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“In der politisch geprägten Diskussion um den Islam kommt insgesamt die Spiritualität viel zu wenig vor.”

"IZ-Begegnung" mit dem scheidenden Pressesprecher des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Mounir Azzaoui

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(iz)Mounir Azzaoui (29) ist Pressesprecher des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). Als Sohn marokkanischer Zuwanderer in Aachen geboren, hat er Politikwissenschaften studiert und sich dabei mit der Thematik Islam und deutsches Staatskirchenrecht beschäftigt. Seit 2001 arbeitet Azzaoui für den ZMD, zunächst als Referent für Öffentlichkeitsarbeit, seit 2004 als Pressesprecher. Schon vorher war er ehrenamtlich für den Verband tätig gewesen. Mounir Azzaoui gibt zum Ende dieses Jahres sein Amt beim ZMD auf. Die IZ sprach mit ihm.

Islamische Zeitung: Herr Azzaoui, sie beenden Ihre Tätigkeit als Pressesprecher des ZMD zum Ende des Jahres. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Mounir Azzaoui: Ich möchte gerne promovieren, und das ist neben meiner Tätigkeit für den ZMD schwer möglich, daher möchte ich mir 2007 die Zeit dafür nehmen. Zudem habe ich nach fünf Jahren Tätigkeit für den ZMD das Gefühl, etwas Neues beginnen zu müssen.

Islamische Zeitung: Wie würden Sie rückblickend Ihre Arbeit der letzten fünf Jahre bewerten?

Mounir Azzaoui: Die letzten fünf Jahre waren von einer ganzen Reihe von Krisen gekennzeichnet; Terroranschläge, Karikaturenstreit, Papst-Äußerungen – wir hatten fast alle drei Monate eine größere Diskussion. Der ZMD war dabei oft eine kompetente Stimme der Muslime in Deutschland und hat versucht, deren Perspektive in die Diskussion einzubringen. Ich sehe das als wichtigen Verdienst des ZMD – bei allen Defiziten, die es auch gibt.

Islamische Zeitung: Wo sehen Sie positive und negative Entwicklungen der letzten Jahre?

Mounir Azzaoui: Als positiv würde ich insbesondere den Kontakt zu den Medien bewerten. Da haben wir mittlerweile viele Kontakte und ein gutes Netzwerk, auf das wir zurückgreifen können. Wir haben so auch die Möglichkeit, in den Medien Themen zu setzen. Trotz aller negativen Ereignisse und schlechten Erfahrungen würde ich sagen, dass wir insgesamt dennoch vorankommen, in dem Sinne, dass wir zwei Schritte vor, einen zurück machen. Ich habe in den letzten Jahren in meiner Arbeit aber auch gemerkt, dass Dialog und Zusammenarbeit immer wieder an Grenzen stoßen, da man immer wieder auf Kräfte stößt, die unbelehrbar sind und die man auch mit guten Argumenten nicht überzeugen kann. Das hat teilweise auch mit Ängsten zu tun, die es in der Gesellschaft gibt. Das Besondere an dieser Diskussion ist, dass diese Ängste in den letzten Jahren noch viel offener ausgesprochen werden, als es früher der Fall war. Das hat auch etwas positives, weil es zeigt, an welcher Stelle die Muslime ansetzen und für mehr Vertrauen werben müssen.

Islamische Zeitung: Die islamischen Verbände und damit auch der ZMD werden offenbar in jüngster Zeit auch vermehrt von der Politik wahrgenommen…

