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In der Mitte Europas: Die alte Kaiserstadt verfügt über eine traditionsreiche Gemeinschaft. Von Yasin Alder, Bonn

Das muslimische Aachen

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(iz). Die alte Kaiserstadt Aachen, gelegen in der „Euregio“, dem Dreiländereck Deutschland, Niederlande und Belgien, ist vielen Muslimen vor allem durch das Islamische Zentrum Aachen (IZA) bekannt, das in den 1960er Jahren eine der ersten Moscheegründungen in Deutschland war. Doch abgesehen vom IZA und seinem von Studenten und Akademikern geprägten Umfeld gibt es auch sonst ein reges muslimisches Leben in Aachen. Der Herkunft nach stellen die größte Gruppe dabei die aus der Türkei stammenden Muslime. An zweiter Stelle stehen jene aus arabischen Ländern, darunter wie bereits erwähnt viele Akademiker, die an der RWTH, der großen Technischen Hochschule Aachens, studiert haben. Darüber hinaus ist die muslimische Community der Domstadt bunt gemischt; besonders hervorzuheben wären dabei noch die deutschen Muslime und die gemischt arabisch-deutschen Familien. Die Zahl der Moscheen und Gebetsräume ist nicht genau bekannt, es sind wohl ungefähr zehn oder auch ein paar mehr. Die muslimischen Arbeitsmigranten arbeiteten und arbeiten vor allem in den großen industriellen Betrieben, wie den Philips-Werken, die mittlerweile geschlossen worden sind, Continental (früher Uniroyal), Zentis, Lambertz, Lindt & Sprüngli. Besonders die Süßwarenindustrie ist in Aachen traditionell stark vertreten, wie an den letzten drei Namen auch deutlich wird. Neben den großen industriellen Arbeitgebern hatte auch die Textilindus­trie in Aachen früher eine gewisse Bedeutung, erinnert sich Abdurrahman Kol von der Yunus-Emre-Moschee, die der DITIB angeschlossen ist. „Aber es ist nicht mehr wie früher. Viele sind heute von Arbeitslosigkeit betroffen, auch in unserer Gemeinde.“

Vielfältiges Leben

Besonders in Aachen-Ost fällt die hohe Zahl muslimischer, vor allem türkisch geprägter Geschäfte, Döner-Imbisse und ähnliches auf. Während Aachen derzeit insgesamt einen Ausländeranteil von rund 13,6 Prozent hat, liegt dieser in der Oststadt bei fast 37 Prozent. Hier lebt auch die Mehrzahl der Muslime der Stadt. „Das Ostviertel wird seit 2002 als Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf mit Mitteln des Programms ­Soziale Stadt gefördert“, erklärt Kol. ­„Dabei sind wir als Moscheegemeinde auch aktiv und haben vor kurzem ein Projekt durchgeführt.“ Die 1977 gegründete Yunus-Emre-Moschee ist mit der hohen Zahl von 500 Mitgliedern und mindes­tens ebenso vielen Besuchern beim Freitagsgebet neben dem IZA die größte Moschee Aachens.

Das Islamische Zentrum Aachen, gegründet 1964, ging aus der muslimischen Studentenunion IMSU an der RWTH hervor. Als erste Moschee in Aachen war das IZA gewissermaßen auch die Keimzelle der anderen, später gegründeten Moscheen, darunter auch der heute zur DITIB gehörenden Yunus-Emre-Moschee oder der bosnischen Moschee. „Wir haben schon damals Unterstützung seitens der Stadt Aachen und der RWTH erhalten“, erzählt Hildegard Mazyek vom IZA über die Anfangsjahre. Die deutsche Muslimin betreut den Bereich des Interreligiösen Dialogs am IZA. Heute sind die Räumlichkeiten des Islamischen Zentrums, der Bilal-Moschee, längst zu klein. Das IZA wird in der Regel als „arabische“ Moschee wahrgenommen, was Hildegard Mazyek allerdings nicht so gerne hört: „Ich höre das nicht so gerne. Ich bin deutsche Muslimin und sehe mich unabhängig von solchen Zuordnungen.“ Die Freitags­ansprache wird hier seit eh und je simultan ins Deutsche übersetzt. Das ­Islamische Zentrum war bis in die 90er Jahre insbesondere durch seine monatlichen Vortragsveranstaltungen, zu denen vor allem arabischstämmige Muslime aus ganz Deutschland, aber auch den angrenzenden Benelux-Staaten sowie Frankreich kamen, weit über Aachen hinaus bekannt. Inhaltlich haben sich die Themen der nach wie vor bestehenden Monatsseminare freilich inzwischen von ihrem Fokus auf die arabischen Länder hin zu Themen, die die Muslime in Deutschland betreffen, verändert, was auch Frau Mazyek bestätigt. Allerdings haben die Veranstaltungen auch nicht mehr den früheren Stellenwert.

