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In der Islamdebatte wird viel mit liberalen oder konservativen Etiketten hantiert. Von Eren Güvercin

Castingshow der Werte

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(DER FREITAG). Der Islam gründet sich auf fünf Säulen: das Glaubensbekenntnis, das rituelle Gebet, das Fasten im Monat Ramadan, die Zakat (verpflichtende Sozialabgabe) und die Pilgerfahrt nach Mekka. Aber kann man auf „liberale“ oder „konservative“ Art das rituelle Gebet verrichten oder die Zakat zahlen? Zumindest stellt sich diese Frage im Diskurs um einen gemäßigten Islam.

Denn verschiedene Akteure bieten sich unter dem Etikett „liberal“ und ­„säkular“ der Politik und den Medien als Gesprächspartner an. Sie erklären sich selbst zum Sprecher für eine angeblich „schweigende Mehrheit von Muslimen“. Doch handelt es sich dabei um ein schwaches Konstrukt, das wohl hauptsächlich dazu dienen soll, sich selbst als Repräsentant eines vorgeblich zeitgemäßen ­Islam im umkämpften Markt der Berufs­muslime zu legitimieren. Denn genaue Zah­len über die „schweigende Mehrheit“ existieren nicht.

Mehr noch: Während man sich mit lautem Getöse von den großen Verbänden rhetorisch abgrenzt und diese als Vertreter von „Radikalen“ oder „Islamis­ten“ stigmatisiert, bleiben die eigenen Ideen doch ziemlich blass. Außer einem Bekenntnis zum deutschen Grundgesetz und der Abgrenzung zu Nicht-Liberalen finden sich kaum zukunftsfähige Ideen, die Themen aus der Lebenswirklichkeit insbesondere junger Muslime aufgreifen. In der Konfrontation mit der Gruppe der angeblich Schweigenden zeigt sich dann manchmal ihr wahres Gesicht: Zwar geben die Sprecher der Liberalen vor, die schweigende Mehrheit der Muslime vor islamfeindlichen Angriffen rhetorisch schützen zu wollen. Doch verfallen sie bei Kritik durch Muslime, die kein Markenlabel mit sich herumtragen, schnell in einen unsachlichen Ton. Und benutzen dann jene Rhetorik, die sie im Lager der Islamkritiker selbst bemängeln.

Die Vertreter eines „liberalen“ Islam stellen eine neue Variante des politischen Islam dar. Denn sie spielen in der öffent­lichen Debatte eine bestimmte ­Rolle, und werden auch von Medien, Stiftungen und staatlichen Institutionen hofiert und gezielt eingesetzt.

Zwar ist es wichtig, dass auch diese Muslime sich organisieren. Das steht nicht zur Diskussion. Jedoch wird die Rhetorik, die die „liberale“ Fraktion in der Öffentlichkeit verwendet, von vielen jungen Muslimen, die sich weder durch die großen islamischen Verbände, noch durch diesen neuen politischen ­Islam vertreten fühlen, mit großer ­Skepsis verfolgt. Denn viele junge ­deutsche Muslime verorten sich jenseits der Label „liberal“ oder „konservativ“. Auch wenn sie sich als gläubige Muslime bezeichnen – sie verweigern sich aus ihrem Selbstbewusstsein heraus diesen Zuordnungen.

Keine Lust auf Labels
Gerade in den vergangenen Jahren, in denen immer intensiver und leider auch hysterischer über den Islam debattiert wurde, wird der Begriff „liberaler Islam“ geradezu inflationär gebraucht. Einige religiös-beschleunigte Ideologen haben versucht, den Islam zu politisieren. Nun tun die Liberalen es ihnen nach, obgleich sie sich an eine nichtreligiöse Öffentlichkeit richten. Dennoch ist die Resonanz an der Basis dürftig. Der neue Diskurs wird zwar medial aufgebauscht, aber die kritische Haltung der muslimischen Community zur politischen Instrumentalisierung – egal ob aus „liberalem“ oder „konservativem“ Lager – führt dazu, dass diese neuen Etiketten nicht fruchten.

Interessant ist auch, dass die liberalen Sprecher immer wieder versuchen, sich als Antipoden zu der Islam-Kritikerin Necla Kelek oder zu Thilo Sarrazin zu pro­filieren. Nur bleibt den jungen Musli­men nicht verborgen, dass sich erstaunlicherweise die Positionen manch „liberaler“ Muslime und die von Islam-Kritikern wie Necla Kelek immer mehr annähern. Das ist der öffentliche Druck, der diese Entwicklung mit sich bringt. Und es ist das Wesen der Dialektik. Denn wenn man die eigene Position dadurch definiert, dass man ständig etwas ablehnt, ähnelt man am Ende immer mehr der Haltung, gegen die man anfänglich angetreten ist.

Auf der öffentlichen Bühne präsentieren sich die Wortführer dieses „libera­len“ Islams gerne als modern, fortschritt­lich und kritisch, aber gegenüber Nachfragen, was denn nun eigentlich unter einem „liberalen“ Islam zu verstehen sei, kommen vor allem verstörende Reaktionen. Denn die zur Schau gestellte ­Toleranz ist oft leider nur ein Lippenbekenntnis. Sachliche Kritik wird nicht ­selten als Anzeichen einer radikalen ­Gesinnung gesehen, persönliche Diffamierungen sind die Folge und jede Kritik an der Methodik wird in Misskredit gebracht.

