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In Bonn will man den Ursachen von Extremismus verstärkt nachgehen. Von Musa Sahin

Selbstreflexion ist notwendig

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(iz). Nachdem bereits im Dezember vergangenen Jahres in Bonn Hausdurchsuchungen bei den dort lebenden Predigern Pierre Vogel („Einladung zum Paradies“) und „Abu Dujana“ („Die wahre Religion“) von ausführlichen Berichten in der Lokalpresse gefolgt wurden, ist Mitte Januar die ehemalige Bundeshauptstadt erneut als „Islamistenhochburg“ in die Schlagzeilen geraten. Hinzu kommt, das sich in den vergangenen Jahren offenbar mehrere muslimische Jugendliche aus Bonn bewaffneten Gruppen in Afghanistan angeschlossen haben. Dass Bonn davon abgesehen seit längerem tatsächlich ein Zentrum insbesondere salafitischer Strömungen ist, gerade unter Jugendlichen, ist kein Geheimnis und auch unter Muslimen bekannt.

Am 15. Januar titelte nun die führende Bonner Lokalzeitung, der „General-Anzeiger“ (GA), spektakulär: „Gotteskrieger unter uns“. Anlass war, dass der Redaktion ein „Geheimpapier“ des Landeskriminalamts (LKA) in die Hände geraten sei, in dem die Ermittler im Jahr 2010 davon ausgingen, dass 175 Personen „mögliche Angehörige des islamistisch-terroristischen Personenpotenzials“ seien – eine erstaunlich hohe Zahl. Der Bonner Polizeipräsident Wolfgang Albers wird dazu zitiert, dass die Zahl der tatsächlich gewaltbereiten Islamisten in Bonn bei „deutlich unter 20“ liege. Dennoch sei die Situation ernst zu nehmen, so Albers.

In dem genannten GA-Artikel wird zunächst von deutschsprachigen dschihadistischen Webseiten zitiert, und sodann – in recht unklarer Weise – ein Bezug zu zu der Gruppierung „Die wahre Religion“ hergestellt: Es gäbe von diesen Webseiten „immer wieder Bezüge auch zur“ Gruppierung „Die wahre Religion“. Ein kürzlich in der Bonner Muhsinin-Moschee angesetztes Seminar von „Die wahre Religion“ habe „auf öffentlichen Druck“ nach Mayen bei Koblenz verlegt werden müssen. Das LKA-Papier spreche für Bonn von einer aktiven islamistischen Szene; „Fakten, die auf konkrete terroristische Aktivitäten oder Vorbereitungen“ hinwiesen, gebe es bislang jedoch keine.

Verstärkt in den Fokus geriet im Zuge der jüngsten Debatte auch die Al-Muhajirin-Moschee, die gerade erst nach jahrelangen Verhandlungen mit einem Moscheeneubau beginnen konnte. In ihr soll angeblich besagter Abu Dujana als „Prediger“ tätig sein. Außerdem diene die Moschee als Treffpunkt somalischer Extremisten. Dort würden auch Vorträge gehalten, die zum „Dschihad, den Kampf gegen die Ungläubigen und die Vorbereitung auf diesen Kampf“ gehe. Dies sind in der Tat schwere Vorwürfe.

Mahmoud Kharrat von der Al-Muhajirin-Moschee äußerte sich gegenüber dem GA über seine Moschee dahingehend, dass „Abu Dujana“ in seiner Moschee weder Prediger sei noch gewesen sei. Er nehme nur gelegentlich an den Gebeten teil. Auch ein im obigen Zusammenhang erwähnter Somalier, der als „Ratgeber für potenzielle Dschihadisten“ bezeichnet wird, sei lediglich von 2008 bis 2010 auf Wunsch somalischer Eltern als Qur’anlehrer für deren Kinder in der Moschee tätig gewesen. Die im LKA-Papier erwähnte somalische Extremistengruppe „Shabab“ sei ihm nicht bekannt, auch nicht, dass diese sich in der Al-Muhajirin-Moschee treffe, wird Kharrat im GA zitiert. Er wies zudem darauf hin, dass die Moschee unter anderem auch von Somalis zum Gebet besucht werde. Die Teilnahme an Gebeten könne aber nicht als Treffen bezeichnet werden. „In unserer Moschee gibt es keine somalischen Prediger oder Scheikhs. In der Moschee werden sicherlich keine Vorträge über den bewaffneten Dschihad gehalten“, wird Kharrat weiter zitiert.

Der Bonner Oberbürgermeister Nimptsch zeigte sich infolge der jüngsten Anschuldigungen besorgt über die „offenbar hohe Zahl radikaler Muslime“ in Bonn, welche die Stadt sorgsam beobachte. Die Stadt habe jedoch nur wenig Handhabe, da das Vorgehen gegen Extremismus in erster Linie Aufgabe der Sicherheitsbehörden sei. „Ich wünsche mir, dass die Muslime in Bonn sich noch intensiver als bisher unmissverständlich für die Grundwerte unserer Verfassung einsetzen und sich von extremistischen Muslimen und deren Organisationen ohne Wenn und Aber deutlich distanzieren“, sagte Nimptsch, der sich gleichzeitig gegen einen Generalverdacht gegenüber Muslimen wandte.