Mounir Azzaoui: Da gab es immer ein Vor und Zurück. Der ZMD wurde zeitweise von der Politik wahrgenommen, aber auch immer wieder links liegen gelassen, wenn es opportun erschien. Bisher hat die Politik im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit den Verbänden keine glaubhafte Politik betrieben, und wir hoffen, dass sich dies jetzt auch mit der Deutschen Islamkonferenz ändert und dieser Dialog stärker institutionalisiert wird. Von der Politik wird den Muslimen immer vorgeworfen, keine einheitliche Organisation zu haben; dem haben wir stets entgegnet, dass die Politik durchaus an einem runden Tisch die verschiedenen islamischen Stimmen zusammenbringen könnte. Andererseits ist dies für die Politik natürlich nicht einfach, das müssen wir Muslime auch einsehen und erkennen, dass die Pflicht auch bei uns liegt, einiges voranzutreiben und unsere Strukturen angemessen weiterzuentwickeln. Wir haben viele Rechtsstreite geführt, und meine Erfahrung war, dass diese Rechtsstreite im Grunde Scheingefechte waren. Es hat sich gezeigt, dass dahinter eine Angst von Ministerien und Verwaltungen vor den Muslimen und den muslimischen Verbänden steckt. Und ich habe teilweise auch bei Spitzenpolitikern die Angst gesehen, dass sie die Vorstellung haben, Muslime wollten die Gesellschaft islamisieren, sie überrennen. Das ist die Quintessenz der Angst, die ich erlebt habe. Diese Angst gibt es nicht nur bei Stammtischen, sondern auch bei Spitzenpolitikern. Ich halte diese Angst aber für unbegründet und denke, dass wir da ansetzen müssen. Es ist absurd, dies zu denken, da es ja voraussetzt, dass Muslime sich im Hintergrund abstimmen und ein monolithischer Block seien. In Wirklichkeit haben Muslime ja ganz verschiedene Interessen.

Islamische Zeitung: In letzter Zeit sind muslimische Vertreter auch verstärkt in den Medien präsent. Wurde diese Chance gut genutzt, etwa auch dazu, aus dem defensiven Reagieren herauszukommen und stattdessen positiv eigene Themen zu setzen?

Mounir Azzaoui: Aus meiner Sicht kommen muslimische Stimmen schon seit dem 11. September verstärkt zu Wort. Ich denke, dies ist auch ein Zeichen dafür, dass man den Medien keine schlechten Absichten unterstellen kann, sondern dass sie durchaus auch Interesse daran haben, ein Maß an Objektivität in die Berichterstattung zu bringen. Ich denke, dass die muslimischen Vertreter durchaus selbstbewusst auftreten und ihre Meinung in den Medien äußern können. Wir bekommen aber auch Rückmeldungen von jungen Muslimen, denen die Äußerungen der Verbände in den Medien noch zu defensiv sind und die sich wünschen, dass die Verbände über die bestehenden Diskussionsstränge hinaus ganz neue Ansätze bringen und nicht nur defensiv und reaktiv agieren. Es ist auch schwierig, aus diesen Diskussionsspiralen herauszukommen und sich auszuklammern, denn das würde bedeuten, dass man sich über eine herrschende Meinung in Politik oder Gesellschaft hinwegsetzt. Uns geht es ja gerade auch darum, auf die Ängste in der Bevölkerung einzugehen, bestehende Vorbehalte aufzugreifen und dazu Stellung zu nehmen. Dies führt dann oft dazu, dass wir in bestehenden Denkschemata verharren und nicht darüber hinausgehen. Es ist sehr schwierig, aber wir müssen natürlich versuchen, eigene Themen zu setzen und damit ein viel besseres Profil abgeben zu können.

Islamische Zeitung: Was könnten solche eigenen Themen sein? Waren die bestimmenden Themen der letzen Jahre wie Kopftuch, Halal-Schlachten, Islamischer Religionsunterricht oder Terrorismus nicht zu eingeschränkt?

Mounir Azzaoui: In der politisch geprägten Diskussion um den Islam, die wir haben, kommt insgesamt die Spiritualität viel zu wenig vor. Ich würde mir wünschen, dass die Friedensbotschaft des Islam und die Tatsache, dass der Islam ein Lebensweg für alle Menschen zu allen Zeiten ist, mehr in den Vordergrund gestellt wird, unabhängig von den aktuellen Debatten. Das zweite ist, deutlich zu machen, dass die Präsenz der Muslime in Europa nicht nur negative Aspekte, sondern auch positive hat, und dass die meisten Muslime auch einen positiven Beitrag zu dieser Gesellschaft leisten und sie bereichern. Auch viele Nichtmuslime sagen uns immer wieder, dass sie nur gute Erfahrungen mit ihren muslimischen Nachbarn gemacht haben. Daran sieht man, dass an der Basis das Zusammenleben oft viel besser funktioniert, als es in Medien und Politik häufig dargestellt wird.

Islamische Zeitung: In welchen Bereichen kann der Islam konkret Beiträge leisten?