Doch die Realität besteht eben nicht aus gegensätzlich gepolten Menschen. Die Mehrheit der deutschen Muslime sind gegen jegliche Art von ­Etikettierung. Sie definieren sich nicht über solche ­Labels, sondern formulieren ihre Positio­nen aus eigenem Selbstbewusstsein heraus, und machen sie nicht davon abhän­gig, welche Position sich medial besser verkaufen lässt. Bis jetzt gibt es zumindest keine befriedigende Definition des „liberalen Islam“. Viele Muslime in den großen Verbänden stehen einer Vielzahl von Fragen tolerant gegenüber, gleichzeitig sind sie in anderen Fragen konser­vativ. Vor allem Frauen mit Kopftuch wer­den automatisch als konservativ eingestuft. Wenn sie dann ihre Meinung äu­ßern, sind viele irritiert, weil sie nicht in die vorgefertigten Schablonen passt. Genau da liegt der Punkt: Menschen kann man nicht in Schubladen ein­ordnen. Erst recht nicht wegen eines Kopftuchs.

Ein neues Forum
Jürgen Wertheimer, Professor für Lite­ratur in Tübingen, hat kürzlich zutreffend analysiert, dass die Politik immer noch in Werte-Kategorien denkt, die in der Gesellschaft kaum noch eine Rolle spielen. Begriffe wie konservativ oder liberal haben aus Sicht des Akademikers in den Augen der Bürger längst ­ihren Inhalt verloren.

„Menschen denken ­heute nicht mehr in solchen Werte-Kategorien wie konservativ oder liberal, sondern wollen über konkrete Sachverhalte reden und entscheiden“. Der Rückgriff auf traditionelle Wertesysteme sei für Politiker vor allem von strategischer Bedeutung: „Für sie sind Wertekategorien so ungeheuer faszinierend, weil sie eine klare Aussage zu beinhalten scheinen.“

Wenn man also sagt: „Ich bin für Freiheit!“, „Ich bin für soziale Gerechtigkeit!“ oder „Ich bin für einen liberalen Islam!“ dann wird niemand widersprechen. Aber zugleich weiß jeder, dass damit inhaltlich nur sehr wenig ausgesagt wird. Wenn sich Parteien heute auf den Konservatis­mus, den Liberalismus oder den Sozialismus berufen, sei das nichts anderes als eine „Castingshow der Werte“, sagt Wertheimer.

Im Rahmen der Deutschen Islamkonferenz hat der Staat versucht, mit den deutschen Muslimen ins Gespräch zu kommen. Auch wenn die anfängliche Euphorie, die es noch zu Zeiten von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble gab, mit seinem Nachfolger Hans-­Peter Friedrich nun endgültig verflogen ist, ­besteht immer noch die Möglichkeit ­eines fruchtbaren Dialogs. Dieser kann aber erst dann Wirklichkeit werden, wenn sich auch unter den Muslimen eine Streitkultur etabliert hat. Bisher gab es kein Forum, in dem die ganze bunte Grup­pe der deutschen Muslime – seien es nun Vertreter der Verbände oder ­Einzelpersonen – zusammenkommen und über Grundsatzfragen miteinander diskutieren. Erst die Debatte untereinander kann eine Dynamik entwickeln, die für neue Impulse in der Islamkonferenz sorgt.

Alternative Islamkonferenz
Ansätze für solch ein Forum gibt es bereits. Unter dem Namen „Alternative Islamkonferenz“ versucht eine Gruppe junger Muslime, die Grabenkämpfe zwischen den verschiedenen Fraktionen zu überwinden und einen Diskussionsprozess in Gang zu setzen. Ehemalige Teilneh­mer der Islamkonferenz finden diesen Schritt sinnvoll, da sie gerade aus diesem Grund aus der Islamkonferenz ausgestiegen sind, wie etwa der Schriftsteller Feridun Zaimoglu. Er sieht ­einen großen Bedarf einer solchen Debattenplattform und unterstützt deshalb diese Initiative. Die Etablierung einer innermuslimischen Streitkultur könnte nicht nur ein wichtiger Schritt sein, um die Dialektik zwischen einem „liberalen“ und „konservativen“ Islam zu überwinden, sondern auch ein produktiver Beitrag für die Islamdebatte sein.

Aber in der letzten Zeit gibt es seitens der Politik immer wieder die Klage, dass der Dialog so schwer falle, weil es keine Einrichtung gebe, die mit Autorität für alle sprechen könne. Der Staat lechzt aus Angst vor der Freiheit, die seine Verfassung verspricht, nach Funktionären, die mit ihresgleichen verhandeln und Verträge schließen. Aber die meisten Musli­me wollen ganz einfach ihre Religion leben, die kein politisches oder kulturel­les Bekenntnis bedeutet.

Der Artikel erschien zuerst am 24.6. in der Wo­chen­­zeitung „Freitag“.

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