Haluk Yildiz, Vertreter der BIG-Partei im Bonner Stadtrat, schlägt eine öffentliche Veranstaltung vor, bei der sich Vertreter der Muslime dem Gespräch mit der Bevölkerung stellen. Außerdem meint Yildiz, sollten die Behörden mit denjenigen Moscheen, bei denen sie Bedenken haben, direkt in Kontakt treten und diese aufklären. Viele Moscheen seien möglicherweise zu gutgläubig und unbedarft, wenn sie Redner für Veranstaltungen einladen. „Man sollte nicht gegeneinander, sondern miteinander Lösungen suchen“, meint Yildiz.

Bei dem Treffen der Arbeitsgruppe „Neue Moschee Tannenbusch“, an der Vertreter der Stadtverwaltung, der Parteien, der Kirchen und der Muslime beteiligt sind, am 19. Januar befasste sich diese intensiv mit der jüngsten Presseberichterstattung über Islamisten in Bonn und die Al-Muhajirin-Moschee. Die Arbeitsgruppe stellte daraufhin in einer Presserklärung klar, dass man bereits in der Vergangenheit intensiv über die inhaltliche Ausrichtung der Al Muhajirin-Moschee gesprochen habe und keinen Anlass sehe, „von vorne zu beginnen oder neues Misstrauen zu sähen“. Der Verein habe bereits vor Baubeginn 2009 eine Grundsatzerklärung abgegeben, und auch im Grundstücksvertrag sei unter anderem Transparenz und Zusammenarbeit verbindlich festgelegt worden. Es gebe nun keinen neuen Anlass, dies erneut zu diskutieren oder an den Erklärungen des Vereins zu zweifeln. Es gebe keine Nachweise, dass die Al Muhajirin-Moschee ein Treffpunkt radikaler Muslime sei. Solche Darstellungen könnten aber leicht zu einer pauschalen Verdächtigung gegenüber Muslimen insgesamt führen. Die UN-Stadt Bonn könne eine solche Atmosphäre gegenseitigen Misstrauens nicht hinnehmen, so die Arbeitsgruppe. Sie rief zugleich jedoch alle Bonner Moscheevereine auf, sich „laut, klar und eindeutig von Positionen extremistischer Gruppierungen zu distanzieren“ und solche Aktivitäten in ihren Räumlichkeiten nicht zu dulden. Eine solche Offensive sei für alle wichtig. Die Präventionsarbeit zur Verhinderung der Radikalisierung insbesondere muslimischer Jugendlicher müsse verstärkt werden.

Baasem Kannich, Sprecher der Al Mujahirin-Moschee, zeigte sich überrascht über die jüngst in der Presse erschienenen Vorwürfe gegenüber der Moschee, nachdem man seit mehr als fünf Jahren über den Moscheebau im Tannenbusch diskutiert und über Jahre in einem intensiven und guten Austausch mit der Stadt Bonn, Fraktionen, Kirchengemeinden und den künftigen Nachbarn stehe und man sich stets eindeutig gegen Extremismus geäußert habe. Dies habe man auch in der erwähnten Sitzung der Arbeitsgruppe kritisch angemerkt und sei auf Verständnis aller Gesprächspartner gestoßen.

Die Moschee wolle und könne niemanden von der Teilnahme an den rituellen Gebeten ausschließen, meint Kannich, ebenso wenig wie eine Kirche oder Synagoge dies tue. Man müsse jedoch im gemeinsamen Gespräch einmal klären, nach welchen Kriterien Bezeichnungen wie „Islamist“ gebildet würden und dann den möglichen Ursachen für solche Phänomene nachgehen, meint Kannich, sowohl auf muslimischer Seite wie auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft, „unter Berücksichtigung ihrer Wahrnehmung und ihres Umgangs mit den Muslimen und dem Islam. Eine solche Analyse muss auf verschiedenen Ebenen stattfinden; auf kommunaler Ebene als Lebensraum und Lebensmittelpunkt ist sie unabdingbar“, so Kannich. Auch die mediale Berichterstattung müsse kritisch reflektiert werden. Unter den negativen Folgen hätten ohnehin die Muslime selbst am meisten zu leiden. Auf muslimischer Seite hingegen sollte man nun verstärkt Selbstreflexion über das eigene Verhalten betreiben. „Eine Phase der Besinnung wäre angebracht“, sagt der Rechtsanwalt Kannich.

„Nun kommt es darauf an, die Ursachen für Extremismus ausfindig zu machen und gemeinsam die besten Wege dagegen anzugehen“, äußerte sich der Rat der Muslime zu den jüngsten medialen Vorwürfen. Der Rat könne zwar Moscheevereinen als seinen Mitgliedern nicht vorschreiben, wie diese ihr internes Programm gestalteten, noch wolle man diese isolieren oder ausschließen. Eine inhaltliche Debatte über diese Themen finde innerhalb des Rates aber auf jeden Fall statt. So sei eine in der Bonner Al-Muhsinin-Moschee für Dezember geplante Veranstaltung der Gruppe „Die wahre Religion“ letztlich auf Hinwirken des Rates der Muslime und auch von Teilen des Moscheevereins selbst abgesagt worden – und nicht, wie in den Medien gemeldet, auf „öffentlichen Druck“ hin. So scheint der Prozess der Selbstreflexion und der internen Diskussion unter den Bonner Muslimen hinsichtlich ihrer Positionierung zu Extremen nun begonnen zu haben.

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