Muslime wie Nichtmuslime Dienstleistungen anboten. Die Moschee, dies zeigen Beispiele in aller Welt, ist dabei auch architektonisch in der Lage, sich in einer neuen Umgebung auch kulturell anzupassen. Diesem offenen Konzept entsprechen heute leider nur wenige Moscheeanlagen in Deutschland“ .

Güvercin kritisierte auch die muslimischen Organisationen in Deutschland. Sie seien zu sehr zentralistisch und ethnisch ausgerichtet und könnten daher weniger als soziale Dienstleister für alle Bürger auftreten. Er verwies zudem auf die Finanzkrise, die jeden in der Gesellschaft betreffe, jenseits seiner religiösen Zugehörigkeit. Dazu müssten auch Muslime aus dem Islam heraus ein relevantes Angebot formulieren können. Als Beispiele hierfür nannte er etwa die Zakatpflicht, das Verbot der Zinsnahme, die im Quran fest verankert ist, und das muslimische Stiftungswesen. „Die deutschen Muslime müssen eben diese und ähnliche soziale Komponenten ihrer Religion mehr in den Mittelpunkt rücken, um eine aktivere Rolle in unserer Gesellschaft einzunehmen. Sie haben dadurch ein relevantes Angebot an unsere Gesellschaft, anders als die etwas deprimierenden Debat­ten der letzten Jahre versuchten zu suggerieren. Statt sich in eine Opferhaltung zu begeben oder künstlich das „Migrantendasein“ zu verlängern, „müssen Muslime mit positiven Beiträgen sozialer, kultureller und zivilgesellschaftlicher Art auffallen und aktiv werden“, so Eren ­Güvercin.

Nach den beiden inhaltlichen Kurzvorträgen fand unter der Moderation des Fernsehjournalisten Ali Aslan eine Podiumsdiskussion zwischen Aydan Özoguz, Professor Matthias Rohe, Güvercin und der AKMS-Sprecherin Tuba Isik statt. Als dem Publikum die Möglichkeit gege­ben wurde, Fragen zu stellen, wurde klar, dass auch der neu gegründete AKMS vor den selben Herausforderungen steht wie die meisten anderen muslimischen Initi­ativen: schnell wird man mit den üblichen Debatten konfrontiert. Aus dem Publikum kam sofort die Frage, wie der AKMS zur Wissenschaftsfreiheit stehe und ob es sich zur Debatte um die vermeintliche Barmherzigkeitstheologie positionieren werde. Es war weniger eine Frage, mehr eine Aufforderung, sich als AKMS zu positionieren.

Frau Isik antwortete eher zurückhaltend, bis Eren Güvercin darauf aufmerksam machte, dass die aktuelle Debatte um Khorchide sowie die vergangenen Debatten um den Islam in Deutschland von Schlagworten und Parolen geprägt seien. Schnell werde eine Dialektik betrie­ben, als habe man auf der einen Seite mit Khorchide den „liberalen Oberaufklärer“ und auf der anderen Seite eine homogene Masse an Kritikern, die allesamt die „Freiheit der Wissenschaft“ in Frage stellen. Das sei eine bewusste Verkürzung inhaltlicher Fragen auf Parolen und auf den ersten Blick gut aussehende ­Schlagworte.

Solche und ähnliche Fragen werden zeigen, ob ein Arbeitskreis muslimischer Sozialdemokraten wirklich eigene Positi­onen unabhängig politischer und medialer Trends wird formulieren können, oder ob man wieder in das übliche Schema verfällt.

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Laila Massoudi

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