IZ News Ticker

In Bewegung bleiben

Von Moscheen bis Solarenergie – jenseits der Debatten sind deutsche Muslime vielfach aktiv

Werbung

Foto: ©Antonioguillem, Adobe Stock

(iz). In Deutschland gehört das Ehrenamt zu den Dingen, bei dem sich die Bundesbürger über alle Grenzen hinweg einig sind. 2019 haben sich rund 15,9 Millionen unentgeltlich und in ihrer Freizeit für eine gute Sache engagiert.

Deutschlands Muslime sind hier keine Ausnahme. Bekannt und über innermuslimische Grenzen hinaus wurde das ­Engagement in der Flüchtlingsarbeit ab 2015. Zeitweise sollen hier rund 50 ­Prozent aller Ehrenamtlichen Muslime gewesen sein.

Doch nicht nur Ausnahmefälle motivieren viele zu freiwilliger Mitarbeit. Die rund 3.000 Moscheen, Gebetsräume und vergleichbaren Einrichtungen wären ohne die jahre- wenn nicht jahrzehntelange aufopferungsvolle Arbeit einer Kerngruppe an Engagierten gar nicht denkbar gewesen. Um nur ein Beispiel zu nennen, ein alter Bekannter arbeitete Schichtdienst bei einem großen deutschen Autobauer, leitete darüber hinaus lange die Geschäfte seiner Moschee­gemeinde und engagierte sich im innermuslimischen Dienst. Und das alles, ­bevor „Professionalisierung“, „Institutionalisierung“ und Fördergelder zum „Goldstandard“ muslimischer Zivil­gesellschaft wurden.

Überhaupt kann es mindestens eine Verzerrung sein, aus den diversen „Debatten“ und öffentlichen Beiträgen eine Wirklichkeit zu konstruieren. Stellten diese die ganze Realität dar, dann wäre das muslimische Leben in Deutschland angesichts der oft beschworenen Missstände (ob innermuslimisch oder gesamtgesellschaftlich) ein Jammertal.

Muslime – ob alt oder jung, Arbeiter und akademische Eliten – bilden unterhalb des medialen Radars auch und vor allem heute das Rückgrat muslimischer Zivilgesellschaft. Sie halten Moschee­gemeinden in ökonomisch schweren Corona-Zeiten am Leben, sorgen sich um die Zukunft alter Menschen, engagieren sich im Umweltschutz, bilden eine neue Generation selbstbewusster Mädchen aus, programmieren soziale Apps oder installieren Solaranlagen. Entgegen anderslautender Bekundungen setzen sie den Puls, dem innermuslimische oder halbstaatliche Strukturen folgen.

Mohammed El-Jaouhari ist Mitglied der Bochumer Khaled Moschee (IKV Bochum). In Zusammenarbeit mit dem Dekan des Fachbereichs Architektur seiner Hochschule, Prof. Dipl.-Ing. Gernot Schulz, will die Gemeinde unter dem ­Namen gruene-moschee.de ein ambitioniertes und innovatives Moscheekonzept realisieren. Ihnen geht es um eine Einheit aus Gestaltung, Zweck und ökologischer Nachhaltigkeit. Nur letztere könne das Klima und die natürlichen Ressourcen erhalten. Dabei sind sie nicht die ersten. Zusammen mit dem Hamburger Architekten Selcuk Ünyilmaz plant eine Gemeinde in Norderstedt den Bau einer nachhaltigen Moschee. Der Clou: In den Minaretten sollen vertikale Windräder eingebaut werden.

Zu den PionierInnen auf dem Gebiet innermuslimischer Nachhaltigkeit gehört der Verein NourEnergy e.V. Die Eh­renamtler des gemeinnützigen Vereins sind Ingenieure oder Facharbeiter mit entsprechenden Fachkenntnissen. 2012 installierte man die ersten beiden PV-­Anlagen auf den Dächern von Moschee­gebäuden. Heute ist die Palette des ­En­gagements breiter gefächert: Technische Entwicklungshilfe, inspirierende Seminare und Workshops, Nachhaltig­keitsberatung für Organisationen und ­Kampagnen auf nationaler und internationaler Ebene.

Nicht alle Projekte sind Start-ups. ­Gutes Beispiel für ein erfolgreich eingeführtes Angebot ist die von Berlin aus angebotene Muslimische Telefonseelsorge (MuTeS), die im Juni letzten Jahres ihr zehnjähriges Bestehen feiern konnte. Die Erfolge von MuTeS zeigen sich nicht nur in der schieren Zahl von 10 Jahren, sondern in über 50.000 Stunden qualifi­zierter ehrenamtlicher TelefonSeelsorge-Arbeit, in der über 45.000 Mal die Nummer 030/ 44 35 09 821 angerufen wurde. Die seelsorgerische Arbeit von MuTeS wurde inzwischen nicht nur mehrfach ausgezeichnet (u.a. mit der Berliner Tulpe, dem Aspirin-Sozialpreis und dem Sonderpreis Berlin gegen Gewalt), sondern ist regional, national und international auf Interesse gestoßen.

Selbstverständlich engagieren sich Deutschlands Muslime wie Generationen von Muslimen zuvor in der Hilfe für und dem Schutz von den Schwachen in der Gesellschaft. Der Frankfurter Verein RAHMA e.V. (Muslimisches Zentrum Mädchen, Frauen & Familie) versteht sich als Anlauf- und Beratungsstelle für Mädchen und Frauen mit muslimischem Hintergrund, die sich in schwierigen Not-, Konflikt- und Krisensituationen befinden. Nach eigenen Angaben ist den Macherinnen wichtig, dass das Projekt nicht nur mehrheitlich von Musliminnen ungeachtet ihres Hintergrundes betrieben wird, sondern dass es auch einen ­„ausschließlich weiblichen muslimischen Vorstand“ hat.

The following two tabs change content below.
Sulaiman Wilms

Sulaiman Wilms

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen