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In der bleiernen Zeit der Alternativlosigkeit ­findet politische Bildung auch auf dem Bildschirm statt. Ein Überblick von Sulaiman Wilms

Im Inneren der Maschinerie

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„Unsere Politiker stecken unter einer Decke mit den Lobbyisten, die Banken schmeißen den Laden. Das ist die Struktur des Systems, in dem wir operieren.“ (Evgeny Morozov)

(iz). Kramen wir in unserem Gedächtnis nach den halb verschütteten Erinnerungen an unsere Politik- oder Gemeinschaftskunde-Stunden, dann fallen uns vielleicht noch die drögen Diagramme zur Gewaltenteilung ein oder die Frage, welches Wahlverfahren das demokratischere ist. Mit der bleiernen Alternativlosigkeit der dritten Großen Koalition, mit einer marktkonformen Demokratie oder der Macht von Lobbyisten hatten die Unter­richtsinhalte damals nicht viel zu tun.

Schaum auf den Wellen
Natürlich verfügen wir jetzt über die unzähligen Medien (deren Mehrheit sich allerdings im Besitz weniger Unternehmen befindet), die uns via Fernsehen, in Printausgaben oder elektronisch in einem 24-Stunden Nachrichtenzyklus auf dem Laufenden halten. Auch können wir in jedem Augenblick eine virtuelle Petition nach der anderen vom Stapel lassen. Doch diese Informationsflut trägt in der Regel nicht wirklich zur Aufklärung bei, sondern ist eher Schaum auf den vom Sturm aufgewühlten Wellen. Wir sehen nur ­Momentaufnahmen des Oberflächlichen, verstehen aber in diesem Bild nicht die untergründigen Bewegungen und ­Kräfte, die auf das Politische einwirken.

Das, was wir heute Politik nennen, ist ihrerseits in einem Abhängigkeitsverhältnis zur medialen Sphäre gefangen. Besteht doch die „Brillanz“ mancher Politiker darin, genau das zu wollen, was der Durchschnittsmeinung der potenziellen Wähler entspricht. Unsere „Meinungen“ sind im unterschiedlichen Grad das Produkt der Vermittlung des Politischen durch die Medien und nicht das Ergebnis eines gründlichen Studiums.

Und das hat Folgen. Landes- oder Bundesregierungen wurden in den letzten Jahren de facto nur noch von einer Minderheit aller Wahlberechtigten bestimmt. Je nach Bildungsgrad und sozialer Schicht haben sich bei vielen Wählern längst Desinteresse oder Abwendung von der konventionellen Politik eingestellt. Was wiederum dazu führt, dass sich die Sphäre des Politischen – im Gegensatz zum Unterricht unserer Schulzeit – immer mehr von der Welt der Menschen ablöst.

Kann die Kunst helfen?
Wenn die politische Realität nicht mehr in der Lage scheint, dass Ideal beziehungsweise die politische Theorie abzubilden, nach der alles funktionieren soll, gibt es dann Möglichkeiten, die Wirklichkeit zu verstehen? Es verwundert nicht, wenn amerikanische Studenten seit einigen Jahren die satirische „Daily Show“ als ernsthaftes Medium der politischen Bildung vorziehen.

Vielleicht sind sie auf der richtigen Spur, bieten doch manche Filme oder TV-Serien mehr Einblicke in das Wesen der heutigen Politik als die von Nachrichtenzyklen und dem Druck der Auflagenzahlen getriebenen Medien. Von nennenswerten Ausnahmen kommt vieles dieser alternativen politischen Bildung aus den USA. Es ist schon ironisch, dass in dem Land, in dem die Mutationen des Politischen so fortgeschritten sind, heute interessante Serien und Filme über das Politische – ob beabsichtigt oder nicht – zu sehen sind.

Das Kartenhaus
Während Deutschlands Gebührenzahler sich entweder auf Spartenkanälen umschauen oder von einem blasierten Talkmaster tyrannisieren lassen müssen, haben US-Sender wie HBO, Netflix oder Showtime anderes im Angebot. In seiner Webserie „House of Cards“ (dem Remake einer BBC-Serie) dringt der Internetsender Netflix in den Kern vor. Im Mittelpunkt steht der demokratische Politiker Francis Underwood (gespielt von Kevin Spacey), dessen ­Aufgabe es ist, aufmüpfige Abgeordnete zu kontrollieren. Nachdem er nicht mit dem begehrten Amt des Außenministers für seine Leistungen im Wahlkampf belohnt wird, sinnt er auf Rache und spinnt sein Netz der Intrigen.