Mounir Azzaoui: Der Islam findet in vielen Bereichen das richtige Maß, er ist ja die Religion der Mitte. Ich denke da zum Beispiel an das Verhältnis zwischen Wissen und Glauben – die positive Einstellung zum Streben nach Wissen, aber auch die Einsicht in die Begrenztheit des Menschen und dessen Bedürfnis nach einer spirituellen Dimension. Oder auch der Umgang mit der Familie; und auch was den Pluralismus angeht, das Zusammenleben, da der Islam keine Diskriminierung kennt. Das sind drei beispielhafte Bereiche.

Islamische Zeitung: Wie sieht es mit dem sozialen und wohltätigen Bereich aus?

Mounir Azzaoui: Im Bereich Wohltätigkeit und für die sozial Schwachen in unserer Gesellschaft als Muslime etwas beizutragen, halte ich für sehr wichtig. Bisher ist es ja so, dass die muslimischen Wohlfahrtsorganisationen sich vor allem auf Hilfe im Ausland konzentrieren, was ja auch wichtig ist, da es dort vielen schlechter geht als uns. Andererseits dürfen wir unsere Situation hier nicht aus den Augen verlieren und dass die Muslime hier auch eine Pflicht haben, verstärkt in diesem Bereich tätig zu werden, da dies auch zum Auftrag des Islam gehört.

Islamische Zeitung: Bisher waren in Deutschland von muslimischer Seite kaum jemals Stimmen von Gelehrten zu hören, die aus dem islamischen Wissen und dem islamischen Recht heraus Stellung zu aktuellen Themen nehmen könnten. Haben die Verbände es bisher versäumt, die Gelehrten einzubeziehen?

Mounir Azzaoui: Es ist in der Tat ein zentrales Problem der bisherigen Verbandsstrukturen, dass es keine ausdifferenzierte islamische Theologie gibt, die sich mit der Situation der Muslime hier befasst. Ich denke, dass die Position der Verbände theologisch gesehen nicht problematisch ist, aber dennoch sollten die Theologen viel stärker ins Boot geholt werden, damit wir auch die Muslime an der Basis viel stärker mit dem Herzen ansprechen können. Das fehlt, wenn man nur politisch argumentiert. Und unsere politischen Positionen müssen noch mehr theologisch untermauert werden, wie etwa Religionsfreiheit oder Anerkennung des Grundgesetzes. Wir müssen auch die Imam-Ausbildung in Deutschland vorantreiben; das ist aber Sache unserer Mitgliedsverbände. Dies ist auch nur ein Teilbereich des Problems. Wir haben ein großes Potenzial von Kompetenzen in der muslimischen Community, das bisher auch von den Verbänden noch nicht abgerufen worden ist, sei es im ökonomischen Bereich, im Medienbereich und so weiter, wo es Muslime gibt, die bereit sind, mitzuarbeiten. Das hat damit zu tun, dass man sehr mit dem Tagesgeschäft befasst ist und wenig Zeit für die Förderung dieses kompetenten Nachwuchses hat. Die Verbände müssen sich viel mehr professionalisieren und damit die Möglichkeit eröffnen, junge Muslime, die kompetent und gut ausgebildet sind, anzustellen und ihnen auch einen angemessenen Lohn zu zahlen. Wir müssen aber auch darüber hinaus noch viel stärker Eigeninitiative in der muslimischen Community fördern, sodass gut ausgebildete Muslime, die Ideen haben, diese auch umsetzen und neue Initiativen starten, etwa in der Medienarbeit. Es macht wenig Sinn, einfach nur schlecht über die Medien zu reden. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre es beispielsweise, die Islamische Zeitung zu abonnieren!

Islamische Zeitung: Den Verbänden wird oft das Recht, die Muslime zu vertreten, abgesprochen, mit dem Hinweis, dass in den Verbänden ja nur ein relativ geringer Teil der Muslime organisiert sei. Was entgegnen Sie dem?

Mounir Azzaoui: Ich denke, dass diese Argumentation zum größten Teil konstruiert ist, weil die Verbände dem Staat zu konservativ sind, daher versucht man, auf diesem Wege die Verbände zu schwächen. Ich halte es für den falschen Weg, zu sagen, wir haben 3,2 Millionen Muslime und die müssen von einer Organisation vertreten werden, denn diese Zahl ist ja indirekt über die Herkunftsländer abgeleitet und sagt nichts darüber aus, ob diese Menschen sich als Muslime verstehen oder nicht.