Das IZA hat lediglich 100 Vereinsmitglieder, doch sind die Besucherzahlen wesentlich höher, was typisch für eine stark von Studenten frequentierte Moschee ist. „Zum Freitagsgebet haben wir hier 600-800 Besucher, und das ist eher noch untertrieben“, sagt Hildegard Mazyek. Dabei gebe es auch stets eine gewisse Fluktuation. Was den Kontakt der Aachener Moscheen untereinander angeht, so sehe man sich vor allem durch gegenseitige Einladungen, insbesondere im Ramadan, oder in interreligiösen Gesprächskreisen oder dem „Tag der Integration“. Einen Rat der Moscheegemeinden als gemeinsames Gremium auf lokaler Ebene gibt es in Aachen allerdings bisher noch nicht. „Aber diejenigen, die aktiv sind, kennen sich und tauschen sich häufig aus“, sagt Frau Mazyek. Einen gemeinsamen Rat der Aachener Muslime fände sie auf jeden Fall sinnvoll. „Dieses Modell begrüße ich. Man könnte sehr viel Erfahrungen austauschen“, meint auch Nihad Mujezinovic von der Islamischen Gemeinschaft Bosnien-Herzegowina, der Moschee der bosnischen Muslime.

Wie fühlt man sich denn so in Aachen?

Die Stadt Aachen ist bemüht, sich im Bereich „Integration“ aktiv zu zeigen. So wurde Ende 2007 die „Aachener Erklärung zu Migration und Integration“ verabschiedet, in der es unter anderem heißt: „In Europa gibt es keinen Platz für Diskriminierung, Intoleranz, Rassismus, Antisemitismus und Islamophobie.“ Die offenbar vorbildliche Aachener Integrationspolitik wurde mehrfach gewürdigt und hat unter anderem beim Wettbewerb „Erfolgreiche Integration ist kein Zufall“ teilgenommen, den das Bundesministerium des Innern und die Bertelsmann Stiftung durchgeführt haben. Im Mai 2006 hat Aachen ein umfangreiches Integrationskonzept entworfen, in das auch die RWTH als Kooperationspartner einbezogen ist. Außerdem gibt es eine Stabsstelle Integration und eine Integrationsbeauftragte.

Von vorübergehenden Ausnahmen abgesehen sei das Verhältnis zum nichtmuslimischen Umfeld in Aachen stets gut gewesen, meint Hildegard Mazyek. Es gebe viele Besucher in der Moschee und einen regen interreligiösen Dialog. Der Bürgermeister wird in Aachen in diesem Jahr neu gewählt. „Die verschiedenen Kandidaten sind auch schon bei uns gewesen“, so Mazyek. „Meine persönlichen Erfahrungen mit der Aachener Bevölkerung sind gut. Natürlich bemerkt man den allgemeinen Trend hinsichtliche der Stimmung gegenüber Muslimen auch hier. Aber insgesamt fühlen wir uns hier in Aachen sehr gut aufgehoben“, resümiert sie.

In der bosnischen Moschee erinnert man sich besonders gern an die 30-Jahr-Feier im letzten Jahr: „Das war ein Ereignis, wie wir es zuvor nicht hatten. Wir haben die Feier im Eurogress gehalten, was schon ein Prestige-Objekt ist und das nicht jeder bekommt. Sie wurde zusammen mit der Gazi Husrev Beg Stiftung organisiert, die mittellose Schüler und Studenten in Bosnien-Herzegowina unterstützt. Wir hatten einige bosnische Stars im Programm, und viele Redner kamen zu Wort, Vertreter der Stadt, darunter die Bürgermeisterin Scheidt, von Vereinen wie dem Europa-Verein und anderen Moscheen. Für unsere bescheidene Gemeinschaft war das ein Ereignis, dass wir nicht so schnell vergessen werden“, sagt Nihad Mujezinovic. Rund 1.000 Gäste waren gekommen.

Nicht gerade typisch für den Vor­sitzender einer Moschee ist, dass ­Abdurrahman Kol von der Yunus-Emre-­Moschee auch Mitglied bei den ­GRÜNEN ist, und das schon seit 1995. Kol ist bei den GRÜNEN auch kommunalpolitisch aktiv und kandidiert für die neue Städte-Region Aachen. Im Ramadan bietet die Moschee täglich ein Essen zum Fastenbrechen, das nicht nur von hunderten Muslimen besucht wird, sondern auch eine Gelegenheit zur ­Begegnung mit Vertretern der Mehrheitsgesellschaft bietet.

Islamfeindliche Stimmungsmache hat es auch aus Sicht von Abdurrahman Kol in Aachen eher schwer. „Die rechtsextreme Gruppe Pro NRW hat zwei Mal in Aachen versucht, mit Infoständen auf sich aufmerksam zu machen, aber ohne Erfolg. Die Gründung des Ablegers ‘Pro Aachen’ hat bisher nicht geklappt. Bei der Gegendemonstration gegen eine Neonazidemo hat unsere Gemeinde teilgenommen, wie sind Teil des Bündnisses Gegen Rechts.“ Die Rechtsextremen seien dagegen mehr im Umkreis, in Orten wie Stolberg, präsent. „Ich bin Aachener“, sagt Kol, der seit 1973 in Deutschland lebt und 1981 nach Aachen kam. „Ich denke, nachdem unser geplantes neues Gemeindezentrum mit Moschee steht, wird es eine Aufwertung dieses Stadtteils darstellen und auch das Image der Muslime in Aachen aufwerten. Es soll ein Vorzeigeobjekt für Aachen werden“, sagt der engagierte Vorsitzende. „Wenn die Yunus-Emre-Moschee ihren Neubau fertig gestellt hat, glaube ich, dass der Fokus mehr auf ihnen liegen wird“, meint auch Hildegard Mazyek.

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