Und das ohne jede „Action“. Gefühlte 90 Prozent der Serie spielen sich in Dialogen statt. Immer wieder durchbricht die Sendung das bekannte Muster und die von Spacey gespielte Figur wendet sich im Stile Shakespeares direkt an die Zuschauer.

Faszinierend an der Figur Underwood ist, dass er nicht nach Hollywoods simplen Schemen funktioniert. Weder geht es dem Macher um materiellen Reichtum, noch ist er ein Überzeugungstäter, der im Namen seiner Überzeugungen handeln würde. Im gewissen Sinne ist der Politiker, außerhalb des Gebietes seiner Leidenschaft ein trauriges Beispiel der Gattung Mensch, ein Mann ohne Eigenschaften, dessen höchstes Ziel Macht als abstraktes Gut ist. Anders als bei uns, bemerkenswert für eine TV-Serie, thematisiert „House of Cards“ die inzestuöse Beziehung zwischen Journalisten und Politikern sowie zwischen letzteren und Vertretern der Wirtschaft. In der ersten Staffel (die zweite folgt später in diesem Jahr) sind sie die einzigen, die Underwood gefährlich werden können.

Im Dickicht der Macht
Der britische Regisseur Armando Iannucci ist einer der führenden Filmemacher für schräge Komödien und Farcen. Für die BBC realisierte der Schotte mit „In the Thick of it“ eine Serie, die in vier Reihen in der Zeit vom Amtsantritt des Premierministers Gordon Brown, dem Nachfolger von Tony Blair, und der jetzigen Koalitionsregierung angesiedelt wurde. Obwohl ausschließlich fiktive Charaktere, sind Parallelen zur jüngsten britischen Politik kaum zu übersehen.

Malcolm Tucker, rabiater Spin-Doctor und Troubleshooter der ­Regierungspartei hat die volle Kontrolle über Bürokraten, Minister und untergeordnete Chargen. Größtenteils Alastair Campbell nachempfunden, dem damaligen Raufbold der Labour-Partei, zeigt Tucker jedem idealistischen Minister im Auftrage des Machterhalts seine Grenzen auf. Er brüllt gewählte Vertreter an, schurigelt sie und gibt den Herrn im Haus.

An Anlehnung an den ­BBC-Klassiker „Yes Minister“ zeigt Iannucci, dass die jeweils gewählten Minister oft nur einge­setzte Politikdarsteller sind. Sie haben gegenüber einer eingespielten Ministerialbürokratie, die sich mehr für ihren Bestand und weniger für politische Programme interessiert, kaum etwas zu vermelden. Die dargestellten Amtsinhaber sind keine politischen Heroen, die ­mutig für ihre Ziele und Ideale zu kämpfen bereit sind, sondern in ständiger Angst leben, vis-a-vis der medialen Macht etwas falsch machen zu können.

Lehrstücke
Seit dem 11. September 2001 hat die amerikanische Filmindustrie recht deutlich den „Krieg gegen den Terror“ aufgegriffen. Ein Zwischenstück stellt Roman Polanskis „The Ghost“ dar, der auf einem Roman von Robert Harris basiert. In dem spannungsgeladenen Drama wird – recht unverhohlen – auf den ­Charakter des Politischen eines ehemaligen britischen Premierministers eingegangen. Das Ergebnis ist ein Porträt, das alles ­andere als schmeichelhaft ist.

Der vielleicht wichtigste Film zum Thema in den letzten Jahren war Steven Spielbergs Epos „Lincoln“. Zusammen mit der beeindruckenden Darstellung Lincolns durch Daniel Day-Lewis gelingt das Porträt eines Mannes – nach drei Jahren Bürgerkrieg –, der darum kämpft, dass sein de facto Lebenswerk – die Abschaffung der Sklaverei – nicht durch die Mühlen der politischen Maschinerie zerstört wird.

Das Werk zeigt einen Mann, der – zur Sphäre des Politischen gehörend – vielleicht der begnadetste „Politiker“ der USA überhaupt war, sich gleichzeitig gegen diese durchsetzen musste und konnte. Trotz gelegentlichem Pathos ist „Lincoln“ ein politisches Lehrstück und erklärt die Entstehung einer Klasse, deren Niedergang wir heute in Echtzeit beobachten dürfen.

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