Islamische Zeitung: Der ZMD ist ja neben den überwiegend türkisch dominierten anderen Verbänden der ethnisch heterogenste muslimische Dachverband. Was können die Verbände tun, um die nach wie vor bestehende ethnische Zersplitterung der Muslime in Deutschland abzubauen?

Mounir Azzaoui: Dass sich hier ein deutscher Islam herausbildet, der über die Herkunftsnationalitäten hinausgeht, ist ein natürlicher Prozess, der einfach nur mehr Zeit braucht. Ein Problem dabei sehe ich darin, dass die größte Gruppe der Muslime aus der Türkei stammt, und dass dies dazu führt, dass islamische Themen immer sehr eng mit türkischen Themen verbunden werden. Und das macht es arabischen, deutschen, bosnischen und anderen Muslimen schwer und sie fühlen sich fehl am Platze, wenn sie zum Beispiel auf eine islamische Demonstration gehen, auf der Türkei-Fahnen geschwenkt werden. Die türkischstämmigen Organisationen sollten ihren Abnabelungsprozess von der Türkei zum Abschluss bringen.

Islamische Zeitung: Wie kann man die nicht in Vereinen organisierten Muslime erreichen und herausfinden, ob und inwiefern sich diese durch die Dachverbände repräsentiert fühlen?

Mounir Azzaoui: Wenn der Staat in Deutschland mit den Muslimen Absprachen treffen will, braucht er eine Religionsgemeinschaft, die organisiert ist. Wir werden es sicherlich nicht schaffen, 3,2 Millionen Muslime als Einzelpersonen zu vertreten, weil der Islam auch keine Kirchenstruktur kennt. Wenn man schaut, welche Organisationsform es bisher gibt, wird man sehen, dass die Moscheegemeinde für die Muslime eine zentrale Rolle spielt, weil dort das religiöse Leben im weitesten Sinne stattfindet. Daher würde ich es mir wünschen, dass wir es schaffen, eine Vertretung der über 2.200 Moscheen in Deutschland hinzubekommen, wo die Moscheen der verschiedenen Verbände, aber auch die unabhängigen Moscheen die Möglichkeit haben, ihre Stimme einzubringen. Aber muslimisches Leben findet auch nicht nur in den Moscheen statt, es gibt darüber hinaus noch Organisationen, die wichtig sind, wie etwa Frauen-, Studenten- oder andere Initiativen, die auch einen wichtigen Teil des muslimischen Lebens darstellen und die mit eingebunden werden müssen. Wenn in diesem Zusammenhang einmal in den Moscheen Wahlen durchgeführt werden, sollte es auch für Muslime, die nicht Vereinsmitglieder sind, möglich sein, dort ihre Stimme abzugeben. Auch bei der Islamkonferenz fehlt bisher dieses Mittelfeld der Muslime zwischen den Verbänden und Einzelpersonen.

Islamische Zeitung: Müsste nicht die interne Kommunikation der Verbände mit der Basis verbessert werden?

Mounir Azzaoui: Ich sehe da in der Tat ein großes Defizit bei der internen Kommunikation – gerade bei der Frage, wie eine Interessenvertretung der Muslime in Deutschland aussehen soll, würde ich mir wünschen, dass es eine viel größere Debatte unter den Muslimen gibt, denn dies ist keine Frage, die am grünen Tisch entschieden wird. Dass dies bisher von den Verbänden weniger aktiv betrieben wurde, liegt auch an den Bedingungen, dass sie vorwiegend gezwungen sind, auf die Gesellschaft zu reagieren und dafür mehr Zeit investieren als für die interne Kommunikation. Die Verbände sollten aber die interne Kommunikation zu einer ihrer Prioritäten machen und dafür notfalls andere Themen zurückstellen.

Islamische Zeitung: Warum sind die Verbände bisher personell und finanziell so schwach ausgestattet?

Mounir Azzaoui: Wenn wir durch interne Kommunikation der Basis viel stärker kommunizieren würden, was es für Probleme, aber auch für Möglichkeiten gibt, gäbe es mit Sicherheit viel mehr Muslime, die bereit wären, Geld für diese Arbeit zu spenden. Wenn man begrenzte Mittel hat, kann man diese interne Kommunikation nur schaffen, wenn man eine Prioritätenverschiebung vornimmt.

Islamische Zeitung: Herr Azzaoui, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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